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18. Januar 2016

Wir Jäger und Sammler

Bänz Friedlis CD-Sammlung
Kleiner Ausschnitt von Bänz Friedlis CD-Sammlung.

«Will last forever», versprach die Werbung, als vor 34 Jahren die Compact Disc lanciert wurde.
Doch dass eine CD für immer halten würde, war gelogen. Und es war blanker Unsinn, sie in einem frühen TV-Spot von einem Lastwagen überfahren zu lassen zum Zeichen ihrer angeblichen Unzerstörbarkeit. In Wahrheit sind die CDs der ersten Stunde längst zerbröselt. Hitze, Oxidation, Abnützung, was auch immer – die CDs, die wir ­damals kauften, funktionieren nicht mehr. Wers nicht glaubt, soll mal seine Dire-Straits-­Scheibe von 1985 einlegen, «Brothers in Arms»!

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) kauft wieder LPs.

Ach so, in Ihrem Haushalt gibt es gar kein Abspielgerät mehr? Auch nicht im Auto? Einerlei, die Soundqualität der CD war ohnehin mies. Sie! Ich kenne immer mehr Leute, die gar keine CDs mehr besitzen. Freund Thomas bot seinen gesamten Bestand, gut sortiert von AC/DC bis Frank Zappa, unlängst auf Facebook an: «Gratis, müssen aber abgeholt werden.» Die Resonanz war mässig. Fast beschwörend derweil das Mail eines anderen Kumpanen: Er rief seinen Freundeskreis dazu auf, weiterhin Tonträger zu kaufen, nicht zuletzt, damit einer der letzten Plattenhändler der Stadt, den wir alle jahrelang frequentiert hatten, nicht verlumpe.

Das mit der Plattensammlung war, glaub ich, so ein Männerhobby. Ich jedenfalls kannte nur Männer, die so was taten: Musik systematisch sammeln. Also von einem bestimmten Künstler jeweils möglichst alles besitzen. Macht in meinem Fall immerhin 43 Alben von Ry Cooder, die zusammen einen halben Laufmeter Regal füllen, ganz zu schweigen von Elvis.
Nicht, dass die Musikliebe verblasst wäre! Aber das Sammelfieber schwindet. In letzter Zeit klaube auch ich immer mehr Datenschnipsel aus dem Web. Und wenn ich überhaupt noch Platten kaufe, dann eher wieder good old Vinyl-LPs. Da hat man noch etwas in der Hand und etwas fürs Auge.

Eigenartig: Über Jahrzehnte häuft man CDs an, mit gegen 10 000 Discs nimmt das Gestell viel Platz in der Wohnung ein … und dann bleibt es zunehmend unangetastet. Ein Song ist meist rascher am Computer gestreamt als im Regal aufgestöbert. Die Sammlung dient nur mehr der Dekoration (finde ich) – sie ­verstellt unnötig Platz (findet der Rest der ­Familie).
Als der Bub allerdings letzthin, weil der entsprechende Film ins Kino kam, fragte: «Gell, ‹Straight Outta Compton› muss ich runterladen, das hast du wohl nicht?», ich den rüden Rap-Klassiker von anno dazumal aber mit einem Griff aus dem Gestell zückte, da war ich für Sekundenbruchteile (ich hab es ihm angesehen, auch wenn er nichts gesagt hat) der coolste Vater der Welt. Allein dafür hat sich das Aufbewahren gelohnt. 

Lesung mit Bänz Friedli: 25. 1., Sarnen OW

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Website: www.baenzfriedli.ch

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli