Archiv
22. September 2014

«Wir investieren viel in die Gesundheit»

Verwaltungs-Präsident Andrea Broggini über die Bedeutung der Migros als führender Online-Händler und warum das Unternehmen trotz seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen keine Non-Profit-Organisation ist.

Migros-Verwaltungspräsident Andrea Broggini
Seit gut zweieinhalb Jahren leitet Andrea Broggini die Migros- Verwaltung. Der Tessiner war schon vorher während acht Jahren für die Migros tätig.

Andrea Broggini, die Migros plant im Wallis den Bau eines Gewächshauses und wagt damit den Schritt in die Produktion von Gemüse. Will die Migros in Zukunft alles selber machen?

Es ist nicht unser Ziel, in die Landwirtschaft einzusteigen. Aber das Projekt ist typisch für die Migros: Statt Peperoni wie bisher aus dem Ausland zu importieren, bauen wir sie auf ökologische Weise hier in der Schweiz an. Weil das Gewächshaus mit Fernwärme beheizt werden soll, produzieren wir CO2-neutral. Gleichzeitig schaffen wir bei einem vollständigen Ausbau bis zu 120 Vollzeitstellen.

Die Migros will Marktführer im Schweizer Detailhandel bleiben. Wie schafft sie das?

Wir sind bereits Marktführer und werden es auch bleiben, weil wir uns den veränderten Bedürfnissen und Gewohnheiten der Konsumenten anpassen und mit den Entwicklungen Schritt halten können. Die Migros kennt ihre Kunden. Wir wissen, was sie wollen.

Was wollen sie?

Die Konsumenten wissen, dass sie bei einem Einkauf in der Migros mehr für ihr Geld bekommen, dass die Migros das beste Preis-Leistungs-Verhältnis hat. Sie möchten sozialverträglich und ökologisch hergestellte Produkte. Sie wollen auch nicht mehr nur im Laden auswählen und kaufen, sondern stöbern online und kaufen dann im Laden. Oder sie sehen etwas im Laden und entscheiden sich später zu Hause, das Produkt online zu kaufen.

Kundenbindungsprogramme wie Cumulus, Konsumentenbefragungen und viele auf andere Weise gewonnene Daten sind Voraussetzung, um den Kunden zu kennen. Dafür braucht es Vertrauen.

Richtig, das ist uns wichtig. Wir gehen sehr gewissenhaft mit dem Thema Datenschutz um und befassen uns intensiv mit der Frage, wie wir die persönlichen Daten unserer Kunden am besten schützen, aber auch sinnvoll nutzen können. Einerseits möchten wir dem Kunden personalisierte Angebote unterbreiten, weil wir wissen, dass er das wünscht. Anderseits sind wir dem Datenschutz verpflichtet. Wir schaffen es, beide Aspekte umfassend zu berücksichtigen. Wir missbrauchen das Vetrauen unserer Kunden nicht, brauchen aber ihr Vertrauen, um ihnen massgeschneiderte Produkte, Dienstleistungen und Aktionen anbieten zu können.

Kann die Migros in der Schweiz noch wachsen?

Natürlich, aber nur beschränkt. Die Wettbewerbskommission würde eine grosse Übernahme im Detailhandel nicht mehr bewilligen. Der Convenience-Bereich ist jedoch ein Wachstumstreiber: Im Juli dieses Jahres haben wir den 250. Migrolino-Shop eröffnet, und wir planen noch weitere Standorte in der Schweiz. Im Online-Bereich werden wir ebenfalls zulegen. Vielleicht werden wir in Zukunft weniger in den Filialen verkaufen, aber das werden wir online wieder wettmachen. Auch expandieren wir mit den Kleinfilialen Voi, die ganz nahe bei den Konsumenten in den Quartieren sind.

Andere Händler setzen ebenfalls auf den Online-Handel, der Wettbewerb ist hart.

Ja, aber wir sind der führende Online­Händler der Schweiz. Ohne die Beteiligung an digitec/Galaxus erzielen wir im digitalen Handel heute schon einen Jahresumsatz von einer Milliarde Franken. Wir beherrschen die ganze Wertschöpfungskette: Wir haben die technischen Systeme, da wir mit Ex­Libris, LeShop.ch, Melectronics oder Hotelplan schon seit Jahren vorne mit dabei sind. Wir verfügen über eine gut vernetzte und moderne Logistik. Wir kennen unsere Kunden und haben Produkte und Dienstleistungen, die sie wollen.

Wächst die Migros auch im Ausland?

Ja, unser Kernmarkt bleibt aber die Schweiz. Die Industrie, die bereits im Ausland tätig ist, kann wachsen. Beispiele sind die Mibelle mit einer Produktionsstätte in England oder Chocolat Frey mit Standorten in den USA. Wenn wir uns erfolgreich im Ausland betätigen, bleibt unsere Industrie auch im internationalen Kontext konkurrenzfähig. Das führt zu tieferen Produktionskosten und kommt in Form tieferer Produktepreise den Konsumenten zugute. Dabei müssen wir behutsam vorgehen, denn im Ausland haben wir keine grosse Erfahrung. Zudem muss alles, was wir tun, im Sinne der Konsumenten in der Schweiz sein. Ihnen sind wir verpflichtet.

Welches sind die grossen Herausforderungen für die Migros?

Einiges können wir gar nicht beeinflussen. So verhandelt die EU derzeit ein Freihandelsabkommen mit den USA, das bei einer Annahme auch für unsere Landwirtschaft und Industrie Konsequenzen haben dürfte. Wir lernen daraus, dass die Schweiz keine Insel ist, sondern mitten in Europa zwischen unseren wichtigsten Handelspartnern liegt, den europäischen Ländern.

Mit Annahme der Initiative zur Masseneinwanderung scheint sich die Schweiz auch freiwillig abzuschotten.

Damit hat ein Teil der Bevölkerung ihre Sorge ausgedrückt, dass sie vor einer ungewissen Zukunft Angst hat. Diesen Sorgen müssen wir uns stellen. Politiker und Bundesrat müssen eine Lösung finden, die für die Menschen hier und für die Wirtschaft stimmt, die aber auch für unsere Beziehungen mit der EU passt.

«Die Migros investiert auch im Ausland in die Nachhaltigkeit.»
«Die Migros investiert auch im Ausland in die Nachhaltigkeit.»

Herausfordernd sind auch die zunehmenden Gesetze, Vorschriften und Regulierungen in vielen Bereichen.

Diese Entwicklung geschieht weltweit und führt automatisch zu höheren Kosten, die wir als Steuerzahler und Konsumenten bezahlen müssen. Nehmen wir das Vorhaben einer grünen Wirtschaft: Die Migros nimmt das Thema seit jeher sehr ernst und leistet freiwillig sehr viel – denken Sie nur an unsere Pioniertaten im Bereich Recycling. Wir sind anerkannterweise immer im Sinne der Konsumenten für vernünftige, aber auch wirtschaftsverträgliche Lösungen.

Bei den Ladenöffnungszeiten ist es mit der Freiwilligkeit vorbei, da wird reguliert, und das sogar von Kanton zu Kanton unterschiedlich.

Wir unterstützen den Gesetzesentwurf des Bundesrats, der liberalere Öffnungszeiten vorschlägt, die es uns ermöglichen würden, die Läden wochentags und samstags ein wenig länger offen zu halten. Immerhin sind die restriktiven Ladenöffnungszeiten in der Schweiz einer der Gründe, weshalb mittlerweile mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung mehr oder weniger regelmässig im grenznahen Ausland einkauft. Für den Food- und Near-Food-Bereich belaufen sich diese Einkäufe auf jährlich fünf Milliarden Franken, die so dem Schweizer Detailhandel entgehen.

Beim Einkaufstourismus spielen aber auch günstigere Preise eine Rolle.

Dort, wo der Staat den Markt schützt, haben wir höhere Preise, etwa bei landwirtschaftlichen Produkten. Zudem müssen wir als Migros gewisse ausländische Markenartikel wie beispielsweise Nivea zu höheren Preisen einkaufen, als die Kunden im Laden unmittelbar hinter der Grenze zahlen. Man kann nicht nur tiefere Preise im Regal fordern, aber gleichzeitig den hohen Schweizer Lebensstandard samt Lohn behalten. Und wenn wir uns weiter vom Ausland abschotten, werden die Preise dadurch auch nicht günstiger.

Sie sagen, dass es auch wegen schädlicher Absprachen höhere Preise gibt.

Nachdem das Parlament die Revision des Kartellgesetzes abgelehnt hat, ist die Wettbewerbskommission umso mehr gefordert. Sie muss verhindern, dass wir gewisse ausländische Markenartikel hier in der Schweiz zu überhöhten Preisen einkaufen müssen.

Sind die Konsumenten bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen?

Die Umsätze mit nachhaltig hergestellten Produkten wie Bio, TerraSuisse, UTZ oder Max Havelaar steigen jedes Jahr. Die Konsumenten wissen, dass die Ressourcen begrenzt sind. Wir sprechen heute von einem jährlichen Zuwachs der Weltbevölkerung in der Grössenordnung von rund 80 Millionen Menschen. Das entspricht der gesamten Bevölkerung von Deutschland. Gleichzeitig verringert sich die landwirtschaftliche Nutzfläche, sodass wir gezwungen sein werden, auf weniger Raum noch mehr zu produzieren. Ich erwähne hier wiederum das Beispiel unseres geplanten Gewächshauses im Wallis, das mit Fernwärme beheizt werden soll und damit Ressourcen spart. Wir investieren aber auch im Ausland in die Nachhaltigkeit: Die Migros erbringt Pionierleistungen im Bereich Tierwohl im Ausland oder bei fair und ökologisch produzierten Früchten und Gemüse.

Ist das alles auch deshalb möglich, weil die Migros eine Genossenschaft ist?

Unser Modell, ein Verbund von Genossenschaften, ist ein Erfolgsmodell. Die Migros steht auf einem kerngesunden finanziellen Fundament. Die Umsätze sind gut, wir gewinnen Marktanteile. Wir könnten allerdings auch eine Stiftung sein, wenn es der Gründer so gewollt hätte. Tatsache ist, dass wir als Genossenschafter für unsere Konsumenten arbeiten. Sie sind die Begünstigten unseres Handelns.

Die Migros tut tatsächlich sehr viel für Umwelt und Gesellschaft.

Wir sind natürlich keine Non-Profit-Organisation. Die Migros ist ein wirtschaftlich organisiertes Unternehmen, das aufgrund seiner Statuten besondere Verpflichtungen hat. Nicht zuletzt deshalb erzielen wir tiefere Renditen als beispielsweise eine börsenkotierte Aktiengesellschaft. Der Balanceakt zwischen genügend hoher Rendite, betriebswirtschaftlicher Effizienz und gesellschaftlicher Verpflichtung ist eine unserer grossen Herausforderungen.

Mit den gesellschaftlichen Verpflichtungen meinen Sie das Migros-Kulturprozent?

Es ist ein wichtiger Teil unseres Engagements für die Schweizer Bevölkerung. Mit dem Kulturprozent investiert die Migros jedes Jahr weit über 100 Millionen Franken in Bildung, Kultur und Soziales. Und mit dem vor zwei Jahren gegründeten Förderfonds Engagement Migros geben wir jährlich weitere zehn Millionen Franken für gemeinnützige Projekte aus. Die Migros investiert aber auch viel in die Gesundheit der Bevölkerung: Wir verkaufen gesunde Produkte, bauen unsere Fitnesszentren aus, bieten mit Medbase sogar medizinische und paramedizinische Dienstleistungen an, und wir organisieren oder unterstützen im ganzen Land fast alle grossen Läufe. In die Gesundheit werden wir in Zukunft noch weiter investieren.

Sie sind jetzt seit gut zweieinhalb Jahren Präsident der Verwaltung MGB. Was machen Sie hauptsächlich, wenn Sie in Zürich sind?

Ich bin gar nicht immer in Zürich, sondern besuche auch die Genossenschaften. Zusammengefasst besteht mein Amt aus drei Hauptaufgaben: Erstens führe ich die Verwaltung, die unter anderem für die Strategie der Migros und für leistungsfähige Führungs- und Organisationsstrukturen zuständig ist. Zweitens bin ich mit den wichtigen Gremien der Migros-Gemeinschaft in Kontakt. Drittens bin ich Bindeglied zur Geschäftsleitung und treffe mich zu diesem Zweck regelmässig mit Herbert Bolliger.

Kaufen Sie auch in der Migros ein?

Samstags gehe ich immer einkaufen. Am liebsten verweile ich vor der enormen Auswahl an Joghurts in unserem Sortiment – die Schweiz ist ein richtiges Joghurtland, finde ich.

Haben Sie ein Lieblingsprodukt?

Im Moment sind es die klein proportionierten Léger-Joghurts mit Himbeergeschmack, aber das kann jederzeit ändern, weil die Auswahl riesig ist.

Autor: Daniel Sidler

Fotograf: Esther Michel