Archiv
24. Juni 2013

«Wir hätten alle gerne Superkräfte»

Soeben ist Superman als «Man of Steel» in die Kinos zurückgekehrt. Schon seit Jahrzehnten begleiten er und seine Superhelden-Kollegen uns in Comics und Filmen. Was die Faszination ausmacht, weiss die Superhelden-Forscherin Aleta-Amirée von Holzen.

Aleta-Amirée von Holzen im Büro
Aleta-Amirée von Holzen ist Comic-Forscherin an der Universität Zürich.

Aleta-Amirée von Holzen, welches ist Ihr Lieblingssuperheld?

Das wechselt immer wieder. Ich habe relativ spät angefangen, Superhelden­comics zu lesen. Als Kind waren meine ersten Comics «Tim und Struppi» und «Prinz Eisenherz», von daher wäre am ehesten Struppi mein ewiger Held.

In Ihrer Forschung haben Sie sich aber auf Superhelden spezialisiert. Was macht denn den Superhelden aus?

Zunächst natürlich seine Superfähigkeiten, also übermenschliche Kräfte aller Art. Aber auch Batman oder Iron Man, die ja nur mithilfe technischer Mittel besondere Kräfte haben, zählen dazu. Die häufigste Definition in der Forschung: Der Superheld braucht eine Mission, ein Markenzeichen mit Kostüm und Superkräfte, die aber optional sind. In der Regel versucht er der Menschheit zu helfen und Kriminalität auszurotten — was ihm nie ganz gelingt, sonst bräuchte es ihn ja nicht mehr.

Die Galerie der Superhelden

Bilder: by courtesy of © DC Entertainment

Was interessiert Sie an diesen Figuren?

Am meisten die doppelte Identität, die ja fast alle haben. Darüber schreibe ich auch meine Doktorarbeit. Über die Jahrzehnte gibt es ganz verschiedene Arten, mit dieser doppelten Identität umzugehen, da gibt es alle Schattierungen zwischen Komik und Tragik.

Weshalb sind Superhelden in Comic und Film schon so lange so populär?

Sie sind eine Frucht des Zweiten Weltkriegs. Ihre Zahl in den Comics explodierte mit dem Kriegseintritt der USA geradezu. Es gab sie als kurze Zeitungsstrips genauso wie im Comicheft oder als Radioserie. Supermans erste Zeichentrick-Filmreihe startete 1941 — sehr bunt, herrlich antiquiert und noch immer spannend. Der Hauptgrund für die Faszination ist natürlich, dass wir alle gerne Superkräfte hätten. Und jeder Held hat etwas anderes zu bieten: fantastische Kräfte wie Superman, Waffen wie Green Arrow oder Thor, global oder sogar intergalaktisch im Einsatz wie Green Lantern, eher lokal beschränkt wie Daredevil, ein bisschen düster wie Batman, eher soapig wie die X-Men. Bei genauerem Hinsehen stellt man allerdings fest, wie viele Probleme diese Kräfte mit sich bringen, sodass man vielleicht doch lieber auf sie verzichtet.

Die enorme Bandbreite macht es also aus?

Genau. Trotzdem wäre das Genre Mitte der 50er-Jahre einmal fast gestorben. Die Kulturkritik blies zum Schundkampf gegen Comichefte, der im Comics Code gipfelte, einer rigiden Selbstzensur der Verlage. Ein Vorwurf etwa war, Batman und Robin repräsentierten eine Art Schwulenutopie. Allerdings waren die meisten Superheldenhefte da bereits eingestellt worden, zu den Ausnahmen gehörten Superman, Batman und Wonder Woman. Die grosse Erneuerung kam Anfang der 60er-Jahre, als Marvel mit Spider-Man, Hulk und den X-Men eine neue Art von Superhelden kreierte: menschlicher, komplexer, mit persönlichen Problemen und Zwistigkeiten untereinander. Das war auch der Startschuss für die Rivalität der beiden gros­sen US-Comicverlage DC und Marvel.

Nicht alle Superhelden-Verfilmungen sind gelungen
Nicht alle Superhelden-Verfilmungen sind gelungen. (Bild: Warner Bros. Pictures)

DIE SCHLECHTESTEN COMIC-VERFILMUNGEN
Ausserdem zum Thema: Die neuste Superman-Verfilmung «Man of Steel» läuft im Kino. Aber längst nicht alle Superhelden-Filme sind gelungen. Wir stellen Ihnen die Hitparade misslungener Superhelden-Filme vor – stimmen Sie ab, welcher Streifen die Himbeere verdient! Zur Auswahl und Abstimmung

Und so richtig erwachsen wurden die Superhelden dann in den 80er-Jahren.

Die Geschichten wurden länger, komplexer, düsterer — Comics waren plötzlich nicht mehr nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene interessant; der Begriff Graphic Novel entstand. Frank Millers Batman-Adaption schaffte es sogar in Deutschland auf die «Spiegel»-Bestsellerliste. Entscheidend für den Erfolg der Superhelden ist auch, dass die Geschichten immer zu der Zeit spielen, in der sie publiziert werden. Sie reflektieren also jeweils die politischen und gesellschaftlichen Werte ihrer Zeit.

Der Seelenzustand der USA kann also etwa an Batman verfolgt werden: die bunte, fröhliche TV-Serie in den 60ern, Tim Burtons dunkel-romantische Filme Ende der 80er und Christopher Nolans düstere Trilogie in den 2000ern.

So ist es. Das gilt ähnlich für praktisch alle Superhelden. Letztes Jahr fand bei den X-Men zum Beispiel die erste Schwulenhochzeit statt. Dieses Heft ging weg wie warme Weggli und verschaffte Marvel hohe Publizität.

Superhelden sind aber eher was fürs männliche Geschlecht, oder?

Der prototypische Leser ist männlich, weiss und bis etwa 30 Jahre alt, aber es gibt auch viele weibliche Fans. Mit ethnisch diversifizierten Helden will man zudem neue Publikumsschichten ansprechen.

Wieso gibt es kaum Superheldinnen?

Der einzige weibliche Star ist wohl Wonder Woman, die hält sich immerhin seit 1941. Trotzdem ist sie viel weniger bekannt, weil ihr Charakter immer wieder verändert wurde. Man hatte den Eindruck, die Comicautoren wussten nicht immer so genau, was sie mit ihr anfangen sollten. Und es ist leider so: Tendenziell ist der Held ein Mann. Es gibt zwar Figuren wie Supergirl, Batgirl oder Catwoman, aber keine von ihnen ist bezüglich Popularität mit ihren männlichen Pendants vergleichbar.

Vielleicht auch, weil die Themen in diesen Geschichten einfach eher die Männer ansprechen?

Das ist zwar so. Aber Comics wie auch Science-Fiction-Storys haben sich schon früh bemüht, starke Frauenfiguren zu schaffen. Lois Lane zum Beispiel, Supermans langjährige grosse Liebe, hat schon immer gemacht, was sie wollte. Sie musste zwar auch immer wieder gerettet werden, aber das hat ihrer Selbständigkeit nie Abbruch getan. Sie war von Anfang an relativ emanzipiert.

Superman ist ja nun zurück in unseren Kinos. Es ist die x-te Reinkarnation der Figur, und das, obwohl doch gerade er ein bisschen langweilig ist, nicht?

Er war 1938 der erste Superheld, auf seiner Grundlage sind alle anderen entstanden. Er ist der kompletteste Held, denn er kann alles: Er ist schnell, superstark, hat einen Röntgenblick und kann fliegen. Diese Stärken sind aber auch sein Problem: So lange ihm niemand mit Kryptonit — seiner einzigen Schwäche — in die Quere kommt, ist klar, dass er gewinnt. Er ist zudem ein sehr geradliniger Charakter und sehr amerikanisch. Gleichzeitig ist er ein Ausserirdischer, was ihn zum ultimativen Einwanderer und auch wieder interessant macht.

Der letzte Anlauf im Kino, 2006, war ein Misserfolg. Was ging schief bei Bryan Singers «Superman Returns»?

Für mich war er zu sehr eine Hommage an die ersten beiden Filme mit Christopher Reeve von 1978 und 1980. Er war ziemlich humorlos, und Singer hat zwar versucht, die Story zu modernisieren, ist aber dabei nicht weit genug gegangen.

Welche Erwartungen haben Sie an die neue Verfilmung «Man of Steel»?

Aufgrund des Trailers scheint es eine Neuerzählung der Herkunftsgeschichte zu geben. Der Fokus dürfte auf der Frage liegen, wie die Menschheit realistischerweise damit umgehen würde, wenn es einen solchen Helden tatsächlich gäbe. Ich bin gespannt!

Wie wurde Superman im Laufe der Jahrzehnte dem Zeitgeist angepasst?

Er hat immer für das Gute, die Wahrheit und Gerechtigkeit gekämpft. Die Comics waren früher aber viel simpler, skizzenhaft, fast dilettantisch gezeichnet. Heute ist jede Zeichnung ein Kunstwerk, die Storys werden regelrecht inszeniert. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Superman gegen Nazis, Saboteure und fernöstliche Feinde, da wurde auch mit übelsten Klischees gearbeitet. In den 50er-Jahren war die Welt wieder in Ordnung, viele Superhelden erhielten damals sogar Haustiere; Superman hatte Krypto, den Superhund, auch er natürlich mit Superkräften. Später, unter dem Einfluss der menschlicheren Marvel-Helden, wurde bei Superman dessen Alter Ego Clark Kent stärker in den Vordergrund gerückt. Ein schönes Beispiel dafür ist die TV-Serie «Lois and Clark» aus den 90er-Jahren, die klar auf Clark aufbaute. So düster wie bei Batman wurde es nie, aber Superman ist doch auch mal gestorben — er wurde dann später natürlich wiederbelebt.

Besonders stark auf gesellschaftliche Sensibilitäten ausgerichtet scheinen Marvels X-Men, die 2000 den ganzen Superhelden-Filmboom gestartet haben und nächstes Jahr mit einem neuen Film in die Kinos kommen.

Die X-Men haben sich schon immer mit brisanten Gesellschaftsthemen und Ideologien auseinandergesetzt. Darin haben sie vermutlich eine Sonderstellung unter den Superhelden. Wirklich eindrücklich finde ich aber das Blockbuster-Megaprojekt, das Marvel seit ein paar Jahren durchzieht. Sie kombinieren diverse Einzelhelden, die alle ihre eigenen, sehr erfolgreichen Filme bekommen haben, zu den «Avengers» und verknüpfen dabei die Storys all dieser Filme in einen übergreifenden Erzählstrang, so wie das in den Comics schon seit Jahrzehnten funktioniert. Und es klappt inhaltlich und kommt beim Publikum an.

Ein grösseres Publikum als heute hat es für die Superhelden noch nie gegeben, oder?

Das ist wohl tatsächlich so. Dank der Kinofilme und der weltweiten Verbreitung in vielen Medien gibt es auch mehr übersetzte Hefte. In den USA hatten die Hefte in den frühen Jahrzehnten zwar viel höhere Auflagen, waren aber auch günstiger. Heute gibt man schnell mal ein kleines Vermögen aus, wenn man regelmässig Comics kauft.

Wurden eigentlich anderswo auf der Welt ebenfalls Superhelden erfunden, oder ist das eine rein amerikanische Sache?

Sie sind schon sehr amerikanisch. Eine Art Superhelden gibts in der italienischen Comicszene, aber die sind ganz anders. Man kann sie lustigerweise in Zürich am Bahnhof genau bei dem Kiosk kaufen, wo der Zug ins Tessin abfährt. Und fast nur dort, soviel ich weiss. Deutsche Superhelden gibts nur als Parodie. Bei den japanischen Mangas gibts ähnliche Figuren, aber so richtig vergleichbar sind die nicht.

Warum sind die USA so Superhelden-affin?

Literarische Figuren mit grossen Kräften gab es ja schon immer, man denke an Herkules oder Goliath. Dass Superhelden in den USA so populär wurden, hängt wohl auch an der Erzählform der Comichefte. Es waren bunte Bilder und Geschichten, die man ohne viel Anstrengung lesen und verstehen konnte. Comics und Superhelden haben sich gegenseitig gross gemacht.

Die Superhelden-Comic-Forschung ist vermutlich akademisch ein ziemliches Randgebiet, oder? Was haben Sie weiter vor, wenn Ihre Dissertation mal geschrieben ist?

In den letzten Jahren hat sich das ziemlich gewandelt, es wird sehr viel stärker geforscht als früher. Man wird also nicht mehr komisch angesehen, wenn man etwa im Rahmen von literaturgeschichtlicher Motivforschung auch Comics analysiert. Ob ich nach meiner Dissertation weiter den Fokus darauf lege, weiss ich aber noch nicht. Mein Ziel ist nicht, die erste Superhelden-Professur an der Uni zu bekommen — aber wenn man sie mir anbieten würde, nähme ich sie schon!

«Man of Steel» läuft seit 20. Juni in den Kinos

Fotograf: Tanja Demarmels