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22. September 2014

«Wir haben ein gutes Gefühl für neue Talente»

Nach zehn Jahren hat sich das Zurich Film Festival in der Schweiz etabliert. Die Gründer Nadja Schildknecht und Karl Spoerri über bescheidene Anfänge, laute Kritik, den Vergleich mit anderen Festivals und die Herausforderung, Filmstars nach Zürich zu locken. Im Video (oben) verraten sie ihre persönlichen Lieblingsfilme und -serien.

Zehn Jahre ZFF – hätten Sie das gedacht, als Sie 2005 damit losgelegt haben?

Spoerri: Man denkt ja in der Regel nicht so weit voraus, wenn man etwas Neues anfängt, aber letztlich geht jedes Start-up davon aus, dass es funktionieren wird, sonst versucht man es gar nicht erst.

Wie sah denn diese Vision aus? Filmfestivals gabs ja doch schon recht viele.

Spoerri: Zürich ist eine perfekte Stadt für ein Filmfestival …

2011 beehrten Richard Gere und Susan Sarandon das ZFF.
2011 beehrten Richard Gere und Susan Sarandon das ZFF.

Warum gab es denn bisher keins?

Schildknecht: Aus politischen Gründen, aber das wussten wir damals nicht.

Einige der grössten Kritiker von damals gehören heute zu den eifrigsten Befürwortern.

Am Anfang kamen gerade aus Branchen- und Kritikerkreisen viele Unkenrufe. Was, noch ein Filmfestival? Die bringen ja nur Stars und Mainstreamfilme … Wie war das für Sie?

Schildknecht: Dabei hatten wir zu Beginn fast keine Mainstreamfilme. Man hat uns schnell in eine Schublade gesteckt, ohne richtig hinzusehen.

Wird heute fairer kritisiert?

Spoerri: Es wird noch immer gern das Haar in der Suppe gesucht und damit das Gesamte runtergezogen. So etwas ärgert uns schon, besonders wenn es Spitzfindigkeiten sind.

Wie bedeutend ist das ZFF heute auf der Karte der internationalen Filmfestivals?

Spoerri: Wir sind ein klassisches Herbstfestival, die fangen in Venedig an, dann kommen Toronto, San Sebastian, Zürich und London. Die Verleiher und Produzenten kennen und schätzen uns inzwischen. Aber klar, Venedig und Toronto haben einen anderen, höheren Stellenwert als wir, die gibt es auch schon deutlich länger. Was ein grosser Vorteil für uns ist: Wir werden als Festival wahrgenommen, das den ganzen deutschsprachigen Raum abdeckt – das erhöht unsere Chancen, interessante Europapremieren zu bekommen.

Betrachten Sie irgendein Festival als direkte Konkurrenz, mit der Sie auch um Premieren und Stars rivalisieren?

Die Festivalgründer Nadja Schildknecht und Karl Spoerri mit dem australischen Filmstar Hugh Jackman. Dieser erhielt 2013 den Golden Icon Award.
Die Festivalgründer Nadja Schildknecht und Karl Spoerri mit dem australischen Filmstar Hugh Jackman. Dieser erhielt 2013 den Golden Icon Award.

Was zeichnet das ZFF Ihrer Meinung nach inhaltlich aus?

Spoerri: Wir haben ein gutes Gefühl für neue Talente und Entwicklungen. Am ZFF laufen immer wieder Werke, die später für Furore sorgen, zum Beispiel «Prisoners» mit Hugh Jackman 2013.

Wie ist das Verhältnis zu Locarno, sieht man sich gegenseitig als Konkurrenz?

Schildknecht: Dieses Konkurrenzverhältnis ist uns zu Beginn aufgedrängt worden, aber nach zehn Jahren kann man sagen, dass beide Festivals gut nebeneinander Platz haben. Locarno hat die Sommerfilme, wir konzentrieren uns auf die Herbsttitel.

Locarno fokussiert auch mehr auf Arthouse-Filme als das ZFF, oder?

Spoerri: Wir suchen nach Filmen mit einer eigenen Handschrift, die aber auch die Chance haben, ein Publikum zu finden. Eine gute Programmation bietet dem Publikum eine reiche Auswahl an, ohne dabei beliebig zu wirken. Wir zeigen auch viele kleine, unabhängige Produktionen – nur ist die Medienberichterstattung meist auf die grossen fokussiert, was den Mainstream-Eindruck verstärkt.

Haben Sie die Ziele erreicht, die Sie sich vor zehn Jahren gesetzt haben?

Schildknecht: Eines unserer Ziele war, dass die Stadt während des Festivals ins Kinofieber gerät, und das ist heute durchaus der Fall. Und dass wir mal so grosse Stars nach Zürich holen können, wagten wir damals nicht zu hoffen. Davon haben wir höchstens geträumt.

Selbst für ein etabliertes Festival ist es schwierig, grosse Stars zu bekommen.

Das war ja rasch ein Markenzeichen des ZFF, echte Filmstars nach Zürich zu locken. Wie haben Sie das gemacht? Läuft so etwas einfach über Preise? Einer der ersten Prämierten war ja Sylvester Stallone, nicht eben bekannt für herausragend künstlerische Werke.

Spoerri: Das war natürlich eine ideale Kritikerprovokation, die uns sehr viel Medienaufmerksamkeit beschert hat –etwas Besseres kann einem jungen Festival gar nicht passieren.

War es zu Beginn einfacher, jemanden wie Stallone anzulocken, als einen Superstar wie Harrison Ford, der letztes Jahr zu Gast war?

Spoerri: Stallone ist ein grosser Name und schwierig zu bekommen.

Was kostet denn so ein Star?

Schildknecht: Es ist nicht so, dass er kostet, sondern die ganze Organisation rundherum. Und da sind die Bedürfnisse extrem unterschiedlich. Wenn der Star auf Promotionstour in verschiedenen Städten stoppt, geht das eher, denn so können sich die verschiedenen Organisationen die Kosten teilen.

Wenn man jemanden wie Harrison Ford einladen will, muss man sich da durch eine Armada von PR-Leuten kämpfen, oder wie läuft das normalerweise?

Spoerri: Nein, nur wenige Personen sind entscheidend. Sehr wichtig sind der persönliche Presseagent des Stars sowie der Agent, der dessen neuen Film betreut. Nicht zu unterschätzen ist auch der lokale Verleiher. Wenn dieser den Film hier nicht zeigen will, dann klappt es ohnehin nicht.

Wie pflegeleicht sind denn die Stars? Gibt es manchmal auch schwierige Fälle?

Spoerri: Bisher nicht.

2009 wurde er verhaftet, 2011 holte er seinen Preis doch noch ab: Roman Polanski.
2009 wurde er verhaftet, 2011 holte er seinen Preis doch noch ab: Roman Polanski.

Weltweit Schlagzeilen machte das ZFF mit Ehrengast Roman Polanski, der 2009 bei der Einreise zum Festival verhaftet worden war. Wie war Ihre erste Reaktion?

Schildknecht: Das war ein Gefühl, das man gar nicht beschreiben kann. Es war uns zu Beginn nicht bewusst, was alles noch folgen würde. Besonders schwierig war es, mit den gespaltenen Reaktionen umzugehen: Die einen waren empört, dass er verhaftet worden war, die anderen fanden es angesichts der Vorwürfe durchaus gerechtfertigt. Das Krisenmanagement war sehr schwierig; wir waren ein kleines Team und eigentlich fast schon mit dem Festival an sich überfordert, geschweige denn mit so was. Es war jedenfalls eine Erfahrung, die ich keinem wünsche – sicher einer der schwierigsten Momente in den zehn Jahren ZFF.

Polanski kam 2011 doch noch und holte seinen Preis ab. War es schwierig, ihn nochmals in die Schweiz zu locken?

Spoerri: Nein, es war sogar sein Wunsch.

Was sagen Sie zur neusten Polanski-Affäre am Filmfestival in Locarno? Am Ende war die Kritik an seiner Einladung so gross, dass er absagte.

Spoerri: Das wünscht man keinem Festival. Wir kennen solche Absagen aus eigener Erfahrung. Sie sind schwierig, ganz besonders wenn das Festival bereits läuft.

Die Polanski-Affäre war der schwierigste Moment, gabs auch einen schönsten?

Schildknecht: Oh, ganz viele. Für mich sind es die Begegnungen am Festival selbst, die vielen Tausende von Besuchern machen mich glücklich.

Die vielen Tausende von Besuchern machen mich glücklich.

Dieses Jahr bekommt Filmkomponist Hans Zimmer den Lifetime-Award. Warum er?

Spoerri: Er ist einer der ganz grossen Komponisten Hollywoods und hat die Filmmusik geprägt wie kaum ein anderer seiner Generation. Seine Musik ist verspielt, variabel und unterstützt die Geschichte des Films. Seine Komposition optimiert jedes Bild.

Welche anderen grossen Namen kommen diesmal nach Zürich?

Schildknecht: Zum Beispiel Diane Keaton. Wir zeichnen sie für ihr Lebenswerk aus und zeigen ihren neuen Film «And so it goes» als Galapremiere.

Wie finanziert sich das Festival?

Schildknecht: Wir müssen etwa sieben Millionen zusammenbringen, damit sich das Festival finanzieren lässt. Wir haben über 100 Partner aus der Privatwirtschaft, einen Supporterverein mit über 70 Mitgliedern, Stiftungen, öffentliche Gelder und die Ticketeinnahmen. Alles zusammen gibt das Jahresbudget.

Gemeinsam mit der «NZZ am Sonntag» geben Sie zudem seit diesem Jahr das Filmmagazin «Frame» heraus. Wie kam es dazu?

Spoerri: Wir haben eine Marktanalyse gemacht und festgestellt, dass es in der Bevölkerung ein grosses Interesse gibt für die Themen Film und Kino – pro Jahr werden in der Schweiz zwischen 13 und 15 Millionen Tickets verkauft. Dass es für so einen grossen Markt keine fundierte journalistische Publikation gab, fanden wir seltsam. Also gingen wir zur «NZZ am Sonntag» und schlugen ihnen das Projekt vor. Das Magazin ist sowohl bei den Lesern als auch im Anzeigenmarkt sehr gut aufgenommen worden.

Wenn das Festival vorbei ist, geniessen wir ein, zwei Wochen Ferien, dann beginnen die Vorbereitungen für das nächste.

Wie viel Ihrer Zeit nimmt das ZFF in Anspruch?

Schildknecht: 100 Prozent. Wir beschäftigen 20 Mitarbeiter zu 100 Prozent, und je näher das Festival kommt, desto mehr werden es – bis zu 60 sind dann in unserem Büro tätig. Dazu kommen 280 Volontäre am Festival selbst und 40 Personen im Gästemanagement. Es sind auch deshalb so viele, weil wir alles selbst machen. Wenn das Festival vorbei ist, geniessen wir ein, zwei Wochen Ferien und beginnen dann mit den Vorbereitungen für das nächste.

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit für das Filmfestival?

Spoerri: 2004 habe ich die Rechte für das englische Filmfestival «onedotzero» aus London erworben und nach Zürich gebracht. Das war der Startschuss für die Zusammenarbeit.

Werden Sie beim 20-Jahr-Jubiläum noch immer gemeinsam fürs ZFF im Einsatz stehen?

Schildknecht: Wer weiss schon, was in zehn Jahren ist. Aber die Motivation ist immer noch gross, und die Ambition zu wachsen weiterhin stark.