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18. April 2016

«Wir brauchen Utopien in der Arbeitswelt»

Die Digitalisierung der Arbeitswelt bietet die Chance, ganz grundsätzlich zu überdenken, wie wir leben und arbeiten, sagt der ETH-Arbeitspsychologe Theo Wehner. Er plädiert für eine Trennung von Beschäftigung und Existenzsicherung, aber auch für sanfte, graduelle Anpassungen, um die Menschen nicht zu überfordern.

Theo Wehner (67)
Theo Wehner (67) ist emeritierter Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich und Gastprofessor an der Universität Bremen.

Theo Wehner, eine Studie kam kürzlich zum Schluss, dass in der Schweiz 48 Prozent aller Berufe automatisiert werden könnten – ist das realistisch?

Die Vorstellung der menschenleeren, automatisierten Fabrik geisterte schon herum, als ich selbst noch studierte – bewahrheitet hat sie sich bisher nicht. Diese Studie der Oxford University hat sich 2013 angeschaut, welche Jobs aufgrund des technologischen Fortschritts und der Digitalisierung unter Druck geraten könnten, und daraus entstand dann diese Zahl. Aber nicht nur ist es meiner Meinung nach schwierig, solche Entwicklungen zu simulieren, ohne zukünftige Wechselwirkungen zu kennen. Die Studie hat nicht berücksichtigt, welche Beschäftigungsfelder dabei neu entstehen.

Sie gehen davon aus, dass die verschwindenden Jobs durch neue kompensiert werden, so wie das bisher immer passiert ist?

Teils bestimmt, aber vielleicht wird nicht nur kompensiert; es könnte sogar mehr erreicht werden. Es kommt auf unsere Ziele an: Eine 100-prozentige Erwerbstätigkeit wurde noch nie je erreicht – ist das also überhaupt ein vernünftiges Ziel? Wollen wir nicht lieber Menschen, die sinnvoll beschäftigt sind? Beschäftigt nicht durch die Zwänge der Konsum- und Produktionsgesellschaft, sondern gemäss ihrer tatsächlichen Bedürfnisse? Mir scheint, dass Letzteres heute nicht der Fall ist. Wir haben eine Entkoppelung von Bedürfnissen und Angebot. Geräte, vor allem solche, die uns lieb geworden sind, werden gar von Anfang an so gebaut, dass sie schon nach kurzer Zeit ersetzt werden müssen, um die Produktionsmaschinerie am Laufen zu halten. Unsere Gesellschaft produziert gigantisch, konsumiert gigantisch und vernichtet gigantisch. Wollen wir das wirklich?

Letztlich liegt es an uns zu entscheiden, welche Zukunft wir möchten und welche nicht. Und danach zu handeln.

Was an technologischen Entwicklungen auf uns zukommt, wäre also auch eine Chance zur Kurskorrektur?

Genau. Wenn wir Zukunft gestalten wollen, dürfen wir nicht einfach die Gegenwart hochrechnen, sondern müssen Gegebenheiten infrage stellen, Sprünge wagen und auch utopischem Denken Raum geben. Sonst kommt es zu dem, was wir aus früheren Zukunftsvisionen kennen: Fehlprognosen zum Waldsterben, Vorstellungen zur menschenleeren Fabrik etc. Angebracht wäre also ein Kurswechsel, nicht nur eine Kurskorrektur. Letztlich liegt es an uns zu entscheiden, welche Zukunft wir möchten und welche nicht. Und danach zu handeln.

Dennoch, einige Jobs werden verschwinden, und zwar nicht wenige.

Das ist so. Die Frage ist, ob es Jobs sind, denen wir nachtrauern müssen. Gefährdet sind vor allem solche, deren Arbeitsbefriedigung sich meist in engen Grenzen hält. Mein Vater besass ein Lebensmittelgeschäft, und so stand ich damals als Kind selbst ab und zu hinter der Kasse. Da habe ich durchaus eine Menge gelernt: Ich musste Geld zählen und rechnen. Es gab eine andere Interaktion mit den Kunden als beim Einpacken von Zucker oder Kartoffeln. Heute mit den Strichcodes und den Scannern ist die Arbeit einer Kassiererin im Laden schon fast komplett automatisiert – selbst das Lächeln und die Abschiedsformel – da ist der letzte Schritt doch nur konsequent.

Aber es gibt Menschen, die auf solche Jobs angewiesen sind. Was machen die, wenn es sie nicht mehr gibt?

Damit müssen wir uns auf jeden Fall auseinandersetzen. Es kann aber auch sein, dass neue Jobs in alten Branchen entstehen, weil wir unsere Prioritäten ändern. Auf der Liste der angeblich verschwindenden Jobs steht zum Beispiel auch der Metzger, weil die Schlachtfabriken noch stärker automatisiert werden können. Gleichzeitig gibt es immer mehr Fleisch- und Lebensmittelskandale. Und immer mehr Nicht-Vegetariern ist es wichtig, dass das Tier, das sie essen, gut gelebt hat und möglichst human zu Tode gekommen ist. Das könnte doch eine Gegenbewegung auslösen – weg von den Mastbetrieben und Schlachtfabriken, hin zu mehr Jobs für Menschen, die Filets und Wurst in höchster Qualität mittels Handarbeit herstellen. Alle könnten weniger, aber dafür näher an ihren Wertvorstellungen und Bedürfnissen arbeiten.

Werden vor allem Routinejobs verschwinden? Gibt es nur noch kreative, sinnerfüllende Arbeit?

Nichts gegen Routine, die tut zwischendurch auch gut. Aber halt nicht acht Stunden, fünf Tage pro Woche. Sicherlich bestehen auch Chancen, dass die Jobs ganzheitlicher und erfüllender werden, Arbeit, bei der man etwas lernt, etwas weitergeben kann, wo man Produktionsprozesse von Anfang bis Ende überblickt. Zumindest sollten wir das anstreben.

Welche Kompetenzen und Fähigkeiten werden in Zukunft noch gefragt sein, welche nicht?

Auf den Punkt gebracht werden diejenigen Jobs relativ sicher sein, bei denen in unsicheren, komplexen Situationen Entscheide getroffen werden müssen. Das kann nur ein Mensch, vor allem auch wenn am Ende jemand die Verantwortung tragen muss. Ein Arzt, eine Richterin, ein Sozialarbeiter etwa handelt fast immer aus bestehender Unsicherheit heraus. Jene Berufe, bei denen Entscheide mit Ermessensspielräumen getroffen werden und es mehr als eine gute Lösung gibt, werden auch künftig existieren. Doch auch für sie wird die Digitalisierung Vorteile bringen, da sie die Entscheidungsprozesse mithilfe gut aufbereiteter Daten unterstützen kann.

Erwerbstätigkeit und Existenzsicherung gehören heute meist zusammen. Aber das ist nicht gottgegeben. Das könnte man genauso gut trennen.

Aber es können ja nicht alle in solchen Positionen arbeiten. Was ist mit den regulären Angestellten?

Entscheide werden schon heute nicht nur auf der Führungsebene getroffen; ein Kranführer, eine Pflegekraft oder Lehrperson tun dies ebenfalls. Ziel müsste aber auch sein, dass die bezahlte Erwerbsarbeit generell weniger wichtig wird. Stattdessen beschäftigen wir uns lieber mit Dingen, die uns wirklich interessieren. Heute bleibt dafür kaum noch Zeit. Viele Menschen kommen von der Arbeit nach Hause, und alles, wozu die Energie noch reicht, ist, sich mit Chips und Bier vor den Fernseher mit seinen 78 Kanälen zu setzen. Gleichzeitig verkümmern ihre Fantasie, ihre Sprache, ihre sozialen Kompetenzen. Ist es wirklich das, was wir wollen?

Vermutlich nicht.

Bei einer Befragung der Bertelsmannstiftung sagten über 80 Prozent, dass sie ein anderes Wirtschaftssystem wollen und nicht einfach die nächste technische Revolution. Sollten wir also nicht darüber nachdenken, wie wir uns wieder sinnvoll beschäftigen können, und dann darüber diskutieren, wie die Existenzsicherung unter diesen Umständen funktionieren könnte? Erwerbstätigkeit und Existenzsicherung gehören heute meist zusammen. Aber das ist nicht gottgegeben. Das könnte man genauso gut trennen. Es ist ein gesellschaftlicher Entscheid. Wir müssen uns fragen, wie wir mit den kommenden Rationalisierungspotenzialen so umgehen, dass mehr Menschen sich wieder wertvoller und sinnerfüllter beschäftigen können, als dies ihnen heute möglich ist.

Existenzsicherung ist dabei aber entscheidend. Wird es noch genügend Jobs geben, mit denen man Geld verdienen kann?

Es wird bestimmt noch viele solcher Jobs geben. Aber vielleicht weniger von denjenigen, die man sein ganzes Leben lang ausüben kann. Vielleicht muss man drei-, viermal umsatteln, muss sich immer wieder weiterbilden, muss lernen, mit Unsicherheiten umzugehen. Und möglicherweise kann die bezahlte Arbeit in drei, vier Stunden am Tag erledigt werden. Wenn diese Arbeit dann – im Gegensatz zu heute – auch noch gerecht bezahlt wird, würde das Lohnarbeitspotenzial für viele Menschen reichen. Aber es werden wohl weniger Menschen als heute mit ihrer Lohnarbeit ihre Existenz sichern können.

Was macht der Rest? Und wie soll die Wirtschaft noch funktionieren, wenn es nur noch wenige Konsumenten gibt, die sich etwas kaufen können?

Es gibt bereits heute viele Konsumenten, die kein Erwerbseinkommen haben. Laut Bundesamt für Statistik werden in der Schweiz seit Langem mehr unbezahlte Tätigkeiten ausgeführt, als es entlohnte Arbeitsstunden gibt – sei das nun Hausarbeit, Pflege in der Familie oder Freiwilligen- und Vereinsarbeit. Letztlich gibt es aber noch keine guten Antworten. Umso wichtiger ist es, dass wir auch über Szenarien nachdenken, die aus heutiger Perspektive vielleicht utopisch klingen. Ich denke, wir werden in jedem Fall eine Tauschgesellschaft bleiben. Aber schon heute gibt es Gemeinschaften, die Naturalien oder Arbeiten tauschen, nicht mehr nur Arbeit gegen Geld. Das dürfte künftig zunehmen. Würde mehr geteilt, müssten wir auch nicht so viel Dinge produzieren, Geld als Tauschmittel würde weniger wichtig; jeder wäre ein bisschen von allem: Produzent, Arbeitskraft, Unternehmer, Tauschpartner und Konsument.

Aber sind die meisten nicht auch ganz glücklich mit dem Status quo? Sie haben ihren Job im Griff und bekommen dafür Geld, mit dem sie sich ein angenehmes Leben leisten können, inklusive Bier und Chips abends vor dem Fernseher. Mehr wollen sie vielleicht gar nicht.

Das hat schon was. Die Frage ist nun aber: Wollen sie das naturgegeben als Menschen, oder wollen sie das unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen, in die sie hineinsozialisiert wurden? Es sind immer die Bedingungen, die verblöden. Man wird so nicht geboren. Viele Arbeitsplätze bieten heute gar keine weitergehenden Gestaltungsmöglichkeiten. Gleichzeitig häufen sich Vorfälle psychischer Erschöpfung. Ausserdem: Wer nur noch ein paar Stunden pro Tag Erwerbsarbeit leistet, der kommt abends nicht mehr erschöpft nach Hause und will sich nur noch vom Fernseher berieseln lassen. Der kommt vielleicht mittags um 12. Und spätestens nach ein paar Tagen wird er merken, dass es wenig erfüllend ist, den Rest des Tages im Internet oder beim Shoppen zu verbringen, Woche um Woche, Jahr für Jahr.

Ich glaube, dass weniger Berufsarbeit kreative Kräfte auch bei Leuten freisetzen würde, denen man das heute gar nicht zutraut.

Das wäre schlicht zu langweilig?

Genau. Und Langeweile ist eine fantastische Inspirationsquelle. Denken Sie nur zurück an die Pubertät oder an einen verregneten Urlaub. Ich glaube, dass weniger Berufsarbeit kreative Kräfte auch bei Leuten freisetzen würde, denen man das heute gar nicht zutraut. Hingegen ist Langeweile frustrierend in unserer aktuellen Eventkultur und führt nicht zu neuen Ufern.

Schon jetzt aber haben in der Schweiz Niedrigqualifizierte grosse Mühe, noch einen Job zu finden. Wird das nicht nur noch schlimmer?

Das kommt drauf an, wie wir mit der Automatisierung umgehen. Manche sprechen in dem Zusammenhang auch von «digitalem Humanimus», eine Veränderung in der Arbeitswelt, der diese Menschen eher entlastet, gerade weil sich in der Gesellschaft nicht mehr alles nur um Geld gegen Arbeit dreht, sondern um Beschäftigung mit Sinn.

Dennoch macht die Aussicht auf verschwindende Jobs den meisten Menschen vor allem Angst.

Veränderungen sind immer eine Zumutung. Und viele sind auch deshalb skeptisch, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Veränderungen in ihrem Unternehmen Dinge verschlechtert statt verbessert haben. Umso wichtiger ist es nun, mit gesellschaftlichen Veränderungsfantasien vorsichtig umzugehen. Entscheidend ist, Veränderungen so zu begleiten, dass sie die Menschen nicht überfordern. Denn anders als bei der Mechanisierung und Automatisierung, wird Industrie 4.0 viel schneller Fahrt aufnehmen. Soziale Systeme aber sind träge und reagieren bei Überforderung mit Abwehr und nicht mit Akzeptanz.

Eine Fantasie, bei der es zu Überforderungen kommen könnte, ist das bedingungslose Grundeinkommen, über das wir im Juni abstimmen. Es würde wohl auch einige finanzielle Probleme lösen für die Leute, die ihre Existenz künftig nicht mehr über bezahlte Arbeit sichern können. Was halten Sie davon?

Tatsächlich argumentieren oder drohen viele Wirtschaftsfachleute und selbst die Initianten der Volksinitiative damit, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen schon deshalb braucht, weil durch die Digitalisierung Millionen von Arbeitsplätzen wegfallen: Es braucht uns quasi nur noch als Konsumenten, und die brauchen bekanntlich Geld. Wo es herkommt, scheint egal zu sein.

Das bedingungslose Grundeinkommen entlastet die Menschen kolossal und führt zu mehr Bildungsausgaben, Eigenverantwortlichkeit und Kreativität.

Denken Sie denn, dass es finanziell und gesellschaftlich funktionieren könnte?

Das Finanzielle kann funktionieren, aber letztlich handelt es sich um eine soziale Innovation – das Nachdenken darüber sollte sich also nicht an erster Stelle um die Frage der Finanzierbarkeit drehen. Beim Gesellschaftlichen muss man experimentieren, die Kreativität vieler einbeziehen und sicher auch mit Nachbesserungen rechnen. Es gibt ja einige Länder, die diese Idee schon ausprobiert haben oder dabei sind: Kanada, Iran, Namibia, Finnland – die Ergebnisse sind vielversprechend. Das bedingungslose Grundeinkommen entlastet die Menschen kolossal und führte zu mehr Bildungsausgaben, Eigenverantwortlichkeit und Kreativität.

Dann würden Sie im Juni Ja stimmen?

Ich bin ja Deutscher. Aber wenn ich dürfte, würde ich Ja stimmen. Allerdings auch, weil ich weiss, dass selbst eine angenommene Vorlage – womit ich wirklich nicht rechne – nie sofort umsetzbar wäre. Es geht mir vor allem darum, ein Signal zu setzen. Auch nach der Abstimmung muss über dieses Thema weiter diskutiert werden. Eine hohe Abstimmungsbeteiligung und relativ hohe Zustimmung könnten dies bewirken. In jedem Fall passen Grundeinkommen und Industrie 4.0 im Sinne eines «digitalen Humanismus» zusammen: Beides sind Utopien, und wir brauchen wieder Utopien – fürchten sollten wir uns vor anderem.

Nämlich?

Vor Prognosen. Insbesondere solchen, die davon ausgehen, durch Hochrechnungen die Zukunft vorhersagen oder gar festschreiben zu können. Die Entwicklung von neuen Techniken und erst recht deren Anwendung sind soziale Prozesse und keinesfalls vorherbestimmt. Sie bewegen sich in einem breiten Gestaltungskorridor und sind auch umkehrbar. Oft gelangen neue Technologien erst durch Versuche, Irrtümer und Störungen zu ihrer wahren Reife und Verwendung.

Es wäre wichtig, in der Arbeitswelt Neues zu wagen. Die Industrie 4.0 bietet die Chance, unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ganz grundsätzlich zu überdenken.

Wie gut ist die Schweiz auf all diese Entwicklungen vorbereitet?

Nicht sehr. Die letzten Abstimmungen betreffend Reformen in der Arbeitswelt wurden alle abgeschmettert, meist weil sich die Bevölkerung sorgte, damit den Unternehmen oder dem eigenen Arbeitsplatz zu schaden. Es ist bedauerlich, wie sehr sich das ökonomische Denken in den Köpfen der Menschen eingenistet hat – als wäre das die Leitwissenschaft. Dabei sind diese ökonomischen Modelle meist weit weg von der Realität. Es wäre wichtig, in der Arbeitswelt Neues zu wagen. Die Industrie 4.0 bietet die Chance, unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ganz grundsätzlich zu überdenken. Sie gibt den Einzelnen und kleinen Gruppen Möglichkeiten, die noch vor Kurzem unvorstellbar schienen.

Aber weder Politik noch Gesellschaft scheinen bereit dafür. Eher sitzen sie im Schützengraben und versuchen zu bewahren, was ist. Wie kann man das ändern?

Über Bildung, Erfahrungserlebnisse und Streitgespräche – da liegt der Schlüssel. Viele wehren ab, weil sie Vorurteile gefällt haben, der Wirklichkeit ausweichen und sich überfordert fühlen. Da muss man ansetzen.

Kommt uns die demografische Entwicklung, also die Schrumpfung der Bevölkerung in Europa, angesichts von weniger Erwerbsjobs eher entgegen?

Auf den ersten Blick scheint das so. Aber vielleicht wollen wir ja auch wieder mehr Kinder, wenn wir weniger erwerbstätig sein müssen. Heute werden Kinder ja oft als Belastung empfunden, zeitlich und finanziell.

Niemand weiss genau, was 2021 für Fachkompetenzen gebraucht werden; man muss die präventiven Klagen der Unternehmen also nicht sonderlich ernst nehmen.

Trotz den absehbaren Veränderungen durch Industrie 4.0 erwarten die Unternehmen für die Zukunft einen noch stärkeren Fachkräftemangel, als sie ihn jetzt schon beklagen. Wie kann das sein, wo man doch eher mit weniger Jobs für mehr Menschen rechnen muss?

Das liegt daran, dass sich Unternehmen schwertun abzuschätzen, was sie in fünf Jahren tatsächlich brauchen. Also denken sie einfach mal die aktuelle Lage in die Zukunft weiter und klagen präventiv. Aber niemand weiss genau, was 2021 für Fachkompetenzen gebraucht werden; man muss diese Klagen also nicht sonderlich ernst nehmen. Wichtig ist, dass der Bildungsmarkt und die Unternehmen selbst flexibler werden, sodass sie rasch reagieren können, wenn klar ist, welches arbeitsrelevante Wissen es braucht.

Bei den bisherigen industriellen Revolutionen wuchs der gesamtgesellschaftliche Wohlstand jeweils, die meisten Menschen profitierten letztlich davon. Was müssen wir tun, damit es auch diesmal so sein wird?

Der monetäre Wohlstand, selbst die Alters- und Gesundheitssicherung, haben tatsächlich bisher immer zugenommen. Weniger eindeutig ist, ob dies auch für die Gerechtigkeit, die Sinngenerierung und das persönliche Glück gilt. Es gab ja auch viele soziale Verwerfungen: der Schutz der Grossfamilie ist verschwunden, es fand eine starke Entsolidarisierung statt, Konkurrenz und Individualismus dominieren, Selbstverwirklichung führt zur Selbstausbeutung. Industrie 4.0 wird nicht nur technische Folgen haben, sondern auch soziale. Und es wird eine Herausforderung sein, die maximal schnellen technischen Systeme mit den maximal trägen sozialen wieder in Einklang zu bringen. Aber wenn es gelingt, kann aus früheren gescheiterten Projekten zur Humanisierung des Arbeitslebens vielleicht doch noch der erhoffte «digitale Humanismus» werden. Dazu braucht es Fantasie und Kreativität – beides Dinge, für die es keine App gibt.

Sind Sie eher froh, in dieser kommenden neuen Arbeitswelt nicht mehr mitmachen zu müssen? Oder bedauern Sie es ein bisschen?

Ich finde es eher schade, weil ich wirklich glaube, dass sich da neue, spannende Möglichkeiten eröffnen, gerade auch für die Arbeitspsychologie. 

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Nelly Rodriguez