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14. Mai 2012

«Wir bilden uns immer noch ein, alle hätten uns gern»

Peter von Matt wird 75 und hat ein neues Buch mit Essays über die Schweiz verfasst. Ein Gespräch mit einem der führenden Intellektuellen des Landes über Selbstbetrug im Alter, die Rolle der Schweiz in Europa und die ständige Angst vor dem Fremden.

Peter von Matt plädiert dafür, den langfristigen, schleichenden Veränderungsprozessen mehr Aufmerksamkeit zu schenken – statt immer nur den News hinterherzujagen.

Peter von Matt, Sie werden am Sonntag 75. Verändert das etwas in Ihrem Leben?

Geburtstage haben mich nie sonderlich interessiert, und für mich ändert sich auch diesmal nichts. Die Bedeutung der Zehnerzahlen wandelt sich ja progressiv. Plötzlich hält man 40 für einen jugendlichen Zustand. Die Zahl 50 verändert sich, dann die 60. Momentan finde ich, 80 sei gar nicht so alt. Das ist natürlich ein unglaubliches Phänomen von Selbstbetrug. Aber warum auch nicht? Sonst bliebe einem nicht viel mehr, als in einer Ecke zu sitzen und zu jammern. Im Grunde hat Älterwerden unerhörte Vorteile: Man ist nicht mehr diesem mörderischen Konkurrenzkampf ausgesetzt.

Sie sind also glücklich?

Glück ist ein gefährliches Wort, weil es einen absoluten Zustand für möglich erklärt. Jedes Lebensalter hat seine eigenen Glücksmomente.

Ihr neues Buch heisst «Das Kalb vor der Gotthardpost», wie das berühmte Bild.

Das Kalb ist ein merkwürdiges Symbol, über das noch nie wirklich geschrieben wurde, obwohl alle das Gemälde kennen. In meiner Jugend war es auf jedem Kalender, und es wurde für mich zum Zeichen für Bedrohung – das Kalb auf dem Bild ist akut gefährdet, von der rasenden Kutsche mit ihren Pferden überrollt zu werden.

Steht das Kalb für Europa und die Kutsche für die Finanzmärkte?

Das kann man so sehen. Die aktuelle Situation ist tatsächlich ein Kippmoment. Man weiss nicht, wie es mit Europa herauskommt. Es ist dramatisch.

Ist die Schweiz gerüstet?

Schwer zu sagen. Auch für die Schweiz startete mit der Wende 1989 ein neuer historischer Zustand. Vorher war sie eingebettet in ein statisches System: Westen, Osten, kalter Krieg. Die Politik wusste, welche die Guten und die Bösen sind.

Die Welt ist komplizierter geworden.

Mit der Wende erwartete man die grosse Erleichterung, weil die Gefahr eines Atomkriegs gebannt war. Tatsächlich aber wurde die Welt unvorhersehbarer. An allen Ecken brachen lokale Kriege aus. Und die Schweiz wurde plötzlich nicht mehr als Teil der westlichen Front gebraucht. Infolgedessen änderte sich das Verhältnis der Grossmächte zu uns. Sie fragten sich, was das eigentlich für ein Kassenschrank sei, mitten in Europa – da, wo alle Steuerflüchtlinge ihr Geld abladen, statt es zu Hause zu versteuern. Die Kälte uns gegenüber nahm zu – während wir uns immer noch einbildeten, alle hätten uns gern. Damals ging es los, und seither jagt eine Krise die andere.

Seit 1989 herrscht Dauerkrise?

Das nicht. Es sind immer andere Phasen. Die erste betraf die nachrichtenlosen Vermögen. Seither reagiert die Schweiz immer gleich. Sie sagt: Ach, uns kann ja nichts passieren, wir sind ja die Schweiz, alle finden, wir seien ein tolles Land.

Ein Irrglaube?

Der Bundesrat hatte damals im Vorfeld bei den Banken interveniert und gewarnt, da käme was. Die Banken machten nichts. Die Schweiz hat das mittlerweile erfolgreich vergessen. Die Welt nicht.

Unser Image wurde mit den nachrichtenlosen Vermögen beschädigt.

Haben wir seither nichts dazugelernt?

Altbundesrat Merz sagte den berühmten Satz, die Schweiz sei bisher noch aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen. Das ist gefährlich, denn es stimmt einfach nicht. Unser Image wurde mit den nachrichtenlosen Vermögen beschädigt. Und zwar nachhaltig. Von allen Europäern bringen uns ausgerechnet die Deutschen am meisten Sympathien entgegen. Die Italiener schimpfen seit je über uns. Die Franzosen wissen nicht einmal genau, ob es uns überhaupt noch gibt.

Ist das nicht etwas übertrieben?

Es gibt kurze, schnelle Prozesse, die sehr grosse Medienaufmerksamkeit bekommen – und rasch wieder vergessen gehen. Dann gibt es langsame Veränderungen, die durch das ständige Spektakel mit den News verdeckt werden. Für sie interessiert man sich gar nicht richtig, dabei wären das die wichtigen Themen, über die man diskutieren müsste.

Zum Beispiel?

Die Fukushima-Katastrophe in Japan. Das war ein Newsereignis – das Interesse daran liess zwar schnell wieder nach, aber es führte doch zum Schweizer Atomausstieg. Etliche finden allerdings bereits wieder, man müsse die AKWs eigentlich gar nicht abschalten; die akute Gefahr sei ja gebannt. Aber das Problem ist nicht gelöst. Oder nehmen wir die Alpen: Sie werden zu Funparks und in reine Energieproduktionsanlagen verwandelt. Das führt zur Zerstörung der alpinen Welt und der alpinen Traditionen. Natürlich liest man von Organisationen, die hier ein bisschen gegen Heliskiing sind und dort ein wenig eine Staumauer bremsen wollen. Aber vom Prozess als Ganzem hört man nichts. Obwohl er das Land entscheidend negativ verändern wird. Vor allem, weil die Schweiz emotional tief mit den Alpen verbunden ist.

Sehen Sie noch mehr solche Beispiele?

Ganz fundamental sind die religiösen Veränderungen. Der Alltag in der Schweiz war bis vor Kurzem durch christliche Praktiken und Bekenntnisse geprägt. Der Kirchenbesuch am Sonntag war selbstverständlich. Dieses Ritual hat sich aufgelöst, ist zersplittert und vervielfältigt sich. Es nimmt groteske Formen an: Sekten, Neokonservatismus und Neofundamentalismus machen sich breit. Dazu kommen neue Religionen, etwa der Islam.

Viele trauen sich nicht, laut über den Islam nachzudenken, aus Angst, in eine bestimmte politische Ecke gestellt zu werden.

Es geht nicht darum, negativ zu berichten. Es geht darum, über kulturelle Ereignisse zwischen den Konfessionen nachzudenken. Ich verstehe nicht, warum das ein Tabu sein sollte. Bei allem anderen stilisieren sich die Medien auch zu Winkelrieden hoch, die vor nichts zurückschrecken. Es ist keineswegs so, dass bloss die islamische mit der nichtislamischen Welt in einem Konflikt steht. Mindestens genauso heftig wird innerreligiös gestritten. Etwa zwischen Schiiten und Sunniten, die beide auch bei uns leben. Trotzdem habe ich noch in keiner Zeitung gelesen, was das für uns heisst. Ich erfahre immer nur, was gerade an der Oberfläche passiert, nicht, wie sich der langfristige Prozess entwickelt.

Letztlich basiert unsere Gesellschaft auf der Wirtschaftsordnung. Was dort passiert, hat Konsequenzen für alle.

Das Finanzsystem, wie wir es kennen, scheint nicht mehr tauglich. Es kann ja nicht sein, dass es intakt ist, wenn es soviele Krisenschübe produziert. Und wenn ich lese, was die Ökonomen so sagen, bekomme ich keine klaren Antworten. Auch hier ist einer dieser schleichenden Prozesse im Gange. Die sind vielleicht auf den ersten Blick nicht spektakulär, aber sie sind von ungeheurer Wucht – langfristig verändern sie die Weltgeschichte.

Blocher verkörpert das Grundschema des Stamms mit einem Anführer.

Einwanderung ist ein anderes emotionales Dauerthema. Wie kann man es entschärfen?

Es gibt klare Fakten. Man kann nicht einfach die Grenze öffnen. Andererseits gibt es von der Verfassung vorgeschriebene Bestimmungen, wonach die Schweiz Verfolgten Asyl gewährt. Das muss in einem erträglichen Mass passieren. Allerdings ist Einwanderung auch eine kulturelle Notwendigkeit. Wenn die Schweiz zu wenig eigenen Nachwuchs hat, muss sie die Leute halt woanders holen. Dürften nur noch Schweizer in Spitälern und Arztpraxen arbeiten, bräche das ganze Gesundheitssystem zusammen.

Viele europäische Länder haben grössere Probleme mit Immigration als wir. Und doch sind «die Ausländer» eine nationale Obsession.

Die ständige Angst vor den Fremden ist ein biologischer Reflex. Man will unter sich sein. Früher verlief dieser Prozess innerschweizerisch. In die Zürcher Arbeiterkreise 4 und 5 zogen katholische Innerschweizer, die zu Hause keine Arbeit fanden. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten hier teilweise ghettoähnliche Verhältnisse. Die Katholiken durften nicht mal ihre Kirchenglocken läuten. Anlässlich der Eröffnung des Üetlibergtunnels vor drei Jahren erschien in der NZZ ein Leserbrief: Das sei ausserordentlich problematisch, denn nun kämen noch mehr Innerschweizer nach Zürich.

Im Ernst?

Der Fremde ist nicht einfach der Tamile oder der Türke, sondern jeder, der nicht unmittelbar dazugehört. Der dort drüben. Früher spielte sich das von Dorf zu Dorf, von Landesteil zu Landesteil ab. Die antideutschen Ressentiments, die überall herumgeistern, sind genau dasselbe. Wir gegen die anderen. Es ist ein biologischer Abwehrreflex, der in ständigem Konflikt mit der Zivilisation steht: Der Fremde ist der gefühllose Böse; ich als Einheimischer bin sensibel und habe Tiefe. Man projiziert das eigene Primitive, das jeder in sich trägt, nach aussen.

Ein steter Kampf zwischen Natur und Kultur?

In gewissen Bereichen ist diese Spannung besonders akut. Demokratie zum Beispiel ist keine natürliche politische Form. Sie entstand im Laufe einer zivilisatorischen Entwicklung und setzte sich nur langsam gegen die biologische Natur des Menschen durch. Von Natur aus rotten sich die Menschen in Gruppen zusammen und folgen einem Häuptling, einem Chef.

Sie bezeichneten Christoph Blocher einmal als archaische Häuptlingsfigur.

Er verkörpert das Grundschema des Stamms mit einem Anführer. Das Abrücken von diesem Konzept ist eine zivilisatorische Errungenschaft. In deren Verlauf schuf man auch die Könige ab. Man merkte, dass es sie nicht mehr braucht. Aber die Entwicklung von der triebhaften Sozialstruktur der Stammesgruppe mit Chef hin zu einer funktionierenden Demokratie mit Gewaltentrennung muss jede Generation wieder von Neuem durchleben. Ja sogar jeder Einzelne durchläuft diese Entwicklung.

Inwiefern?

Warum, glauben Sie, formen junge Männer von 15, 16 Jahren so gerne Jugendbanden? Sie leben den natürlichen Stammestrieb aus, der in ihrem biologischen Fundament steckt. Raufereien sind nicht einfach ein Zeichen moralischer Verworfenheit. Es gehört zu diesem männerbündischen Verhalten. Es ist eine Lust, eine Bande zu sein und einen Chef zu haben. Und gegen eine andere Bande loszuziehen, die auch einen Chef hat. Es stimmt nicht, dass heute alles schlimmer ist. Ich würde sogar behaupten, früher gab es in der Schweiz mehr Schlägereien. Nur: Die Zivilisierung ist ein fragiles Gebilde. Plötzlich kippt es, und was dahintersteckt, wird sichtbar: der Urtrieb.

Autor: Ruth Brüderlin