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23. Januar 2012

«Wir arbeiten quasi planwirtschaftlich»

Mit einer Tasche aus alten Lastwagenplanen haben Daniel und Markus Freitag 1993 ganz klein angefangen. Heute ist Freitag eine Marke mit internationaler Ausstrahlung und ihr Produkt im Museum of Modern Art ausgestellt. Die Freitags über Designpreise, Innovation und Umweltschutz.

Markus (links) und Daniel Freitag
Markus (links) und Daniel Freitag in der Produktionshalle in Oerlikon ZH.

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Markus und Daniel Freitag, wird Ihnen je wieder eine so originelle Erfindung wie die Freitag-Tasche gelingen?

Daniel Freitag: Wir versuchen gar nicht, das zu wiederholen. Wir entwickeln aber die Produkte weiter und pflegen die Mentalität, die hinter der Marke steht. Dieser Haltung sind wir seit über 18 Jahren treu, und ich bin überzeugt, wir sind auch deswegen mit dem Designpreis ausgezeichnet worden.

Sie sind die aktuellen Preisträger des Design Preis Schweiz in der Sparte Merit, sie wurden also sozusagen für Ihr Lebenswerk geehrt. Sind Sie dafür nicht noch etwas jung?

Markus Freitag: Wir freuen uns natürlich, haben aber keineswegs das Gefühl, das sei es jetzt schon gewesen. Mein Bruder sagte mal, zwei halbe Lebenswerke gäben ein ganzes. Insofern macht uns der Preis Mut für die zweite Hälfte. Daniel Freitag: Wir arbeiten permanent, können also gar nicht in einen retrospektiven Modus fallen. Als Designer denkt man ständig daran, was als Nächstes kommt. Das ist fast eine Krankheit.

Was macht die Freitag-Mentalität aus?

Markus Freitag: Wir denken und handeln in Kreisläufen. Gebrauchte LKW-Planen erhalten bei uns ein nächstes Leben als Tasche. Alte, flugrostige Frachtcontainer werden zu einem Flagship Store aufgetürmt. Wir mögen es, Gegenstände und Materialien aus ihrem angestammten Umfeld zu nehmen und in einen neuen Kontext zu setzen.

Daniel (links) und Markus Freitag mit ihrem neusten Wurf: einem modularen Verkaufsregal.
Daniel (links) und Markus Freitag mit ihrem neusten Wurf: einem modularen Verkaufsregal.

Die Freitag-Mentalität haben Sie in einem Mitarbeiterhandbuch namens «The Freitag-Principles» zusammengefasst. Muss man das als eine Art Bibel für das Unternehmen verstehen?

Markus Freitag: Es ist eher ein Rezeptbuch, das wir vor allem für uns geschrieben haben. Am liebsten würden wir jeden Tag alles neu erfinden. Dann merken wir aber, dass ein paar Sachen bereits sehr gut sind und wir sie weiterhin so machen können. Da helfen Richtlinien.

Können Sie ein Beispiel für ein Rezept geben?

Markus Freitag: Es geht um Nachhaltigkeit. Alles soll so weit ausgereift sein, dass es über mehrere Jahre Bestand hat. Die Qualität eines Produkts muss so konsequent durchdacht sein, dass es Jahrzehnte überlebt. Das gilt für die Taschen selber, aber auch für Fotos oder Regale. Und zu unserem Kreislaufdenken gehört, dass wir viel Energie darauf verwenden, im Produktionsprozess wenig Müll zu verursachen, und dass wir uns um dessen Entsorgung kümmern.

Wie entsorgt man eine Freitag-Tasche?

Markus Freitag: «Use it as long as possible» — benutze sie so lange wie möglich, stand schon auf der allerersten Tasche. Für den Fall, dass sie doch einmal auseinanderfallen sollte, kann man sie in einen Freitag Store zurückbringen. Die verschiedenen Materialien trennen wir und führen sie dann den jeweiligen Recyclingprozessen zu.

Auf Ihrer Homepage weisen Sie darauf hin, dass die Freitag-Fabrik in Oerlikon nach höchsten Umweltstandards gebaut ist. Wie ernst ist Ihnen das Thema?

Daniel Freitag: Die Nachhaltigkeitsdiskussion ist nie fertig, ständig kommen neue Erkenntnisse dazu. Es macht grossen Spass, diese neuen Möglichkeiten zu erkunden. Markus Freitag: Wir hatten schon als Buben Freude an Kreisläufen. Es gab prägende Erlebnisse, zum Beispiel der Komposthaufen meiner Gotte und wie sie unseren Eltern beibrachte, wie man Grünzeugs sammelt.

Sie stammen aus einem Elternhaus, in dem Recycling ein Thema war?

Markus Freitag: Bevor wir in die Berufslehre kamen, machten unsere Eltern mit uns eine Reise nach Indien. Dort werden Ressourcen aus purer Not rezykliert. Später arbeiteten wir beide in der Werbung und stellten irgendwann fest: super coole Berufe, aber eigentlich produziert die Branche vor allem Schrott. Ich durfte als Ausstellungs- und Dekorationsgestalter mit den teuersten Materialien die schönsten Schaufenster gestalten — und nach einer Woche landete alles im Müll. Ich fand, das könnte man besser machen. Wir leben nicht nach einem rigiden Ökoansatz, der alles verbietet. Wir versuchen, unnötige Emissionen zu vermeiden, und investieren in moderne, umweltschonende Produktionsverfahren. Wir sind keine Unternehmer, deren oberstes Ziel es ist, nach fünf Jahren super Zahlen abzuliefern.

Das Geschäft läuft. Was gibt es für Sie überhaupt noch zu tun?

Markus Freitag: Wir sind die Creative Directors und gehören somit zum Team, das dieses Unternehmen führt. Wir sitzen mit am Tisch, wenn erste Skizzen oder Prototypen angeschaut oder neue Produkte getestet werden. Wir bringen uns ein, wenn es um das Marketing geht. Wir liefern Ideen, wie man die Produkte promoten könnte, überlegen, mit welcher Geschichte wir sie inszenieren — und geben Inputs bezüglich Wiederverkäufer oder der Ladeneinrichtung.

Dennoch engagierten Sie die Betriebswirtschafterin Monika Walser als Geschäftsführerin. Ein erster Schritt zum Rückzug?

Markus Freitag: Wenn ein Prototyp fertig ist und alles zusammenpasst, entscheiden wir, ob er das Label Freitag verdient. Dafür braucht es uns noch ein paar Jahre, aber nicht ewig. Der Geist, die Prinzipien, für die der Name Freitag steht, formulierten wir in den «Principles» so, dass sie später ohne uns weiterentwickelt werden können.

Eine der Taschen aus der ersten Serie von 1993 steht seit fast neun Jahren im Museum of Modern Art (MoMA) in New York, einem der bedeutendsten Museen der Welt. Haben Sie schon persönlich vorbeigeschaut?

Daniel Freitag: Nur wegen unserer Tasche gehe ich nicht ins Museum of Modern Art. Aber es ist natürlich schmeichelhaft, dass sie dort ausgestellt ist. Schliesslich bin auch ich jeden Tag mit einer Freitag-Tasche unterwegs. Markus Freitag: Kürzlich eröffneten wir einen Store in New York, und ich verband das mit Familienferien. Ich stand also zusammen mit meinen beiden Töchtern vor der Vitrine.

Und? Was empfanden Sie dabei?

Markus Freitag: Nichts Besonderes. Ich war damit beschäftigt aufzupassen, dass meine Tochter die Scheibe nicht eindrückt. Es gab rührendere Momente. Beispielsweise als wir in Japan unseren Store eröffneten. Der erste Kunde stand schon morgens um vier Uhr vor dem Laden und wartete auf die Eröffnung. Das zu sehen war sehr berührend.

Dann gehts bei Ihnen fast zu wie bei Apple?

Daniel Freitag: Tatsächlich starb Steve Jobs an jenem Wochenende, als wir unser neues Verkaufslokal einweihten. Der Apple Store in Tokio ist gleich um die Ecke des Freitag Stores. Bei Apple stapelten sich die Blumen. Und auch bei uns hatte es Blumen vor der Tür. Aber wegen eines japanischen Brauchs, nach dem alle, die am Geschäft mitgebaut haben, zur Eröffnung Blumen vorbeibringen — vom Architekten bis zum Elektriker.

Wie Apple macht sich Freitag gerne rar und damit interessant. Kopieren Sie Ihr Vorbild?

Daniel Freitag: Apple hat sicher Vorbildcharakter, was die Mentalität betrifft. Es gibt wenige Unternehmen, die so viel Wert auf Design und Kommunikation legen. Egal, was man macht, ob Taschen oder Schraubenzieher, man kann von Apple lernen. Obwohl: Angeblich sei es nicht immer lustig, auf Businessebene mit Apple zu tun zu haben.

In den Anfangszeiten von Freitag legten Sie alle Zahlen offen. Etwa, dass Sie sich tausend Franken Lohn im Monat auszahlten. Reicht es heute für den Ferrari?

Daniel Freitag: Der Ferrari ist unser Unternehmen. Darin haben wir 18 Jahre lang investiert. Klar hat sich unser Lebensstandard gewandelt. Damals wohnten wir in einer WG. Heute sind wir beide Familienväter.

Warum legen Sie Ihre Bilanz nicht mehr offen?

Markus Freitag: Wir sind keine börsenkotierte Firma, müssen das also nicht. So viel kann ich aber sagen: Wir wollen im Minimum so viel verdienen, wie unser bestverdienender Mitarbeiter. Unser Finanzchef hat uns kürzlich angehalten, auch mal was in unsere eigene Pensionskasse einzuzahlen. Aber eigentlich investieren wir immer noch viel lieber in das Unternehmen und in die Produkte. Daniel Freitag: Abgesehen davon finden wir es witzig, wie unterschiedlich wir eingeschätzt werden. Man hat uns schon in einem Atemzug mit Google und Facebook genannt. Es ist verblüffend, als global agierende Marke wahrgenommen zu werden. In Wahrheit bedienen wir eine verhältnismässig kleine Nische mit verhältnismässig wenig Mitteln.

In der Schweiz heisst es immer wieder, Freitag sei out. Besteht die Gefahr eines Overkills?

Daniel Freitag: Der könnte stattfinden, aber der Unikatscharakter ist und bleibt einzigartig.

Gibt es seltene Planen, hinter denen Sie besonders her sind?

Daniel Freitag: Matte, unifarbene sind schwierig zu finden. Markus Freitag: Die Autobahnen Europas diktieren unsere Farbpalette. Wir arbeiten sozusagen planwirtschaftlich. Die Mitarbeiter im Planeneinkauf sagen, wie viel Material wir in Grau uni haben, und entsprechend regulieren wir den Verkauf. Sehr selten und somit begehrt ist Schwarz. Unter schwarzen LKW-Planen wird es im Sommer heiss.

Stimmt es, dass Sie Angestellte beschäftigen, deren einzige Aufgabe es ist, nach originellen Planen Ausschau zu halten?

Daniel Freitag: Drei Angestellte sind für die Beschaffung zuständig. Die gehen auch mal nach Chiasso zum «Truck spotten». Ein Tag am Zoll in Chiasso kann ergiebiger sein, als zu googeln.

Planen sind für Lebensmittel nicht unbedingt geeignet. Kann man einen Apfel drei Tage lang in der Freitag-Tasche herumtragen?

Markus Freitag: Wir empfehlen, Essen im Mehrwegbehältern zu transportieren. Aber schon wegen des Geruchs kommt wohl niemand auf die Idee, unverpacktes Essen in die Tasche zu stecken. Daniel Freitag: Das Problem sind die Weichmacher in den Planen. Die wären aber nur bedenklich, wenn ein Kleinkind ständig daran saugt. Unsere Planen sind lange in Betrieb, bevor wir sie verarbeiten. Viel hat sich bereits verflüchtigt. Aber den Apfeltest machen wir mal.

Erst ein Plagiat macht das Original zum Original, heisst es. Wie stehen Sie zu Kopien?

Markus Freitag: Ich erinnere mich, wie mir 1997 ein Kollege erzählte, er habe eine Donnerstag-Tasche in der Migros gesehen. Ich hielt es für einen schlechten Witz, fuhr am Mittag in die Migros — und tatsächlich. Wir einigten uns dann mit dem orangen Riesen, dass er den Bestand noch verkaufen kann, aber keine neuen Taschen herstellen lässt und künftig keine Produkte mehr nach Wochentagen benennt. Ich muss gestehen, das Gefühl, einem solchen Goliath ausgeliefert zu sein, war beängstigend. Und für einen kurzen Moment dachte ich, jetzt sei es aus für uns.

Autor: Nathalie Bursać, Ruth Brüderlin

Fotograf: Gerry Nitsch