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13. Oktober 2014

Wie der Vater so die Tochter

Eine neue Generation von jungen Schweizer Winzerinnen sorgt wie Susanne Steiger-Wehrli (oben im Videoporträt) dank Konkurrenzdruck, Klimawandel und neuen Techniken für eine erhebliche Qualitätssteigerung bei den Schweizer Weinen. Auf Spurensuche in Martigny, Küttigen und Neftenbach. Rechts mehr zur besonderen Weinbau-Herausforderung im Herbst 2014: Der Suzukii-Fliege.

Sarah Besse ist erst 27 Jahre alt und bestimmt trotzdem schon, wie die Weine im Familienbetrieb der Gérald Besse SA in Martigny VS hergestellt werden. «Ich nehme mir fünf Jahre Zeit, um unser Weingut ganz zu übernehmen. Dann wird mein Vater 62 Jahre alt und hat das Recht kürzerzutreten.» Der ehemalige Kaminfeger Gérald Besse (58) hat den Winzerbetrieb vor 30 Jahren zusammen mit seiner Frau Patricia (55) gegründet. «Bereits mein Grossvater hatte einen Rebberg im Unterwallis, ich wollte mich schon immer mit Wein beschäftigen. Letztlich habe ich das gemacht, worauf ich Lust hatte», begründet er den Einstieg als Weinbauer. Er hat sich das Handwerk selbst beigebracht, indem er verfolgte, wie die benachbarten Winzer hoch über dem Rhonetal arbeiteten. «Wichtig ist die Arbeit im Rebberg und weniger jene im Keller. Es war immer mein Traum, einst einen grossen Wein zu machen», sagt Gérald Besse.

Wachablösung bei der Familie Besse in Martigny: Tochter Sarah bestimmt, wie die Weine im von Gérald Besse gegründeten Betrieb gemacht werden.
Wachablösung bei der Familie Besse in Martigny: Tochter Sarah bestimmt, wie die Weine im von Gérald Besse gegründeten Betrieb gemacht werden.

Sein Traum erfüllte sich: Er gewann mit seinem Petite Arvine, einer weissen Traubensorte, die nur im Wallis angebaut wird, eine Goldmedaille des Kantons. Für den Syrah Martigny Les Serpentines erhielt er zudem die Silbermedaille am Wettbewerb «Syrah du Monde» in Frankreich. Sein preisgünstiger Gamay Domaine St-Thédoule gehört heute weltweit zu den besten Vertretern dieser roten Traubensorte. Das bösartige Bonmot aus der Vergangenheit «Jamais Gamay» hat Familie Besse damit widerlegt. Und ihr Ermitage Les Serpentines wurde in die renommierte Mémoire des Vins Suisses aufgenommen, die «Schatzkammer des Schweizer Weins». Allerdings spricht Vater Besse über Auszeichnungen nur, wenn er gefragt wird.

Er startete mit einer Jahresproduktion von 20 000 Flaschen in einer Scheune im Weiler Les Rappes ob Martigny. Heute sind es 160 000 Flaschen. Von Anfang an setzte Gérald Besse auf Qualität. «Als ich im Juli jeweils Trauben aus den Reben geschnitten habe, um die Qualität zu steigern, lachten mich die Leute aus», erinnert er sich. Das war zu einer Zeit, als die ältere Generation von Winzern noch dachte, dass sämtliche Trauben gepflückt und zu Wein verarbeitet werden müssen.

Tochter Sarah, die ihre Lehr- und Wanderjahre bei diversen Winzern im Wallis, beim Weingut Pircher in Eglisau ZH sowie bei Bründlmayer in Österreich verbracht hat, will die Strategie ihres Vaters fortführen. «Er kennt den Schlüssel zum Erfolg. In 90 Prozent der Fälle entscheide ich. Wenn ich unsicher bin, ziehe ich meinen Vater zu Rate. Er ist noch immer der Chef und kümmert sich um den Verkauf und das Büro», sagt sie. Sarah lebt in Chamoson bei Sion – gut 20 Fahrminuten vom elterlichen Betrieb entfernt. Ihre Philosophie: «Die Weine sollen beim Genuss Freude bereiten, ohne mit erhöhten Zuckerwerten zu gefallen. Unsere Weine reflektieren das Terroir, den Boden, auf dem die Trauben wachsen.»

Kampf gegen Kirschessigfliegen, Dachse, Wildschweine und Vögel

Frauen sind im Winzerberuf in der Minderheit. «Für die steilen Rebhänge über dem Rhonetal braucht es eine starke Kondition. Ich kann nicht Gewichte tragen wie ein Mann. Aber das ist heute nicht mehr so entscheidend wie früher», sagt Sarah Besse. Im Betrieb helfen inzwischen 14 Personen; am 20. Oktober wird die Weinlese abgeschlossen. Der Jahrgang 2014 sollte trotz Suzukii-­Fliege gut werden.

Stolz auf seine Tochter: Peter Wehrli und Susanne Steiger-Wehrli im Rebberg oberhalb von Küttigen.
Stolz auf seine Tochter: Peter Wehrli und Susanne Steiger-Wehrli im Rebberg oberhalb von Küttigen.

Auch Susanne Steiger-Wehrli (31) kämpft gegen die aus Japan eingeschleppte Kirschessigfliege, die sich wegen des milden Winters und des feuchten Sommers dieses Jahr stark vermehrt und Eier in die Trauben gelegt hat. Seit 15 Jahren ist sie Winzerin in Küttigen bei Aarau und hat dieses Jahr in dritter Generation den Betrieb ihres Vaters Peter Wehrli (60) übernommen – gemeinsam mit ihrem Mann sowie Zwillingsbruder Rolf. «Anfangs wollte ich nichts vom Winzern wissen. Dann bildete ich mich in Maienfeld in der Bündner Herrschaft weiter. Als ich dort meine erste Rebe pflanzen durfte und sah, wie sie wuchs, liess mich dieser faszinierende Beruf nicht mehr los.» Die zweifache Mutter schätzt, dass sie sich die Zeit selbst einteilen kann und auch die «Lockerheit und Ernsthaftigkeit bei der Arbeit in der Natur». Die Ernsthaftigkeit zeigt sich dieses Jahr besonders ausgeprägt: Neben der Drosophila suzukii, die mit Insektiziden und Löschkalk bekämpft wird, haben sich auch Starschwärme, Dachse und Wildschweine über die Trauben hergemacht. «Als der Schwarm über den Rebberg flog, erinnerte mich das an Hitchcocks Horrorfilm ‹Die Vögel›», sagt Susanne Steiger-Wehrli.

«Wir wollen zeigen, dass wir jungen Winzer innovativ sind»

Wie bei der Familie Besse ist es auch ihre Philosophie, terroirbezogene Weine hervorzubringen – einmal mineralisch, einmal fruchtig und einmal gehaltvoll. Die Rebberge des 11,5 Hektar grossen Betriebs Wehrli Weinbau befinden sich am Jurabogen und am Hallwilersee. «Unserem Riesling-Sylvaner merkt man beispielsweise dank Muschelkalkböden und längerer Abendsonne die Breitigkeit und Mineralität an», erklärt die Jungwinzerin.

Sie ist Vizepräsidentin des 2010 gegründeten Vereins Junge Schweiz – Neue Winzer (JSNW). Die nächste Generation von Winzern will die Qualität des Schweizer Weins gemeinsam steigern. «Wir möchten der Bevölkerung zeigen, dass wir jungen Winzer Gas geben und innovativ sind», sagt Susanne Steiger-Wehrli. Die Sélection, ein Blauburgunder von JSNW-Mitglied Martin Wolfer aus dem Kanton Thurgau, war 2012 ihr Hochzeitswein.

Einen Schweizer Wein an einer Hochzeit auszuschenken, hätte früher noch zur Scheidung führen können. Susanne Steigers Vater Peter Wehrli, der als SVP-Mitglied im Aargauer Grossen Rat sitzt, erinnert sich: «Früher waren die Trauben viel saurer. Heute erfolgt die Weinherstellung professionell, und wir profitieren vom wärmeren Klima.» Noch immer ist er der Patron des Betriebs, kontrolliert die Reben und schreibt die Arbeitspläne der Helfer. Um das Weinmachen kümmert sich aber seine Tochter.

Seit 2011 kümmert sich Nadine Saxer als Önologin um die Weine des Betriebs. Ihr Vater Jürg amtet als graue Eminenz.
Seit 2011 kümmert sich Nadine Saxer als Önologin um die Weine des Betriebs. Ihr Vater Jürg amtet als graue Eminenz.

Ähnlich präsentieren sich die Verantwortungsbereiche bei Jürg Saxer (72) und seiner Tochter Nadine (37): 2011 hat sie die Verantwortung übernommen. Ihr Vater beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Weinen; 1974 wurde er auf der Suche nach Rebland in Neftenbach bei Winterthur fündig. «Bis Ende der 80er-Jahre war die Nachfrage enorm. Nur schon wer Weine liefern konnte, war ein Weltmeister», erinnert er sich. Doch 1990 sind die Kontingente ausländischer Weine aufgehoben worden, «und der Absatz unserer Weine geriet unter Druck, weil wir es verpasst haben, vom Massenproduzenten auf Qualität umzustellen.»

Der Bauernsohn, der ab und zu auch gern mal ein Bier trinkt, sah die einzige Chance darin, sich von seinen Blauburgunder Beerliweinen zu verabschieden. Er investierte in neue Techniken im Keller und vinifizierte die Weine so, dass sie mineralischer und fruchtbetonter wurden. Aus den 3,5 Hektar sind 7,5 geworden bei einer Jahresproduktion von 100 000 Flaschen – wobei die Erntemenge bewusst reduziert wurde. «Wir haben realisiert, dass die Qualität im Rebberg anfängt und lesen ausschliesslich die besten Beeren.»

Heute ist Saxer in seinem Weingut die graue Eminenz im Hintergrund. Seine Tochter Nadine (37), die eigentlich Hebamme werden wollte, ist quasi Geburtshelferin für die Tropfen – dank der richtigen väterlichen Worte. «Nachdem Nadine das KV abgeschlossen hatte, sagte ich ihr, sie müsse sich jetzt entscheiden, ob sie nicht doch Weinbäuerin werden wolle. Ansonsten werde sie es eines Tages womöglich bereuen, wenn sie auf dem Sonntagsspaziergang ihren Kindern sagen müsse, dieser Rebberg habe einst dem Grossvater gehört.»

Der Satz traf sie im Mark, obwohl sie kaum Wein getrunken und an ihm auch keine Freude fand. Sie liess sich nach einem Praktikum in der Romandie an der Berufsfachschule in Wädenswil am Zürichsee zur Winzerin ausbilden und verstärkte ihre Kenntnisse in Argentinien und Südafrika, wo sie den Sauvignon Blanc kennen und schätzen lernte. Die reinsortige «Création Nadine» war ihr erster eigener Wein. Er holte 2013 Gold am Grand Prix du Vin Suisse. Nadine Saxers Philosophie: Bewährtes mit neuen Innovationen verbinden. Und: «Frauen sind beim Degustieren sensibler und kritischer.»

Die diesjährige Lese hat in der Ostschweiz Ende September angefangen und dauert insgesamt fünf bis sechs Wochen. «Das ist für mich eine besonders intensive Phase», sagt Nadine Saxer, die Mutter dreier Töchter und ebenfalls JSNW-Mitglied ist. «Ich muss mich organisieren und habe gelernt, dass ich nicht jeden Handgriff selbst machen kann.» Ihr Mann Stefan Gysel (37) vom Hallauer Weingut «aagne» unterstützt sie. Auf ihre Eltern, die vis-à-vis mitten in den Rebbergen wohnen, kann sie ebenfalls jederzeit zählen. «Mit meinen drei Enkelkindern ist die Frauenpower in unserem Weingut auf jeden Fall gesichert», lacht Jürg Saxer.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Ruben Wyttenbach