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08. Juni 2015

Windelfrei von Anfang an?

Es geht auch ohne Windeln: Man muss die Zeichen des Babys nur richtig deuten und früh genug darauf reagieren.

Den richtigen Moment erwischen: Babys geben klare Signale, aber man muss sie kennen
Den richtigen Moment erwischen: Babys geben klare Signale, aber man muss sie kennen (Illustration: Stefanie Beyeler).

Barbara (36) hat ihrer Tochter Lucienne (3) kaum je Windeln angezogen. Sie geht mit ihr auf die Toilette, seit die Kleine auf der Welt ist. Was bei Barbara geklappt hat, ist ganz normal. Denn Bébés brauchen eigentlich keine Windeln.

«Kleinkinder machen sich bemerkbar, wenn sie mal müssen», erklärt Rita Messmer (60), Erwachsenenbildnerin und Cranio-Sacral-Therapeutin. «Die Anzeichen sind verschieden. Die üblichsten sind leichtes Weinen, Unruhe oder das Absetzen beim Stillen.» Hält man das Kleine dann über einen Topf, kommt das Pipi oder Gaggi. «Dafür braucht es weder Training noch Übung», erklärt Messmer, die hierzulande als Pionierin der Windelfrei-Methode gilt. Sie hat diese bei ihren eigenen Kindern angewendet, in ihren Babymassagekursen an zahllose Mütter weitervermittelt und in ihren Büchern beschrieben.

Das Einzige, was dabei wichtig ist: «Man muss möglichst schnell nach der Geburt auf die Anzeichen des Babys reagieren.» Kinder haben bis Ende des dritten Lebensmonats eine sensible Phase, was Ausscheidungen betrifft: In diesem Zeitraum können sich die entsprechenden neuronalen Verbindungen im Hirn entwickeln. Im Kind besteht die Anlage, dass es sich nicht beschmutzen will. Die Eltern geben ihm die Gelegenheit, dass es sein Bedürfnis verrichten kann – aber nicht in die Windeln.

«Wird diese Entwicklung in der sensiblen Phase verhindert, muss sie später und viel mühsamer via Intellekt erlernt werden.» Weil das spätere Erlernen via Bewusstsein geschieht, pinkeln einige Kinder aber nachts ins Bett. Denn auch das Bewusstsein schläft nachts.
Auf Windeln zu verzichten, klingt ungewohnt. Bei Naturvölkern wird dies seit eh und je so praktiziert, in Ländern, wo Windeln nicht gang und gäbe sind, sowieso. Man spart Geld, verhindert Abfall und tut dem Kind Gutes. Denn man nimmt es mit seinen Bedürfnissen ernst.

Rita Messmer musste schon viele Anfeindungen über sich ergehen lassen. «Es geht halt dabei um Ausscheidungen, und das ist für viele Menschen ein heikles Thema.» Sie hat nur einen Tipp: Einfach ausprobieren, ob es klappt.

Autor: Claudia Langenegger