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16. Februar 2017

Am Berg sind alle gleich 1: WILLKOMMEN IN DER SKISCHULE

Skilehrer mit Kindern
Der Skilehrer muss mit Kindern völlig unterschiedlicher Herkunft klarkommen – und dazu mit ihren Eltern. (Foto: Keystone)

Vergessen Sie Elternmagazine und Facebook-Gruppen für Erziehungsfragen. Wenn Sie wirklich wissen wollen, was gerade angesagt ist, dann melden Sie Ihr Kind in den Sportferien zu einem Skikurs an. Echt jetzt, ich kann das wirklich empfehlen. Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, den Müttern und Vätern unserer Zeit auf die Finger zu schauen.

Morgens, wenn der Schnee noch knirscht und die Pisten noch leer sind, strömen die Mamis und Papis aus allen Himmelsrichtungen zum Sammelpunkt, um die liebe Neele und den lustigen Max in die Obhut der Profis zu geben. Es gibt die sorglosen Eltern, die ihre Kleinen quasi im Schuss Richtung Skilift abliefern. «Tschüss, bis heute Abend» – und wusch! sind sie weg. (Passender Buchtitel: «Warum Raben die besseren Eltern sind.»)

Darüber können Herr und Frau Schmitz nur den Kopf schütteln. Bevor sie ihren Kasimir dem Skilehrer übergeben können, muss erst eine Checkliste abgearbeitet werden. Der Sohnemann sei zwar schon eingecremt (Ehrlich? Hätte jetzt niemand bemerkt.), aber nach der Mittagspause wäre ein Neuanstrich schön («Die Tube mit dem LSF 50 ist in seiner linken oberen Jackentasche.»). Ausserdem habe der Zwerg etwas Angst vorm Gondelfahren. («Aber wenn man Kasimir die Hand hält und ihm gleichzeitig über den Kopf streichelt, dann geht das schon.») Anschliessend wird das Bürschlein gedrückt und geherzt, als würde nun sein Austauschjahr in Alaska beginnen. (Lektüretipp: «Selber fliegen – warum Kinder keine Helikoptereltern brauchen.»)

Besonders ans Herz gewachsen sind mir auch die Mütter und Väter, die den Nachwuchs erst in den höchsten Tönen loben müssen, bevor sie loslassen können. Constanzes Mama hat das besonders gut drauf. «Sorgen Sie bitte dafür, dass sich unsere Tochter nicht langweilt», brieft sie den verblüfften Skilehrer. «Sie fährt äusserst elegant Anker-, Teller- und Sessellift; Tiefschnee- und Buckelpisten meistert sie selbstverständlich auch wie ein Profi.» (Buch: «Jedes Kind ist hochbegabt.»)

Manchmal sind aber die Kinder und nicht die Eltern das Problem. Klara würde viel lieber in der Ferienwohnung mit dem iPad spielen, statt über vereiste Pisten zu rutschen. Sie drückt drei Tränchen heraus und schmiegt sich an den Papi. Da das nicht funktioniert, versucht sie es mit Argumenten. Klappt auch nicht. Letzter Versuch: Wutanfall in voller Lautstärke. Der Vater bleibt erstaunlich gelassen. Ich will ihn schon für den Friedensnobelpreis vorschlagen, als er die grosse Keule auspackt: «Wenn du nicht in den Kurs gehst, dann wird der nette Skilehrer seine Arbeit verlieren.» Und schon pariert das Klärchen. (Hierzu passt der Titel «Schnall dich an, sonst stirbt ein Einhorn».)

Nun könnte der Unterricht eigentlich beginnen, aber Amalia-Sophie fehlt. Zur Erinnerung: Das war das Mädchen, das gestern an einem steilen Hang seine Hightechski in die Ecke warf und im Gucci-Schneeanzug die Piste hinunterrutschte. Da kommt Amalia-Sophie endlich. Die Mutter sagt, es habe etwas gedauert, da sie noch den Familien-Chihuahua («Prince Charles») habe suchen müssen. Aber nun seien sie ja alle drei da und fast parat. Amalia-Sophie stört sich jetzt nur noch am Pelzkragen ihres Overalls … (Buchtipp: «Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn.»)

In Gedanken möchte ich nun jemand anderes für die Friedensmedaille vorschlagen: den sehr jungen, spitzbübisch grinsenden Skilehrer aus Holland. «Und jetzt alle mir naaaaach!», ruft er mit entzückendem Akzent und fährt einfach so los. Die Kinderschar reiht sich problemlos ein und rutscht ihm hinterher. War was? (Literatur dazu: «Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht.»)

(Einige der genannten Buchtitel sind bei ExLibris.ch erhältlich)

Autor: Bettina Leinenbach