Archiv
23. April 2012

Willkommen im Schlaraffenland

Im Norden ragen die Dolomiten majestätisch in den Himmel, im Süden gibt es verführerische Früchte, feine Spezialitäten und Spitzenweine. Das Südtirol ist in vielerlei Hinsicht eine Reise wert. Der Schweizer Markus Frischknecht, Gastronom in Brixen, führt das Migros-Magazin durch seine neue Heimat.

Das Etschtal unweit von St. Lorenzen – idyllische Landschaften und immer wieder kleine Weinberge.

Lyon, Freiburg, Bergamo oder Turin: Weitere Reiseziele für Feinschmecker rund um die Schweiz.

Karte von Südtirol
Karte von Südtirol

Das Südtirol bietet auf kleinem Raum eine einzigartige landschaftliche Vielfalt: Im Norden stehen die Dolomiten, «das schönste Bauwerk der Welt», wie der bekannte Architekt Le Corbusier die Drei Zinnen genannt hat. Zu deren Füssen schlängeln sich Wanderwege durch die hügelige Landschaft, vorbei an saftigen Wiesen, dunklen Wäldern, türkisfarbenen Seen. Bergbäche laden zu wilden Ritten auf Kanus ein. Und je weiter man südwärts kommt, desto fruchtbarer wird das Land. Der Alpenbogen im Norden schirmt vor kalten Winden ab. Gegen Süden öffnet sich das Südtirol den mediterranen Einflüssen von Gardasee und Mittelmeer. Jeder dritte in Europa produzierte Bioapfel stammt aus dem Südtirol. Dank frischer Luft und einheimischer Kräuter schmeckt der luftgetrocknete Speck unvergleichbar. Neben Zypressen wachsen Zitronen- und Olivenbäume. Und in den Weinbergen reifen Trauben heran, die zu den besten Weinen des Landes verarbeitet werden. Kurz: Im Schlaraffenland Südtirol wartet man förmlich darauf, dass ein fertig gebratenes Hühnchen mit Messer und Gabel im Rücken durch die Lüfte fliegt.

Bioprodukte aus der Region und ein Jazzkeller

Dies alles sind Gründe, weshalb sich Markus Frischknecht (45) ins Südtirol verliebt hat. Genauer ins Pustertal, in dessen Herzen das historische Städtchen St. Lorenzen liegt. Als der Schweizer aus St. Gallen wegen eines Jobs ins Südtirol zog, wusste er noch nicht, dass hier in ein paar Jahren sein Traum in Erfüllung gehen wird.

Der St. Galler Markus Frischknecht wanderte zusammen mit Lebenspartnerin Isabel Pinto vor sechs Jahren ins Südtirol aus.
Der St. Galler Markus Frischknecht wanderte zusammen mit Lebenspartnerin Isabel Pinto vor sechs Jahren ins Südtirol aus.

Aber beginnen wir von vorne: Der gelernte Koch zieht 2006 mit seiner Lebenspartnerin Isabel Pinto (45) ins Südtirol. Das Direktionspaar wird das Schlosshotel Sonnenburg führen. Mehr als sechs Jahre lang leiten die beiden das in den 70er-Jahren zum Hotel umgebaute historische Schloss. Neben dem Hotel gehört zum Betrieb eine eigene Bäckerei, ein Weinberg und ein Apothekergarten, in dem mehr als 200 verschiedene Kräuter wachsen.

Doch vor Kurzem haben sich Markus Frischknecht und Isabel Pinto dafür entschieden, vom Schlosshügel hinabzusteigen, um fortan auf Volkes Pfaden zu wandeln — 20 Fahrminuten vom Schlosshotel entfernt. Der Grund: Im malerischen Städtchen Brixen werden sie sich ihren Lebenstraum erfüllen und ab Juni die ersten Gäste im «3 Fiori» bewirten, ihrer eigenen Cafébar mit dazugehörendem Jazzkeller in einem 400-jährigen Haus.

«Wir werden vor allem Bioprodukte aus der Region servieren. Mir und meiner Lebenspartnerin ist Nachhaltigkeit wichtig», sagt Markus Frischknecht. Einheimische Weine gehören selbstverständlich ebenfalls zum Repertoire. Ein Thema, das den Weinliebhaber am Südtirol besonders fasziniert. Denn obwohl es eines der kleinsten Weinanbaugebiete Italiens ist, ist es auch eines der facettenreichsten.

Das Geheimnis der edlen Tropfen direkt vom Winzer erfahren

Grosse Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, eine Durchschnittstemperatur von 18 Grad Celsius während der Wachstumsphase und ausreichend Niederschläge schaffen ideale Voraussetzungen. Alles Zutaten für das Entstehen von Spitzenweinen, was ein Blick in einen der wichtigsten internationalen Weinführer bestätigt: Das Magazin «Gambero Rosso» vergibt an Südtirol seit Jahren die meisten Höchstnoten («Tre Bicchieri») im Verhältnis zur Rebfläche. Wer noch mehr erfahren will, macht eine Rebbergwanderung. Zum Beispiel von Tramin nach San Michele all’Adige. Weinbauern beantworten Fragen. Neben einem wunderbaren Blick von den Rebbergen ins Tal und dem süssen, verführerischen Duft der vielfältigen Flora kommt auch der Gaumen nicht zu kurz: Während der Wanderung hat man immer wieder Gelegenheit, feine Tropfen zu verköstigen.

Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen: Gottfried Hochgruber vom Moarleitnerhof pflegt einen riesigen Schatz an Heilkräutern.
Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen: Gottfried Hochgruber vom Moarleitnerhof pflegt einen riesigen Schatz an Heilkräutern.
Zum Beispiel frische Holunderblüten.
Zum Beispiel frische Holunderblüten.

Für Kräuterliebhaber hat Frischknecht einen besonderen Tipp: Auf dem Moarleitnerhof, einem beliebten Ausflugsziel in St. Lorenzen, zeigt der Kräutergärtner Gottfried Hochgruber, wie man aus Kräutern Salben herstellt. Nach einem Rundgang durch sein grünes Paradies weiss man, was es zum Glücklichsein braucht: ein Stück Land an der richtigen Lage, einige Teiche, die Frösche beherbergen, massenhaft Heilkräuter und ein offenes Herz, das jeden so nimmt, wie er ist. «Am Abend ist nicht wichtig, wie viel man verdient hat, sondern ob man zufrieden ist», findet Gottfried Hochgruber. Der Moarleitnerhof liegt auf dem Jakobsweg, jenem berühmten System von Pilgerwegen, das quer durch Europa nach Santiago de Compostela führt.

Von «Viagra» und anderen Kräutern

Ein Themenweg führt mit kleinen Rätseln, Findlingen oder Lebensweisheiten durch ein wildes Stück Wald hinauf zu Gottfried Hochgrubers ganzem Stolz, dem Kräutergarten. Hier lernen Besucher vom ehemals gestressten Möbelhändler so manches über die heilende Wirkung der Pflanzen. So wirke das chinesische Ziegenkraut wie Viagra oder vertreibe das Mutterkraut Migräne.

Obwohl Markus Frischknecht im Moment mit dem Umbau des «3 Fiori» beschäftigt ist, geniesst er das Leben im Südtirol. «Vieles erinnert mich an die Schweiz», sagt er. Auf kleinstem Raum findet man verschiedenste Landschaften und drei Sprachen: Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung sind deutschsprachig, über ein Viertel spricht Italienisch und knapp vier Prozent Ladinisch.

Zu den Spezialitäten des Südtirols gehört auch geräuchertes und luftgetrocknetes Fleisch.
Zu den Spezialitäten des Südtirols gehört auch geräuchertes und luftgetrocknetes Fleisch.

Wenn es um das typischste aller Tiroler Gerichte geht, wird der Feinschmecker skeptisch: «Knödel gehören nicht zu meinen Lieblingsgerichten. Eher begeistern kann man mich mit der hiesigen Spezialität namens Dirtlan, einer Art Krapfen, die mit Spinat und Frischkäse gefüllt ist.» Wer deftige Gerichte mag, darf keinesfalls das Restaurant Lerchner’s Hofschenke in Runggen bei St. Lorenzen auslassen: Kalbskopf oder Kutteln, probieren muss man unbedingt auch das sogenannte Bauerngröstl. Es besteht aus in Scheiben geschnittenen Kartoffeln, Zwiebeln und weiteren beliebig variierbaren Zutaten. Heutzutage werden auch vielerorts Tiroler Spezialitäten mit italienischen kombiniert, was die Gerichte leichter und raffinierter macht.

Ob deftig oder leicht, ob Wälder oder Weinberge: Das sonnengetränkte Südtirol hält für jeden Besucher wunderbare Köstlichkeiten und herrliche Naturspektakel bereit. Welch ein Glück, ist dieses Schlaraffenland nur ein paar Autostunden von der Schweiz entfernt!

Das sonnengetränkte Südtirol hält für jeden Besucher wunderbare Köstlichkeiten und herrliche Naturspektakel bereit.
Das sonnengetränkte Südtirol hält für jeden Besucher wunderbare Köstlichkeiten und herrliche Naturspektakel bereit.

Autor: Anna Bürgin

Fotograf: Paco Carrascosa