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05. März 2012

Willkommen am Ende der Welt!

In der Antike galt El Hierro als westliches Ende der Welt. Heute finden auf der kleinen Kanarischen Insel Weltenbummler Zuflucht vor dem Massentourismus. Doch auch Naturfreunde werden an El Hierro ihre Freude haben: Im Jahr 2000 wurde die Insel von der Unesco wegen ihrer einzigartigen Natur zum Biosphärenreservat erklärt.

Las Puntas
El Hierro ist keine Badeinsel, bietet aber spektakuläre Küsten wie hier bei Las Puntas.

Die Meldungen über einen möglichen Vulkanausbruch vor El Hierro und mehr als 10 000 leichte Beben seit Juli 2011 haben den Tourismus auf der kleinsten der sieben grossen Kanarischen Inseln fast vollständig zum Erliegen gebracht. Im ohnehin verschlafenen Inselhauptort Valverde mit kaum 1000 Einwohnern sind die Einheimischen unter sich. Das trifft El Hierro im Mark. Zwar lebt die Insel nicht nur vom Tourismus, sondern auch von der Landwirtschaft, der Fischerei und dem Baugewerbe. Doch sind auch diese Zweige vom Fremdenverkehr abhängig. Deshalb macht sich auf der Insel so etwas wie Endzeitstimmung breit. Das letzte Kino wurde schon vor Jahren geschlossen. Vor 1950 zählte man 20'000 Einwohner, heute noch rund die Hälfte.

Ich kenne keine andere Insel mit so wenig Infrastruktur – Ursula Astner

Zum Glück gibt es da ein paar Stehauffrauen, die aus der Schweiz eingewandert sind. Zu diesen gehört Ursula Astner (64), die 1985 die Schweiz verliess — «weil mir das Land zu eng wurde». Nach Mallorca, La Gomera und La Palma zügelte sie 2004 nach El Hierro. Sie hatte in einem Inserat von einer Möglichkeit gelesen, günstig Land zu kaufen. Die Bernerin suchte bewusst etwas Abgelegenes. Das hat sie in Pozo de las Calcosas gefunden, 15 Fahrminuten von Valverde entfernt. Dort hört sie das Rauschen des Winds und die tosende Brandung des Atlantiks. Und manchmal hoppelt ein Hase über die Felder.

Die wenigen Autofahrer grüssen sich

Von Freitag- bis Sonntagabend betreibt Ursula Astner im Erdgeschoss ihres Hauses das unscheinbare Restaurant Guay. An der Wand hängt ein Fassdeckel von Gurten-Bier, was die Berner Wurzeln der Alleinstehenden verrät. Zu ihren Spezialitäten gehören Älplermagronen für 6.50 Euro und die Pizza «Super Guay» mit iberischem Schinken für 8 Euro. Die Preise deuten auf die tiefen Lebenskosten hin: Ein Bier in einer Bar kostet 1.50 Euro, ein Liter Benzin 97 Cents.

Ursula Astner (links) betreibt im Parterre ihres Hauses ein Restaurant.
Ursula Astner (links) betreibt im Parterre ihres Hauses ein Restaurant.

Ursula Astner sagt von sich, sie sei gerne alleine. Allerdings reist sie alle drei Monate in die Schweiz, wo sie mit ihrer landesweit bekannten Scherenschnittkunst auftritt — bis zum Osterwochenende beispielsweise in der Galerie Hüsy bei Zweisimmen BE. Diese Kunstwerke fertigt sie auf El Hierro an. Deshalb möchte sie von Montag bis Mittwoch niemanden sehen. «An einem Scherenschnittbild arbeite ich rund 100 Stunden», begründet sie.

An ihrer neuen Heimat schätzt sie die landschaftliche Vielfalt und die Menschenleere. Die Natur sei hier noch jungfräulich. Sie, die sich auf der Insel mit einem Suzuki-Jeep bewegt, sieht Vorteile in der langen Anreise. «Ich kenne keine andere Insel mit so wenig Infrastruktur. Ich begegnete Madrilenen mit Burn-out-Syndrom. Sie weinten vor Rührung.» Wer hier wandere oder mit dem Mountainbike unterwegs ist, sei begeistert, weil man stundenlang niemanden sieht. Autofahrer würden sich oft begrüssen, so selten sind Begegnungen. Da gerade im gebirgigen Inselinneren der Handyempfang nicht funktioniere, eigne sich die Insel auch für gestresste Manager, die entschleunigen wollen.

Die Zahl der Inselhotels lässt sich an einer Hand abzählen. Das abgelegene Parador am vulkanischen Kieselstrand gehört mit 47 Zimmern zu den grössten Anlagen. Irgendwo in einer Schublade der Inselbehörde schlummert ein Plan, die Zahl der Betten auf 2600 zu erhöhen. Das ist weit von der Realität entfernt, existieren derzeit doch insgesamt nur 300 Hotelbetten sowie Unterkunftsmöglichkeiten in Landhäusern (siehe Kasten). Übernachtungspreise von rund 70 Euro sind eher die Regel als die Ausnahme.

Alle kämpfen, um finanziell zu überleben

«Die Jungen haben hier kaum Zukunft.» Denise Bossart (49), seit elf Jahren auf El Hierro.
«Die Jungen haben hier kaum Zukunft.» Denise Bossart (49), seit elf Jahren auf El Hierro.

Denise Bossart (49) lebt seit gut elf Jahren auf der Insel —nur in Begleitung des Pitbull-Mischlings Emma und des Chow-Chow-Mischlings Lukas. Beide Hunde wurden ausgesetzt. Die Gemüsegärtnerin pflegt Gartenanlagen von Ferienhausbesitzern, putzt Ferienhäuser und führt eine kleine Hundepension. «Um hier zu überleben, muss man mehrere Standbeine haben», sagt die Aargauerin. Ihr gefällt es in den Bergen El Hierros am besten. Die grüne Landschaft erinnert sie ans Emmental. Aber sie gibt unumwunden zu: «Finanziell lebe ich von meinem Ersparten aus der Schweiz. Ich mache mir Gedanken, wie ich im Alter überleben kann.» Alle auf El Hierro würden kämpfen, um finanziell über die Runden zu kommen. «Die Jungen haben hier kaum eine Zukunft», sagt Bossart.

Sie besuchte El Hierro 1994 zum ersten Mal. Im Reisebüro sei sie von der Ruhe auf der Insel gewarnt worden. Es gebe keine Diskotheken, meinte die Reiseberaterin. El Hierro richtet sich an Wanderer, die sich über 2000 Jahre alte Wacholderbäume freuen, den Lorbeerwald von El Fayal, der an eine Szene aus einem Herr-der-Ringe-Filme erinnert, oder den Aussichtspunkt Mirador de La Llania im Inselinnern. Dort türmen sich die Wolken manchmal dicht wie Vorhänge. Innert 20 Minuten kann die Temperatur bei der Fahrt von La Restinga im windgeschützten Süden in die über 1000 Meter hohen Berge von 27 auf 10 Grad fallen.

Stromüberschuss dank Windenergie

Die Kanareninsel mit der felsigen Küste ist keine Baderegion. Am einzigen kleinen Sandstrand im Nordwesten warnen Schilder vor Steinschlaggefahr. Klein ist die Gefahr, auf El Hierro ausgeraubt zu werden: Punkto Kriminalität bekannt ist, dass Einheimische im Zwist mit den Nachbarn Wasserleitungen ansägten und illegal Kartoffeln ausgegraben werden. Die Bauern ernten diese ansonsten dreimal jährlich.

Trotz oder gerade wegen der schwierigen Ausgangslage im westlichsten Fleck Europas setzt die Inselregierung unter dem Titel Plan de Movilidad Sostenible auf grüne Energie, auf ökologische Landwirtschaft, nachhaltige Fischerei, elektrische Autos sowie Öko- und Wissenschaftstouristen. In diesen Tagen wird das rund 64-Millionen-Euro-Projekt einer Windfarmanlage mit 64 Meter hohen Masten abgeschlossen. Jährlich bis zu 11,5 Megawatt leisten diese — und damit mehr als den Stromverbrauch auf der Insel.

Cristina Morales, Kommunikationsverantwortliche des halbstaatlichen Unternehmens Gorona del Viento, das den Windpark betreibt, sagt: «Als Energieselbstversorger und Biosphärenreservat wollen wir ein Vorzeigeprojekt für die ganze Welt sein.» Bis anhin sorgten Dieselmotoren für die Elektrizität. Diese werden nun schrittweise von Windrotoren abgelöst. Dadurch lassen sich jährlich 18'700 Tonnen CO2 einsparen oder zwei Millionen Liter Diesel. Jetzt müssen nur noch die Touristen die geologisch jüngste Kanareninsel entdecken.

Die Recherche wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt in Zürich.

Bananenplantage auf Spaniens grünster Insel.
Bananenplantage auf Spaniens grünster Insel.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Roger Wehrli