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10. Juni 2014

Wild(e)s Brasilien

Während der Fussball-WM besucht unser Reiseredaktor Reto E. Wild einen knappen Monat lang Brasilien. Im Blog berichtet er regelmässig aus São Paulo, Brasilia, Salvador und Rio sowie von der 8000 Kilometer langen Küste des fussballverrückten Landes. Im Fokus stehen kulinarische und touristische Besonderheiten.

Buchtansicht auf Ilha Grande
Buchtansicht auf der malerischen Ilha Grande an der Costa Verde.

Hier finden Sie regelmässig neue Berichte von Reto Wilds Brasilienreise. Verraten Sie unten in einem Kommentar Ihre Reiseerfahrungen zu denselben Orten.

3. Juli (21.30 Uhr): Die Reise zu Wild(e)s Brasilien neigt sich ihrem Ende. In den letzten 25 Tagen habe ich für diesen Blog 2795 Mal den Auslöser meiner Canon EOS 5D Mark II betätigt. Ich habe den Grossstadtdschungel São Paulos ebenso gesehen wie das architektonische Wunderwerk Brasilia, Rio, Salvador, die Costa Verde mit ihren unbekannten Inseln, das Natur- und Tierparadies Pantanal und viel mehr.

Kein Blog über Brasilien, ohne nicht auch das Nationalgetränk Brasiliens zu thematisieren: Guaraná ist so beliebt wie Rivella in der Schweiz. Nur ist es im Geschmack komplett anders: Es handelt sich um ein alkoholfreies Getränk mit Kohlensäure, auf Basis der Guaraná-Beere aus dem Amazonas. So gesehen gilt der Muntermacher (in den meisten Migros-Filialen erhältlich) als natürlicher Energy Drink, der auch als Diätversion mit künstlichem Zucker erhältlich ist.

Bleibt zu hoffen, dass Brasilien am Freitag gegen Kolumbien so erfrischend wie Guaraná Fussball spielt. Dem grössten Land Lateinamerikas würde der Weltmeistertitel guttun. Und die 66-jährige Präsidentin Dilma Rousseff würde wohl in diesem Fall im Herbst wiedergewählt, obschon dieser Tage Autos mit dem Kleber «Fora Dilma» («Dilma raus») herumkurven.

Ich werde dieses faszinierende, riesige Land wieder bereisen. Schliesslich heisst es «Deus é Brasileiro» («Gott ist Brasilianer»). Força Brasil - nos vemos!

3. Juli (15 Uhr): Wer Natur- und Tierliebhaber ist, wird vom Pantanal restlos begeistert sein. Die Fauna- und Flora-Vielfalt ist grösser als im Amazonas, und in der Savanne bekommt man viel mehr Tiere vor die Linse als im Regenwald. Zum Abschluss der Reise habe ich Ameisenbären gesehen, Hunderte von Kaimanen, ebenso viele Capybaras, ein Gürteltier, einen Ozelot, diverse Vogelarten wie Papageien, Aras und Tukane sowie Spuren eines Jaguars. Auf dem Gebiet der Fazenda San Francisco, in einem Nebenfluss des sich schlängelnden Miranda-Flusses, habe ich Piranhas gefischt.

Wie bei den meisten Paradiesen dieser Welt ist auch der Pantanal bedroht: So existiert ein Plan, aus dem Paraguay-Fluss einen Kanal zu machen. Das würde dazu führen, dass der Miranda viel schneller fliesst und nicht mehr alle Gebiete des Pantanal überflutet werden. Ausserdem werden im Pantanal illegal Bäume gefällt, um das Land für Sojaplantagen herzurichten. Im Norden wird nach Gold gesucht, und noch immer wird illegal gejagt. Wenigstens sind die Gesetze in Brasilien viel schärfer als noch vor 15 Jahren. Trotzdem steht der Pantal vor einer ungewissen Zukunft.

1. Juli (7-17 Uhr): Inzwischen habe ich Quartier in der Fazenda San Francisco bezogen. Sie befindet sich rund drei Stunden von Campo Grande entfernt, der Hauptstadt des Staats Mato Grosso do Sul - im südlichen Teil des Pantanal. 36 Kilometer sind es bis nach Miranda, dem einzigen grösseren Ort in der Gegend. Die Fazenda (Hacienda auf portugiesisch) ist ein Bauernbetrieb, der gleichzeitig Geld mit Tourismus verdient. Es lohnt sich, mindestens drei Nächte einzuplanen. Täglich werden mehrere Safaris angeboten. Die Tage sind lang: Frühstück gibt es um 7 Uhr, um 20 Uhr wird zur Nachtsafari im offenen Jeep aufgerufen.

Es sei nochmals erinnert: Der Pantanal ist gegen 200 000 Quadratkilometer gross, wobei rund die Hälfte der Fläche Grasland für Weidevieh ist. Juni/Juli ist eine gute Reisezeit, weil es hier Winter und trocken ist, die Trockenzeit eben erst angefangen hat. Winter heisst: Nachts wird es 14 Grad, tagsüber gegen 30 Grad. Ende Februar, zum Höhepunkt der Niederschläge, werden bis zu 70 Prozent der gesamten Fläche überschwemmt, was diese Landschaft mit der grössten Konzentration von Pflanzen- und Tierarten ganz Nord- und Südamerikas so einmalig macht. Gegen drei Millionen Kaimane tummeln sich in diesem Feuchtgebiet. Auf ihrem Speiseplan stehen Capybaras (Wasserschweine).
Kapuzineraffen, Wildschweine, Rehe, Füchse, Gürteltiere, Tapire, Ozelote, Pumas, Otter, Jaguare und unzählige Vogelarten sind ebenfalls im Pantanal beheimatet.

Ein Nachtrag zum Spiel Schweiz-Argentinien: Die Brasilianer haben die Nati frenetisch angefeuert. Praktisch alle Brasilianer im Stadion waren für die Schweiz. Wie erwähnt: Nicht weil unser Land so beliebt ist, sondern weil Argentinien gehasst wird... Das Trikot der Nati tragend, bekam ich für das Spiel spontan Komplimente. Sie seien so traurig für die Schweiz, waren die tröstenden Worte.

30. Juni (17.15 Uhr): Campo Grande ist zusammen mit Cuiabá Ausgangspunkt zum Entdecken des Pantanals. Es ist eines der grössten Binnenland-Feuchtgebiete der Welt, ein Netzwerk aus Sümpfen und Flüssen, Tropenwäldern und Savannen - so gross wie die Schweiz und Österreich zusammen. Diese Wasserwelt des Pantanal zeichnet sich durch Artenreichtum aus und ist Heimat von Riesenottern, Kaimanen und unzähligen Vogelarten. Und man findet hier die grösste Raubkatze Südamerikas: den Jaguar. Kein anderer Landesteil passt also besser zum Namen dieses Blogs «Wild(e)s Brasilien»...
Die Flugzeit von São Paulo nach Campo Grande beträgt 90 Minuten, die Zeitdifferenz eine Stunde. Drei Stunden dauert die Fahrt zum Provinzort Miranda, der sich rund 200 Kilometer von der bolivianischen Grenze entfernt befindet. Auch nach Paraguay ist es nicht mehr weit. Unterwegs sehe ich einen Ameisenbär, der zwischen weidenden Kühen trottet. Grün gefederte Papageien fliegen über mir, und abends um 17.15 Uhr werde ich mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt.

Auf einer ersten Nachtsafari sehe ich weitere Ameisenbäre (sie sind eigentlich nur nachtaktiv), Caipibaras (Wasserschweine), Wölfe, Eulen und die funkelnden Augen der Kaimane.

Blick aus dem Flugzeug auf Sao Paulo
Blick aus dem Flugzeug auf Sao Paulo.
Der Ibirapuera-Park
Riesige Grünfläche fast in der Bildmitte: Der Ibirapuera-Park

30. Juni (13 Uhr): Die Costa Verde, die Küste zwischen São Paulo und Rio, ist für mich die Entdeckung dieser Reise. Es sind fast nur brasilianische Touristen, welche die Schönheit dieser Gegend mit unberührten Buchten und Inseln kennen. Zudem beginnt die Hochsaison frühestens im Oktober.
Ich reise weiter in den Westen Brasiliens. Dazu fliege ich von São Paulo nach Campo Grande.
Nach dem Start der Maschine sehe ich nochmals die riesigen Ausmasse der grössten Stadt Brasiliens, wo heute die Schweizer Nati spielt. Über dem Wolken soll man ja dem Himmel besonders nah sein. Die Grünfläche mit dem See, die auf dem zweiten Bild (rechts) auffällt, ist übrigens der Ibirapuera-Park. Hier oben bietet sich also Gelegenheit, um göttliche Unterstützung für das Spiel gegen Argentinien zu erbeten.
Die terrestrischen Kräfte hat die Schweiz auf sicher: Die überwiegende Mehrheit der Brasilianer wird für «Suiça» klatschen, weil das Nachbarland im Süden unbeliebt ist. Im Stadion selbst dürften die argentinischen Fans jedoch in der Überzahl sein, denn unglaublich viele Argentinier sind nach Brasilien gereist (die Mehrheit campiert in ihren alten Autos oder hat beispielsweise an der Copacabana im Schlafsack übernachtet). Hopp Schwiiz!

29. Juni (17 Uhr): Wer nach Paraty reist, sollte mindestens drei, vier Tage Zeit haben. Die Strände im Ort sind weniger berauschend (Paraty selbst ist eine Augenweide). Dafür verschlägt es einem den Atem, wenn man die Paraty vorgelagerten Inseln und die Küste bei Trindade besucht. Diese befindet sich rund 30 Kilometer westlich von Paraty. Kurz vor Trindade muss man eine steile Strasse über einen Hügelzug des atlantischen Regenwalds hoch- und dann ebenso steil wieder herunterfahren. Und dann warten mehrere Buchten mit Stränden. In der ersten Bucht tummeln sich die Wellenreiter, weil die Brandung sehr gross ist. Hier zu schwimmen ist reiner Selbstmord.

Die Schwimmer sollten 20 Minuten bis zum Ende der Bucht spazieren. Dort zeigt sich das Meer ruhig, stehen ein paar Strandbeizli, die frischen Fisch und kaltes Bier offerieren. Dazwischen liegen riesige Steine vulkanischen Ursprungs. Dieser Ort, hart an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Rio de Janeiro und São Paulo, ist vom ausländischen Tourismus noch weitgehend unentdeckt geblieben - ein echter Geheimtipp!
Der brasilianische Winter mit Tagestemperaturen zwischen 25 und 30 Grad Celsius hat nur einen Nachteil: Nach 17.30 Uhr wird es bereits dunkel. Die Tage sind viel zu kurz.

Im Restaurant «Banana da Terra»
Im Restaurant «Banana da Terra».
Das Tintenfisch-Gericht
Das Tintenfisch-Gericht.

28. Juni (20 Uhr): Das beste Restaurant von Paraty heisst «Banana da Terra» und befindet sich im historischen Zentrum (Rua Dr. Samuel Costa 198). Eine Reservation ist wie praktisch bei allen Lokalen im Ort nicht nötig. Im Voraus muss man nur die Unterkünfte während der von Oktober bis Februar dauernden Hochsaison reservieren. Speziell am Restaurant: Man schaut den Köchen bei ihrem Handwerk zu.
Ich habe mich für einen Gang mit Tintenfisch an einer weissen Sauce mit Cherry-Tomaten, Oliven und Kapern entschieden, der auf Kartoffelpüree serviert wird. Ebenfalls empfehlenswert ist eine Art Gratin aus Fisch mit Garnelen, Kokosnussauce, Ingwer, Ananas und schwarzem Pfeffer. Der Gratin wird in einer gusseisernen Pfanne gereicht. Die Hauptgänge kosten jeweils 30 Franken, womit das stimmige Lokal das teuerste von Paraty ist. Nur lohnt es sich, diese Gourmetküche auf brasilianische Art zu geniessen.
Zur Einstimmung wird eine lange Liste mit Caipirinha-Kreationen gereicht. Saúde e Bom apetite!

Alte Gasse von Paraty mit den traditionellen Plastersteinen
Alte Gasse von Paraty mit den traditionellen Plastersteinen.

28. Juni (17.30 Uhr): Wenn es einen Titel für das schönste Städtchen Brasiliens gibt, dann hat Paraty diesen verdient. Vier bis fünf Autostunden östlich von São Paulo entfernt, begeistert der Ort mit seinen gut 30'000 Einwohnern durch seine koloniale Architektur, unzählige Restaurants, Bars und Läden.

Am kleinen Hafen von Paraty
Am kleinen Hafen von Paraty.
Eine Kneipe in Paraty am späten Abend
Eine Kneipe in Paraty am späten Abend.

Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Strassen sind ungepflastert. Man wandert über Steinbrocken aus Europa, denn die Portugiesen reisten im Mittelalter mit leeren Schiffen an und füllten diese in Paraty mit Gold, Edelsteinen und -hölzern. Der Bauch der leeren Schiffe musste auf der Reise nach Brasilien mit Steinen erschwert werden, um so die lange Reise über den Atlantik besser zu bewältigen.
Paraty hat unglaublich viel Charme. Die Pousada Pontal Gardens eignet sich als Unterkunft, weil sie sich 10 Fussminuten vom historischen Zentrum befindet und somit ruhig und trotzdem zentral gelegen ist. Die Pension mit nur sechs Zimmern wurde im November 2013 eröffnet und ist sehr gut geführt. Zimmer gibt es ab 320 Real oder 130 Franken inklusive Frühstück mit selbst gemachtem Brot und Kuchen.

28. Juni (13 Uhr): Die Strasse zwischen Angra dos Reis und Paraty, Teil der Costa Verde, ist vor dem Anpfiff des WM-Achtelfinals Brasilien-Chile leergefegt. Fast alle Brasilianer sitzen irgendwo vor einem TV-Gerät. Wie immer, wenn die Seleçao spielt, hört man Böllerschüsse und Feuerwerke - bereits vor dem Anpfiff.
Damit auch ich das Spiel nicht verpasse, biege ich in das kleine Dorf Tarituba ab, das sich am Meer und rund 300 Kilometer von São Paulo befindet. Die Einwohner haben sich im Beizli Recanto dos Caiçaras versammelt, wo ein Fernsehschirm aufgestellt wurde. Das Bier muss bereits am späteren Vormittag reichlich geflossen sein, die Stimmung ist sehr angeheitert. Zum Essen gibt es Salat, grillierten Fisch und Meeresfrüchte. Es sind vor allem die Frauen, die bei jeder brenzligen Szene laut schreien. Nach dem Penaltyschiessen mit dem glücklichen Ende für die Brasilianer liegen sich alle in den Armen. Nun bleibt genügend Zeit, den Rausch auszuschlafen...


27. Juni (19 Uhr): Ich habe das Paradies gefunden! Nach den Aufenthalten in den bevölkerungsreichsten brasilianischen Metropolen wie Sâo Paulo, Rio und Salvador ist die Costa Verde das richtige Kontrastprogramm. Der Küstenabschnitt zwischen Rio und Sâo Paulo ist 500 Kilometer lang. Angra dos Reis befindet sich 160 Kilometer westlich von Rio und entpuppt sich als idealer Ausgangspunkt zum Entdecken der vielen vorgelagerten Inseln.

Traumhaft präsentiert sich die Ilha Grande. Man erreicht sie ab Angra dos Reis (Abfahrten vom Hafen Santa Luzia) mit einem Schnellboot in gut 30 Minuten und bezahlt dafür pro Weg 40 Real oder gut 15 Franken. Mit einem einfachen Boot dauert die Überfahrt 90 Minuten, was für 25 Real zu haben ist. Abraâo heisst der kleine Ort, wo die meisten Boote und Schiffe auf der Insel ankommen. Hier gibt es eine kleine Zahl von Restaurants, Bars, Läden und Unterkünften.

Die Ilha Grande hat unzählige verträumte Buchten mit Traumstränden (der schönste heisst Lopes Mendes), gesäumt von Kokospalmen sowie Lagunen (wunderschön ist die Lagoa Azul), Wasserfällen und Wanderwegen. Der spektakulärste Weg führt zum Pico de Papagaio, der immerhin 980 Meter hoch ist und wegen seiner speziellen Felsformation so heisst. Die 193 Quadratkilometer grosse Insel (etwas grösser als Appenzell-Innerrhoden) ist mit dichtem atlantischem Regenwald (Mata Atlântica) bewachsen und Heimat von Brüllaffen, Papageien, Wasserschildkröten und Schlangen. Auf der Insel gibt es keine Autos (mit Ausnahme eines Polizeifahrzeugs). Man verkehrt mit Taxibooten.
Am Wochenende hat es mehr Besucher auf Ilha Grande, die auch als zweites Wunder von Rio gennant wird. Tipp: Unbedingt zwei, drei Tage auf der Insel verweilen. Sie gehört zu den schönsten der Welt! Und hier sind die Preise noch so, wie sie einst in Brasilien waren: Einen Caipirinha gibt es für 5 Real, die Übernachtung in der Pousada Solar da Praia kostet 170 Real oder weniger als 70 Franken!

26. Juni (17 Uhr): Es ist nicht einfach, eine so schöne Stadt wie Rio de Janeiro verlassen zu müssen, nur weil es der Reiseplan so will. Nun, die nächste Destination heisst Angra dos Reis, westlich von Rio gelegen. Die Stadt mit den über 160 000 Einwohner befindet sich an der Costa Verde, die nicht mal in Brasilien überall bekannt ist. So nennt sich der Küstenabschnitt zwischen Rio und Saō Paulo. Er begeistert vor allem durch seine unzähligen Inseln, die der Küste vorgelagert sind. Hier sieht man mehrheitlich brasilianische Touristen. Die Landschaft ist schlicht traumhaft.
Gemäss einem chinesischen Sprichwort sagt ein Bild mehr als 1000 Worte. Also!

Der edle zwölfjährige Vale-Verde-Cachaça
Der edle zwölfjährige Vale-Verde-Cachaça im Laden Armazém 331.

25. Juni (22 Uhr): Wie feiert man den Vorstoss der Schweizer ins Achtelfinale landestypisch? Richtig: mit einem Glas Cachaça. So heisst der brasilianische Zuckerrohrsaft und Bestandteil des Caipirinha.
An der Avenida Armazém 331 in der Nähe des legendären Copacabana Palace Hotels von Rio befindet sich der Laden Armazém 331 mit einer Auswahl von über 150 verschiedenen Cachaças. Die teuerste Flasche, die zwölf Jahre im Fass lagerte, kostet 410 Real oder gegen 200 Franken. Sie heisst Vale Verde. Beim Discounter gibt es Cachaças schon ab 10 Real... Nur sind die Qualitätsunterschiede immens.
Ein kleiner Ratschlag: Wer Cachaça nur kaufen möchte, um zuhause einen Caipirinha zu mixen, sollte einen Klaren kaufen; das Destillat muss nicht im Fass alt geworden sein. Und wer unschlüssig ist, kann mehrere Flaschen degustieren. Saúde und hopp Schwiiz!

Unterwegs zur Fanmeile
Unterwegs zur Fanmeile an der Copacabana.
Die Zuschauer vor einem der grossen Bildschirme
Die Zuschauer vor einem der grossen Bildschirme.
Die Konzentration ist auch unter den neutralen Fans hoch
Die Konzentration ist auch unter den neutralen Fans hoch.

25. Juni (15-19 Uhr): Die Schweizer spielen in Manaus, ich unterstütze sie von Rio aus, weil die Inlandflüge nach Manaus mindestens 700 Franken gekostet hätten. Rio beherbergt das von der Lage her wohl am schönsten gelegene «Fifa Fan Fest»: Es befindet sich direkt an der Copacabana. Allein der Fussmarsch zum Fest entlang des weltberühmten Strands ist ein Erlebnis.
Das brasilianische Fernsehen überträgt nur Frankreich-Ecuador und teilt den Spielstand Schweiz-Honduras ohne Bilder mit. Auf dem Festgelände hat es Tausende Fussballfans. Die meisten sind Brasilianer, ein paar wenige Ecuadorianer, Franzosen und Schweizer. Die Mehrheit der französischen Fans schauen sich «Les Bleus» live im Maracanā-Stadion von Rio an.
Die Stimmung auf dem Festgelände ist fast wie in einem Fussballstadion. Nur ist man umgeben von Sand, Palmen und den Wellen des Atlantiks. Von der Bühne aus wird das Publikum mächtig angeheizt - mit fetzigen Liedern und einem überdimensionierten Fussball, der durch die Luft fliegt.

25. Juni (12 Uhr): Das Herz von Rios Stadtteil Santa Teresa bildet die Rua Almirante Alexandrino 432. An dieser kurvigen Strasse mit wenig Verkehr (wo einst das klapprige Tram durchfuhr, wird derzeit der Asphalt aufgerissen), befindet sich das zu Relais & Châteaux gehörende Fünf-Sterne-Hotel Santa Teresa, das sich als Oase der Ruhe entpuppt. Nur sind Rios Strände von diesem 40-Zimmer-Hotel mindestens 20 Fahrminuten entfernt.

Die Rua Almirante Alexandrino ist voll von Läden mit Kunsthandwerk, Bars und Restaurants. Im Sobrenatural (Almirante Alexandrino Nummer 432) besteht die Speisekarte hauptsächlich aus Fisch und Meeresfrüchten. Wunderbar gemundet haben Krabbenfleisch, ein Salat mit Mango und Palmitos (vom Stamm und Blättern der Palme) und Hummer. Das alles gibt es in diesem charmanten Lokal für gut 60 Franken. Fazit: Hummer ist der beste Koch!

25. Juni (9 Uhr): Es lohnt sich, am Morgen von der Copacabana zur Bucht von Botafogo zu fahren, denn von dort sieht man die Rückseite des Zuckerhuts im Sonnenschein. Obwohl es Winter ist, zeigt das Thermometer heute gegen 30 Grad an, Einheimische spielen im Sand Fussball und haben dazu sogar einen Hobby-Schiedsrichter aufgeboten, der mit seiner Trillerpfeife für Ordnung auf dem Sand sorgt. Für Fussgänger, Jogger und Velofahrer existiert ein spezieller Weg, der bis zum Stadtteil Flamengo führt. Auf diesem Spaziergang erlebt man die ganze Schönheit von Rio - und Flugzeuge, die zum Landeanflug ansetzen. Auf der gegenüberliegenden Seite wacht die Christus-Statue auf dem Corcovado.

Fussball an Rios Strand
Fussball an Rios Strand.
Joggen ist ebenso beliebt
Joggen ist ebenso beliebt.

Am Fuss des Corcovado befindet sich das Künstlerviertel Santa Teresa, das sich wie ein vergessener Stadtteil von Lissabon präsentiert. Bis 2011 fuhr ein klappriges, gelbes Tram durch Santa Teresa. Doch nach einem Unfall mit Toten wurde das «Bondinho» wortwörtlich aus dem Verkehr gezogen. Vom Mirante Dona Marta hat man eine gewaltige Aussicht auf Rio, den Corcovado, Rios Lagune, Stadtteile und Favelas. Der Ort ist gleichzeitig Startpunkt für Helikopterrundflüge (7 Minuten kosten gegen 100 Franken pro Person).

Ausflügler auf dem Heli-Landeplatz
Ausflügler auf dem Heli-Landeplatz.
Die Aussicht auf Rios Zentrum
Die Aussicht auf Rios Zentrum.


24. Juni (20 Uhr): Zum Glück findet die Fussball-WM in Südamerika statt, denn in den europäischen Medien steht der Kontinent immer ein wenig im Schatten von Asien. Eine Zwischenbilanz nach über 14 Tagen intensives Bereisen Brasiliens: Das Chaos während der Fussball-WM ist ausgeblieben. Das Gastgeberland zeigt sich gut organisiert, die Einheimischen sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, wobei Englisch- und Spanischkenntnisse nicht immer ausreichen, um ans Ziel zu kommen. Manchmal braucht es ganz einfach ein paar Brocken Portugiesisch. Insgesamt zeigt sich Brasilien nach wie vor als faszinierendes und abwechslungsreiches Reiseland mit Einflüssen aus Afrika (Sklaverei!) und Portugal, die bis zum Essen im Alltag reichen.

Die Polizei ist in Salvadors Altstadt präsent
Die Polizei ist in Salvadors Altstadt präsent.

Brasilianer sind im allgemeinen verspielt (nicht nur auf dem Fussballplatz) und lebensfroh. Was nicht dazu passt: Sie können auch zu Paragraphenreitern mutieren. Bei Behördengängen oder auch nur beim Check-in im Hotel darf man keine Spur Flexibilität erwarten. Vorschrift ist Vorschrift. Möglicherweise ist dieses Denkmuster eine Folge der Militärdiktatur, die immerhin von 1964 bis 1985 dauerte.

Zur vorbildlichen Gastgeberrolle gehört, dass dank einem enormen Polizeiaufgebot auch in als gefährlich verschrieenen Grossstädten wie São Paulo, Rio oder Salvador die Sicherheit stark erhöht wurde. Wie nachhaltig das ist, zeigt sich erst nach den Weltmeisterschaften.

Nicht nur wegen der WM ist Brasilien ein teures Reiseland geworden. In den Städten bezahlt man für eine 20-minütige Taxifahrt schnell über 20 Franken. Für ein Abendessen zu zweit muss man in einem netten Restaurant 100 Franken hinblättern (ohne Wein). Und das bei einem Mindestlohn von umgerechnet nur 250 Franken pro Monat. Man sollte sich das vergenwärtigen: In São Paulo fliegen die Reichen zum Einkaufen mit dem Helikopter (um so den Verkehrsstaus auszuweichen), während in der gleichen Stadt Menschen unter den Brücken schlafen. Die riesigen Unterschiede zwischen Arm und Reich dürften im Vorfeld der Wahlen in diesem Herbst zu weiteren Protesten und allenfalls Streiks führen. Vom Aufstieg Brasiliens zur Wirtschaftsmacht haben nur ein paar Wenige profitiert; die Mittelschicht, wie wir sie (noch) in der Schweiz kennen, ist hier sehr dünn.

Ebenso die Militärpolizei ist allgegenwärtig.
Ebenso die Militärpolizei ist allgegenwärtig.

In weniger als 24 Stunden tritt nun also die Nati zum dritten Mal an. Sie ist in den brasilianischen Medien höchstens eine Randnotiz wert. Sollte sich die Schweizer Fussballmannschaft dann aber doch noch für die letzten 16 Mannschaften qualifizieren, droht Argentinien als Gegner. Das Land ist Erzfeind der Brasilianer. Dann dürften die Schweizer fast vom ganzen Land unterstützt werden, der Match stünde im Rampenlicht.

Hier ein paar Details, die man von Brasilien und seinen Einwohnern nicht unbedingt erwartet hätte:

1. Die meisten Brasilianerinnen und Brasilianer können den Samba-Grundschritt nicht tanzen.
2. Rocinha im Süden von Rio gilt mit rund 250 000 Einwohnern als grösste Favela Brasiliens.
3. Während der WM gilt jeder Tag, an dem die brasilianische Fussballmannschaft spielt, im Austragungsort als Feiertag. Landesweit schliessen viele Geschäfte mehrere Stunden vor Spielbeginn.
4. Die Praia do Cassino ist mit 245 Kilometern der längste Strand der Welt und befindet sich in Rio Grande, im Süden von Brasilien, wo derzeit die kühlsten Temperaturen gemessen werden.
5. Brasilianische Frauen haben weltweit die meisten Po-Implantate eingesetzt.
6. Die brasilianische Fussballmannschaft ist das einzige Team, das an jeder Fussball-WM teilgenommen hat. Aus 19 WM-Qualifikationen resultierten fünf Weltmeistertitel (1958, 1962, 1970, 1994 und 2002), was ebenfalls ein Rekord ist. Und noch zwei brasilianische Fussballrekorde: Ronaldo erzielte bei seinen drei Teilnahmen 1994, 1998 und 2002 insgesamt 15 Tore (Miroslav Klose am 22. Juni 2014 ebenfalls sein 15. Tor), Pelé mit 1958, 1962 und 1970 am meisten Titel als Spieler.

23. Juni (15-22 Uhr): So fussballverrückt ist nur Brasilien: Das Spiel der Seleçao wird um 17 Uhr angepfiffen, aber die meisten Läden in Rio schliessen deswegen schon um 14 Uhr. Zwei Stunden vor Spielbeginn herrscht in der Stadt ein Verkehrschaos sondergleichen. Ich will den Botanischen Garten besuchen und benötige für ein paar Kilometer mit dem Stadtbus über eine Stunde. Sämtliche Cariocas, wie die Einwohner von Rio genannt werden, scheinen unterwegs zu einem grossen Bildschirm zu sein. Und wer Dienst tun muss, hat sich ein kleines TV-Gerät besorgt, um ja nichts vom Spiel Brasilien-Kamerun zu verpassen. Bereits vor dem Beginn werden Feuerwerke entfacht, Böllerschüsse fallen.

Um 17 Uhr sind dann die Strassen wie leergefegt. Taxifahrer verfolgen das Spiel entweder am Radio oder auf einem kleinen Bildschirm im Auto. Fussballmuffel haben es in diesen Stunden schwer, denn alles spricht von der WM.

Nach dem deutlichen Sieg der Brasilianer wird in den Strassen gefeiert - mit lauter Samba-Musik, Caipirinha und erneut Knallkörpern. Ein offizielles Fifa-Fanfest findet an der Copacabana statt, wo sich Supporter aus aller Welt in den Armen liegen.

Es lohnt sich jedoch, einen Taxi in die Altstadt zu nehmen, genauer zum Stadtteil Lapa. Die dortige Rua do Lavrádio wurde zur Fussgängerzone umfunktioniert, mit Bars an Bars, Restaurants an Restaurants und TV-Schirmen an TV-Schirmen. Überall lachende und tanzende Menschen, da und dort küsst sich ein Paar hemmungslos, dazwischen werden von mobilen Ständen Caipirinhas und andere Drinks verkauft. Polizisten patrouillieren auch hier dezent im Hintergrund.

Im Restaurant Mangue Seco (Rua do Lavrádio 23) stehen über 100 Sorten Zuckerrohrschnaps (Cachaça) zur Auswahl, weshalb sich dieses populäre Lokal auch «Cachaçaria» nennt. Boden setzt man mit Moquecas oder «bobó de camarão e petiscos.» Das Epizentrum des vibrierenden Nachtlebens befindet sich ein paar Fussminuten von der Lavrádio entfernt, dort, wo sie sich mit der Avenida Mem de Sá kreuzt.

Für die 15-minütige Fahrt zurück zur Copacabana bezahlt man rund 25 Real oder 10 Franken. Nach dem Eindunkeln sollte man nicht mehr mit den öffentlichen Bussen durch die Altstadt fahren, trotz Polizeipräsenz in den Strassen. Boa noite Brasil, bom dia Suiça!

23. Juni (9 Uhr): Um die ganze Schönheit von Rio zu erfassen, sollte man als erstes den Hausberg Corcovado (auf deutsch: der Bucklige) hochfahren. Das ist dieser Tage gar nicht so einfach, denn die Bergbahn ist Tage im Voraus ausgebucht, ein Taxi von der Copacabana aus sündhaft teuer. Die Alternative: Für 51 Real oder gut 20 Franken fahren Mini-Vans vom berühmten Strand den über 700 Meter hohen Hügel mit der bekannten Christusstatue hoch. Im Preis inklusive ist die Rückfahrt sowie der Eintritt in den Tijuca-Nationalpark (7 Prozent der Fläche von Rio besteht aus Wald).

Es lohnt sich, spätestens um 8 Uhr aus dem Hotel zu gehen. Bis man den Berg erreicht, vergeht rund eine Stunde. Wer später loszieht, kommt in Verkehrsstaus, wartet auf dem Corcovado in endlosen Schlangen und muss erst noch mit schlechterer Sicht rechnen. Um 9 Uhr ist die Sicht auf die Bucht von Flamengo mit dem Zuckerhut, die Copacabana, das Maracanã-Fussballstadion und die Lagune schlicht grandios.

22. Juni (10 Uhr): Keine Frage: Rio gehört rein optisch trotz den Armensiedlungen zu den attraktivsten Städten der Welt. Immer wieder werden Postkartenaufnahmen von der Copacabana gezeigt. Doch es gibt auch die andere Seite der Stadt, wo sich der Alltag der Einheimischen abspielt. Beispielsweise im Stadtteil Centro: Hier sind diverse historische Bauten wie Gotteshäuser, die Oper oder die Nationalbibliothek zu bestaunen - alles rund um die Avenida Rio Branco. Um nach Centro zu gelangen, fährt man von der Copacabana mit dem Taxi via den Stadtteil Flamengo und den Flamengo-Park, der sonntags von Joggern und Bikern eingenommen wird. Im Hintergrund breitet sich die Bucht und der Zuckerhut aus. Was für ein Ausblick!

In der Nähe der Avenida Rio Branco befindet sich das Benediktinerkloster Mosteiro de São Bento. In der Barockkirche von 1590, die derzeit unter Renovation steht, findet sonntags um 10 Uhr eine Messe mit gregorianischen Gesängen statt. Das weiss offenbar auch der belgische König, der mit seiner Frau (er im Anzug mit Krawatte, sie im orange-roten Zweiteiler) der Messe beiwohnt. Die Bänke sind bis auf den letzten Platz belegt, beim Eingang und zur Seite müssen die Gläubigen stehen. So populär sind die katholischen Kirchen in der Schweiz nur zu Weihnachten oder Ostern.

Vor der Kirche steht das Auto, mit dem der König und seine Frau zum Gotteshaus gefahren wurden. Dahinter befinden sich mindestens ein halbes Dutzend Motorräder, die zum Begleitschutz aufgeboten wurden. Auch in der Altstadt patrouilliert die Polizei praktisch an jeder Ecke, um für die Sicherheit der Touristen zu sorgen. Die Brasilianer scheuen keinen Aufwand. Für die Präsidentin Dilma Roussef ist diese WM enorm wichtig, denn im Herbst sind Wahlen. Sie kann sich keine weiteren negativen Schlagzeilen leisten.

Der König wurde nach der Messe bestimmt ins weltbekannte Maracaná-Stadion gefahren. Denn zwei Stunden nach der Messe erfolgt dort der Anpfiff zum Spiel Belgien-Russland. Ob er für die ausgerechnet Rote Teufel genannte belgische Mannschaft gebetet hat?

21. Juni (15 Uhr): Während der WM müsse man mit chaotischen Zuständen auf den brasilianischen Flughäfen rechnen. Muss man nicht! Die Warteschlange vor den Check-in-Schaltern der Fluggesellschaft Gol für den Flug Salvador-Rio de Janeiro ist zwar tatsächlich lang, und bis man an die Reihe kommt, dauert es eine halbe Stunde. Nur ist das beispielsweise in den USA Alltag. Ansonsten sind die Flughäfen bestens organisiert. Hinweisschilder sind gut angebracht, überall stehen Freiwillige, die einem freundlich weiterhelfen. Die Sicherheitskontrolle in Salvador ist für den Inlandflug in fünf Minuten geschafft.

Gol setzt auf den Inlandflügen auf modernste Maschinen des Typs Boeing 737-800.
Gol setzt auf den Inlandflügen auf modernste Maschinen des Typs Boeing 737-800.

Es sei hier nochmals erwähnt: Wer innerhalb Brasiliens fliegt, sollte die Billigfluggesellschaft Gol der weniger zuverlässigen TAM vorziehen. Gol setzt auf den Inlandflügen oft modernste Maschinen des Typs Boeing 737-800 ein. Der Sitzabstand ist grösser als bei TAM, was für bloggende Passagiere mit Laptop ein wesentlicher Vorteil ist. Praktisch sämtliche Inlandflüge sind während der WM bis auf den letzten Platz ausgebucht. Bei Gol erhält man kostenlos ein Wasser, bei TAM gibt es zum Wasser noch zusätzlich Salziges oder Süsses - beides ist ohnehin ungesund.

In Rio, auf dem internationalen Flughafen Galeão, taucht mein Koffer nach 30 Minuten auf dem Förderband auf. Das ist zwar nicht gerade Weltrekord, aber internationaler Standard. In Madrid wartete ich schon mehrmals doppelt so lange, bis ich mein Gepäck hatte.

Restaurant Coco Bahia in Salvador
Restaurant Coco Bahia in Salvador.

20. Juni (20 Uhr): Das Restaurant Coco Bahia in Salvador (Avenida Professor Magalhães Neto 1273, Stadtteil Pituba, ) ist zum Bersten voll, obwohl es weit über 100 Personen fasst und das auf zwei Stockwerken. Es ist stadtbekannt für seine regionaltypische Küche und eine Weinliste mit über 300 Positionen (Bier gibt es auch in rauen Mengen).

Unbedingt probieren: Moqueca, ein Eintopf mit Fisch und Garnelen.
Unbedingt probieren: Moqueca, ein Eintopf mit Fisch und Garnelen.

Man darf sich von den Pizzen, die ebenfalls im Angebot stehen, nicht abschrecken lassen: Das Coco Bahia ist trotz diverser TV-Bildschirme keine Touristenfalle. Die Mehrheit der Gäste sind Einheimische und an diesem Abend auch ein paar feiernde Franzosen... Unbedingt bestellen sollte man den Eintopf Moqueca mit Fisch und Garnelen (Camarão auf Portugiesisch). Nirgendwo wird er so köstlich zubereitet wie hier. Dazu gehört Reis und Pirão (eine Art Maniokfischsauce). Zum Auftakt empfiehlt sich ein Caipirinha, der umgerechnet fünf Franken kostet. Bom Apetite!.

20. Juni (18 Uhr): Erstmals sehe ich an dieser WM eine Demonstration: «ELES FAZEM A FESTA E O POVO PAGA A CONTA», steht auf einem Transparent unterhalb der Altstadt von Salvador in der Nähe des Touristenmarkts Mercado Modelo geschrieben («Sie feiern Party, und das Volk bezahlt die Zeche»). Gleich daneben wird ein Plakat ausgerollt: «Fifa go home». Es ist kein Zufall, dass diese Demonstration mit höchstens 50 Leuten ausgerechnet in Salvador stattfindet: Hier sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich besonders augenfällig. Nur ein Beispiel: Ein paar 100 Meter vom stadtbekannten Elevador Lacerda, der zur Altstadt hochfährt, befindet sich das empfehlenswerte, aber für lokale Verhältnisse teure Restaurant Amado (Av. Contorno 660, www.amadobahia.com.br ). Der Risotto ist so gut wie in Italien, der Fisch kreativ zubereitet. Ein Hauptgang kostet rund 55 Real oder 22 Franken. Es hat fast mehr Kellner als Gäste, denn die meisten Einheimischen können sich ein solches Lokal schlicht nicht leisten. Weitere kaum 400 Meter vom Amado entfernt, befindet sich eine Armensiedlung, die bekannt für ihre vielen Drogenabhängigen ist. Die dortigen Einwohner haben schlicht keine Perspektive.

Trotzdem ist Salvador wahrscheinlich nie mehr so sicher wie während dieser WM. Das Aufgebot an Polizisten und Militärpolizei ist beeindruckend, wobei die Lokalpresse von einem morgendlichen Überfall auf ein Hotel schrieb, bei dem auch Touristen betroffen waren. Ihnen wurden Tablets und Mobiltelefone gestohlen.
In der Altstadt stehen überall Helfer, die einem den Weg zeigen - beispielsweise zum Fussballstadion. Der Marsch von der Altstadt zur Fonte Nova bleibt ein unvergessliches Erlebnis. Tausende von Fans strömen friedlich zum letztes Jahr wiedereröffneten Stadion, das über 50 000 Zuschauer fasst. Im Fonte Nova sitzt man nah am Spielfeld wie kaum in einem anderen Fussballstadion. Für die Eidgenossen ist das hart, denn so sieht man die vielen Abwehrfehler der Nati bei der 2:5-Niederlage gegen Frankreich nur zu gut. Und wiederum: In der Nähe des modernen Stadions breitet sich eine Armensiedlung aus. Hier der reiche, protzige Stadionbau, dort armselige Häuser.

19. Juni (18 Uhr): Was passiert, wenn in Brasilien Fussball-WM und gleichzeitig Fronleichnam ist? Dann wird beispielsweise Pelourinho, Teil der Altstadt von Salvador, zur eigentlichen Festhütte! Aus allen Ecken dröhnt afro-brasilianische Axé-Musik, die sich mit Live-Kommentaren von Fussballspielen und Fangebrüll vermischt. «Allez Les Bleus» skandieren die französischen Fans schon 24 Stunden vor dem Spiel gegen die Schweizer. Eidgenossen, Kolumbianer, Briten und Deutsche schlendern ebenfalls durch die engen Gassen. Die zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende koloniale Altstadt ist mit Girlanden verziert, die bereits fürs Johannesfest vom 24. Juni montiert wurden. An unzähligen Ständen versuchen Einheimische, mit dem Verkauf von Kunstwerken oder auch nur mit Wasser ein klein wenig von der Fussball-WM zu profitieren. Auch hier wieder, wie schon fast überall in Brasilien: Die Militärpolizei markiert starke Präsenz. Taschendiebe haben es in diesen Tagen schwer.

Die bunten Häuserzeilen des grössten zusammenhängenden Barockkomplexes der Tropen machen vergessen, dass die Kopfsteinpflaster, Mauern und Kirchen Zeugen einer dunklen Geschichte sind: Der Schandpfahl, an dem die Sklaven aus Afrika im Mittelalter ausgepeitscht wurden, gab dem Platz in Salvadors Altstadt seinen Namen.

Das Stadion «Arena Fonte Nova», das erst 2013 eröffnete, befindet sich in Fussdistanz von Pelourinho und fasst rund 54 000 Zuschauer. Das Fifa-Fanfest findet hingegen einige Kilometer entfernt statt: vor dem stadtbekannten Leuchtturm Farol da Barra.

Die nach São Paulo und Rio drittgrösste Stadt Brasiliens und eine der ältesten von Nord- und Südamerika überhaupt hat in den letzten Jahren zwar ebenfalls einige moderne Gebäude erhalten. Insgesamt aber macht sie einen ärmlicheren Eindruck als etwa das Quartier Jardim Paulista in São Paulo: Der Verputz blättert von den Häusern ab, nebst neuen Strassen gibt es diverse Abschnitte mit Schlaglöchern, und als Folge der Geschichte ist die gegen drei Millionen zählende Bevölkerung ärmer als im südlichen Teil von Brasilien - bei einem entsprechend höheren Anteil von Schwarzen an der Gesamtbevölkerung. Alkoholiker und Drogenabhängige torkeln teilweise gefährlich nah vor dem Verkehr über die Strasse. Gut für sie, dass das Thermometer im kältesten Monat Juli selbst nachts nicht unter 21 Grad Celsius fällt.

Restaurant Donana im Stadtteil Brotas
Restaurant Donana im Stadtteil Brotas

19. Juni (13.30 Uhr): Noch gut 24 Stunden, bis der Anpfiff für das nächste Spiel der Schweizer Nati erfolgt. Zeit also, sich am Spielort in Salvador mit typischer Küche zu stärken. Das einfache Restaurant Donana im Stadtteil Brotas (Rua Teixeira Barros, nur mittags geöffnet) ist wegen der duftenden Krabben-Moquecas bekannt. Moqueca gehört zu den Nationalgerichten Brasiliens, und die «Baiana»-Version, jene aus Salvador also, ist die bekannteste. Moqueca steht für einen afro-brasilianischer Eintopf, der meist aus Fisch, Maniok, Kokosmilch, Tomaten und Palmöl besteht.
Das Donana (Bild) ist so beliebt und preiswert, dass die fast ausschliesslich Einheimischen bis zu einer Stunde Wartezeit in Kauf nehmen, um überhaupt das Lokal betreten zu können. Das lange Warten hat einen weiteren Grund: Am 19. Juni wird in Brasilien Corpus Christi gefeiert, in der Schweiz besser als Fronleichnam bekannt.

trand bei der Pousada Entre as Águas
Der Strand bei der Pousada Entre as Águas.
Zwischen den Wassern
Der Name trifft es genau: Zwischen den Wassern.
Gebäude der einfachen, aber charmanten Unterkunft
Ein Gebäude der einfachen, aber charmanten Unterkunft.

18. Juni (15 Uhr): Ganze 15 Kilometer lang ist der Strand, der sich vor der Pousada Entre as Águas ausbreitet. Ein Zimmer kostet ab 200 Real oder 80 Franken. Zur Fussball-WM bezahlt man selbstverständlich rund 50 Prozent mehr. Das ist noch immer harmlos, denn über Silvester muss man sogar mehr als das Zehnfache hinblättern.
Die einfache, aber charmante Unterkunft heisst so, weil sie sich zwischen den Wassern befindet: einer Lagune und dem Meer. Nur vereinzelt sind am Strand Menschen zu sehen. Der Massentourismus ist in diesem kleinen Dorf namens Imbassaí 70 Kilometer nördlich von Salvador weit entfernt. Dass man kaum jemand im Wasser sieht, hat allerdings einen anderen Grund: Die Brandung ist sehr stark, und nur geübte Schwimmer sollten in diesem Teil des Atlantiks ins Meer.
Die Mehrheit der Brasilianer freute sich übrigens über das Ausscheiden der Spanier an der Fussball-WM. Das hat zwei Hauptgründe: Grundsätzlich unterstützen die Brasilianer südamerikanische Mannschaften und damit den Spanien-Gegner Chile. Die Brasilianer sind aber auch opportunistisch und wollen ganz einfach, dass sich starke mögliche Gegner aus dem Turnier verabschieden müssen und so den Weg frei für die Seleçao machen. Keine Regel ohne Ausnahme: Argentinien wird von den Brasilianern nie unterstützt. Man empfindet die Argentinier als arrogant. Die Sympathien der Brasilianer gegenüber der argentinischen Nationalmannschaft sind etwa so gross wie jene der Schweizer gegenüber dem deutschen Team...
Noch etwas Geschichtliches: Kamerun, das ja ebenfalls an der WM und in der Brasilien-Gruppe spielt, verdankt seinen Namen den portugiesischen Seefahrern. Als sie das Land im Mittelalter erreichten, tauften sie es Camarão. «Camarão» heisst auf Deutsch Garnelen, die damals in grosser Menge vorkamen. Die französischen Kolonialisten wandelten das Wort auf Cameroun ab.
Im Vorfeld des Spiels Kamerun-Brasilien erlauben sich die Journalisten den Scherz, von grillierten Garnelen zu sprechen. Das Wortspiel ist etwa gleich fantasiereich wie damals als die Schweizer Nati gegen Luxemburg spielen musste und der «Blick» Luxemburgerli in die Schlagzeilen setzte, die es zu verspeisen gelte. Prompt verlor die Schweizer Nationalelf. Hoffentlich machen es die Brasilianer gegen die «Garnelen» besser.

17. Juni (18 Uhr): Wir Europäer können von den Brasilianern einiges lernen, beispielsweise Lebensfreude: Die Souza-Bar in Praia do Forte nördlich von Salvador da Bahia ist bereits nachmittags um 15 Uhr zum Bersten voll. Die brasilianische Fussballnationalmannschaft tritt erst eine Stunde später gegen Mexiko an. Das wird gefeiert, als ob Silvester und Weihnachten auf den gleichen Tag fallen. Vor dem Anpfiff knallen Böllerschüsse, es wird gelacht und getanzt. Fast alle tragen das leuchtend gelbe T-Shirt der brasilianischen Fussballnationalmannschaft. Während des Spiels fiebert das Publikum unter freiem Himmel mit der Seleçao mit. Dieses Publikum besteht auch aus ein paar Schweizern, Franzosen, Holländern und Deutschen.
Nach dem insgesamt wenig berauschenden Auftritt der Brasilianer, der in einem 0:0 gegen Mexiko gipfelte, wird in der Souza-Bar weitergefeiert, als ob die Brasilianer wirklich gut gespielt hätten. Ich frage mich, wie es möglich ist, dass das halbe Dorf mitten am Nachmittag gebannt vor den TV-Bildschirmen sitzt und nicht arbeiten muss. Die Brasilianer würden diese Gedanken wohl als typisch schweizerisch abtun...

Übrigens: Eine Halbliter-Flasche Bier kostet in der Souza-Bar 8 Real oder gut 3 Franken. Ausserhalb der Spielorte bezahlt man noch wirklich brasilianische Preise. Das feiert man am besten mit einem Caipirinha! Die Erfolgsformel besteht aus Zuckerrohrschnaps (Cachaça), Limetten, Eis und Zucker. Saúde! Der Ferienort Praia do Forte ist voll von kleinen Restaurants, um das «grossartige» 0:0 weiter zu feiern. Força Seleçao und hopp Schwiiz!

Die Schildkröte dient als Tippgeberin
Die Schildkröte dient als Tippgeberin vor den nächsten WM-Partien.
Wasserschildkröte
Die Wasserschildkröte

17. Juni (14.30 Uhr): Wie soll man die Zeit bis zum nächsten WM-Spiel der Schweizer in Salvador überbrücken? Am besten im Ferienort Praia do Forte, rund 65 Kilometer nördlich von Salvador da Bahia gelegen. Die Strände sind hier unendlich lang, von unzähligen Palmen gesäumt. Obwohl es Winter ist, wird es nachts nicht kälter als 23 Grad, tagsüber steigt das Thermometer auf gegen 30 Grad Celsius (im Schatten...).
Ein Besuch wert in Praia (Strand auf portugiesisch) do Forte ist das Projekt Tamar (www.tamar.org.br). Es widmet sich den Wasserschildkröten und kostet 18 Real Eintritt (gut 7 Franken). Laut eigenen Angaben wurden in den letzten zehn Jahren dank Tamar rund zwei Millionen Jungtiere im Meer ausgesetzt. Die Zahl ist bemerkenswert, denn von 1000 geschlüpften Wasserschildkröten überlebt nur eine Einzige. Tamar macht die Bevölkerung vorbildlich auf die Situation der Wasserschildkröten aufmerksam.
Die fussballverrückten Brasilianer können es nicht lassen, die Schildkröten zum Tippgeber für Fussballspiele einzusetzen. Militante Tierschützer aufgepasst: Die in den Pools gehaltenen Schildkröten sind in der Aufzuchtstation Tamar gross geworden und kennen kein anderes Leben.

Am Paranoá-See
Am Paranoá-See.

16. Juni (14 Uhr): Die brasilianische Präsidentin Dilma Roussef wohnt wenige Fahrminuten ausserhalb des Stadtzentrums von Brasilia entfernt - in einem flachen, kongressähnlichen Gebäude, das sich «Palácio da Alvorada» nennt. Man erreicht dieses Anwesen am besten mit einem Taxi und bezahlt dafür rund 30 Real.
Selbstverständlich werden Touristen dort nicht zum Tee empfangen. Aber das gut abgeschirmte Gebäude mit einem riesigen Umschwung kann man wenigstens von aussen bestaunen. Der Taxifahrer fragte mich, von wo ich komme. «Suiça», antwortete ich. Zuerst gratulierte er mir zum Sieg der Nati, und dann sagte er lachend, ich soll Dilma doch gleich nach Europa mitnehmen, damit das Land sie los sei...
Es lohnt sich, mit dem gleichen Taxi zum Paranoá-See weiterzufahren, der 38 Quadratkilometer gross und maximal 38 Meter tief ist. Entstanden ist er, weil man den gleichnamigen Fluss gestaut hat. Es war der Stadtplaner Lucio Costa persönlich, der wollte, dass der Zugang zum Seeufer für das Publikum öffentlich bleibt. Um den See, der ein wenig an Neuseeland erinnert und je nach Sonneneinstrahlung tiefblau aussieht, gibt es eine kurze Uferpromenade, einige Hotels, Sportclubs und überteuerte Restaurants.
Der See und das Anwesen der Präsidentin ist eine empfehlenswerte Halbtagestour in Brasilia.

P.S.: Ein Nachtrag zum überbuchten Flug von TAM zwischen Brasilia und Salvador: Die brasilianische Fluggesellschaft offerierte, dass ich mein Geld zurückerhalte (und dann selbst für einen Flug nach Salvador schaue, jetzt, wo fast alle Plätze weg sind) oder eine sechstündige Reise via Rio in Kauf nehme. Man merke: Offenbar reicht es nicht, bereits im Dezember 2013 einen Flug zu buchen. Bei TAM muss man damit rechnen, wenige Tag vor Abflug einfach ausgeladen zu werden.

Sicht aus einem TAM-Flieger
Sicht aus einem TAM-Flieger auf Brasilia.

16. Juni (8 Uhr): Seit dem Konkurs der brasilianischen Fluggesellschaft Varig vor neun Jahren hat sich die Luftfahrt im grössten südamerikanischen Land stark verändert. Der Billigcarrier Gol (ja, Gol heisst Tor auf portugiesisch!) kaufte die Marke Varig und gehört heute zu jenen Fluggesellschaften mit dem besten Preis-/Leistungsverhältnis.
Eine Alternative bietet die Airline TAM. Das Kürzel steht für Táxi Aéro Marília. Nur ist TAM in der Regel weniger zuverlässig. Am 16. Dezember 2013 buchte ich für heute einen Flug Brasilia-Salvador mit Abflug in der Hauptstadt um 15.07 Uhr. Weil ich nach der Landung in Salvador weiter Richtung Norden reise, war das für mich die ideale Flugzeit. Nun erhielt ich von TAM via E-Mail die Information «YOUR ORIGINAL FLIGHT WAS CANCELLED/CHANGED». Neu bin ich auf einem Flug gebucht, der erst um 21.25 Uhr in Salvador landet, womit ich frühestens um Mitternacht im Hotel sein dürfte...
Nur: Von «annulliert», wie auch am Telefon behauptet wird, kann keine Rede sein. Auf der Flughafen-Homepage ist klar ersichtlich, dass der Nachmittagsflug, auf dem wohl die Schweizer Nati gebucht ist, durchgeführt wird. Ich wurde ein Opfer einer Überbuchung. Das heisst: Fluggesellschaften nehmen in der Regel mehr Buchungen an, als sie Plätze haben, weil meist der eine oder andere Passagier kurzfristig annulliert oder nicht auftaucht.
In der EU und auch in der Schweiz ist klar geregelt, welche Rechte die Passagiere bei Verspätungen oder Überbuchung haben.
Wäre ich in Europa, müsste mir TAM 250 Euro bezahlen. Da der Abflugort ausserhalb der EU liegt und die ausführende Fluggesellschaft TAM nicht als EU-Fluggesellschaft registriert ist, habe ich diesen Anspruch nicht.
Für mich gibt es nur etwas: Das nächste Mal konsequent mit Gol fliegen (dummerweise habe ich weitere TAM-Flüge gebucht, weil deren Flugzeiten besser waren) und am Flughafen versuchen, wenigstens ein Upgrade in Business-Klasse zu erreichen. Webjet ( http://webjet.com.br ) ist eine andere zuverlässige Lösung.

Menu im 'Beirute'
Nahr-, schmackhaft und obendrein preiswert: Menu im 'Beirute'.
Lockere Atmosphäre
Lockere Atmosphäre, oft isst man auch gleich draussen.

15. Juni (21 Uhr):Eine Institution in Brasilia ist das Restaurant Beirute. Stolz weist es auf der Visitenkarte darauf hin, dass es seit 1966 existiert und damit fast gleich alt wie die Hauptstadt ist. Inzwischen gibt es zwei Lokale mit diesem Namen: eines an der Strasse 109 Sul, eines an der 107 Norte - die Strassenbezeichnungen sind in dieser Stadt wenig fantasievoll, aber aufschlussreich. Das Lokal im Süden ist älter und damit Pionier.
Wie es der Name schon verrät, gibt es in dieser Bar Beirute libanesische Spezialitäten, aber auch Salate und brasilianische Gerichte wie Fischfilet, Huhn oder Filetvariationen aus Fleisch. Die Gerichte sind schmackhaft und trotzdem preiswert. Zu zweit bezahlt man inklusive Bier und Trinkgeld (10 Prozent werden empfohlen) rund 100 Real/40 Franken. Die Preise in dieser einfachen Bar zeigen aber auch, dass die Nebenkosten in Brasilien deutlich teurer als etwa in Asien sind. Der frühere brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva war übrigens mehrmals in der Bar Beirute. Er und die anderen Gäste schätzen die lockere Atmosphäre. Selbst im Winter isst man teilweise unter freiem Himmel.

im Sarah-Kubitschek-Park
Bewegungstherapie nach dem Fussball im Sarah-Kubitschek-Park.
Gemütliche Vorabendstimmung im Park
Gemütliche Vorabendstimmung im Park.

15. Juni (17 Uhr 15): Sonntags in Brasilia: Nach dem Bad in der Menge mit 70'000 Fussballfans rund um das Nationalstadion ist es Zeit, den Kopf zu lüften. Die Einheimischen gehen dazu in den Parque da Cidade Sarah Kubitschek. Beim Haupteingang steht ein Riesenrad, als Erkennnungszeichen eines kleinen Vergnügungsparks.
Dahinter öffnet sich die schier unendliche Weite des Stadtparks. Diese lädt zum Joggen, Rollerbladen, Velofahren (mit eigener Spur), Paddeln in einer künstlichen Lagune oder ganz einfach nur zum Spazieren ein.
Jogger können eine markierte, zehn Kilometer lange Runde absolvieren. Das macht Spass! Dabei fällt auf, dass die sporttreibenden «Brasiliense» offenbar gerne Parfüms benützen. Die Duftwolken sind teilweise ziemlich intensiv …
Und noch etwas ist bemerkenswert: Wer sich nicht gerne auf Asphalt bewegt, kann auf Naturwege ausweichen. Im Abendlicht leuchtet deren ziegelrote Erde besonders schön. Sie erinnert an Australien. Italienische Einwanderer haben ihr «Terra Rossa» gesagt.

15. Juni (15 Uhr): Was wurde alles negativ über Brasilien geschrieben: In São Paulo gehe das Wasser und damit der Strom aus (es regnete, Stromunterbruch gab es nie), auf den Flughäfen und in den Strassen müsse man mit chaotischen Zuständen rechnen. Bis jetzt stimmt nichts davon. Der Zugang zum Fussballspiel Schweiz - Ecuador im rund 70'000 Fans fassenden Estádio Nacional in Brasilia ist absolut mustergültig. Nirgends kommt es zu grösseren Wartezeiten. In weniger als einer halben Stunde sind sämtliche Kontrollen und somit der Eingang in den Fussballtempel geschafft. Ein erhöhtes Polizeiaufgebot hält sich dezent im Hintergrund. Ein einziger harmloser Kritikpunkt: Für ein Becher Wasser muss man im Stadion 6 Real/2.40 Franken hinblättern, was gegen dreimal mehr als üblich ist.

Die ecuadorianischen Fans gratulieren den Schweizern nach der Niederlage spontan. Schweizer, Brasilianer und Ecuadorianer liegen sich singend in den Armen. Schöner und friedlicher kann ein Fussballfest nicht sein. Ich muss nach dem Spiel gleich mehreren TV-Stationen ein Interview geben. Unter anderem werde ich gefragt, wie überraschend der Schweizer Sieg für mich sei, denn ganz Südamerika rechnete mit Ecuador als Sieger. Die Brasilianer zeigen sich beeindruckend von der Nati, auch weil die Spieler mehrheitlich jung sind.
Die Schweizer Fans sind konditionell auf der Höhe: Vier Stunden nach dem Schlusspfiff, längst ist es dunkel, sind im 18. Stock des Hotels die Sprechchöre der Eidgenossen zu hören.
Ich habe das Billett für das Spiel in Brasilia übrigens auf der offiziellen Fifa-Homepage gekauft und dafür 135 Dollar bezahlt. Der Fussballverband hat regelmässig via E-Mail informiert. Und ich holte die Eintrittskarten für das Spiel Schweiz-Ecuador bereits in São Paulo ab. Dort standen überall Freiwillige, die man für Fragen auf Englisch kontaktieren konnte. Auch hier gab es weder Kolonnen noch anderes Ungemach - alles perfekt organisiert. Aber das gibt halt keine interessante Schlagzeilen ...

Das Picanha-Stück
In Brasilias Churrascaria übertrifft das Picanha-Stück selbst das Filet Mignon.
Buffet mit den Fleischbeilagen im Fogo de Châo
Das Buffet mit den Fleischbeilagen im Fogo de Châo.

15. Juni (13 Uhr): Churrascaria nennt sich ein brasilianisches Steakhouse. Das im Land populäre Konzept ist fast immer ähnlich: Zu einem fixen Preis kann man sich an einem Salatbuffet erlaben, und dazu kommen Kellner zu den Tischen und bieten aufgespiesste Fleischköstlichkeiten an. Nirgendwo in der Welt ist das Fleisch qualitativ so gut wie in Brasilien (und in Argentinien). Wer einen vollen Bauch hat, kehrt ein kleines Schildchen von grün auf rot, und dann offerieren die Kellner kein Fleisch mehr. Das meiste Fleisch gibt es von der Kuh, teilweise auch vom Lamm und Huhn. Das beliebteste Stück ist, wie in São Paulo bereits erwähnt, Picanha. In englischsprachigen Ländern heisst es Prime Cut of the Top Sirloin. Picanha ist tatsächlich besser als Filet Mignon, das auch im Angebot steht.
In der Nähe des Fussballstadions von Brasilia befindet sich die Churrascaria Fogo de Châo (Adresse: SHS Quadra 5, Bloco E, www.fogodechao.com.br ), eine Restaurantkette, die auch in Belo Horizonte, Salvador, Rio, in São Paulo sowie in verschiedenen amerikanischen Städten vertreten ist. In Brasilia bezahlt man für dieses Konzept à discrétion 112 Real oder 45 Franken, was für brasilianische Verhältnisse teuer ist. Vom Salatbuffet sollte man übrigens unbedingt Palmherzen auf den Teller laden. Palmito ist eine seltene Delikatesse mit einem leicht nussigen Geschmack und wird aus dem Stamm und Blättern einer Palme gewonnen.
Dank riesigen Bildschirmen - kein brasilianisches Restaurant ohne Live-Übertragung von der WM - lockt das Fogo de Châo auch viele Schweizer Fans an.

14. Juni (20 Uhr): In den 1950er Jahren träumte der damalige Präsident Juscelino Kubitschek von einer modernen Hauptstadt für Brasilien - auf dem zentralen Hochland. Nur vier Jahre dauerte es, bis 1960 Brasilia als Kapitale eingeweiht wurde und Rio als Hauptstadt ablöste. Der Traum der futuristischen Hauptstadt wurde wahr, auch dank Architekt Oscar Niemeyer, der erst 2012 im Alter von knapp 105 Jahren gestorben ist und auch noch mit 102 Jahren arbeitete. Er war ein Nachfahre eingewanderter deutscher Juden und 1907 in Rio geboren. Aus der Vogelperspektive betrachtet, ist die Vision der Stadtplaner am besten zu verstehen: Zu sehen ist die Silhouette eines Flugzeugs, der Plano Piloto.
Besucher sollten als erstes auf den TV-Turm (Torre de Televisão). Er ist über 200 Meter hoch, wobei sich die Aussichtsplattform für Besucher auf 75 Metern befindet. Bei klarer Sicht sieht man über 50 Kilometer weit. Der Eintritt in den ab 9 Uhr geöffneten Turm ist kostenlos. Ein Steinwurf entfernt befindet sich das Estádio Nacional, das nationale Fussballstadion.

Danach sollte man sich einen Taxi nehmen - bis zur Praça dos Três Poderes, zum Platz der Drei Gewalten. Hier stehen Niemeyers bekannteste Gebäude: Legislative, Exekutive und Justiz. Im unterirdischen Espaço Lucio Costa, zu dem eine Treppe am Platz führt, zeigt ein Modell eine Übersicht auf die Stadt mit ihren nunmehr 2,6 Millionen Einwohnern und einer schier endlosen Zahl von Gebäuden mit Ministerien. Seit 1987 figuriert Brasilia auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes.
Die brasilianische Hauptstadt befindet sich auf rund 1200 Metern über Meer im Landesinnern. Das fast schon wüstenähnliche Klima ist während des brasilianischen Winters mit Tageswerten um 25 Grad Celsius angenehm und trocken. Die Fläche Brasilias ist etwa so gross wie der ganze Kanton Bern. Mehrere Stadtparks stehen zur Auswahl. Dichtestress ist hier ein Fremdwort.
Zurück zu den Sehenswürdigkeiten: Ein Muss ist ebenfalls die Catedral Metropolitan Nossa Senhora Aparecida. Die katholische Kathedrale wurde genauso von Niemeyer gestaltet. Und schliesslich befinden sich nur ein paar Schritte weiter das Museu Nacional (wiederum kostenloser Eintritt, man sieht moderne Kunst) und die Bibliothek.

Restaurant mit integriertem Feigenbaum: Figuiera
Das Restaurant mit integriertem Feigenbaum: Figuiera.

13. Juni (1 Uhr): Keine Berichterstattung über Brasilien, ohne das beliebteste Fleisch zu erwähnen: Picanha( hier unser Rezept aus den WM-Koch-Duellen). So heisst das zarte Schwanzstück vom Rind, das stets mit einer Fettschicht überzogen ist – ähnlich wie bei unserem Entrecôte. Besonders gut ist es im Restaurant Figuiera im Stadtteil Jardim Paulista (Rua Haddock Lobo 1738, Tel. 0055 11/3087 1399, www.rubaiyat.com.br ). Das Restaurant befindet sich um einen mächtigen Feigenbaum, der abends spektakulär beleuchtet wird. Nur: Im Land, wo das Filet beim Metzger umgerechnet rund zehn Franken kostet, zahlt man für ein grosses Stück Picanha stolze 112 Real oder umgerechnet 45 Franken. Das ist nur ein weiterer Beweis, dass São Paulo die teuerste Stadt des Landes ist. Für ein Glas Carménère aus Chile wird 30 Real oder 12 Franken verlangt, wobei ein Glas in Brasilien 2,5 dl entspricht. Hier ist eben alles ein bisschen grösser und grosszügiger...
Nun heisst es, Abschied von der grössten Stadt Brasiliens zu nehmen. Es geht weiter von São Paulo zur Hauptstadt Brasilia.
Fazit zu São Paulo: Die hügelige Stadt ist viel sauberer, sicherer und organisierter als das Image. Man sollte für die Wirtschaftsmetropole mit all ihren Museen und anderen Sehenswürdigkeiten mindestens vier Nächte einplanen und von der Stadt Respekt, aber keine Angst an den Tag legen.

Im Parque do Ibirapuera
Im Parque do Ibirapuera von São Paulo.

12. Juni (18 Uhr): Es muss einmal gesagt werden: São Paulo ist zwar wirklich ein Moloch, aber auch erstaunlich grün. Viele Strassen sind von Bäumen gesäumt, und im Parque do Ibirapuera, der brasilianischen Version des Central Parks von New York, lässt es sich herrlich joggen (U-Bahn-Station Paraiso aussteigen, danach Taxi nehmen). Er befindet sich südlich des vornehmen Stadtteils Jardim Paulista und ist über eine Million Quadratmeter gross. Am Wochenende pilgern rund 200'000 Menschen in den Park, der neben Asphalt- auch Naturwege hat. Er ist von 5 bis 24 Uhr geöffnet, was ungewöhnlich lang ist.
Wer nicht joggen, velofahren (eigene Velowege) oder skateboarden will, schaut sich unter anderem das Museum für Moderne Kunst, das von Oscar Niemeyer geschaffene Auditório Ibirapuera oder das Planetarium an.

Die Aussicht vom Edificio do Banespa
Die Aussicht vom Edificio do Banespa auf São Paulo.

12. Juni (12 Uhr): São Paulo befindet sich in einem Wechselbad der Gefühle: Bereits am Morgen vor dem Eröffnungsspiel Brasilien - Kroatien sind die Passanten in Partylaune, tragen das Trikot der Seleçao und feuern Knallkörper ab. Viele Stunden vor dem Anpfiff pilgern Massen zum Fussballstadion Arena Corinthians. Erstaunlich dabei: Alles ist bestens organisiert. Freiwillige zeigen den Weg auf. Es kommt nirgendwo zu grösserem Gedränge. So bleibt Zeit, sich einen Überblick auf den Moloch mit seinen über zehn Millionen Einwohnern zu machen - am besten vom 161 Meter hohen Edifício do Banespa. Das Hochhaus, das 1939 die Eröffnung feierte und heute zur Bank Santander gehört, verfügt über 35 Stockwerke und befindet sich im Stadtteil Centro (U-Bahn-Station São Bento aussteigen). Ein grosser Vorteil in der teuersten Stadt Brasiliens: Der Eintritt ist tatsächlich gratis. Auch in dieser Gegend fällt die erhöhte Polizeipräsenz auf. Nirgendwo in der Stadt fühlt man sich unsicher.

Gruppenbild am Banespa-Hochhaus
Gruppenbild am Banespa-Hochhaus.
Beim U-Bahn-Eingang
Beim U-Bahn-Eingang: Alles läuft wohlgeordnet ab.

Fast schon in Ekstase geraten die Fans rund um das 68'000 Plätze fassende Stadion Corinthians (bei der gleichnamigen U-Bahn-Station). Unglaublich, wie diese Menschenmassen friedlich zum Fussballtempel pilgern und so die Seleçao unterstützen. In den anderen Stadtteilen ist es Stunden vor dem Anpfiff ruhig wie an einem Sonntagmorgen im Stadtzürcher Quartier Seefeld. Die Fans versammeln sich entweder in der Fifa-Fanzone, in Bars oder zuhause vor dem Bildschirm. In den Strassen gibt es erstmals seit einer Woche keine Staus. Passanten sieht man fast keine. Und nach dem Spiel werden Feuerwerkskörper entzündet, die ganze Stadt ist glücklich über den Sieg der Brasilianer gegen Kroatien.

Fähnchenverkäufer auf der Strasse
Fähnchenverkäufer auf der Strasse in São Paulos Zentrum.
Fussballinteressierte Gäste beim Imbiss
Fussballinteressierte Gäste beim Imbiss im Hauptmarkt.

11. Juni (24 Uhr): Wie sich doch das Blatt wenden kann: Gestern war von Fussball-WM wenig zu spüren. Doch nun, knapp 24 Stunden vor dem Eröffnungsspiel, scheint fast ganz São Paulo aus dem Häuschen: Autos hupen, Vuvuzelas sind pausenlos zu hören, an den Kreuzungen verkaufen Strassenhändler WM-Souvenirs. Offenbar mögen es die Brasilianer auch beim Supporten am liebsten im letzten Moment - nicht nur beim Stadion- und Flughafenbauen.
Zur eigentlichen Festhütte entwickelt sich der Stadtteil Centro, wo sich das historische Zentrum der 11-Millionen-Stadt befindet. Es gehört übrigens zu den weniger sicheren Quartieren. Vor Taschendieben sei gewarnt, wobei die starke Polizeipräsenz an beinahe jeder Hausecke beruhigend wirkt.
Im Mercado Municipal, dem Hauptmarkt, ereifern sich Fangruppen (besonders viele aus Brasilien, aber auch aus Kroatien, Australien, Kolumbien und Ecuador) lautstark und singen wie an einem Fussballmatch: «Kroatien, Deine Zeit kommt, um zu verlieren», trällern die Brasilianer im Chor in der Imbisstube «Mortadela Brasil». Die Ausstrahlung von früheren Siegen der Seleçao am kleinen Bildschirm und der Konsum von Bier genügen, damit die Einheimischen bereits am Nachmittag gross in Fahrt kommen.
Kellner Bento, ein rund 50-jähriger Mann, sagt: «Ich freue mich über all die Fans, die zu uns zum Essen kommen und selbstverständlich auch auf die WM.» Auf die Frage, wer denn Fussballweltmeister wird, gibt er sich diplomatisch: «Jeder hat das Recht zu gewinnen. Wer am besten spielt, soll Weltmeister werden. Wichtig ist, dass hier alle Fans über die Nationen hinaus zusammen feiern.»
Den Hauptmarkt erreicht man am besten mit der U-Bahn (Station São Bento aussteigen). Er ist täglich von Montag bis Samstag von 6 bis 18 Uhr geöffnet (sonntags von 6 bis 16 Uhr), wobei am Nachmittag Kehrausstimmung herrscht. Heute, am Tag des Eröffnungsspiel, bleibt er geschlossen.

Starköchion Helena Rizzo
Starköchion Helena Rizzo (35) vom Restaurant «Maní»

11. Juni (22 Uhr): São Paulo ist nicht nur der Wirtschaftsmotor Brasiliens, sondern auch gastronomisch eine Metropole. Zur Auswahl stehen 12'500 Restaurants, darunter mehr Pizzerien als in jeder anderen Stadt der Welt. 46 Lokale gelten als Feinschmeckerrestaurants. Bei der Kür der «World's 50 Best Restaurants» rangiert das DOM auf Platz 7, die Brasilianerin Helena Rizzo (35) vom Restaurant «Maní» gilt als beste Köchin der Welt.
Das ehemalige Model ist gleichermassen hübsch, charmant und smart. Ich habe sie mitten im hektischen Küchenbetrieb zum Interview getroffen und mir das rund zehngängige Degustationsmenü zum Preis von 360 Real (144 Franken) geleistet. Fazit: Ihre Kochkunst ist jeden Real wert, weil sie und ihre 30-köpfige Brigade auf höchstem Niveau arbeiten und dabei diverse Zutaten verwenden, die nur in Brasilien existieren. Wer es sich leisten will und kann, sollte den Besuch im «Maní» unbedingt einplanen - und mehrere Woche im Voraus reservieren.

HELENA RIZZO IM INTERVIEW: Ich bezeichne mich nicht als beste Köchin der Welt

Auf dem Tisch steht ein Gedeck mit einem Knusperbrot aus Maniokmehl, das von der Konsistenz her an unsere Fasnachtschüechli erinnert. Dazu gibt es einen Stängel aus Parmesan-Käse. Der erste Gruss aus der Küche begeistert mit Sardinen, einem Bonbon von der Frucht der Cashewnuss sowie Gurken mit Traubenbällchen, die beim Genuss platzen. Danach wird ein Tablett mit drei weiteren Köstlichkeiten serviert: Auf einem Biskuit steht ein Guacamole-Bonbon, in der Mitte eines aus Foie Gras mit Guava-Konfitüre und Portwein sowie als Drittes auf einem Kartoffelchip ein Roastbeef mit Dijonsenf.

Der nächste Vorspeisengang ist wiederum sehr innovativ: Ein Ceviche aus der Frucht der Cashewnuss paart sich mit Cashewfruchtsorbet. Dann schwimmen erlesene Teile von Langusten in einer kalten Suppe aus brasilianischen Früchten, die an Cranberry erinnern. Zu den innovativen Höhepunkten zählt der nächste Gang: Ausgehöhlte Palmherzen wurden mit Fleischmark gefüllt. Das Kunstwerk erinnert an einen Knochen und wird begleitet von einer Sauce aus Açai. Die Beere aus dem Amazonas wird auch in der Schweiz immer bekannter als Powerfrucht. Es folgt eine weitere unglaubliche Überraschung: Gnocchi aus Maniok an einer Tucupi-Dashi-Sauce, wiederum ein Extrakt aus Maniok.
Speise Nummer acht bildet ein Pardo-Fisch an einer Kokosnussmilchsauce, die sich an die afrobrasilianische Küche Salvadors anlehnt und mit rotem Chili die richtige Rasse aufweist. Tintenfisch mit Süsskartoffeln, ein Fechoada-Carpacho aus Schweinefüssen sowie Kalbsbäggli, die 24 Stunden im dunklen Bier gelegen haben und mit Taioba-Blättern begleitet werden, beenden Vor- und Hauptspeisen.
Nach diesem Festival an neuen Düften und Geschmäckern sowie überraschenden Kombinationen werden zwei Desserts gereicht: Die eine Nachspeise besteht aus weisser Schoggiglace mit Ananas, die andere aus Mille Feuilles mit Mangosorbet und einem Mousse aus Seerosen, das wie Jasmin schmeckt. So hat man beim Nachhausegehen quasi den Frühling im Mund - und das während des brasilianischen Winters, der so warm ist wie ein Schweizer Sommer.

Museo do Futebol in São Paulo
Das Museo do Futebol in São Paulo.
Pelés Fallrückzieher (rechts)
Ob man Pelés Fallrückzieher (rechts) auch so hinbrächte?

11. Juni (10 Uhr): Wer nur ein bisschen fussballbegeistert ist, sollte sich in São Paulo das Museo do Futebol anschauen, das sich in der Nähe der Avenida Paulista im alten Fussballstadion Pacaembu befindet (Eintrittspreis nur 6 Real/2.40 Franken, donnerstags sogar gratis). Es zeigt die Entwicklung der Fussballschuhe, jenes des Balls (er war schon vor 100 Jahren rund...), und blickt mit diversen Videoeinspielungen auf vergangene Weltmeisterschaften zurück. Selbstverständlich darf Pelé mit einer persönlichen Begrüssung nicht fehlen. Er spricht in portugiesisch, spanisch und englisch vom Bildschirm. Am längsten ist die Warteschlange vor der Torwand, wo man gegen einen virtuellen Goalie einschiessen kann. Dabei wird die Geschwindigkeit des Schusses gemessen.
Viele Besucher tragen bereits die T-Shirts ihrer Nationalmannschaften, wobei besonders viele Fans aus Ecuador stammen. Ob diese nach dem Spiel gegen die Schweiz noch immer lachen?
Für Fussballmuffel empfiehlt sich das MASP Museu de Arte an der Avenida Paulista 1578. Der Eintritt kostet 15 Real und ist dienstags gratis. Zu bestaunen sind Originalgemälde von Cézanne über Van Gogh, Monet, Gauguin, Picasso bis Roy Lichtenstein. Auch Liebhaber moderner Kunst kommen auf die Rechnung. Fotografieren ist in diesem empfehlenswerten und zentral gelegenen Kunstmuseum verboten.

WM-Begeisterung oder Panik?
WM-Begeisterung oder Panik? Weder noch ...
Die U-Bahn ist erschwinglich und sauber
Die U-Bahn ist erschwinglich und sauber, aber oft bestreikt.

11 Juni (8 Uhr): In Europa macht Brasilien mit negativen Schlagzeilen von sich reden. In São Paulo merkt man von diesen Problemen kaum etwas. Der Grund ist einfach: Unzulänglichkeiten gehören in der grössten Stadt Brasiliens zum Alltag. Wer zur Stosszeit, die so um 16.30 Uhr beginnt und nach 19 Uhr endet, in ein Taxi steigt, benötigt für vier Kilometer eine Stunde. Die Reichen haben dazu eine Lösung: Sie lassen sich mit dem Helikopter nach Hause fliegen. 420 registrierte Hubschrauber gibt es in der Stadt. Normalsterbliche nehmen die U-Bahn, wenn diese grad nicht streikt: Eine Strecke kostet 3 Real oder umgerechnet 1,20 Franken. Sie ist sicher und einigermassen sauber. Oder aber man geht zu Fuss und schlängelt sich durch die wartenden Autos. Am gefährlichsten sind dabei die Trottoirs mit Löchern im Asphalt.
In der Stadt reden alle von den horrenden Preisen für das Eröffnungsspiel Brasilien-Kroatien. Auf dem Schwarzmarkt soll schon 6000 Real für ein Ticket geboten worden sein. Das entspricht rund dem Zehnfachen des minimalen Monatslohns. Das Spiel ist so wichtig, dass die meisten Läden am 12. Juni den ganzen Tag geschlossen haben, quasi Feiertag für die ganze Stadt.
Überraschend wenige Autos haben Brasilien-Fahnen montiert. Gleiches gilt für die Häuserfassaden, wo in diesem Moloch die meisten Wände ohne Fahnen dekoriert sind. Souvenirläden sind hingegen voll von Fanartikeln. In der Innenstadt wird das Fifa-Fanfest vorbereitet. Es befindet sich 300 Meter von der U-Bahn-Station Anhangabaú entfernt (ja, diese Station heisst tatsächlich so).
Das Motorengeräusch der Helikopter und ein massives Polizeiaufgebot im Quartier Jardim Paulista hat übrigens einen überraschenden Grund: Im Luxushotel Tivoli Mofarrej an der Alameda Santos 1437, nur eine Strasse von meiner Wohnung, ist die Nationalmannschaft der USA untergebracht. Man will für die amerikanischen Kicker offenbar nur das Beste, obwohl die Beziehung der brasilianischen Regierung mit den Amerikanern seit Präsident Lula alles andere als freundschaftlich ist.

Strassenansicht im Viertel Liberdade
Strassenansicht im Viertel Liberdade.

10. Juni (19 Uhr): Am japanischsten zeigt sich São Paulo im Stadtteil Liberdade, in der Nähe des historischen Zentrums. Das Herz von Liberdade bildet die Praça da Liberdade (erreichbar mit Taxi oder U-Bahn). An diesem Platz sind die Geschäfte in japanischen Buchstaben angeschrieben, viele Passanten haben asiatische Gesichtszüge, und sogar das Lichtsignal zeigt symbolisch ein Torii-Tor aus dem Shintoismus. Weit über eine Million der Einwohner São Paulos hat japanische Wurzeln. Im «Museu Histórico da Imigração Japonesa no Brasil» wird die Geschichte der Immigration von Japanern nach Brasilien eindrucksvoll aufgezeigt. Das Museum befindet sich rund 10 Fussminuten von der Praça da Liberdade entfernt (Rua São Joaquim 38, in Nachbarschaft zu einem buddhistischen Tempel) und kostet 7 Real Eintritt. Im Museum lernt man, dass in den Jahren 1930 bis 1935 die grösste Zahl von Japanern nach Brasilien auswanderte. Die Neuankömmlinge aus Japan arbeiteten damals meist als Bauern und brachten dem Land unter anderem Kaki, Kastanien und Mandarinen.
Für Touristen ist Liberdade deshalb interessant, weil sich hier die höchste Konzentration von japanischen Restaurants angesammelt hat sowie Läden mit japanischen Produkten und Zutaten. Authentische und traditionelle japanische Küche geniesst man am besten im Restaurant Sushi-Yassu an der Rua Thomas Gonzaga 98 ( www.sushiyassu.com.br ). Ein gutes Zeichen: Der Sushi-Chef ist Nipo-Brasileiro.

Laden nur für brasilientaugliches Schuhwerk
Ein Laden nur für brasilientaugliches Schuhwerk, pardon: Sandalen...

10. Juni (17 Uhr): Die Flipflops der Marke Havaianas gehören zu Brasilien wie Fussball oder Samba. Das erste Paar wurde bereits 1962 produziert und bei den Zori abgekupfert, wie sich die typischen japanischen Sandalen nennen. Im Jahr 2000 begann der weltweite Siegeszug der Flipflops und erreichte Hawaii, Australien, Frankreich und weitere insgesamt über 60 Länder und Regionen. Heute werden jährlich über 150 Millionen Paar Havaianas hergestellt.
2009 eröffnete in São Paulo ein Havaianas-Laden mit einer grossen Auswahl der Strandlatschen. Sie kosten um 29 Brasilianische Real, was gut 11 Franken entspricht, und sind damit deutlich preisgünstiger als in Europa. Der Havaianas-«Espaço» befindet sich im angesagten und sicheren Quartier Jardim Paulista, genauer an der Rua Oscar Freire 1116, www.havaianas.com.br

Blick auf Baustellen
Innen Luxusangebote, aussen der Blick auf Baustellen...
Die Mall Iguatemi JK
In der 2012 eröffneten Mall Iguatemi JK.

10. Juni (14 Uhr): Der Wirtschaftsmotor Brasiliens, São Paulo, ist ein Shoppingparadies - für jene, die es sich leisten können. Die meisten Einkaufszentren sind auf Luxus ausgerichtet, die Preise entsprechend teuer. Für viele Brasilianer bedeuten diese Konsumtempel nichts als unerfüllte Träume.
Zu den wichtigsten Shoppingzentren gehören Shopping Eldorado (1981 eröffnet), Ibirapuera (1976 auf einer Fläche von 163 000 Quadratmetern, das ist mehr als doppelt so gross wie der Schweizer Rekordinhaber Tivoli in Spreitenbach AG), Iguatemi (in der Nähe der bekannten Avenida Paulista), Shopping Morumbi (über 480 Geschäfte, 30 Fast-Food-Läden und 22 Restaurants), Plaza Sul Shopping (über 220 Geschäfte, 6 Kinos), Shopping Center Lapa (1968, monatlich über eine halbe Million Kunden), Villa Daslu (die reichen Kunden landen mit dem Helikopter) sowie der neueste Zugang Shops Jardins, das sich als Boutique-Zentrum mit 60 luxuriösen Läden versteht, rund 32 Millionen Franken kostete und erst letztes Jahr eröffnete. Die reichen Brasilianer kaufen übrigens am liebsten in New York und Miami ein, weil dort die Luxusprodukte nicht so stark besteuert werden.
Nicht in dieser Aufzählung fehlen darf das im Juni 2012 eröffnete Iguatemi JK, das sich in der Nähe des Parque do Povo (übersetzt Volkspark) befindet, 1600 Parkplätze (auch für Velos!) und 211 Läden aufweist. Täglich wird es von 20 000 Menschen frequentiert. Die neueste Attraktionen ist ein Gucci-Museum. Es zeigt, wie die für viele überteuerten Handtaschen angefertigt werden, wie das Design in den 1950er Jahren aussah und zeigt dazu Bilder, Original-Handtaschen aus Florenz und Videoanimationen. Bis zum 22. Juni ist der Eintritt zum Museum im 3. Stockwerk kostenlos.
Ganz nach amerikanischem Muster befindet sich im obersten Stockwerk des Iguatemi JK ein «Food Court», eine Ansammlung von Restaurants internationaler Küchen. Zur Auswahl stehen unter anderem Sushi, Prime Burger, italienisch, arabisch, mediterran, Fast Food oder das populärste Fleisch der Brasilianer: Picanha mit Salat. Dieses Rumpsteak kostet umgerechnet 15 Franken. Fleisch ist in Brasilien sehr preiswert. Ein Kilogramm Filet kostet beim Metzger rund 10 Franken. Ansonsten passt es zum Iguatemi JK, das die Speisen zwar sehr gut, aber teuer sind. Ein paar Häppchen aus der arabischen Küche, also Falafel, Humus, Taboulé-Salat, Baba Ghanoush (Püree aus Auberginen und Sesampaste) sowie ein Getränk verschlingen gegen 100 Real oder 40 Franken.
Eine Sünde wert für danach ist der Glaceladen Bacio di latte, Brasiliens beste Glacemarke mit lokalen Geschmacksrichtungen. Unbedingt probieren sollte man Doce de leite (wörtlich übersetzt heisst das Süsses von der Milch, ähnlich wie Caramel), Fico (Feigen), Caco (Kaki), Pistachio (Pistazie) oder Maracujá (Passionsfrucht). Selbstverständlich sind alle anderen Aromen ebenfalls viel zu gut, ohne künstlichen Verstärker und voll von Früchten.

Mori Ohta Sushi
Das Mori Ohta Sushi
Sashimis auf dem Holzbrett
Die Sashimis auf dem Holzbrett.

10. Juni (12 Uhr): Nipo-Brasileiros werden Bürger Brasiliens bezeichnet, die japanischer Abstammung sind. Ihre Zahl wird auf rund 1,5 Millionen geschätzt: Die Mehrheit von ihnen lebt in São Paulo. Deshalb ist der Besuch eines Sushi-Restaurants fast schon Pflicht. Augenschein im als sicher geltenden Quartier Jardim Paulista: Das Mori Ohta Sushi (Rua Doutor Mario Ferraz 449, Tel. 011 38 98 29 77, www.morisushi.com.br ) ist am Sonntagabend gut besetzt. Das Lokal hat 210 Plätze. Erstaunlich, wie viele Teenager und unter 25-Jährige auch noch abends um 21 Uhr zum Essen kommen. Woher haben die das Geld? Bestimmt gehören sie zur Oberklasse der Paulistanos, wie die Brasilianer die Einwohner São Paulos nennen.
Die Variante «Festival» auf der Speisekarte im Mori Ohta Sushi entspricht unserem «à discretion» und kostet 79 Brasilianische Real oder 31 Franken. Dafür gibt es Sushi, Sashimi und andere japanische Köstlichkeiten in allen Variationen und so viel der Magen zulässt. Den Auftakt des Schlaraffenlands bilden mit Doppelrahmkäse gefüllte Lachsröllchen, die flambiert werden, sowie mit Pouletstreifen gefüllte und frittierte Teigtaschen. Danach wird ein ganzes Holzbrett serviert – mit Lachs- und Thunfisch-Sashimi (der Lachs ist viel besser als der Thunfisch, dessen Farbe und Geschmack nicht ganz überzeugen), Hosomaki-Sushi mit Erdbeeren sowie Sushi mit gerösteten Grünkohlblättern.
Dazu passt am besten ein brasilianischer Brut-Schaumwein von Chandon aus dem Bundesstaat Rio Grande do Sul (dieser südlichste Teil Brasilien grenzt an Uruguay und Argentinien). Auf das Rechnungstotal setzt der Kellner ungefragt einen Zuschlag von zehn Prozent. So kommt er zu seinem Trinkgeld. Kreditkartenzahlung ist problemlos möglich. Letztlich kostet das Sushi-Abendessen gut 60 Franken. Zum Vergleich: Der monatliche Mindestlohn in Brasilien beträgt umgerechnet weniger als 300 Franken.

Der Flughafen Guarulhos
Der Flughafen Guarulhos von São Paulo.

9. Juni (18 Uhr Lokalzeit): Die Wiederbegegnung mit dem Flughafen São Paulo Guarulhos im neuen Terminal überrascht: Er ist hell, sauber, bietet viel Platz – und ist vor allem bereit! Die Wartekolonne bei der Einreise ist an diesem Nachmittag kurz wie noch nie zuvor, Fabiana Gomes am Schalter Nummer 9 der Passkontrolle so freundlich wie hübsch. Bereits 25 Minuten nach der Landung des Interkontinentalflugs setzt sich das Förderband bei der Gepäckausgabe in Bewegung. Letztlich dauert es dann doch 45 Minuten, bis die Koffer der meisten Passagiere auftauchen. Das ist aber noch immer ein relativ guter Wert. In Madrid beispielsweise wartet man in der Regel dafür eine ganze Stunde. Verglichen mit früher präsentiert sich Guarulhos in diesen Tagen mustergültig. Kein Vergleich zu früheren Begegnungen, als auf dem Flughafen das nackte Chaos mit unendlich langen Warteschlangen und schlecht angebrachten Hinweistafeln herrschte.
Dann zeigt sich die andere Seite von Brasilien: Für die rund 50 Minuten dauernde Fahrt vom Flughafen Guarulhos ins Stadtzentrum von São Paulo bezahlt man mit dem Taxi rund 120 Real oder umgerechnet gut 47 Franken. Der Bus, der rund 10 Minuten länger braucht, kostet noch immer über 14 Franken; Brasilien ist kein preiswertes Land, und São Paulo die wohl teuerste Stadt in ganz Lateinamerika. Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt wechseln sich schicke Restaurants und Boutiquen entlang der Avenida Paulista mit Bettlern ab, die ihr Quartier auf Matratzen unter Brücken aufgeschlagen haben. Willkommen in Brasilien, «bem-vindo» im Land der Gegensätze, der tiefen Gräben zwischen Arm und Reich.
Der Bus kann nicht die gewünschte Routen fahren, weil es in der Innenstadt Demonstrationen gibt.
Eigentlich ist es hier ja Winter: Doch in den nächsten Tagen sind Tageshöchsttemperaturen von 25 Grad vorausgesagt. Nachts wird es nicht kälter als 14 Grad. Das macht das Leben der Obdachlosen etwas erträglicher. Winter heisst aber auch: Die Sonne geht vor 17.30 Uhr unter. Die Tage sind also kurz.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Reto Wild