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06. Juni 2016

Wilder Westen in den Thurauen

Auf dem TCS-Camping in Flaach am Rhein ZH steht neuerdings ein sogenannter Nostalgiewagen. Das Migros-Magazin hat schon einmal probegewohnt.

Die Probewohner Jakob (links), Reto (Mitte) und Beni (rechts). Die vierte im Bund hat fotografiert.
Die Probewohner Jakob (links), Reto (Mitte) und Beni (rechts). Die vierte im Bund hat fotografiert.
Schädel eines Longhorns
Definitiv nicht echt!

«Mama, ist der echt?» Mein Sohn Jakob (9) deutet auf den Schädel eines Longhorns, der über dem Esszimmertisch hängt. Ein genauerer Untersuch zeigt: Nein, ist er nicht, sondern aus Plastik. Aus Plastik sind auch die Kakteen, die überall im Wohnwagen verteilt für Westernatmosphäre sorgen sollen. Die Cowboystiefel bei der Garderobe sind «made in China», die karierte (Western-)Bettwäsche von Ikea und die Öllampe auf dem Balkontischli (der Wagen hat tatsächlich einen kleinen Balkon) ebenfalls.

Jakob und sein Freund Beni (10) finden es auf jeden Fall toll. So toll, dass sie sich sogar ohne grössere Kabbeleien darauf einigen, wer im Kajütenbett oben und wer unten schläft. Ich wiederum hoffe nur, dass das – echte! – Hufeisen, das über dem Elternbett hängt, weder meinem Partner Reto noch mir heute Nacht auf den Kopf fällt.

Küchenzeile
Vorne wird gekocht (oder auch nicht), hinten geschlafen.

Anders als sein Interieur glauben lässt, steht der Wohnwagen nicht im Wilden Westen, sondern auf dem TCS-Campingplatz im Zürcherischen Flaach. Als sogenannter Nostalgiewagen bietet er seit dieser Saison mit je einem Doppel- und Kajütenbett Platz für vier Personen. Eine Küchenzeile mit zwei Herdplatten, Kühlschrank und Abwaschbecken sowie ein klitzekleiner Toilettenraum mit WC, Handwaschbecken und Dusche machen seine Mieter unabhängig von der Infrastruktur des Campingplatzes.

Für mich und Reto, die wir auf Campingplätzen normalerweise mit dem Zelt anrücken, ist es ein wahrer Luxus, für einmal nicht erst Heringe in den Boden schlagen, Matratzen aufblasen und Schlafsäcke ausrollen zu müssen. Im Prinzip hätten wir zu diesem Testwochenende mit leichtem Gepäck anreisen können, sind die Betten doch bereits frisch bezogen (wie gesagt kariert), liegen im Bad die Duschtücher bereits und ist die Küche mit allem bestückt, was man fürs Selberkochen so braucht.

Esstisch im Wohnwagen
Der Nostalgiewagen bietet überraschend viel Platz, auch zum Essen.

Hätten, denn wir sind Gewohnheitstiere. Oder zumindest Reto, der deshalb vor der Abfahrt neben unseren Velos auch noch seine Camping-Survival-Kiste hinten auf unseren Pickup geworfen hatte. Diese beinhaltet neben diversen Plachen, Sandheringen, Schnüren, Gaskartuschen, Gummihämmern und Handschuhen auch einen Klappspaten – man weiss ja nie, was einem beim Campieren alles nützlich sein kann. So viel sei schon jetzt verraten: Das Einzige, was wir während den zwei Tagen in Flaach gebraucht haben, war unser heiss geliebtes Mokka-Kafimaschineli, ein weiterer fester Bestandteil unserer Camping-Survival-Kiste.

Gekocht haben wir schlussendlich (mit Ausnahme des Kafis) nicht im Nostalgiewagen. Stattdessen haben wir uns im Restaurant «Rübis&Stübis» im benachbarten Naturzentrum Thurauen durchs Spargelsortiment gefuttert (schliesslich ist die Gegend für ihre weissen Spargeln bekannt). Und sonst? Haben wir das gemacht, was wir auch unternommen hätten, wenn wir gezeltet hätten:

in der gleich neben dem Campingplatz gelegenen Badi gebädelet (der Eintritt ist für Campingplatzbenützer gratis und der Rhein war definitiv noch zu kalt), den Erlebnispfad des Naturzentrums Thurauen absolviert in der Hoffnung, ein paar Ringelnattern oder sogar einen Eisvogel zu entdecken (keine Ringelnattern und kein Eisvogel, dafür unzählige quakende Frösche sowie ein Specht bei der Jungenfütterung), eine Flasche Weisswein mit ein paar benachbarten Wohnwägeler geköpft (Campisten sind gesellige Leute), selber Fussball gespielt und im Aufenthaltsraum mit weiteren Fussballfans den Match Real Madrid gegen Atletico Madrid geschaut.

Auf der Heimfahrt habe ich dann meine drei Männer nach ihrer Meinung zum Nostalgiewagen gefragt. Ich zitiere:

Jakob:

Der Wagen war schon cool, die Kaktusse und der Kuhschädel und so. Und in der Badi konnte man sich Comics ausleihen. Am coolsten war aber, dass wir den Match Real Madrid gegen Atletico Madrid bis am Schluss schauen durften.

Beni:

Dass wir keine Schlange gesehen haben, war schon schade. Aber der Kuhkopf hat mir auch gefallen.

Reto:

Wenn der Wagen uns gehören würde, würde ich als Erstes die ganzen Kakteen, Kuhköpfe und Cowboystiefel rausschmeissen – und ihn anschliessend bei uns als B&B in den Garten stellen.

Und ich? Ehrlich gesagt ist Zelten mehr mein Ding. Und wenn ich auf Rädern schlafen will, miete ich mir ein Wohnmobil im Wissen, mit diesem jederzeit weiterziehen zu können. Ich meine aber auch, dass der Nostalgiewagen eine gute – jedoch nicht gerade günstige – Option ist für Camping-Neulinge, die erstmals Campingluft schnuppern und sich nicht unbedingt gleich beim Zeltaufbau blamieren wollen (wobei nebenbei gesagt, Campisten meist hilfsbereite Leute sind, die einem gern mit Rat und Tat beistehen. Und sie sind übrigens auch neugierig, weshalb wir während unserer zwei Tage in Flaach ganz viele Leute kennengelernt haben, die alle mal «ganz kurz nur» einen Blick in unser Gefährt haben werfen wollen).

Eine gute Option ist der Nostalgiewagen auch für diejenigen, die sich ein, zwei Nächte eine Auszeit mitten in der Natur gönnen wollen, da man wie gesagt mit leichtem Gepäck anreisen kann. Oder für Eltern, die ihren Kindern ein Wildwestabenteuer bereiten möchten.

Die Reise wurde ermöglicht durch den Touring Club Schweiz.

Preise und Standorte

Nostalgiewagen von aussen

Der Nostalgiewagen (vier Personen) kostet in der Hochsaison (2.7. bis 20.8.2016) 190 Franken, sonst 125 Franken pro Nacht. Dazu kommen Taxen von 3 Franken pro Erwachsener/Nacht und 20 Franken pro Bettwäschegarnitur. TCS-Camping-Club-Mitglieder erhalten 15 Prozent Ermässigung. Ähnliche Nostalgiewagen wie in Flaach am Rhein stehen auch auf den TCS-Campingplätzen Lugano-Muzzano und Solothurn. Weitere Infos gibts hier.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Almut Berger