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10. November 2014

Tipps für schüchterne Kinder

Viele Kinder sind schüchtern. Doch nur wer die Schüchternheit überwindet, kann seine Begabungen entwickeln und seine Chancen im Leben nutzen. Hintergründe und Tipps sowie Infos zu sozialer Phobie bei Erwachsenen.

Mädchen versteckt sich hinter der Mutter.
Schwer fassbares Gefühl: Schüchternheit ist bei kleinen Kindern stark verbreitet (Getty Images).

Fangis spielen mit den Nachbarskindern, mit anderen im Sandkasten herumtollen, die Kinder freudestrahlend ansprechen – das ist Nina. Carmen hingegen bleibt auf dem Spielplatz lieber bei den Eltern, spielt allein und spricht kaum. Die Kleine ist sehr schüchtern.

«Wir alle haben Hemmungen und sind entsprechend schüchtern. Manche mehr, manche weniger», sagt Georg Stöckli (64), Professor für Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Universität Zürich. Schüchternheit ist nicht nur sehr unangenehm für die Betroffenen, sie hindert sie auch daran, ihre Begabungen zu fördern und Chancen wahrzunehmen. So werden Schüchterne des Öfteren unterschätzt. «Schüchterne Kinder leiden oft unter einem angeschlagenen Selbstwertgefühl, einer sehr selbstkritischen Haltung oder gar Depressionen. Und sie ziehen sich aus Selbstschutz zurück und haben kaum Freunde», so der Experte.

Auf Kritik reagieren schüchterne Kinder mit Rückzug

Oft sind gerade kleinere Kinder schüchtern. Je älter sie werden, desto besser können sie ihre Schüchternheit kontrollieren. In der Pubertät entscheidet sich, ob Jugendliche schüchtern bleiben oder ihre Hemmungen überwinden, erklärt Georg Stöckli: «Fragen wie ‹Wie komme ich bei Freunden an?› oder ‹Wie reagiert das andere Geschlecht auf mich?› sind von grosser Bedeutung. Deshalb treten Jugendliche in sozialen Medien meist cool und selbstbewusst auf. Aber: Wer sich nach aussen cool gibt, kann innerlich trotzdem sehr schüchtern sein.» Soziale Medien sind dann kein Ersatz für soziale Kontakte, jedoch ein gutes Hilfsmittel, um diese aufzunehmen.

Je früher Betroffene gegen ihre Schüchternheit ankämpfen, umso besser. Schliesslich geht es darum, die eigene schüchterne Persönlichkeit zu verändern. Das braucht Zeit, Geduld, ganz viel Unterstützung und vielleicht eine andere Umgebung, beispielsweise einen Auslandaufenthalt. Auch die Eltern können helfen. «Je mehr sie ihr Kind behüten und isolieren, desto ängstlicher wird es», sagt Georg Stöckli. Auch die Aufforderung «Sei nicht so schüchtern und sprich mit der Nachbarin!» sei eher kontraproduktiv. Kritik bewirke bei schüchternen Kinder oft, dass sie sich noch mehr zurückziehen. «Stattdessen sollten Eltern ihr Kind loben, wenn es den Mut aufbringt, auf andere zuzugehen. Wichtig ist auch, dass Eltern eine extrovertierte und offene Verhaltensweise vorleben.»

Auch Carmen hat bei Mama und Papa gesehen, wie es funktioniert: Auf dem Spielplatz gehen sie auf andere Eltern und deren Kinder zu, sprechen und lachen mit ihnen. So wird auch Carmen immer mutiger. Sie spricht und spielt mittlerweile gerne mit dem Nachbarsmädchen.

Autor: Priska Plump