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03. September 2012

«Wieso soll Verhütung nur Frauensache sein?»

Seit Jahren tüfteln Forscher erfolglos an der Verhütungspille für den Mann. Mal war die Wirkung zu klein, mal waren die Nebenwirkungen zu gross. Nun könnte ein neu entdecktes Molekül der Pille für den Mann zum Durchbruch verhelfen. Was längst überfällig sei, meint Sexualtherapeutin Dania Schiftan.

Dania Schiftan
Dania Schiftan aus Zürich ist Psychologin FSP und Sexualtherapeutin am Zentrum für 
interdisziplinäre Sexologie und 
Medizin (ZiSMed) in Zürich.

1. Dania Schiftan, wieso braucht es überhaupt eine Pille für den Mann?

Ich denke, es ist Zeit, dass der Mann seine Verantwortung begreift und wahrnimmt, dass Schwangerschaftsverhütung auch ein Thema für den Mann ist. Wieso soll Verhütung immer nur die Sache der Frau sein?

2. Nun wehren sich ja viele Männer gegen das Kondom. Glauben Sie nicht, dass diese sich auch gegen die Pille wehren werden?

Nein, denn sie wehren sich nicht unbedingt gegen die Verhütungsverantwortung, sondern gegen das Kondom. Etliche Männer empfinden mit Kondom weniger. Es gibt Männer, die ihre Erektion nicht aufrechterhalten können, wenn sie mit einem Kondom Sex haben. Das liegt daran, dass viele Männer sich bei der Selbstbefriedigung stark am Penis reiben. Sie gewöhnen sich damit etwas an, was die Scheide nicht liefern kann. Diese ist immer weicher als die Hand. Kommt nun noch ein Kondom dazwischen, kann es tatsächlich sein, dass diese Männer nicht mehr viel spüren. Sie können aber dazulernen und ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten erweitern.

3. Die Pille für den Mann hat keine solchen Nebenwirkungen. Können Männer damit in Zukunft zu Ihrem Verhütungsbeitrag gezwungen werden?

Jemanden zu etwas zwingen finde ich immer falsch. Aber die Diskussion darüber muss eröffnet werden, ob die bisher gelebte Selbstverständlichkeit nicht auch hinterfragt werden kann. Bisher war klar: Die Frau erledigt die Verhütung. Es wurden auch viele Angebote wie Pillen, Implantate oder Spiralen für Frauen entwickelt, und entsprechend einfacher war es für die Frau. Es ist aber auch ganz grundsätzlich schwierig, den Mann zu einem grösseren persönlichen Beitrag zur Verhütung zu motivieren. Denn wieso sollte er ein Interesse daran haben, am bisher gut funktionierenden und sehr bequemen System etwas zu ändern? Und die Frau hat ja auch viel mehr Interesse an der Verhütung, denn es geht schliesslich um ihren Körper.

4. Immer wieder hört man auch, Frauen seien in dieser Beziehung eben zuverlässiger?

Das ist schlicht nicht wahr. Wären Männer so unzuverlässig, wie sie sich selber in der Verhütungsfrage gerne darstellen, wäre die Wirtschaft schon lange zusammengebrochen. Denn immerhin geht eine grosse Mehrheit der Männer jeden Morgen zuverlässig zur Arbeit.

5. Liegt das Problem bei den Eltern, welche die Buben nicht zur Verhütung erziehen?

Das Problem ist, dass viele Eltern verunsichert und überfordert sind, wie sie das Thema Sexualität mit ihren Kindern besprechen können. Das, obwohl die Sexualität in der heutigen Gesellschaft eine so grosse Rolle spielt. Weil die Kinder sexuelle Begriffe verwenden, denken die Eltern, sie wüssten Bescheid. Doch das kann täuschen.

Die Quelle

Ein Molekül könnte die Spermienentwicklung behindern, ohne den Sexualtrieb zu hemmen (www.bluewin.ch).
Ein Molekül könnte die Spermienentwicklung behindern, ohne den Sexualtrieb zu hemmen (www.bluewin.ch).

Den ganzen «bluewin.ch»-Beitrag, der Anstoss zu den Fragen lieferte, lesen Sie hier

Autor: Thomas Vogel