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05. Dezember 2016

Wieder vertraut mit der eigenen Stimme

Gesang und Musik waren ihr Lebenselixier. Doch nach einem Hörsturz wollte Frida Rohner aus Heiden beides aufgeben. Zwei Jahre später jodelte sie allein in der Natur und spürte innert Sekunden: Das Vertrauen in die Stimme ist zurück.

Frida Rohner
Trotz Hörsturz raffte sich Jodlerin Frida Rohner wieder auf.

«Ich konnte meine Emotionen nicht mehr steuern», erinnert sich Frida Rohner. Es war im August 2014. Allein stand sie auf dem markanten Felsbrocken «Chindlistein», dem Kraftort von Heiden AR. Während 15 Minuten durfte sie für das Projekt Jodel-Solo ihren ureigenen Jodel singen. Um sie herum war es mucksmäuschenstill, die Zuhörer standen 50 Meter von ihr entfernt auf der Waldlichtung. «Beim ersten Lied hat meine Stimme gezittert.» Doch dann spürte sie, wie das Vertrauen in ihr Gehör zurückkehrte. Mit jedem Lied fühlte sie sich wieder sicherer. Die Leute applaudierten; Tränen der Erleichterung bei der Sängerin. «Für mich war dieser Auftritt auch die Befreiung von meiner Angst», sagt die 67-Jährige heute.

Selbstbewusste Vorjodlerin

Seit dem Hörsturz im November 2012 ist Frida Rohner auf dem linken Ohr taub. «Damals habe ich mit dem Singen abgeschlossen», erzählt sie. Die Angst, falsche Töne zu treffen und den Fehler nicht zu hören, habe sie verunsichert. Sie, die während 35 Jahren aktives Mitglied des Trachtenchors Heiden war und bis dahin beim Singen keine Berührungsängste kannte. «Musik und Gesang bedeuteten für mich Lebensqualität, Freizeit und Freunde.» Auftritte und Unterhaltungsabende bestimmten ihr Leben. Der Chor war mehr als ein Hobby. Als Dirigentengattin unterstützte sie ihren Mann in der Wahl des Liederrepertoires und engagierte sich für die jungen Sängerinnen und Sänger.

Als Vorjodlerin liebte sie die Perfektion; im Gesang sowie bei der Kleiderwahl. In der Appenzell-Ausserrhoder-Tracht fühlte sie sich wohl und war stolz, das Brauchtum zu leben. Bei Auftritten sucht die selbstbewusste Frau jeweils den Augenkontakt zum Publikum. Denn sie musste nie nach den Tönen suchen, konnte spontan ein Lied anstimmen. Doch plötzlich war alles anders.

«Ich wollte dieses Kapitel abschliessen»

Der Hörsturz kam überraschend. Als sie eines Morgens erwachte, merkte sie, dass etwas mit ihrem Ohr nicht mehr stimmte. Während Wochen war sie in ärztlicher Behandlung, doch die Gehörlosigkeit auf der linken Seite konnte nicht geheilt werden. «Das Gefühl, nur noch auf dem rechten Ohr zu hören, war gewöhnungsbedürftig», sagt die mehrfache Grossmutter. Sie versuchte, dieses Handicap zu akzeptieren. Doch es verunsicherte sie auch. Die Frage, ob sie weiterhin singen könne, blieb lange unbeantwortet. Motiviert von ihren Chorkollegen besuchte sie drei Monate nach dem Vorfall die Gesangsprobe.

Eine Erinnerung, die schmerzt: «Ich stand im Chor und merkte, dass es nicht mehr geht.» Sie konnte wohl ihre eigene Stimme einordnen, diejenigen ihrer Mitsänger jedoch nicht mehr. Weinend habe sie den Raum verlassen. Ein knappes Jahr später trat sie aus dem Chor aus. «Ich wollte dieses Kapitel abschliessen.» Zu unsicher fühlte sie sich beim Singen, zu stark wurden die Hemmungen. Frida Rohner zog sich zurück. Doch wenn ihr Mann die Tracht anzog und sich für Auftritte bereit machte, schmerzte es sie.

Umso überraschender kam die Anfrage für das Projekt Solo-Jodel. Sie müsse allein singen, mitten in der Natur. Frida Rohner verlangte Zeit zum Nachdenken, denn sie suchte immer noch eine Antwort auf ihr Schicksal. Ihre positive Lebenseinstellung habe ihr Mut gemacht, sagt sie. Sie nahm das Angebot an. Ihr Mann musste ihr jedoch versprechen, sie beim Üben der Lieder ehrlich zu korrigieren. Der Auftritt beim «Chindlistein» wurde ein Erfolg – für die Veranstalter, für die Zuhörer, aber auch für Frida Rohner. Das Selbstvertrauen war zurück und damit auch ihr Lebenselixier. «Für mich ist Singen wie ein Heilmittel, und es tut meiner Seele gut.»

Autor: Esther Zellweger

Fotograf: Willi Rohner