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18. April 2016

Wie wir in Zukunft arbeiten

Digitalisierung und Automatisierung lassen in den kommenden Jahren Tausende von Berufen verschwinden. Die Geschichte aber zeigt: Technologische Revolutionen bringen auch neue, meist bessere Jobs hervor. Alles also nur halb so schlimm? Ein Blick in die Zukunft.

1.0 - Siegeszug der Maschinen
1.0 - Siegeszug der Maschinen: Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ersetzen Seidenbandfabriken die Webstühle in den Stuben der Posamenterfamilien (Bild: Seidenbandfabrik in London, um 1830).

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte des technologischen Fortschritts. Und eine der Ängste vor den Veränderungen, die dieser mit sich bringt. Derzeit geht die Angst besonders heftig um. Wissenschaftler, Experten, Politiker warnen auf allen Kanälen, ja sogar das Weltwirtschaftsforum Davos hat sich dieses Jahr mit den Folgen der digitalen Revolution beschäftigt: Computerprogramme und Roboter werden immer besser und dürften in den kommenden 20 Jahren viele Jobs schneller und effizienter erledigen als Menschen. Tausende von Berufen könnten deshalb verschwinden, auch solche, die heutzutage ein gutes Mittelklasseleben ermöglichen.

Eine Studie der University of Oxford prognostizierte bereits 2013, dass es künftig keine kaufmännischen Angestellten mehr brauchen wird, keine Pöstler, Metzger, Buchhalter, Laboranten oder Elektromonteure. Laut der Beratungsfirma Deloitte könnten in der Schweiz gut 48 Prozent aller Stellen der Automatisierung zum Opfer fallen.

Einigermassen sicher sind Arbeiten, die Kreativität oder Empathie benötigen oder in der Ausführung komplex sind – in der Hinsicht können Maschinen mit Menschen noch lange nicht konkurrieren. Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Anwälte müssen sich ebenso wenig sorgen wie Designer, Architekten oder Erzieher.

Treiber dieser Entwicklung sind die Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz. Das US-Verteidigungsministerium erwartet, dass die Vernetzung künstlicher Neuronen schon im Jahr 2020 die gleiche Komplexität erreicht haben wird wie das Gehirn eines Menschen. In der global aktiven Firma Deep Knowledge Ventures , die auch in Basel einen Standort hat, sitzen vier künstliche Intelligenzen gleichberechtigt mit vier Menschen in der Geschäftsleitung.

Technologische Revolutionen verändern die Welt

Die digitale Revolution ist nur die letzte von mehreren technologischen Umwälzungen, die die Menschheit erlebt hat. Es fing vor etwa 2,5 Millionen Jahren an, als die ersten Waffen und Werkzeuge erfunden wurden, und erreichte einen Höhepunkt mit der industriellen Revolution, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von England ausgehend die Arbeitswelt einschneidend veränderte. Aus Agrar- wurden Industriegesellschaften, Maschinen verdrängten die Handarbeit. Viele Jobs verschwanden. Jobs, denen allerdings kaum jemand eine Träne nachweint, weil sie anstrengend, dreckig, oft gefährlich und schlecht bezahlt waren.

Mit jeder Jobrevolution wuchs der Wohlstand Elektrizität und Massenproduktion von Gütern führten um 1900 zur zweiten industriellen Revolution, gefolgt von der dritten ab Mitte der 1970er-Jahre als die Computerisierung begann. Jedes Mal gab es individuelle Gewinner und Verlierer, jedes Mal jedoch konnte der gesamtgesellschaftliche Wohlstand weiter gesteigert werden, wovon letztlich die meisten profitierten.

Dennoch waren alle diese Umwälzungen von düsteren Prophezeiungen begleitet. Karl Marx etwa erklärte im 19. Jahrhundert, dass die Produktivitätssteigerungen zu Arbeitsplatzabbau und einer «Armee von beschäftigungslosen Proletariern» führen würden.

Der Wandel ist auch eine Chance

Viele sehen in der Digitalisierung eine Bedrohung statt eine Chance
So ähnlich klingt es auch jetzt wieder im Vorfeld der sogenannten vierten industriellen Revolution. Zwar sind sich alle einig, dass auch diesmal viele neue Jobs entstehen werden, aber ob damit die Verluste kompensiert werden können, weiss niemand. Kommt hinzu, dass diese neuen Jobs eher anspruchsvoller sein werden. Das Risiko steigt, dass dadurch noch mehr weniger gut Qualifizierte aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden. Die Erwerbslosenquote der Niedrigqualifizierten liegt in der Schweiz heute bei zehn Prozent – das ist etwa doppelt so hoch wie über alle Qualifikationsniveaus hinweg betrachtet.

Macht der Roboter bald etliche klassische Berufe überflüssig?
Macht der Roboter bald etliche klassische Berufe überflüssig? (Im Bild: Japanischer Hotelroboter)

«Die digitale Transformation wird von vielen statt als Chance als Bedrohung wahrgenommen», sagt Joël Luc Cachelin, der sich mit seinem Think Tank Wissensfabrik intensiv mit den Fragen rund um die Industrie 4.0 beschäftigt. Die Folge: Statt die Potenziale zu nutzen – etwa um Bürokratie abzubauen oder Effizienzeffekte zu nutzen –, wachse ein umfassendes Misstrauen.

«Fiebrig wird nach Schuldigen gesucht, ängstlich grenzt man sich gegenüber dem Fremden und Neuen ab. Wir verlieren den Glauben an eine positive Zukunft genauso wie an das Vertrauen in unsere Fähigkeit, das System zu erneuern.» Cachelin plädiert deshalb für umfassende, mutige Reformen, für ein Update, sonst drohe Chaos: soziale Unruhen, Ressourcenkämpfe, autoritäre Herrschaftssysteme.

«Update» heisst auch sein kürzlich erschienenes Buch, in dem er zehn reformbedürftige Bereiche definiert, darunter Infrastruktur, Verwaltung und Bildung. «Wir sind auf Politikerinnen und Politiker angewiesen, die den Geist des Aufbruchs verkörpern», schreibt Cachelin. Er schlägt vor, die Dauer aller politischen Ämter auf acht Jahre zu beschränken. «So können sich Politiker nicht zu stark von der Bevölkerung entkoppeln.» Es stehe nichts Geringeres bevor, als den Staat neu zu erfinden.

Keine leichte Aufgabe, sagt Cachelin. «Die etablierten Kräfte sind weder an Experimenten noch an Gedankenspielen interessiert, die sie in der Öffentlichkeit als naiv, verrückt oder als gefährlich erscheinen lassen.» Und Volksabstimmungen über Reformen seien an der Urne immer klar gescheitert. Um Ängste vor Veränderungen zu kontern, schlägt Cachelin vor, die Auswirkungen von Reformen digital zu simulieren oder in kleinen Gemeinden zu testen.

Öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich?

Immerhin, in einem sind sich die Experten einig: Wer bereit ist, lebenslang zu lernen, braucht sich keine grossen Sorgen zu machen. Dennoch befürchten manche, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Martin Ford, Autor von «Rise of the Robots», dem Wirtschaftsbuch des Jahres 2015, plädiert deshalb zur Abfederung dieser Entwicklung für ein bedingungsloses Grundeinkommen, ebenso wie Erik Brynjolfsson, Ökonom am Massachusetts Institute of Technology in Boston. Dabei würde jeder Einwohner vom Staat einen monatlichen Basisbetrag erhalten – einfach so, ohne Gegenleistung.

Die Schweiz wird bereits im Juni über ein solches Grundeinkommen abstimmen. Und sie könnte sich ein solches Modell auch leisten, sagte Brynjolfsson in der NZZ. Generell hält er die Schweiz für eines der Länder, das am besten auf die Veränderungen vorbereitet sei. «Ich bin optimistisch, nicht weil Technologie den Menschen immer hilft, das tut sie nicht, sondern weil wir wissen, wie wir sie nutzen müssen, damit die Menschen davon profitieren. Wir steuern weder zwangsläufig auf eine Utopie zu, noch sind wir zu einer ungewollten Zukunft verdammt. Wir Menschen haben es in der Hand. Die Technologie ist nur unser Werkzeug.»

Joël Luc Cachelin: «Update! Warum die digitale Gesellschaft ein neues Betriebssystem braucht», Stämpfli-Verlag 2016, bei Ex Libris für 16.70 Fr.

Autor: Ralf Kaminski