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17. November 2014

Wie wichtig ist Ihnen Moral?

Wie stark leben Sie Ihre Überzeugungen im Alltag: Bewusst, in allen Lebensbereichen oder bis zur Beeinflussung des Umfelds? Die vier gängigsten Varianten im Überblick – welches Modell befolgen Sie? Im Interview («Ekstase gehört zum Menschen») greift Judith Mair strikter gewordene Moralvorstellungen und den Zwang zur Selbstoptimierung an.

Keine Schnecken auf dem Teller
Vielen Menschen kommen aus ethischen Gründen keine Schnecken auf den Teller. (Bild Getty Images)

Vermutlich orientieren sich (fast) alle Menschen in bestimmten Situationen an Wertvorstellungen. Andere ohne es sich bewusst zu machen. Einige befolgen ihre moralischen Grundsätze konsequent, ein paar andere versuchen ihnen in ihrer Umgebung gar zur Geltung zu verhelfen.
Migrosmagazin.ch nennt die vier häufigsten Typen im täglichen Umgang mit Moralvorstellungen. Zu welchem zählen Sie (Abstimmung rechts)?
1. Ohne grosse Überzeugungen
Der erste Typ ist häufig anzutreffen. Er verzichtet mindestens bewusst auf umfassende Ideale, an denen er sich orientieren möchte. Das Fehlen eines abgestimmten Weltbilds bedeutet aber keineswegs, dass er sich in seinem Handeln an keinen Wertvorstellungen orientiert. Bloss wäre zum Beispiel zwischen Engagement in der Nachbarschaft und völligem politischem Desinteresse kein Leitfaden auszumachen. Zwischen dem Verzicht auf Meeresfische auf dem Teller und gelegentlich im Restaurant georderten Schnecken oder Gänseleberterrinen eher auch nicht. Dieser Menschenschlag denkt und akzeptiert, dass die komplexe Welt von heute keine Reduktion auf wenige generell gültige Leitfäden mehr zulässt.
2. Ideale pragmatisch umsetzen
Im Gegensatz zum ersten befasst sich der zweite Typ viel häufiger mit moralischen Fragen im Alltag. Er macht sich auch in der Regel die Mühe, aus seinen wichtigeren Ansichten eine Art Weltbild zu formen, das von Gegensätzen zumindest nicht gänzlich zerrissen wird. Allerdings sieht er die Umsetzung seiner Grundsätze im Alltag eher locker: Lässt sich etwas nicht gut vereinbaren, hält er ein paar Spannungen aus. Ein Beispiel: Sieht er sich als sportlich fit, so verzichtet er für Einladungen bei Freunden dennoch selbstverständlich aufs sonst tägliche Training. Wichtig ist ihm, dass er nicht dauernd mit grundsätzlichen Konflikten leben muss.
3. Moral bis ins Detail befolgen
Strenger sieht es der dritte Typ mit seinen Idealen und Werten. Zumeist macht er sich in wiederkehrenden und wenn möglich auch einmaligen Situationen die Mühe, sein Verhalten kurz auf die Konformität mit seinen moralischen Grundsätzen abzuchecken. Er würde etwa zugunsten geschonter Ressourcen und respektierter sozialer Normen nicht nur nie bei einem weltweit tätigen Energieförderungs-Unternehmen arbeiten, sondern etwa auch keine Kundenbeziehung eingehen mit einer Bank, die bekannterweise mit dem Energieförderer geschäftet.
4. Eigene Überzeugung verteidigen
Noch einen Schritt weiter geht der vierte Typ: Ihm genügt es nicht, die eigenen Werte bis ins Detail selbst zu leben. Für ihn gehört dazu, dass er sie im Rahmen des irgendwie Machbaren auch gegen aussen vertritt und verteidigt. Bei Freunden und bisweilen gar entfernt (oder ganz Un-)Bekannten versucht er für seine Ideen Goodwill zu schaffen, zu werben. Mindestens bei Vertretern der ersten beiden Typen gilt er deshalb oft als intolerant, mitunter gar lebensfremd, oft schlicht lästig. Für ihn selbst siehts natürlich anders aus: Er gehört zu den wenigen, die wirklich bewusst leben.

Autor: Reto Meisser