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22. Mai 2017

Wie Virtual Reality das Gehirn beeinflusst

Der Neuroethiker Michael Madary von der Universität Mainz veröffentlichte einen Ethikkodex zu «Virtual Reality». Im Interview spricht er über Chancen und Risiken der noch jungen Technologie und deren Einfluss aufs menschliche Gehirn.

Neuroethiker Michael Madary
Der Neuroethiker Michael Madary forscht zum Thema Virtual Reality. (Bild zVg)

Wie konsumieren Sie am liebsten eine Horrorgeschichte: im Kino, im TV, als Hörspiel oder in Virtual Reality?
Ich selbst habe noch keine Horrorgeschichte in Virtual Reality (VR) erlebt. Es ist jedoch eine sehr interessante Frage, wie Menschen darauf reagieren. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass Reaktionen sehr heftig ausfallen können.

Glauben Sie, dass VR stärkere Angst auslösen kann als Bücher oder Filme?
Das ist individuell. Manche Leute verspüren beim Lesen einer Horrorgeschichte kraft ihrer Fantasie mehr Angst, als wenn sie dieselbe Geschichte auf einem Bildschirm sehen. Aber VR kann auf jeden Fall ein sehr effektives Medium sein, um Menschen in Angst zu versetzen.

Was ist der Unterschied zwischen VR und klassischen Medien aus psychologischer Sicht?
VR ahmt die Art und Weise nach, wie wir unseren Alltag erleben. Die Technik nimmt Bewegung, Gestik und Mimik der Menschen wahr und verändert ihre visuellen Eindrücke dementsprechend. So entsteht der Eindruck, an einem anderen Ort zu sein, und virtuelle Welt wird als echt wahrgenommen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich dieses Medium von allen anderen.

Was macht Virtual Reality mit uns Menschen – und speziell mit unserem Gehirn?
In psychologischer Hinsicht überlistet uns VR dahingehend, dass wir uns an einem anderen Ort wähnen, obwohl wir es in Wahrheit gar nicht sind. Zudem kann es die Illusion erzeugen, dass Menschen einen anderen Körper besitzen und kontrollieren. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass VR einen Einfluss auf das Gehirn hat und das menschliche Verhalten über das Verlassen der VR-Umgebung hinaus beeinflussen kann.

In psychologischer Hinsicht überlistet uns Virtual Reality.

Ist das jetzt gut oder schlecht?
Experimente haben gezeigt, dass VR Menschen weniger rassistisch machen kann, indem es sie in fremde Körper anderer Hauptfarbe versetzt. Grundsätzlich ist die unterschwellige Beeinflussung des Wertesystems durch VR denkbar – positiv wie negativ. Seien es die Steuerung von politischen, religiösen oder sozialen Haltungen. Ebenso lassen sich Kaufentscheidungen beeinflussen: Wenn gezielte Werbemassnahmen in einer VR-Umgebung ausgespielt werden, ist das möglicherweise effektiver als herkömmliches Marketing.

Zehn Leserinnen und Leser des Migros-Magazins reagierten in einem Experiment unterschiedlich auf VR. Zum Beispiel wurde es dreien bei einem Autospiel schlecht, allen anderen nicht. Warum ist das so?
Die Industrie unternimmt grosse Anstrengungen, um die sogenannte «Motion Sickness», die Übelkeit oder Schwindel hervorruft, zu verhindern. Gerade bei Rennspielen ist das jedoch schwierig: Obwohl der Spieler an Ort und Stelle sitzt, wird ihm vorgegaukelt, sich mit hoher Geschwindigkeit fortzubewegen. Diese widersprüchlichen Signale verwirren unser Gehirn – und dies verursacht die beschriebenen Gefühle.

Und weshalb merken dies nicht alle Menschen gleich stark?
Einige Menschen sind anfälliger auf die Bewegungskrankheit als andere. Dies könnte mit kleinen Unterschieden in unserer neurologischen und psychologischen Konstitution zusammenhängen.

Wie gross sind die Unterschiede zwischen Realität und Fiktion noch, und wie gut kann das Gehirn zwischen den Welten differenzieren?
Die meisten Menschen wissen durchaus, dass die VR-Erlebnisse nicht real sind. Trotzdem sind die körperlichen und emotionalen Reaktionen oftmals so, als wären sie real. Das Phänomen lässt sich so veranschaulichen: Probanden werden gebeten, über ein auf dem Boden liegendes Holzbrett zu gehen. Sie müssen dazu allerdings eine VR-Brille tragen, die das Brett über einer tiefen Grube zeigt. Kaum jemand traut sich, über das Brett zu gehen, obwohl jeder weiss, dass eigentlich keine Gefahr besteht. Gewisse Teile des Hirns werden durch die VR-Illusion überlistet.

Welche Risiken birgt die sogenannte Immersion(siehe Beispiel mit dem Brett über der Grube),die VR hervorruft?
Ein sehr wahrscheinliches Szenario ist, dass VR dahingehend missbraucht wird, um Menschen zu manipulieren und ihr Verhalten zu beeinflussen. Ebenso problematisch könnte es im Bereich Privatsphäre und Datenschutz werden, weil VR Gesichtsausdrücke und Gesten erkennen und speichern kann. Forschungsergebnisse zu gesundheitlichen Langzeitfolgen gibts noch nicht, dazu ist die Technik noch zu jung.

Sie haben deshalb einen Ethikkodex für Virtuelle Realität erarbeitet.
Meinem Kollegen Thomas Metzinger und mir ist es ein Anliegen, dass Industrie und Wissenschaft offen miteinander kommunizieren und gegenseitig auf ihre Bedürfnisse eingehen. Unser Ethikkodex soll diesen Austausch fördern und längerfristig eine staatliche Regulierung verhindern. Diese erübrigt sich nämlich, wenn die Hersteller von VR-Inhalten sich mit ethischen Fragen beschäftigen.

Das tönt arg theoretisch. Haben Sie ein konkretes Beispiel aus dem Kodex?
Hersteller müssen ihre Kunden transparent informieren, dass die Folgen von VR derzeit nicht eingeschätzt werden können und dass VR Konsequenzen für das Verhalten im realen Leben haben kann. Nur so können Konsumentinnen und Konsumenten entscheiden, ob sie VR nutzen oder darauf verzichten wollen.

Befürchten Sie, dass Firmen oder Regierungen Menschen mit VR beeinflussen wollen?
Eigentlich möchte ich keine Vorhersagen treffen – aber das befürchte ich tatsächlich: VR ist eine so mächtige Technik, dass sie ganz automatisch Interessen in diese Richtung wecken wird. Politische oder auch religiöse Manipulationen sind durchaus denkbar.

Politische oder auch religiöse Manipulationen sind durchaus denkbar.

Kann VR auch Traumata oder Halluzinationen auslösen?
Diese Gefahr besteht vor allem für Menschen, die ohnehin anfällig für psychische Krankheiten sind ...

... ist auch das Umgekehrte denkbar, dass VR kranken Menschen helfen kann?
Auf jeden Fall. Zum Beispiel wurden Menschen mit Brandverletzungen während der Operation in VR an den Nordpol versetzt, um ihr Schmerzempfinden zu lindern. Darüber hinaus konnten Phobien mit Erfolg bekämpft werden.

Gibt es einen Unterschied, ob Kinder oder Erwachsene VR nutzen?
Vor dem 21. Lebensjahr ist das Gehirn des Menschen nicht komplett entwickelt. Derzeit lässt sich noch nicht abschliessend beurteilen, ob eine längere Nutzung von Virtual Reality die Entwicklung des Gehirns beeinflussen oder verändern kann. Für Kinder genügt ein lebendig erzähltes Märchen, um darin einzutauchen und zu glauben, dass Zwerge und Einhörner wirklich existieren. Wenn sie diese Kreaturen in VR sehen und erleben, kann es durchaus passieren, dass sie nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können.

Ist die VR-Nutzung für Kinder also riskanter als für Erwachsene?
Es spricht vieles dafür – allerdings fehlen wissenschaftliche Fakten, die das bestätigen. Viele Einflüsse sind noch nicht erforscht. Dessen müssen sich Eltern bewusst sein.

Was raten Sie Menschen, die VR ausprobieren möchten?
Nutzen Sie die neue Technik massvoll. Und fast noch wichtiger: Vernachlässigen Sie echte soziale Interaktion nicht. Treffen Sie Freunde und lassen Sie dabei das Handy, den Computer, die Konsole und die VR-Brille beiseite.

Gibts ein Mindestalter für VR? Sony beispielsweise sagt, dass das eigene Produkt für unter 12-Jährige nicht geeignet sei.
Altersempfehlungen sollten immer auf Forschung basieren – ich weiss nicht, wie Sony zu dieser Angabe kommt –, aber sie sollten zumindest eine Faktenbasis haben. Aktuell kann ich Ihre Frage seriös nicht beantworten, weil die Forschungsergebnisse fehlen.

Die Bereiche Medizin und Bildung werden sich zum Positiven verändern.

Welche positiven Einflüsse von Virtual Reality sehen Sie – sei es auf den Menschen, die Gesellschaft oder die Wirtschaft?
Seit vor über 100 Jahren die ersten Kinofilme produziert worden sind, gab es kein neues Medium mehr. Virtual Reality bietet Künstlern zum ersten Mal wieder die Möglichkeit, eine Geschichte auf eine völlig neue Art zu erzählen. Mit VR werden auch die Bereiche Medizin und Bildung sich zum Positiven verändern.

Virtual Reality hat positive, aber auch viele negative Effekte auf den Menschen. Mit welchen Gefühlen blicken Sie persönlich in die Zukunft?
Mit gemischten Gefühlen. Neue Technologien wurden seit jeher sowohl für Gutes und Schlechtes eingesetzt – und das wird sich mit VR wohl nicht ändern.

Autor: Reto Vogt, Ralph Hofbauer