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07. Juli 2014

Bitte keine Schmatzer mehr!

Kinder werden oft von Grosseltern, Götti oder Tante geherzt und geküsst – manchmal mehr, als ihnen lieb ist. Ertragen sollten sie das nicht müssen.

Wer kommt in meine Arme», tönt es fröhlich von der Eingangstür. Noemi (5) springt auf und läuft dem Grosi entgegen, schlingt die Arme um sie. Dann lässt sie los. «Aber willst du mir denn kein Küsschen geben?», fragt die Oma, zieht Noemi erneut an sich und drückt ihr einen feuchten Schmatz auf die Wange. Dass die Kleine dabei das Gesicht verzieht, scheint sie nicht zu stören.

Kinder werden geherzt und geküsst, auf die Stirn, auf die Wange, sogar auf den Mund. Manche Kinder mögen das, andere nicht. Weil sie nicht so viel Nähe brauchen oder weil das Grosi nach Parfüm riecht oder der Bart des Onkels sticht. Aber ob die Kleinen dazu Lust haben oder nicht, zählt oft nicht.

«Es gibt keinen Grund, ein Kind zu küssen, das nicht geküsst werden möchte», sagt Flavia Frei (48) von der Stiftung Kinderschutz Schweiz. «Kinder dürfen zu ungewünschten Liebkosungen Nein sagen.» Denn ein Küsschen ist etwas Intimes. Und Körpernähe, die nicht gewollt ist, ist unangenehm. Das gilt auch für Eltern, die zu viele und zu innige Küsse verteilen. Was Sohn oder Tochter in jungen Jahren meist geniesst, kann mit neun, zehn, elf Jahren unangenehm werden. Grundsätzlich gilt: Okay ist, was auch das Kind als schön empfindet. Und das ist von Kind zu Kind individuell und kann sich je nach Entwicklungsphase ändern. Dies gilt es zu erkennen und zu respektieren. Auch, wenn die Liebesbekundungen nur gut gemeint sind. «Denn wenn der Wille des Kindes regelmässig missachtet wird, kann das heissen: Dein Wille, deine Körpergrenzen werden nicht ernst genommen. Du bist nicht wichtig», sagt Flavia Frei.

Als Noemis Grossmutter sich an diesem Tag verabschiedet, ist die Kleine mutig und sagt ihr, dass sie keinen Schmatzer möchte. Erst hat die Grossmutter erstaunt geschaut, dann liebevoll über Noemis Rücken gestreichelt und ihr zugezwinkert.

Autor: Evelin Hartmann