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20. April 2015

Wie viele Chefinnen braucht das Land?

Eigentlich sind sich alle einig: Frauen sind in den Chefetagen untervertreten. Wie kann die Politik dem entgegenwirken? Die Quote, die der Bundesrat vorschlägt, ist umstritten. Das zeigen die Stellungnahmen von Verbänden, Parteien und Organisationen. Headhunterin Doris Aebi, Vizepräsidentin der Verwaltung des Migros-Genossenschafts-Bundes, nimmt Stellung.

Zu wenig Frauen
Zu wenig Frauen in Schweizer Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen? (Bild: APD/Keystone)

Die Zahlen stimmen nachdenklich: Gerade mal 13 Prozent der Verwaltungsratssitze in den 100 grössten Schweizer Firmen werden von Frauen besetzt. Noch krasser ist die Geschlechterverteilung in den Geschäftsleitungen: Nur sechs Prozent der Mitglieder sind weiblich.
Um das zu ändern, schickte der Bundesrat Ende November ein revidiertes Aktienrecht in die Vernehmlassung, das unter anderem eine Frauenquote vorsieht: In den grössten 250 börsenkotierten Unternehmen sollen fortan mindestens 30 Prozent der Verwaltungsrats- und Geschäftsleitungssitze von Frauen besetzt werden. Für die Umsetzung ist eine Frist von fünf Jahren vorgesehen. Erreicht eine Firma die Quote nicht, muss sie sich rechtfertigen.

Die Vernehmlassung ist nun abgeschlossen und zeigt: Die Frauenquote polarisiert. Einigen Frauenverbänden geht die Vorlage zu wenig weit. So fordert zum Beispiel die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen eine höhere Quote für Frauen sowie Sanktionen für Firmen, die sie nicht erreichen. Derweil erachten andere Organisationen und Parteien die Gesetzesvorlage als übermässigen Eingriff in die Privatwirtschaft.

Eine, die in einer Frauenquote sowohl Vor- als auch Nachteile sieht, ist Doris Aebi (50). Als Headhunterin befindet sie sich an der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Jobkandidaten und beobachtet, dass der Frauenanteil in höheren Positionen wächst. Im Interview erklärt sie, was Frauen in der Chefetage bewirken können und wie man sie dorthin bringt. 

DAS EXPERTENINTERVIEW

Doris Aebi (50) ist Headhunterin
Doris Aebi (50) ist Headhunterin und Mitinhaberin der Executive Search Firma aebi+kuehni AG und Vizepräsidentin der Verwaltung des Migros-Genossenschafts-Bundes.

«Es braucht mehr Frauen. Nicht, weil sie besser, sondern weil sie anders sind»

Doris Aebi (50), Headhunterin, Mitinhaberin der Executive Search Firma aebi+kuehni AG und Vizepräsidentin der Verwaltung des Migros-Genossenschafts-Bundes.

Doris Aebi, Sie sagen, Sie können mit und ohne Frauenquote gut leben. Was spricht für die Quote?

Sie könnte Druck auf die Unternehmen machen, geeignete Frauen zu suchen. Heute werden neue Verwaltungsräte immer noch meist über die Netzwerke der Mitglieder gesucht. Da die meisten Verwaltungsräte Männer sind, fällt der Radar seltener auf Frauen. Eine Quote würde das Rekrutierungsverhalten ändern.

Was spricht gegen eine staatlich verordnete Quote?

Sie birgt die Gefahr einer Scheinlösung. Es wäre aber schade, einfach irgendeine Frau zu engagieren und den Rest beim Alten zu lassen. Damit würde man eine Chance verpassen: Frauen bringen eine Andersartigkeit ein, die es zu nutzen gilt.

Braucht es denn generell mehr Frauen in Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen?

Ja. Studien zeigen, dass Firmen, denen es gelingt, ihre weiblichen Führungskräfte zu integrieren, erfolgreicher sind. Nicht, weil Frauen besser, sondern weil sie anders sind. Sie bringen neue Sichtweisen ein. Erfreulicherweise sehen immer mehr Firmen, dass sie von durchmischten Teams wirtschaftlich profitieren. Und es stehen auch immer mehr qualifizierte Frauen zur Verfügung, die mit Freude Verantwortung in einem solchen Gremium übernehmen wollen.

Können wir nicht darauf vertrauen, dass es dadurch ohnehin mehr Verwaltungsrätinnen geben wird?

Auf Vertrauen setzen die Gegner einer Frauenquote, auf Vorgaben die Befürworter. Entscheidend ist, dass die alten Rekrutierungsgewohnheiten geändert und die Frauen in den Gremien ehrlich integriert und ernst genommen werden.

Gibt es denn genügend qualifizierte Frauen für Verwaltungsräte?

Ja, ein solches Gremium braucht nicht nur Mitglieder mit langjähriger Geschäftsleitungserfahrung, sondern auch solche mit Wissen im Personalwesen, in Finanzen, in der Kommunikation, in Strategie. Sucht man nach diesen Kompetenzen, tauchen viele Frauen auf dem Radar auf. Ich bin überzeugt, dass sich in Verwaltungsräten eine Quote von 30 Prozent erreichen lässt, ob staatlich verordnet oder nicht. Bei den Geschäftsleitungen ist das etwas schwieriger.

Warum?

Von einem Geschäftsleitungsmitglied erwartet man, dass es Vollzeit rund um die Uhr zur Verfügung steht. Mit unseren traditionellen Rollenbildern und den gesellschaftlichen Erwartungen ist das für Mütter immer noch schwierig. Sie wählen oft ein Teilzeitpensum oder machen sich selbständig, um zeitlich flexibler zu sein. Damit verlassen sie den klassischen Karriereweg innerhalb von Unternehmen.

Was müsste sich ändern?

Es braucht mehr familienexterne Kinderbetreuung und ein Umdenken: Vorgesetzte sollen Frauen im Hinblick auf eine mögliche Familiengründung nicht weniger fördern, sondern Voraussetzungen schaffen, dass Frauen wie Männer neben der Karriere auch Familienaufgaben wahrnehmen können – diese sind volkswirtschaftlich auch wichtig. Das setzt neue Arbeitsmodelle voraus. Die Führungsarbeit aus alten Fabrikzeiten ist hier nicht mehr angemessen.

Als Headhunterin legen Sie den Fokus auf Führungskräfte. Was raten Sie karriereinteressierten Müttern?

Das Gleiche wie den Männern: sich mit Selbstvertrauen präsentieren und sich selber bleiben. Und noch etwas an ihrer Frusttoleranz und am Durchstehvermögen arbeiten. Männer sind uns da einen Schritt voraus.

Ziehen weibliche Führungskräfte auch weitere Frauen nach sich?

Sicher auch, aber es ist Aufgabe von Männern wie Frauen in der Chefetage, ein kompetentes, durchmischtes Team zusammenzusetzen.

Autor: Yvette Hettinger