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14. Januar 2013

Wie viel verlieren die Schweizer Klubs?

Mit dem Abgang der 25 Hockey-Stars wie Tavares, Seguin oder Spezza, die wegen dem Lohnstreit in der NHL, der weltbesten Eishockeyliga in Nordamerika, bis Anfang Januar in der Schweiz spielten, haben sich die Chancen auf die und in den Play-Offs stark verändert. Im Rating verrät migrosmagazin.ch die Gewinner und Verlierer.

Tyler Seguin prägte mit 25 Toren in 29 Spielen das Offensivspiel des EHC Biel
Tyler Seguin (21) prägte mit 25 Toren in 29 Spielen das Offensivspiel des EHC Biel massgeblich. (Bild EQ Images)

Die 25 Stars aus der National Hockey League aus Nordamerika haben die Schweiz wieder verlassen, nahmen soeben mit ihren Klubs von Montreal oder Vancouver bis hinab nach Los Angeles oder Dallas das Training auf und starten ab dem 19. Januar in eine verkürzte Saison. Seit dem 6. Januar 2013 ist der Spuk, den der grosse Lohnstreit in den USA und in Kanada zwischen den dortigen Klubpräsidenten und den für Monate ausgesperrten (daher der Begriff Lockout) Spielern den Schweizer Eisfeldern bescherte, zu Ende, aber noch bestens in den Köpfen präsent: Die Fans verfolgten mal staunend, dann jubelnd, bei mangelnder Motivation eines Cracks bisweilen auch kopfschüttelnd neben ihren üblichen Lieblingen zwischen einem und gleich drei NHL-Spieler.

Da die meisten komplizierte und sehr teure Versicherungen, aber wegen ihrem Wunsch nach Spielpraxis nicht übermässige Lohnkosten verursachten, und weil in den meisten Stadien der Zuschauerschnitt wie die Trikotverkäufe etwas anstiegen, könnte die wirtschaftliche Rechnung knapp oder mit einem kleinen Minus nahezu aufgegangen sein.
Weil die Mehrheit, genau 18, der NHL-Stars Stürmer waren, und von den sechs Verteidigern drei oder vier klar zur Sparte der Offensiv-Verteidiger zählten (deren Wirkung im Spielaufbau und Skorerpunkte zählen ebenso viel wie das Verhindern gegnerischer Tore), lässt sich ihre Wirkung durchaus zuerst einmal an Toren messen. Einzig Bern mit Roman Josi neben dem Spielantreiber Mark Streit setzte vielleicht ebenso stark auf NHL-Defensiv- wie auf die Offensivkünste (verkörpert durch New York Islanders-Nachwuchsstar Tavares). Bei den anderen war Publikums-wirksames Spektakel Trumpf.

Anteil von NHL-Stars geschossener Tore
Der Anteil von NHL-Stars geschossener Tore bei Schweizer Eishockeyklubs.

Vergleicht man den NHL-Anteil der bis zum 6. Januar geschossenen Tore aller Klubs (siehe Tabelle rechts), offenbaren sich grosse Unterschiede zwischen der Effizienz der nordamerikanischen Skorer. Zug, Biel und in bereits geringerem Mass auch Bern oder Davos wiesen klar mehr als 20% auf, speziell Zug mit dem überragenden Verteidiger Diaz hinter dem Topskorer Damien Brunner und dem Spielmacher (und Goalgetter!) Zetterberg kam mit diesen drei gleich auf vier von zehn Toren! Andere Klubs hatten weniger Glück mit der kurzfristig zugekauften Torproduktion, teilweise hatten sie aber auch erst relativ spät (Ambri), nur mit einem Spieler (Fribourg) oder mit Verletzungspech (Kloten mit dem erst überzeugenden Brooks Laich, Langnau mit Ennis/Spurgeon) auf die NHL-Strategie gesetzt. Ein tiefer Prozentanteil heisst also nicht unbedingt einfach Misserfolg und falsche Spielerwahl, sondern steht vielleicht auch für einen lange Zeit bewussten Entscheid, das gewachsene Teamgefüge kaum durch Top-Cracks zu gefährden, oder einfach Pech. Ein Verein wie Leader Fribourg mit ungemein viel Schweizer Offensivpotential hatte Verstärkung mindestens sportlich auch schlicht nicht nötig. Ähnliches gilt für den SC Bern oder die ZSC Lions.


Wichtig sind die Dagebliebenen...
Betrachtet man die Aussichten der Klubs in den letzten Qualifikationsrunden und den anstehenden Play-Offs beziehungsweise Play-Outs im Detail, zeigt sich, dass seit dem 6. Januar nicht einfach bloss dominante Spieler fehlen. Wichtiger sind die hier gebliebenen Schweizer und 'normalen' Ausländer, speziell jene, die wegen der NHL-Stars mal auf die Bank, gar die Tribüne oder zu einem Partnerteam in der zweithöchsten Liga mussten. Erreichen sie schnell (wieder) ihr bestmögliches Leistungsniveau? Ebenso wichtig: Zwang die Ankunft spektakulärer Lockout-Könner wie in Biel oder Rapperswil die Klubs zu einer anderen Spielweise, fällt nun die Umstellung mitten in der Saison mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer und lässt eine Equipe bis Saisonende unter ihren Möglichkeiten spielen.

Das Migros-Magazin hat die Aussichten aller Schweizer Klubs nach dem Abgang der 25 NHL-Cracks unter die Lupe genommen:

Sie gewinnen

HC Fribourg-Gottéron: Die Freiburger haben seit der Rückkehr von Julien Sprunger eine der zwei oder drei am breitesten besetzten Offensiven, hängen sogar wenig von den Leistungen ihrer Nicht-NHL-Ausländer ab. Weil alle andern Klubs den Fans Attraktionen boten, zog man mit Stürmer David Desharnais und dessen ordentlicher Punkteausbeute zwar mit. Eigentlich war das aber weder nötig noch bedeutet sein Abgang nun eine grosse Lücke oder setzt das Teamgefüge Spannungen aus.
Ob Gottéron nach einem Spitzenplatz in der Qualifikation die Play-Off-Halbfinals oder gar den Final erreicht, hängt von ganz anderem ab: Gelingt es Trainer Kossmann, die Verteidigung im Vergleich zu 2011 noch einen weiteren Schritt zu stabilisieren?

Kloten Flyers: Kloten schien relativ früh mit dem Washington-Stürmer Brooks Laich das grosse Los gezogen zu haben. Nicht nur skorte er, er gab dem Spiel seiner Linie Struktur und trieb es an. Leider beendeten Verletzungssorgen sein Engagement. Kloten hat seine Lockout-Periode also längst beendet, und ist froh, dass dies für die anderen jetzt auch gilt. Ob es die Flieger ungefährdet in die Play-Offs schaffen und gar Halbfinal-Chancen aufweisen, hängt davon ab, ob bald der eine oder andere ihrer verletzten Schlüsselspieler (Liniger, Du Bois, von Gunten etc.) aufs Eis zurückkehrt und wie die im Sommer knapp dem Konkurs entronnene Equipe unter Druck reagiert.

SCL Tigers: Ähnlich wie für Kloten präsentiert sich die Situation in Langnau: Tyler Ennis und Jared Spurgeon waren zumindest auf Anhieb keine Reisser unter den NHL-Spielern in der Schweiz, und zu allem Unbill bald auch noch verletzt. Die Emmentaler begegnen nun den Konkurrenten eher wieder auf Augenhöhe, allerdings wird angesichts einer qualitativ knappen Spielerdecke der schon feststehende Kampf gegen den Abstieg (Play-Outs) kein Schleck. Schliesslich zeigten doch Ambri oder Rapperswil spielerisch zuletzt auch Aufwärtstendenzen. Neu-Trainer Reinhard hat viel zu tun.

ZSC Lions: Wie Zug (Zetterberg) oder Biel (Kane und Seguin) stellten die Lions ihren Fans auch einen Stanley-Cup-Sieger der letzten Jahre vor, ebenfalls einen Vorkämpfer und Skorer seines Teams (Gewinner 2012 mit den L.A. Kings). Allerdings kam Dustin Brown vergleichsweise eher spät und brauchte einige Zeit zur Akklimatisation. Prägend trat er nur in ein bis zwei Spielen am Ende seines Engagements im Hallenstadion auf (beim 5:2 gegen Biel). Die Zürcher haben eine gute (Schweizer) Offensive mit noch einigem schlafenden Potential, vor den Play-Offs werden sie mit einem zusätzlichen Stürmer und einem Verteidiger die Ambitionen auf die Titelverteidigung zu bestätigen suchen.

Sie bleiben gleich stark

SC Bern: Für einen Verein, der gleich mit zwei Schweizer NHL-Stars (Mark Streit und Roman Josi) wie nur noch Zug (Diaz und Brunner) sein Team bestücken konnte, später gar noch Streits Islanders-Kollegen John Tavares einflog – dieser überzeugte als Skorer vollauf – scheint die Einschätzung vielleicht gewagt, dass nach dem Abgang der drei das Potential gleich hoch bleibt. Doch Josi spielte meist nicht mehr als solid und Streit hatte lange ebenso viele Tiefs wie Hochs. Vor allem aber hat Bern im Vergleich bereits sehr starke Ausländer, eine sehr ausgeglichene Equipe mit erfahrenen Schweizern und eine der besten Balancen zwischen Angriff und Verteidigung. Sie werden auch ohne die drei um den Titel mitspielen.

HC Genève-Servette: Die Genfer verzeichneten einen ausgezeichneten Saisonstart ohne NHL-Verstärkung und fingen sich zuletzt nach Durchhängern wieder etwas auf. Ihre NHL-Spieler prägten das Spiel nur in Ansätzen, genauer: Yannick Weber im Powerplay und sonst im Pressingsituationen tat dies wie gewohnt durch Schüsse und Vorlagen, La Couture (San José Sharks) wirkte in fast jedem zweiten Spiel mässig motiviert und fiel abgesehen von immerhin 23 Skorerpunkten selten auf. Bandengeneral Chris McSorley kann sein eingeschworenes Team mit klarer Taktik auch ohne sie unter die besten vier bringen.

Rapperswil-Jona Lakers: Mit Jason Spezza präsentierten die Lakers noch recht früh eine echte Attraktion, von Auge war er neben Kane und Zetterberg vielleicht der auffälligste Spieler überhaupt. Bloss verlangt er mindestens in seinem Sturm viel Risiko (das färbt im sonst eher defensiver opperierenden System schnell auf andere Linien ab) und verursachte nicht persönlich, aber durch die Spielanlage praktisch so viele Gegentore wie die 30 Rappi-Treffer, an denen er direkt beteiligt war. Und Offensiv-Verteidiger Del Zotto liess sich fast gar nicht in Coach Rogenmosers Ideen einbauen. Fazit: Rapperswil-Jona könnte gar leicht stärker werden, wenn es die Umstellung auf ein nüchterneres, konsequentes Spiel schafft. Mehr als ein ruhiges Saisonende nach dem Sieg in der ersten Play-Out-Runde dürfte dennoch kaum drinliegen.

HC Lugano: Lugano verfügte zur Lockout-Zeit über einen nach ein paar Spielen für Schweizer Verhältnisse sehr stabil verteidigenden Sbisa mit beschränktem Offensivpotential (ist nicht neu) und einen spielerisch überzeugenden Patrice Bergeron (Boston Bruins) mit guten Skorerwerten, der aber selten als Antreiber auftrat. Angesichts der talentierten Schweizer und Motivationskünstler Huras an der Bande dürfte ohne sie der Play-Off-Einzug gelingen. Dank etwas besserer Defensive als auch schon, vor allem aber dem Scharfschützen und Passgeber Heikinnen, ist auch eine weitergehende Überraschung nicht auszuschliessen.

HC Davos: Die Bündner sind in Bezug auf ihr Potential mit oder ohne NHL-Crachs schwierig einzustufen. Rick Nash war nach zwei bis drei eindrücklichen Matches verletzt, Loui Eriksson fast zu kurz da, Joe Thornton jedoch wurde gegen Jahresende immer besser und war auch neben Von Arx einer der unbestrittenen Leader im Team. Trotzdem dürfte es viel entscheidender sein, wie gut der physische Aufbau des gesamten Teams aufs Ende der Saison hin stimmt. Immerhin verlangte der Spengler-Cup einiges an Substanz. Finden genug Spieler nach den weniger strapaziösen Wochen mit Nationalteam-Pause zum Schluss noch die Kraft für Del Curtos schnelles und kräftezehrendes Spiel, ist das Erreichen der Play-Offs erst der Anfang und nicht das Ende der Saison.

Sie verlieren

EV ZUG: Es ist nicht nur wegen des höchsten NHL-Anteils an Toren unbestritten, dass die Lockout-Spieler das Zuger Auftreten bestimmten wie nirgends sonst. Zetterberg glänzte als Torschütze und Vorbereiter, vor allem aber war er der klare Leader des Paradesturms und kurvte so lange durchs gegnerische Drittel, bis er den 'tödlichen' Abschluss oder Pass anbringen konnte. Bei Damien Brunner sprechen trotz weniger auffälligem Spiel allein die Skorerpunkte für sich: Kein Kanadier oder Amerikaner kam an sie heran. Oft vergessen, aber nicht minder wichtig war der 'Verteidigungsminister' Rafael Diaz, der die Angriffsauflösung in der 1. Linie allein stemmte, unzählige Zweikämpfe gewann und fast immer richtig stand. Vielleicht der meist unterschätzte Lockout-Star zwischen September und Anfang Januar. Zug hat auch ohne die drei vom Potential her ein offensiv überdurchschnittliches Team, allerdings schwächelt die Verteidigung in entscheidenden Play-Off-Situationen oft, weshalb ein Titel oder Finaleinzug nur dank der geballten NHL-Angriffspower möglich gewesen wäre.

EHC Biel: Für die Seeländer trifft eine Mischung aus der Zuger und der Rapperswiler Analyse zu. Biel sammelte etliche Punkte dank der Abschlussstärke des neben Damien Brunner besten Torschützen Tyler Seguin, und profitierte auch von der Übersicht und dem feinen Händchen Patrick Kanes, der auch kämpfte. Beide fehlen nun schmerzlich, vor allem aber müssten Trainer Schläpfer und seine Equipe innert weniger Spiele die Umstellung auf mehr defensive Absicherung und offensive Messerstiche finden. Falls dies überraschend schnell gelingt, was angesichts des Spitzengoalies Berra und von vier bie fünf Verteidigern mit Zukunft (drei bereits zu besser zahlenden Ligakonkurrenten transferiert) nicht ganz unmöglich scheint, könnten mit viel Glück die Play-Offs nochmals in Reichweite kommen. Ansonsten wird das Saisonende im Play-Out gegen nicht zu unterschätzende Gegner alles andere als ein Selbstläufer.

HC Ambri-Piotta: Die Leventiner setzten mit Max Pacioretty nach gewisser Wartezeit auf einen mittelmässig erfolgreichen Lockout-Stürmer, die erst kurz vor Lockout-Ende engagierten Matt Duchene (Colorado, wirkte am Spengler-Cup sehr inspiriert) und Goalie Corey Schneider hätten wohl mehr gebracht und mindestens für einen Saisonschluss ohne Abstiegspanik, wenn nicht gar letzte Play-Off-Hoffnungen sorgen können. Egal, ob Ambri nun zu spät oder zu früh kam, das schlechte Timing könnte trotz klaren Aufwärtstendenzen unter Coach Pelletier noch Unruhe oder gar Abstiegssorgen bescheren.

Autor: Reto Meisser