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01. Februar 2016

Wie viel verdienen Sie?

Alt SP-Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot (74) findet es sehr stossend, dass trotz Gesetz Frauen noch immer weniger verdienen als Männer.

Kampf der Geschlechter
Kampf der Geschlechter um den (gleichen) Lohn? (Bild: Getty Images)
Ruth-Gaby Vermot
Ruth-Gaby Vermot ist Soziologin und Kommunikationsberaterin.

Der noble Grundsatz, dass «Frauen und Männer den gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit» erhalten sollen, ist seit Jahrzehnten in der Verfassung und im Gleichstellungsgesetz verankert. Die Realität ist anders: Noch immer verdienen Frauen durchschnittlich zwischen 6 und 30 Prozent weniger als ihre männlichen Arbeitskollegen. Ein Teil der Lohndifferenz kann mit Faktoren wie Ausbildung oder berufliche Position erklärt werden. Rund 40 Prozent der Lohnunterschiede sind jedoch nicht erklärbar und somit diskriminierend. Er ergibt bei einem durchschnittlichen Lohn eine Verlustsumme von rund 280 Franken pro Monat zulasten der Frauen.

Lohndiskriminierung entsteht laut Studien nicht erst im Verlauf des Erwerbslebens, sondern bereits bei Beginn. Die Jungs steigen lohnmässig höher ein, auch bei gleicher Schulkarriere und Ausbildung. Das ist ganz klare Diskriminierung. Sagen wir es noch deutlicher: Die Frauen werden von ihren Arbeitgebern(-innen) bestohlen, und es gibt kein einziges, weder wirtschaftliches noch soziales Argument,um diese Diskriminierung zu rechtfertigen. Lohndiskriminierungen sind längst einklagbar. Als Politikerin habe ich die Lohnklage der Kindergärtnerinnen im Kanton Bern begleitet, es war ein jahrelanger, energieraubender Prozess, der mehrmals unseren Glauben an einen ­gerechten Staat erschütterte. Die Klage wurde teilweise anerkannt – ein kleiner Schritt vorwärts.

Schlimm ist, dass wir als Gesellschaft mutwillig unsere eigenen Gesetze verletzen. Zwar führen die Forderungen nach Lohngleichheit oft zu politischen Aktionen und Streiks. Es gibt auch bereits Instrumente, mit denen Lohndiskriminierungen nachgewiesen und korrigiert werden können. Mit parlamentarischen Vorstössen sollen Lohndiskriminierungen noch effektiver bekämpft werden können. Im November des letzten Jahres wurde die Vernehmlassung zur Revision des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann eröffnet, die Lohndifferenzen sind dabei eine zentrale Frage. Gefordert werden noch griffigere Kontrollinstrumente, mit denen Unternehmen, ihre Lohnsysteme auf Diskriminierung überprüfen können. Einige leugnen zwar ungerechte Lohndifferenzen weiterhin. Andere bemühen sich aber, diese auszuräumen, manche aus sozialer Verantwortung und weil öffentlich wohl niemand mehr ungerechte Lohndifferenzen zwischen Frauen und Männern gutheissen kann.

Diskriminierung existiert in allen Gesellschaften. Wenn wir diese aber wirklich beseitigen wollen, müssen wir noch andere gesellschaftliche Hausaufgaben lösen. Noch immer stecken wir in der Schweiz in einem patriarchalen Strukturgefängnis. Unsere Arbeitswelt ist trotz langsamer Veränderungen noch immer geprägt von typischen Frauen- und Männerberufen und damit zusammenhängenden ungerechtfertigten Lohnunterschieden. Auch wenn dies ein alter Hut ist: Arbeitszeiten, Karrieremöglichkeiten im Berufsleben, Zuteilung der Kinder- oder Angehörigenbetreuung und selbstverständlich die Wertschätzung über die beruflichen Tätigkeiten sind noch immer männlich geprägt. Auch wenn sich die Strukturen und damit die Verhaltensweisen langsam verändern, auch wenn es Haus­män­ner, Kindergärtner und entschieden mehr männ­liche Pflegende gibt – die Welt orientiert sich noch immer am Mann – und das ist für uns Frauen ziemlich anstrengend.

Diskriminierungen verletzen den Artikel 2 der Menschenrechtskonvention. Im Aktionsplan zur «Gleichstellung von Frau und Mann», der 1995 von einer interdepartementalen Arbeitsgruppe im Rahmen eines Menschenrechtsdiskurses erstellt wurde, heisst es, dass «… namentlich die Lohn­gleichheit und die Vereinbarkeit von ­familialen, sozialen und beruflichen Tätigkeiten» für die Frauen verbessert werden müssen. Davon sind wir noch weit entfernt.

Lohndiskriminierungen sind auch wirtschaftliche Fallen. Den Frauen fehlen die vorenthaltenen Lohnsummen. Viele sehen sich gezwungen, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, denn es ist nicht egal, ob Ende Jahr 3000 Franken weniger auf dem Lohnkonto liegen. Ausserdem – wohin fliessen die Millionen, die den Frauen entzogen werden? Zu den Aktionären, in Gewinne, in nutzlose Investitionen?

Der berühmte «Zahn der Zeit» nagt an den Lohndiskriminierungen – sicher. Aber wer eine redliche, gerechte Gesellschaft will, muss nachhelfen, hinstehen, laut werden. Und vergessen Sie nicht, morgen mit Ihren Kollegen(-innen) über ihre Löhne zu diskutieren, Zahlen einzufordern. Das ist unbeliebt, aber dringend notwendig!

Alt SP-Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot ist Soziologin und Kommunikationsberaterin.

Autor: Ruth-Gaby Vermot

Illustrationen: Grafilu