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12. März 2012

Wie viel Privatsphäre bleibt?

Die beiden im Migros-Magazin vom 12. März 2012 vorgestellten Familien ermöglichen Kindern wie auch Eltern bewusst einiges an individuellem Raum, sich zurückzuziehen. Lange nicht alle handhaben es so. Drei grundsätzlich verschiedene Modelle – welches ziehen Sie vor?

Schaut man sich im Bekanntenkreis oder nur schon in der Verwandtschaft um, trifft man meist auf völlig unterschiedliche Arten, wie sich Familien selbst sehen und auftreten. Wie sehr nehmen einzelne Familienmitglieder ein für sie abgestecktes Revier in Anspruch und erhalten dieses auch? Letztlich stehen sich die beiden Interessen der Selbständigkeit und –bestimmung des Individuums auf der einen und das Bedürfnis nach Zusammenhalt im Schoss der Familie auf der anderen Seite gegenüber. Im Extremfall kann man sich bei den einen Familien Mitglieder überhaupt nur noch im Verbund vorstellen. Bei anderen vergisst man schlicht, dass es sich um einen gemeinsamen Haushalt und enge Verwandtschaftsbande handelt.

Dabei ist die Frage, ob ohne Anklopfen in ein Kinder- oder Teenager- respektive Elternschlafzimmer eingetreten wird, bloss eine räumliche – aber damit im gemeinsamen Haushalt eine bedeutende. Genauso wie die Frage, ob jemand (zu gewissen Zeiten) das Badezimmer für sich allein hat oder ob es selbst dann geteilt werden kann, wenn jemand das ‚Örtchen‘ besucht.
Darin erschöpfen sich die Diskussionen jedoch keineswegs. Wie viel wird gerade mit älteren Kindern an Wochenenden oder in den Ferien (zwingend!) zusammen unternommen, bis wann finden gemeinsame Ferien überhaupt statt?
Dann ist ein weiterer Punkt, ob von den Eltern für Schule und Aufgaben ein wenig motiviert, aber nach den ersten drei bis vier Klassen letztlich auf Eigenverantwortung gesetzt wird, oder ob regelmässiges Kontrollieren oder häufiges zusammen Lösen die Regel ist.
Weiter geht es darum, wie stark Haushaltsarbeiten in einem Verbund erledigt, per Ämter-Verteilen oder gar spontan übernommen werden, während anderswo eine tragende Person im Grunde alles allein schultert.
Ein kritischer Moment offenbart sich auch im Streit: Lässt man da beteiligte Parteien, speziell Kinder, sich auch mal zeternd austoben respektive in ihrem Zimmer beruhigen, oder wird jede Meinungsverschiedenheit innert Kürze ausdiskutiert und entschieden – mit der Auflage, dass am Ende alle zustimmen müssen?
Und zu guter Letzt gibt es bereits riesige Unterschiede beim Informationsstand: Die einen Eltern oder Geschwister wissen stets (scheinbar?) alles, was sie/ihn beschäftigt. In andern Familien scheinen sich handkehrum auch für Aussenstehende zentrale Themen wie die erste Liebe u.ä. kaum je herumzusprechen.

migrosmagazin.ch stellt die drei am weitesten auseinanderliegenden Modelle zwischen individuellem Freiraum und Gemeinschaft vor:
A) Die «Wir teilen alles»-Familie
Dieses Ideal verfolgen noch immer etliche Familienhaushalte. Klar gibts dahinter noch Individuen, aber die muss man nicht speziell pflegen und schützen, denn Egoismus entsteht in der Gesellschaft schon von selbst! Das Gemeinschaftsgefühl hingegen muss antrainiert und erkämpft werden. Alles teilende Familien tun dies zum Beispiel auch schon beim Besuch für ein Familienmitglied: Besucher ‚gehören‘ am Ende stets allen, bekommen sehr viel Aufmerksamkeit von mehreren Seiten, können sich aber erst spät oder gar nicht auf die Person orientieren, die er hauptsächlich besuchen wollte.
B) Die «Jede(r) für sich»-Familie
Dieses Modell geht zuerst einmal davon aus, dass sich alle primär für sich selbst engagieren sollen. Nichts Schlimmeres, als wenn ein Elternteil oder Kind nur noch oder zuerst einmal als Vater, Mutter oder Nachwuchs wahrgenommen wird. Im Extremfall erkennt man diese Familie bereits an den Namen, mit denen sie sich untereinander betiteln: Da kommen Kose- oder spielerische Namen selten vor, häufig wird auch die Mutter und der Vater beim Vornamen gerufen. Schliesslich ist das eine Person, keine Funktion!
C) Die «Alles ist Verhandlungssache»-Familie
Bei den Vertretern dieser Richtung geht es nicht nur um einen Mittelweg zwischen A und B. Vor allem sind diese Familien überzeugt, dass dank regelmässig diskutierten und beschlossenen Regeln kaum je ein Problem auftauchen dürfte. Für das Betreten des Bades oder das Klopfen existieren letztlich fast lückenlos festgelegte Abläufe, (gemeinsame) Ferien werden intensiv besprochen. Vielleicht durchaus ein goldener Mittelweg zwischen Gemeinschaft und Individualität, sofern nicht spontane Anteilnahme oder Ausbruchsphantasien generell unter den Teppich gekehrt werden.

Wie machen Sie’s?

Nicht immer einfach: Der Weg zum Balkon führt durchs Zimmer.
Nicht immer einfach: Der Weg zum Balkon führt durchs Zimmer. (Bild: Vera Hartmann)

Welches Modell für den Umgang mit Schutz- und Freiraum für den Einzelnen und dem gemeinsamen Familienleben wäre Ihr Favorit?
Und schaffen Sie es in der Regel, Ihrem Ideal nahe zu kommen? Wann gelingt es nicht?
Diskutieren Sie gleich hier in den Kommentaren mit.

Autor: Reto Meisser