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01. Februar 2016

Wie Tinder mein Leben veränderte

Eine Wischbewegung mit Folgen: Reto Vogt verrät, wie sich Apps auf seinen Familienstand ausgewirkt haben.

App Tinder
Reto Vogt macht im richtigen Leben etwas mit online fürs Migros-Magazin. Zu seiner Partnerin kam er über die zu Unrecht oft geschmähte App Tinder ... (Bild zVg)
Reto Vogt, Leiter Online-Redaktion
Reto Vogt (31), Leiter Online-Redaktion

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie verzweifelt suchst du einen Partner? Bei 11 oder noch mehr darfst du ohne schlechtes ­Gewissen die Dating-App Tinder auf ­­dein Smartphone laden ... Mit dieser ­landläufigen Antwort bin ich nicht einverstanden! In meinem Fall genügte nämlich eine glatte 3.

Das Prinzip ist bestechend gut. Die Partnersuche via Tinder funktioniert wie in einer Bar – nur dass man gemütlich im Bett oder in der Badewanne liegen kann und sich nicht betrinken muss. Theoretisch. Praktisch ist das natürlich möglich, und aus eigener Erfahrung machts auch mehr Spass, wenn man leicht einen sitzen hat.

So weit, so gut. Wer am Eingang der Tinder-Bar sein Facebook-Passwort deponiert, kann von Hocker zu Hocker spazieren und jeder Frau (je nach Orientierung gerne auch jedem Mann) über die Wange streicheln. Nach links heisst: Du gefällst mir nicht. Eine Wischbewegung nach rechts bedeutet das Gegenteil. Reagiert das Gegenüber mit der gleichen Geste, ist das Gespräch eröffnet.

Das sei oberflächlich, sagen Sie? Mag sein. Aber über den virtuellen Köpfen schweben immerhin gemeinsame Interessen und die Distanz zwischen den Wohn­orten. Diese Infos – Tinder bezieht sie von Facebook – gaben bei mir letztlich den Ausschlag, nach rechts zu wischen. Meine heutige Ehefrau Claudia wohnte zu diesem Zeitpunkt schliesslich nur zwei Kilometer von mir entfernt und interessierte sich ebenfalls für Fussball und gerstenhaltige Kaltgetränke. Mein virtuelles Gegenüber sah das offenbar ähnlich und wischte ebenfalls nach rechts: ein sogenannter Match.

Die rote Klammer am Wandkalender umrandete den 15. Februar 2014. Samstag – aber kein gewöhnlicher: ein Bundesliga-Samstag! Tage wie diese verbrachte ich normalerweise nicht zu Hause, sondern ­im Stadion (oder auf dem Weg dahin). An jenem Tag verzichtete ich aber ausnahmsweise auf den obligaten Kurztrip nach München, weil ich dringend Wäsche waschen musste. Das hatte ich gefühlte zehn Wochen lang nicht getan.

Während die Trommel also ihre Runden drehte, unterhielt ich mich mit FC- Winterthur- und Irish-Pub-Fan Claudia. Worüber wir im Detail schrieben, weiss ich nicht mehr. Aber wir verabredeten uns zum Besuch des Spiels gegen den FC Biel auf der Schützenwiese am nächsten Tag. Und obwohl sich im Nachhinein herausstellte, dass sie sich zunächst über ihre übereilte Zusage geärgert hatte, hielten wir beide Wort. Als ich nach einem nebensächlichen 2:2 nach Hause kam, löschte ich Tinder – was sollte ich nach einem solchen Abend noch damit?

Einmal abgesehen davon, dass wir im April zusammengezogen sind, nutzen wir die Wochenenden zum Reisen. Im Herbst führte uns ein Ausflug nach Paris. Ein originelleres Geschenk ist mir zu ihrem 30. Geburtstag leider nicht eingefallen. Und zu allem Elend verplapperte ich mich eine Woche vor Abreise auch noch! Claudia kannte also im Voraus sowohl die Destination als auch meine Absicht, dort um ihre Hand anzuhalten. Immerhin ersparte uns das in unserer Nervosität dann übelstes Romantikgedöns, und wir konnten die Sache mit einem «Jää, weimer itz das mache?», einem «He, dänk!» und einer Stange Kronenbourg beschliessen.

Zwei, drei Biere und eine Weinflasche später einigten wir uns ausserdem darauf, künftig auf die Verhütung zu verzichten. «Bis es einschlägt, vergehen sowieso Monate», sagte ich, um die Idee zu rechtfertigen. Ich. Lag. So. Falsch: Ein Jahr später waren die Zwillinge Bastian und Felix da.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie froh bist du, dass es Tinder gibt? Obwohl die App am doppelten Glück (vermutlich) unschuldig ist: 11. Mindestens.

Autor: Reto Vogt