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28. November 2016

So sind wir Jungen!

Fast jeden Monat erscheint eine neue Studie über Jugendliche. Doch wie sehen sie sich selbst? Das Migros-Magazin hat zehn Teenager gebeten, sich in Wort und Bild zu präsentieren – ihre Träume, ihre Hoffnungen und ihre Ängste. Dazu Soziologe Philipp Ikrath im Interview («Wenig optimistische Jugend»).

Leandra Lutz und Edmond Ajeti
Die Jugend ist gerne online: Leandra Lutz und Edmond Ajeti beim Cover-Shooting für das Migros-Magazin (Bilder: Michael Sieber).

Jugendliche leben im Hier und Jetzt, um die Zukunft kümmern sie sich wenig, stellen Jugendforscher fest. Teenager und junge Erwachsene glauben auch nicht, dass sie politisch und gesellschaftlich viel verändern können. Zudem reagieren viele auf die unsicheren Zeiten und die schnellen Veränderungen mit einem Rückzug auf traditionelle Werte; sie träumen vom Haus auf dem Land, wo sie dereinst mit Kindern und Haustieren leben wollen. Aber auch das ist eher eine vage Idee als konkretes Programm.

Wie tickst du?
Wie siehst du die Welt? Ähnlich wie die zehn vorgestellten Teenager oder komplett anders? Erzähle davon in den Kommentaren ganz unten und diskutieren mit anderen Leserinnen und Lesern.


Wir haben mit zehn Jugendlichen gesprochen, um herauszufinden, was sie beschäftigt, w­rüber sie sich Sorgen machen und was sie sich von der Zukunft erhoffen. Einiges entspricht den Erkenntnissen der Jugendforscher, aber längst nicht alles.

Sämtliche Fotos der Jugend­lichen haben sie uns selbst zur Verfügung gestellt – sie stammen von ihren diversen Social- Media-Kanälen (Facebook, Instagram, WhatsApp) und zeigen, wie sie sich gegenüber ihren Kolleginnen und Freunden präsentieren.

Jana Frauenfelder (18), Gymnasiastin, Pfungen ZH

Jana Frauenfelder (18), Gymnasiastin
Jana Frauenfelder (18), Gymnasiastin

«In meinem Dorf ist Radball sehr wichtig, mein Trainer Marcel Bosshart ist vierfacher Weltmeister. In der Mittelstufe besuchte ich mein erstes Training, heute engagiere ich mich bei uns im Radballverein als Jugend- und Sportleiterin. Ich bin im dritten Gymnasiumsjahr, danach will ich in Grossbritannien als Au-pair arbeiten und etwas reisen. Ich könnte mir ein Architekturstudium vorstellen. Fachfrau Betreuung Kleinkind wäre auch eine Option. Ich habe drei Schwestern (20 und zweimal 13). Mit den Zwillingen treibe ich oft Sport oder ich gebe ihnen Nachhilfe. Zudem bin ich seit drei Jahren Kindermädchen bei verschiedenen Familien.

Jana Frauenfelder mit Freundin
Jana Frauenfelder mit Freundin

Die ganzen Terroranschläge gehen mir schon nahe, aber das geht bestimmt allen so. Man hat Angst, dass auch die Schweiz mal zum Ziel wird. Ich hätte nicht so viele Flüchtlinge aufgenommen wie jetzt. Ich finde es schon gut, dass man ihnen hilft. Aber ich habe gelesen, dass die Schweiz das zuerst gar nicht wollte. Ich unterstütze diesbezüglich auch die Haltung der SVP.

Einmal im Zug sah ich 20 Leute, die offensichtlich nicht von hier sind und auch nicht deutsch gesprochen haben. Da habe ich mich unwohl gefühlt, fremd. Hier in Pfungen gibt es jetzt Leute, die man nicht kennt. Früher war das anders. Die Flüchtlinge sind im Schlosshof einquartiert. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie so ein teures Handy brauchen.»

Edmond Ajeti (17), Schüler, Wohlen AG

Edmond Ajeti (17), Schüler
Edmond Ajeti (17), Schüler

«Wenn mich jemand fragt, wie es mir gehe, antworte ich: ‹An guten Tagen okay, an schlechten Tagen auch okay.› Das Leben zwingt uns manchmal in die Knie, doch wir haben die Wahl,ob wir wieder aufstehen oder am Boden bleiben. Ich finde es wichtig, sich Ziele im Leben zu setzen, egal wie hoch, und dann daran zu arbeiten, sie auch zu erreichen – so wie der Rapper 50 Cent, der sich aus dem Ghetto zum Star hochgearbeitet hat. Ich möchte zum Beispiel unbedingt eine gute Lehrstelle finden, aber als Realschüler ist das nicht so leicht. Letztes Jahr hat es nicht geklappt, deshalb mache ich jetzt das 10. Schuljahr, aber ich bin schon wieder auf der Suche. Super wäre etwas Richtung KV oder Mediamatik. Mit 25 will ich im Beruf erfolgreich sein, vielleicht sogar mein eigenes Geschäft aufbauen.

Edmond Ajeti
Edmond Ajeti (17)

Meine Familie sind Albaner aus Kosovo, aber seit Juni bin ich Schweizer. Politik interessiert mich allerdings nicht gross, vielleicht später, wenn ich 18 bin und abstimmen darf. Klar kriege ich mit, wenn es wieder irgendwo einen Anschlag gab, aber es beschäftigt mich nicht sehr. Natürlich könnte sowas auch hier passieren, aber was bringt es, wenn ich mir darum Sorgen mache, ich kann es ja nicht ändern. Ich bin übrigens auch nicht religiös, glaube nicht an Gott. Und ich finde, man sollte die Dinge positiv nehmen. Ich bin ein aufgestellter Typ, motiviert, ausdauernd, kreativ. Zum Beispiel bin ich ziemlich aktiv auf Instagram, poste dort täglich Bilder und Videos, vor allem zum Computergame ‹Counter Strike›, inzwischen habe ich 150'000 Abonnenten, mehr als jeder andere zu dem Thema, vielleicht lässt sich damit später sogar mal Geld verdienen.

Auch sonst läuft bei mir viel über Social Media. Mit meinen guten Kollegen tausche ich auch sehr persönliche Dinge aus, aber vor allem haben wir es lustig. Wir gehen oft zusammen ins Fitness, meist fünf- oder sechsmal pro Woche. Ich will später auf jeden Fall mal Kinder haben und ein grosses Haus, aber im Moment ist ein Beruf wichtiger. Und ich glaube fest daran, dass ich meine Ziele erreichen kann.»

Luca Rickli (16), Detailhandelslernender, Solothurn

Luca Rickli (16), Detailhandelslernender
Luca Rickli (16), Detailhandelslernender

«Neben meiner Lehre als Detailhandelsfachmann bei Mode Bayard in Bern produziere ich YouTube-Videos in einem Studio in Biberist. Der Fokus liegt auf Mode und Lifestyle. Ich arbeite gerade an einem neuen Format zum Thema Stilberatung. Ich sehe so viele Leute, die Farben anziehen, die ihnen nicht stehen. Ich selbst entwerfe eigene T-Shirts und bin oft bei Shootings dabei. Ich möchte zuerst meine Lehre gut abschliessen und danach meine Kollektion bekannt machen. Meine Mutter ist Katechetin, und die reformierte Kirche ist mir sehr nahe. Der Glaube gibt mir immer eine weitere Antwort und bedeutet mir viel.

Luca Rickli
Luca Rickli (16)

Mein Freund Noah ist ebenfalls 16. Geoutet habe ich mich vor ein paar Monaten, weil ich meine Beziehung nicht verheimlichen wollte. Dass ich schwul bin, weiss ich aber seit drei Jahren. Meine Mutter fragte mich mal, warum immer so viele Jungs hier übernachten. Also habe ich es ihr gesagt. Sie nahm es gut an. Mein Vater hatte eher Mühe. Zuerst sagte er mir, ich könne gehen und dass er es mir nicht glaube. Eine Woche lang haben wir nicht viel miteinander geredet. Mittlerweile ist der Familienalltag wieder eingekehrt.»

Leandra Lutz (17), KV-Lernende, Steffisburg BE

Leandra Lutz (17), KV-Lernende
Leandra Lutz (17), KV-Lernende

«Mit neun schaute ich mit meinem Vater die Laufwettbewerbe der olympischen Sommerspiele in Peking. Da sagte ich ihm, dass ich selber mal teilnehmen möchte. Nun bin ich seit acht Jahren beim Leichtathletikverein Thun, also ein halbes Leben lang. Ich bin im Berner Kader und landesweit Fünftschnellste im 800-Meter-Lauf. Im Moment lassen sich meine Eltern scheiden, was sehr schwierig ist. Als meine Eltern uns über ihre Trennung informierten, brach eine kleine Welt für mich zusammen. Meine kleinen Brüder und ich mussten Dinge verstehen, die wir nicht verstehen konnten. Da habe ich aber auch gesehen, wie wichtig Freunde sind. Meine drei besten Freundinnen geben mir den Zusammenhalt, der in meiner Familie fehlt. Ich habe gelernt, Verantwortung zu tragen und auf mich selber zu schauen.

Mich beschäftigt die Lehre enorm – ich hoffe so fest, dass ich bestehe. In einem halben Jahr habe ich die ersten Abschlussprüfungen; danach möchte ich die BMS absolvieren und eine Fachhochschule besuchen. Früher wollte ich Anwältin werden, jetzt interessiert mich Psychologie. Ich will vor allem alt werden und sagen können: Ich habe mein Leben so gelebt, wie ich es wollte. Und ich habe nichts bereut.

Leandra Lutz
Leandra Lutz (17)

Im Moment find ich die weltweite Lage schwierig: Wie stark Flüchtlinge kämpfen müssen und wie sie hier behandelt werden, ging nicht spurlos an mir vorbei. Das macht mich traurig und auch etwas hilflos. Zu sehen, wie viele Freiwillige den Flüchtlingen helfen, hat mir wieder Hoffnung gegeben. Ich interessiere mich sehr für Frauenrechte und die amerikanische Politik. Ich finde die Schauspielerin Chloë Grace Moretz toll. Sie ist 19 und engagiert sich mega fest. Politisch habe ich mich noch nicht eingeordnet. Die SVP mag ich aber bestimmt nicht. Ihre extremen Kampagnen haben mich abgeschreckt – gerade die Burkakampagne oder die mit den schwarzen Schafen.»

Aurel Gautschi (18), Gymnasiast, Lenzburg AG

Aurel Gautschi (18), Gymnasiast
Aurel Gautschi (18), Gymnasiast

«Ich bin ein Weltbürger, offen, sehr breit interessiert, von Naturwissenschaft über die Politik bis zur Philosophie. Zwar bin ich klar links eingestellt, aber in der politischen Arbeit im europäischen Jugendparlament auch immer kompromissbereit. Für die Sitzungen treffen wir uns jeweils in einem anderen Land, im Sommer war ich zum Beispiel in Armenien, wo ich sonst wohl nie hingekommen wäre. Und ich habe inzwischen viele Freunde in ganz Europa. Es gibt bis zu 180 Veranstaltungen pro Jahr, mindestens sechsmal bin ich schon dabei. Ansonsten kommunizieren wir vor allem über Facebook.

«LIBE having lunch»-Aktion
Die «LIBE having lunch»-Aktion

Man vertritt im europäischen Jugendparlament übrigens keine Partei, sondern jeder seine ganz eigene Haltung – dabei schimmert aber natürlich durch, dass ich Mitglied bei der SP und der Juso bin.. In meinem Freundeskreis sind aber auch Leute, die politisch anders denken, mit denen rede ich einfach weniger über Politik, weil ich sonst nicht mehr zu bremsen bin, was wohl auch nerven kann. Besonders am Herzen liegen mir Bildungsthemen sowie internationale Beziehungen, und die momentane Weltlage ist schon ziemlich besorgniserregend. Persönlich habe ich aber keine Angst, ich denke auch, es wäre falsch, deswegen nicht mehr an Partys oder ins Kino zu gehen, denn dann hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht. Und im Kleinen gibts auch immer wieder Entwicklungen, die Hoffnung machen, etwa kürzlich eine grosse Demo von Musliminnen und Muslimen gegen den IS-Terror.

Ansonsten beschäftigt mich die Schule stark, wo ich ausserdem noch Präsident des Schülerrats der Alten Kantonsschule Aarau bin. Nach der Matur will ich studieren, weiss aber noch nicht, ob eher in Richtung Politik, Medien oder Physik. Im Moment bin ich single, aber ich hätte später auch gerne mal Kinder. Ich träume jedoch nicht vom Haus mit Garten auf dem Land, lieber eine schöne Wohnung in der Stadt mit guten ÖV-Verbindungen. Falls es beruflich in Richtung Diplomatie geht, wäre ich ohnehin viel auf Reisen. Die Schweiz wäre dann mein Fixpunkt, aber ansonsten würde ich mich gerne frei bewegen in der Welt.»»

Laurence Grossen (18), Maturandin, Heiligenschwendi BE

Laurence Grossen (18), Maturandin
Laurence Grossen (18), Maturandin

«Ich bin offen, vernünftig – manchmal vielleicht zu vernünftig: Ab und zu fühle ich mich schon als Spassbremse, wenn ich meinen Freundinnen mal wieder ins Gewissen rede, weil sie irgendeinen Blödsinn vorhaben. Ich bin vegetarisch aufgewachsen und habe noch nie Fleisch gegessen. Inzwischen esse ich rein vegan. Aber das ist ein persönliches Engagement, ich bin nicht Teil einer Gruppe und will auch niemanden bekehren; das muss jeder für sich selbst entscheiden.

In der Familie verstehen wir uns inzwischen wieder gut, nachdem es durch die Trennung meiner Eltern vor zwei Jahren etwas gekriselt hat. Meine engen Freunde kann ich an einer Hand abzählen, wir kochen gerne bei jemandem zu Hause, reden oder schauen Filme. In den Ausgang zu gehen, ist nicht so mein Ding, es ist zu teuer, zu laut und hat zuviele Leute. Mit Politik beschäftige ich mich noch nicht so sehr, aber seit ich darf, gehe ich eigentlich immer abstimmen. Bei den nächsten Wahlen werde ich wohl am ehsten die Grünen oder die Piratenpartei unterstützen.

Laurence Grossen
Laurence Grossen (18)

Die Terroranschläge beschäftigen mich überhaupt nicht, das wird alles völlig übertrieben, genauso wie die Situation mit den Flüchtlingen. Ich denke auch, dass die Schweiz von der unsicherer Weltlage viel weniger stark betroffen ist als andere Länder. Facebook habe ich vor zwei Jahren wieder verlassen, es war mit zu blöd und zu zeitintensiv. Heute bin ich nur noch auf WhatsApp, das reicht völlig. Klar verpasse ich ab und zu mal was, das meine Freudinnen auf Facebook posten, aber das stört mich nicht. Nachdem ich die Matura bestanden habe, mache ich jetzt ein Zwischenjahr und arbeite in einem Bistro, damit ich mit dem Geld danach auf Reisen gehen kann, vielleicht Norwegen, vielleicht sogar Australien, mal schauen.

Derzeit bin ich single, aber zu einem Freund würde ich nicht Nein sagen! Es wäre natürlich schön, jemanden zu finden, mit dem ich das ganze Leben verbringen kann, aber das ist wohl ziemlich schwierig. Jeder entwickelt sich weiter, auch meine Eltern haben sich nach 20 Jahren auseinander gelebt. Ich möchte später auf jeden Fall unabhängig sein, möchte reisen, so viel wie möglich von der Welt sehen, nicht in einen Alltagstrott reinkommen. Deshalb will ich auch keine Kinder, meine Berufskarriere ist mir wichtiger. Das Zwischenjahr werde ich auch nutzen, um mich an diversen Unis zu informieren. Natur- und Umweltwissenschaften würde mich interessieren, aber es könnte auch Richtung Ingenieur, Chemie oder Physik gehen.»

Nik Bühlmann (20), Detailhandelslernender, Spiez BE

Nik Bühlmann (20), Detailhandelslernender
Nik Bühlmann (20), Detailhandelslernender

«Ich bin offen, ehrlich, und habe immer ein Lächeln im Gesicht. Meine Brüder sind sechs und acht Jahre älter als ich. Als ich klein war, haben sie mich oft gepiesakt und ich habe sie oft genervt. Typische Brüder halt. Ich wohne noch Zuhause und habe es sehr gut mit den Eltern. Sie sind zusammen, was heute nicht mehr selbstverständlich ist. Meine Clique ist gross und mir unglaublich wichtig. Wir gehen zusammen an Konzerte, in den Ausgang oder an Fussballspiele. Und wir reden über Frauen. Ich bin seit letztem Dezember Single. Ich muss eine haben, bei der ich mir hundert Prozent sicher bin. Nur eine Freundin zu haben, damit ich eine Freundin habe, ergibt keinen Sinn.

Nik Bühlmann mit Kolleg(inn)en
Nik Bühlmann mit Kolleg(inn)en

Mit meinen Kollegen rede ich auch über die Terroranschläge. Die momentane Lage macht mir schon Angst. Ich fürchte, dass bald mal ein dritter Weltkrieg droht, wenns so weiter geht. Wir können auch nicht jedes Jahr abertausende Flüchtlinge reinlassen. Natürlich sollte man denen die Möglichkeit geben, hier zu leben. Doch wenn jemand kriminell wird, sollte man diese Person ausschaffen. Ich bin wegen der Anschläge nicht an die EM nach Frankreich gereist. Im Nachhinein find ich das schade, man soll nicht in Angst leben. Man sollte umso mehr sein Leben geniessen. Social Media hat zwei Seiten: Man kann vieles mit Kollegen teilen, aber Dinge können falsch verstanden werden. Wenn man schriftlich kommuniziert, gehen viele Zwischentöne verloren und man lebt etwas aneinander vorbei. Viele schreiben lieber drei Stunden, statt sich auf ein Bier zu treffen.»

Yanik Kamer (18), KV-Lernender, Goldau SZ

Yanik Kamer (18), KV-Lernender
Yanik Kamer (18), KV-Lernender

«Ich mag Musik, ich singe und schreibe Lieder, modle, gehe gerne an Festivals, Partys oder Konzerte. Ich bin an Kunst und Sport interessiert; Leute wie Vivienne Westwood, Karl Lagerfeld inspirieren mich. Oder Rihanna, sie ist extrem wandelbar. Ich bin eine unabhängige und selbstsichere Person, die gerne unterwegs ist und neues kennenlernt. Ich mag Socializing. Meine Freunde und ich sind eine richtige Crew; wir pushen uns gegenseitig. Es sind Leute aus der Kunstszene, Fotografen, Models, aber auch Kantischüler oder Arbeitskollegen.

Nach dem KV möchte ich ins Ausland gehen. Ich möchte dort musikalisch oder auch schauspielerisch etwas versuchen. Amerika wäre toll, alles auf eine Karte setzen. Mir ist wichtig, dass ich dranbleibe und meine Ziele erreiche. Und dass ich Leute um mich herum habe, die mich unterstützten. Seit einem halben Jahr bin ich in einer Beziehung. Ich wollte mich eigentlich nie binden, war eine rebellische Person und wurde auch schon verarscht. Nun passt es aber. Ich verbringe bestimmt mehrere Stunden am Tag mit Social Media. Ich bin oft auf Snapchat oder Instagram. Das Handy ist immer dabei! Früher habe ich Konzerte nur durchs Handydisplay geschaut. Heute möchte ich anwesend sein. Nicht alles ist so perfekt, wie es online dargestellt wird.»

Sade Beständig (18), Detailhandelslernende, Oberweningen ZH

Sade Beständig (18), Detailhandelslernende
Sade Beständig (18), Detailhandelslernende

«Die unsichere Weltlage beschäftigt mich schon sehr, die Kriege, der Terror. Was, wenn das bis in die Schweiz kommt? Ich frage mich manchmal, ob man überhaupt noch rausgehen kann, ohne Angst zu haben. Deshalb gehe ich auch nicht gerne an Festivals oder andere Anlässe, wo es viel Leute hat, es könnte ja was passieren. Aber ich bin auch vorher nicht so viel in den Ausgang gegangen, ich bin eher der ruhige Typ. Mit meinen Freunden gehe ich essen, wir reden viel, ab und zu lernen wir auch zusammen. Daneben ist mir mein Sport wichtig, ich mache Fitness und Distanzläufe. Aber wegen der Lehre habe ich nicht so viel Freizeit und gehe im Moment auch eher früh ins Bett. Da bleibt nicht mal viel Zeit zum Fernsehen.

Sade Beständig (18)
Sade Beständig (18)

Wenn, dann schaue ich was auf youtube oder Instagram, generell bin ich oft online, ich könnte sicher keine Woche lang drauf verzichten. Aber ich lese auch viel auf Papier, von Sachbüchern bis zu Liebesromanen, aber auch ein paar Zeitungen, ‹20 Minuten›, ‹Beobachter›, auch das Migros-Magazin, da mag ich die Rezepte. Ich habe eine starke sozial Ader: Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, möchte ich in Länder reisen, wo Menschen Hilfe brauchen, und zum Beispiel in einem Flüchtlingslager mitarbeiten. Politik interessiert mich, ich stimme regelmässig ab und werde bei den nächsten Wahlen die Grünen unterstützen. Umweltschutz ist mir wichtig, und ich achte auch selbst darauf, nicht zu viel Wasser oder Plastik zu verwenden.

Im Moment bin ich single, aber ich hoffe, dass ich irgendwann den Richtigen finde, mit dem ich alt werden kann, mit Kindern und Haus und allem drum und dran. Aber bis Ende 20 geht die Karriere erst mal vor, ich bin ehrgeizig, will meine Lehre gut abschliessen und mich danach zur Ernährungstherapeutin weiterbilden, vielleicht sogar mal eine eigene Praxis haben. Wenn ich aber später eine eigene Familie habe, geht die ganz klar vor. Wäre natürlich schön, dann einen Mann zu haben, der sich auch an der Familienarbeit beteiligt.»

Gloria Lembo (18), angehende Biologie- laborantin, Basel

Gloria Lembo (18), angehende Biologielaborantin
Gloria Lembo (18), angehende Biologielaborantin

«Ich bin ein fröhlicher Mensch und ziemlich selbständig. Mit 16 bin ich für die Lehre nach Basel gezogen und war nur noch am Wochenende zu Hause, seit Frühling lebe ich nun ganz in Basel in einer WG. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist aber noch immer gut, auch wenn ich sie jetzt seltener sehe. Seit ich 16 bin, ernähre ich mich vegan, aus ethischen Gründen, weil es für die Umwelt und die Tiere besser ist. Früher wusste ich nie genau, was in den Lebensmittel drin steckt, die ich esse; das ist heute anders, ich konsumiere sehr bewusst.

Meine Eltern machten sich zu Beginn Sorgen, dass ich mich auf diese Weise nicht gesund ernähre, aber sie wussten damals einfach zu wenig darüber; meine kleine Schwester wurde dann ziemlich rasch auch vegan. Mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten mache ich regelmässig Öffentlichkeitsarbeit, verteile Flyer, organisiere Veranstaltungen, poste auf Instagram und Facebook. Social Media ist extrem wichtig, gerade die Jungen erreicht man so sehr effektiv. Die aktuelle Weltlage beschäftigt mich schon, die Flüchtlinge, die Anschläge, das gibt mir alles zu denken, es zeigt auch, wie privilegiert wir hier leben. Ich finde es ziemlich enttäuschend, wie viele Leute einfach nur mit Abschottung und Ausländerfeindlichkeit darauf reagieren.

Gloria Lembo
Gloria Lembo (18)

Viele glauben ja, dass es für uns später vielleicht mal schwieriger ist als für unsere Eltern heute, aber ich denke, es bringt nichts, Angst vor dem Leben in 30 Jahren zu haben. Sonst verpasst man es, sich auf jene Dinge zu konzentrieren, die jetzt wichtig sind. Mit meinen Freundinnen ziehe ich gerne durch die Stadt, mache Kochabende oder auch mal in die Ferien. Ich bin nicht so der Partytyp, aber ich liebe Theater und Musicals. Ich will später nicht unbedingt heiraten oder Kinder haben. Wenn, dann würde ich welche adoptieren, es gibt schon jetzt extrem viele Menschen auf der Welt. Erst mal will ich aber meine Ausbildung abschliessen, studieren, reisen. Träume und Ziele können sich ändern, das ist klar, aber mein grosses Ziel im Leben ist es, dass ich mit dem, was ich tue, 100-prozentig glücklich bin. Ganz schlimm fände ich zum Beispiel, wenn ich mich später mal aus Angst nicht umorientieren würde, obwohl mir mein Job nicht mehr gefällt.»

Autor: Anne-Sophie Keller, Ralf Kaminski