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01. Januar 2016

Wie setzen sich Leitwölfe durch?

Erziehungsexperte Jesper Juul fordert im Interview von Eltern generell mehr «Führung». Oft scheitern diese aber schon im Kleinen, beim konsequenten Verhalten im Alltag. Zehn Tipps – und wie machen Sies?

Konsequent und unaufgeregt: Erziehungshaltung
Konsequent und unaufgeregt: Das Ideal der Erziehungshaltung fällt bei Widerstand schwer. (Bild: Getty Images)

Damit die grössten Missverständnisse gleich ausgeräumt sind: Es geht dem bekannten Familientherapeuten Juul keineswegs darum, dass Mütter und Väter viel strenger werden sollten. Aber handkehrum meint er auch nicht nur, dass sie sich schlicht konsequenter verhalten sollen, mit weniger Widersprüchen, die der Nachwuchs seinerseits oft ... konsequent ausnützt.

Vielmehr erklärt er im Interview mit dem Migros-Magazin ( «Keine Erziehung ohne Führung» ), dass Eltern den Kleinen mit fast unbegrenztem Freiraum zu viel Entscheidungen überlassen, die diese noch gar nicht sinnvoll fällen können. Er appelliert auch mit einem Begriff aus der Tierwelt daran, dass sie stattdessen wie Leitwölfe den Kleinen Ziele setzen, eine Richtung vorgeben sollen, weil dies Kinder in vielen Fällen überfordert. Natürlich aber mit Einfühlungsvermögen und im Interesse von Tochter oder Sohn und nicht, indem man aus Eigeninteresse Ansprüche formuliert.

DER KOMMUNIKATIONSSTIL MACHTS AUS
Häufig stellen Fachleute fest, dass die selbst erklärten Leitwölfe gar nicht beim Festlegen von grösseren oder kleineren Erziehungszielen scheitern. Sehr oft finden Eltern mindestens in groben Zügen den gemeinsamen Nenner und bemühen sich, diesen ohne Abstriche durchzusetzen. Häufig jedoch scheitern sie einfach dabei, Sohn oder Tochter diese verständlich zu machen und kindgerecht auf deren Einhaltung zu pochen.
Meistens steht dabei der Kommunikationsstil im Weg, etwa weil ...

A) das Ziel dem Kind gar nicht richtig vermittelt wird oder
B) die Probleme beim Befolgen zu Konfliktverhalten der Eltern führen, das einem Streit mit Erwachsenen entspräche und Kindern eine angemessene Reaktion erschwert.

Migrosmagazin.ch verrät zehn goldene Regeln beim Durchsetzen von Regeln mit Kindern zwischen 3 und 4 Jahren und Ende Primarschule:
1. Stressbedingtes Nachgeben einschränken
Mütter und Väter kennen es: Es bräuchte ein klärendes Gespräch, ein konsequentes Handeln – doch man müsste längst im Kindergarten oder zu Hause sein. Also gibt man nach, dieses eine Mal. Die einmalige Situation wiederholt sich aber etliche Male. Deshalb: nur in Ausnahmefällen nachgeben oder ein Gespräch auf später aufschieben.

2. Den Vorwurfston ablegen
Es sind die eigenen Kinder, deshalb macht ein (demonstrativer) Ungehorsam verständlicherweise sauer. Die bessere Reaktion wäre aber das Pochen auf verabredetem Verhalten, ohne persönlich beleidigt zu sein. Klar: Dies ist wohl einer der schwierigsten Punkte.

3. Konflikte austragen
Es scheint natürlich, besonders schmerzhaften Konfliktsituationen lieber aus dem Weg zu gehen. Gerne bildet man sich ein, dass es (noch) nicht ernst gelte, eine rote Linie nicht überschritten sei. Bloss registrieren Kinder sofort Beisshemmung beim Austragen von Erziehungsdisputen. Und das unterwandert die elterliche Autorität schnell.

4. Nur Einhaltbares «messen»
Öfters versucht man, mit Kindern ein erwartetes Verhalten vorab zu klären. Sinn macht dies aber nur, wenn daraus für den Nachwuchs einfach nachvollziehbare Richtlinien resultieren. Muss man lange diskutieren, ob eine Forderung erfüllt wurde, dürfte der Erfolg ausbleiben.

5. Gut-böse-Rollenspiel meiden
Dass kein Blatt Papier zwischen mehrere Erziehende passen darf, ist übertrieben. Dennoch sollten die Erziehungsgrundsätze bei Mutter und Vater in groben Zügen übereinstimmen, respektive sie sollten sich in den Hauptpunkten einig sein. Sonst ist der Spielraum für Missverständnisse oder gar gewolltes Gegeneinander-Ausspielen beim Kind zu gross.

6. Ohne leeres Drohen auskommen
Zeigen sich Kinder nicht folgsam (und Erziehungsberechtigte nicht geduldig!), versucht frau oder man es öfters mit der Androhung schlimmer Konsequenzen – von denen allen nach wenigen Sekunden klar ist, dass sie niemals eintreten werden. Dies senkt die Motivation des Kindes rapide, statt sie anzuheben.

7. Auf Erpressungen verzichten
Grössere Belohnungen, die sich nicht ohnehin als Konsequenz des kindlichen Verhaltens ergeben, sollten sehr zurückhaltend eingesetzt respektive versprochen werden. So lernt das Kind kaum den Sinn eines Verhaltens (im eigenen Interesse oder im Sinn der ganzen Familie), sondern glaubt quasi an Folgsamkeit als eine Dienstleistung für die Eltern. Und die müsste dann stets «bezahlt» werden ...

8. Zusammenhänge respektieren
Direkte Konsequenzen von nicht befolgten Regeln sollten wenn irgend möglich in direktem Zusammenhang mit dem Handeln stehen. «Strafen» ohne (engen) Bezug zum unerwünschten Verhalten wirken weit weniger.

9. Suggestivfragen unterlassen
Ungewollt rutschen Eltern bei Anzeichen auf Fehlverhalten des Kindes in ein Konfliktmuster, das eher dem Streitverhalten mit dem Partner oder anderen Erwachsenen entstammt. Paradebeispiel dafür sind eingesetzte Suggestivfragen – für gewöhnlich bei Kindern eher ein Ablöscher. Gerade die Kleineren können die Signale zwischen Gesagtem und Gemeintem nicht zuverlässig entschlüsseln.

10. Auszeiten erlauben
Erziehung ist auch ein Raum für Spannungen, bisweilen Frust und oder gar Wut. Deshalb sollte sich ein Kind dem Alter entsprechend auch einmal für eine Weile in seinen Raum zurückziehen dürfen und etwas Dampf ablassen. Je nachdem hätte auch Mutter/Vater dann Anrecht auf eine kurze (lokale) Beziehungspause.

LINKS
www.familylab.ch mit Coachingangeboten für Eltern
Interview auf sueddeutsche.de zur Einhaltung von Erziehungsregeln
Urbia-Magazin-Artikel mit 12 häufigen Elternfehlern

WAS SIND IHRE ERFAHRUNGEN?
Haben Sie als Mutter oder Vater andere Erfahrungen gemacht?
Eigene Kommunikationsregeln gefunden, die die Erziehung klar erleichterten?
Verraten Sie es uns in einem Kommentar.

Autor: Reto Meisser