Archiv
10. Oktober 2016

Wie man Vorurteile bei der Jobsuche bekämpft

Vorurteile können darüber entscheiden, ob jemand einen Job bekommt oder nicht. Eine neue Software, die eine neutrale Vorauswahl der Dossiers trifft, soll Abhilfe schaffen. HR-Experte Matthias Mölleney hält davon nicht viel. Er empfiehlt, Vorurteile abzubauen.

Mit dem Bewerbungsgespräch ist die erste Hürde geschafft – viele Stellensuchende kommen allerdings nie so weit
Mit dem Bewerbungsgespräch ist die erste Hürde geschafft – viele Stellensuchende kommen allerdings nie so weit (Bild: Getty Images/iStockphoto).

Ein «-ić» im Nachnamen oder ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel sind bei der Jobsuche eine Herausforderung. Über 50-Jährige und solche mit einem ausländisch klingenden Namen sind jeweils länger auf Jobsuche als der gesamtschweizerische Durchschnitt. Schuld daran sind unter anderem Vorurteile der Arbeitgeber.

Damit jedoch verpassen nicht nur die Arbeitssuchenden eine Chance, sondern auch die Unternehmen. Denn Teams, die in Alter, Geschlecht und Herkunft gemischt sind, erzielen bessere Geschäftsergebnisse. Dies zeigen zahlreiche Untersuchungen.

Softwareentwickler arbeiten nun an Rekrutierungstools, die Vorurteile ausmerzen sollen. Etwa, indem die Lebensläufe erst vom Computer durchforstet und möglichst neutral bewertet werden.

Michele Pauli (55), Programmleiterin des Heks-Coachingprogramms für Stellensuchende in Burgdorf BE, begrüsst die Entwicklung: «Damit würden sicher mehr Leute aus diskriminierten Gruppen zu einem Gespräch eingeladen und so die erste Hürde schaffen.» Allerdings seien sie im weiteren Bewerbungsprozess dann trotzdem mit Vorurteilen konfrontiert.

Mit welchen Hindernissen verschiedene Gruppen zu kämpfen haben, hat das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) in einer Studie eruiert. Die Ergebnisse sind auf der Website der Kampagne «Chancengleichheit zahlt sich aus» einsehbar. Das Heks berät Unternehmen und Stellensuchende und vermittelt Praktika.

«Überlegen Sie sich, welche Vorurteile man gegen Sie hegt – und widerlegen Sie diese»

Matthias Mölleney (56) ist Leiter des Centers for Human Resources Management & Leadership an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich

Matthias Mölleney, ist es sinnvoll, Computer beim Bewerbungsverfahren einzusetzen?

Ich bin eher ein Gegner solcher Tools. Letztlich geht es doch um die Persönlichkeit eines Bewerbers, und die kann ein Computer nicht beurteilen. Sinnvoll kann eine solche Software allenfalls sein, um die Flut an Dossiers zu bewältigen – als eine Unterstützung bei der Vorauswahl.

Rekrutierungstools sollen eine neutrale Vorauswahl treffen. Das ist doch eine Chance für Stellensuchende, die aufgrund ihres Alters, Geschlechts oder sozialen Hintergrunds diskriminiert werden.

Am Schluss entscheidet immer der Mensch. Dieses Problem stellt sich jetzt auch mit dem Inländervorrang light. Wenn man die Unternehmen zwingt, mit arbeitslosen Bewerbern zu reden, gibt man Stellensuchenden zwar eine Chance sich vorzustellen, aber damit steigen die Erfolgsaussichten nicht automatisch.

Bleibt einem nur, die Vorurteile aktiv zu bekämpfen.

Genau. Überlegen Sie sich, welche Vorurteile man in Ihrer Branche gegenüber Ihrer sozialen Gruppe hegen könnte, und widerlegen Sie sie.

Gängige Vorurteile gegenüber älteren Stellensuchenden sind etwa, dass sie körperlich unfit und psychisch wenig belastbar seien oder mangelnde Technikaffinität hätten. Wie lässt sich das widerlegen?

Etwa, indem Sie schon im Bewerbungsdossier schreiben, wo und wie Sie Ihr Flair für neuste Computeranwendungen unter Beweis gestellt haben. Indem Sie auf Weiterbildungen verweisen oder erwähnen, dass Sie sich zum Beispiel in einem Verein mit technischen Dingen beschäftigen. Wenn Sie merken, dass Sie tatsächlich irgendwo ein Defizit haben, sollten Sie etwas dagegen tun.

Jugendlichen mit ausländischem Namen wird oft unterstellt, dass sie wenig Motivation hätten. Was empfehlen Sie dieser Gruppe?

Auch hier gilt: Verweisen Sie auf Ihr Engagement, etwa im Sportverein. Zeigen Sie dem Gegenüber, dass Sie keiner von denen sind, die bloss auf der faulen Haut liegen, sondern sich engagieren, und zwar nicht nur dort, wo es Geld gibt. Zeigen Sie sich motiviert und begeisterungsfähig.

Das heisst, man muss sich einfach gut verkaufen.

Ja, aber bleiben Sie dabei immer bei der Wahrheit. Wilde Geschichten erzählen bringt nichts, solche Kartenhäuser fallen eher früher als später zusammen. Sie müssen authentisch sein. Aber man darf sich auch nicht scheuen, Dinge zu benennen, die man gut kann.

Wer viele Absagen erhält, verliert das Selbstvertrauen. Dann ist es umso schwieriger, die eigenen Stärken herauszustreichen.

Da kann es helfen, jemanden um eine Fremdeinschätzung zu bitten. Das muss nicht zwingend ein Profi-Coach sein. Manchmal nimmt man sich selbst ja ganz anders wahr. So jemand kann einem auch ein Feedback geben, wie man rüberkommt und was man am Auftritt optimieren könnte.

Bei Frauen im gebärfähigen Alter fürchten Personalverantwortliche oft, dass sie bald schwanger werden könnten. Was raten Sie Frauen in dieser Alterskategorie?

Diese Gruppe steht vor der grössten Herausforderung, gerade im Bereich der KMUs. Am besten halten sich Frauen im kritischen Alter an grössere Unternehmen, die schwangerschaftsbedingte Abwesenheiten besser ausgleichen können.

Darf man in einem solchen Fall auch lügen und etwa sagen: Ich will keine Kinder.

Das ist erlaubt. Wobei Sie auch da am besten bei der Wahrheit bleiben und sagen: Kinder sind im Moment kein Thema.

Autor: Andrea Freiermuth