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23. November 2015

Wie man nach dem Paris-Terror die Hoffnung nicht verliert

Eine Gesellschaft, die sich einpanzert, wird schwerfällig, sagt der Soziologe Ueli Mäder und rät zu mehr Besonnenheit. Doch «die soziale Brisanz dürfte sich eher verschärfen». Dazu das Gespräch mit dem Islam-Experten Thomas Huesken («Mit Bomben treten wir unsere Werte mit Füssen»).

Eiffelturm als Friedenszeichen
Der Eiffelturm als Friedenszeichen: Weltweit verleihen Menschen ihrem Mitgefühl Ausdruck. (Bild: Keystone)

Ueli Mäder, Fussballspiele werden abgesagt, Basel will die Sicherheitskontrollen bei Konzerten verstärken. Ein Sieg für die Terroristen?

Wenn das unsere Antwort auf die Anschläge in Paris ist, verlieren wir alle. Ein paar Beamte mehr an der Grenze führt im besten Fall zu einer kurzfristigen Selbstberuhigung. Wirksame Schritte sind das nicht. Im Gegenteil: Es besteht die Gefahr, dass die Gesellschaft durch diese Aufrüstung militanter wird und noch mehr Aggressionen geschürt werden.

Ueli Mäder (64) ist Professor für Soziologie an der Universität Basel
Ueli Mäder (64) ist Professor für Soziologie an der Universität Basel. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der Konfliktforschung. (Bild zVg)

Eine Beruhigungspille, deren Wirkung sich ins Gegenteil verkehrt?

Das ist ein bekanntes Muster: Man stellt mehr Detektive an, um Sozialhilfebezüger zu kontrollieren, obwohl das hauptsächlich zu einer Verteuerung des Systems führt.

Weshalb tun wir diese Dinge, obwohl sie kontraproduktiv sind?

So funktionieren einige Politiker: Populäre Massnahmen erhöhen die Chancen, wiedergewählt zu werden.

Die Menschen sind verunsichert, manche haben Angst. Wie verändert das unsere Gesellschaft?

Eine gewisse Verunsicherung muss nicht per se schlecht sein. Wer sich eingesteht, dass er Angst hat, macht den ersten Schritt: Er setzt sich mit der Situation auseinander und lässt Gefühle zu. Wer sofort den Gockel stellt, um den Anschein zu erwecken, dass jetzt etwas unternommen wird, schiesst am Ziel vorbei.

Wie wirkt die Angst auf die Psyche?

Entweder ich ziehe mich zurück und nehme eine Abwehrhaltung ein. Oder ich trete die Flucht nach vorn an. Beides ist nicht produktiv. Eine Gesellschaft, die sich einpanzert, wird schwerfällig. Wer sich einen Köcher mit Giftpfeilen zulegt, um im Notfall sofort losschiessen zu können, wird über kurz oder lang selbst von diesen Pfeilen vergiftet. Wir müssen die Gepflogenheiten aushandeln, wie wir miteinander auskommen wollen.

Sind die Ängste denn gerechtfertigt? Schliesslich ist die Gefahr viel grösser, im Verkehr zu verunfallen.

Die Ängste sind gut nachvollziehbar. Mit dem TGV sind wir von Basel aus in drei Stunden in Paris. Der Angriff ist sozusagen vor unserer Haustür erfolgt. Dennoch dürfen wir den Blick fürs Ganze nicht verlieren. In Syrien leiden täglich Tausende Unbeteiligter an den Folgen des Krieges. Das muss auch den Westen betreffen, der in erheblichem Masse dazu beiträgt, dass sich die Lebenssituation der Menschen in Krisenregionen verschlechtert. Wir müssen uns fragen, was wir unternehmen können für eine gerechtere Ressourcenverteilung. Welche Politik braucht es, welchen Umgang mit der Migration?

Mit den Flüchtlingen importiere man die Gewalt, behaupten jetzt manche Politiker.

Ist die Verunsicherung gross, verleitet das zum Gebrauch einfacher Bilder. Dass man pauschalisiert und reflexartig Ruhe und Ordnung postuliert, als ob das hilfreich wäre. Es gibt keine Alternative: Wir müssen differenzieren. Leider werden Politiker, die weniger auf den Putz hauen, sogar als Schwächlinge diffamiert.

Wie behalten wir in dieser Situation eine Willkommenskultur?

«Its getting better all the time», haben die Beatles gesungen, und ich möchte dem zustimmen. Ich habe aber auch den Eindruck, dass sich die soziale Brisanz in den nächsten Jahren eher verschärfen dürfte. Was mich positiv stimmt: Menschen sind lernfähig. Wenn wir auf die Welt kommen, realisieren wir, dass andere schon da sind. Das kann fast eine narzisstische Verletzung sein, verleiht uns aber auch eine soziale Orientierung.

Inwiefern können wir dabei aus der Geschichte lernen?

Im Kalten Krieg fürchtete man sich vor der Atombombe. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass diese Eskalation ausblieb. Es gab Momente, da schrammte die Welt haarscharf an einer Katastrophe vorbei. Nur weil einzelne Entscheidungsträger besonnen reagiert haben, blieb uns das Schlimmste erspart.

Eine Besonnenheit, die man dieser Tage bei Politikern vermisst.

Das ist für mich in der Tat schwer nachvollziehbar. Frankreich hat als Kolonialmacht vor gar nicht so langer Zeit schlimmste Verbrechen in Nordafrika begangen. Was nach der Intervention der USA im Irak passierte, ist ebenfalls bekannt. Wer jetzt Kriegsrhetorik bemüht, unterliegt einem Selbstbetrug. Es scheint, als ob viele Mächtige nicht aus der Geschichte lernen wollten.

Was nützt es zu sagen: «Jetzt erst recht!»

Damit setzt man primär ein Zeichen: Wir lassen uns keine Angst machen, singen gemeinsam die «Marseillaise» und klatschen dem Militär zu, das es schon richten wird. Nur wie? Indem man ein paar Terroristen in die Luft sprengt, während anderswo bereits eine neue Zelle entsteht? An der sozialen Situation der Menschen in den Krisengebieten und Vorstädten, die Ursache für die Radikalisierung ist, ändert sich so nichts. Einer Gesellschaft geht es dann gut, wenn es möglichst vielen gut geht.

Welche Rolle spielen Solidaritätskundgebungen auf öffentlichen Plätzen oder auf Facebook?

Jeder Schritt in die richtige Richtung, sei er auch noch so klein, ist grundsätzlich positiv. Es zeigt, dass Menschen sich berühren lassen. Ich unterstelle niemandem, der auf Twitter den Hashtag #jesuisparis verwendet, dass er es nicht ernst meint. Aber manchmal wirkt es schon etwas oberflächlich.

Viele Leute sind nun bereit, Freiheiten aufzugeben. Wohin führt diese Entwicklung?

Das bereitet mir Sorge. Denn es steht viel auf dem Spiel. Wenn plötzlich überall Kameras stehen, verleitet das unter Umständen dazu, sich nur noch dann sozial zu verhalten, wenn man unter Beobachtung steht – und sich überall sonst gehen lässt. Menschen sollen sich aber nicht nur sozial verhalten, weil ihnen sonst eine Busse droht. Ich habe das noch in der Schule erlebt, wo ich vom Lehrer geprügelt wurde. Es war ein Segen, als es allmählich wenigstens Argumente brauchte, weshalb etwas so und nicht anders war. Heute besteht die Gefahr, dass wir in stark disziplinierende Verhaltensmuster zurückfallen. Der Schutzmechanismus wird zur Bedrohung.

Ueli Mäder (64) ist Professor für Soziologie an der Universität Basel. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der Konfliktforschung.

Autor: Peter Aeschlimann