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14. Dezember 2015

Der beste Umgang mit Liebeskummer

Manche leiden so heftig, dass sie am liebsten sterben würden: Liebeskummer. Wie geht man am besten mit diesem gewaltigen Gefühl um? Wann erlebten Sie Liebeskummer und wie besiegten sie ihn?

Nicht umsonst spricht man bei Liebes­kummer auch von gebrochenem ­Her­zen. Mittlerweile ist sogar ­belegt, dass sehr grosse Trauer nach einem Verlust herzinfarktähnliche Symptome auslösen kann. Und doch haben wir fast Mitleid mit denen, die noch keinen echten Herzschmerz durchlitten haben. Denn nur wer die Liebe erlebt hat, kennt auch das Elend, das sie bringen kann. Erleiden will es trotzdem keiner. Auch Nicole (42), Pianistin aus Solothurn, wollte das nicht.

«Mein grosser Liebeskummer war unsäglich heftig. Das ist nun aber schon Jahre her, und ich habe ihn überwunden. Aber es hat lange gedauert», erzählt sie. Dennoch glaubt die Frau mit der wilden roten Mähne bis heute, dass er der Mann fürs Leben gewesen wäre. Und sie die Richtige für ihn. «Aber es hat trotzdem nicht sein sollen.»

Nicole hatte damals gerade ein Künstler-Atelier-Stipendium für Paris gewonnen, doch statt sich mit ihr zu freuen, trennte sich der Mann an ihrer Seite von ihr: «Er war überzeugt, ich wolle in Paris frei sein und mit anderen Männern ins Bett. Dabei war das für mich gar kein Thema.» Hätten sie sich damals offener unterhalten, wäre es vielleicht anders gekommen. Doch das taten sie leider erst viel später, und so wurde aus dem unausgesprochenen ­Missverständnis ein sehr schwieriges halbes Jahr.

Es ist wichtig, über Gefühle zu sprechen

Wie mächtig und zerstörerisch das Unausgesprochene sein kann, weiss auch Francis (18), Gymnasiast aus Zürich, nur zu gut. Seine letzte Liebe ging ebenfalls in die Brüche, weil beide nie gross über ihre Gefühle gesprochen haben: «Wir haben ja nicht einmal richtig darüber geredet, ob wir offiziell zusammen sind oder nicht. Und als die Beziehung dann zu Ende war, im Sand verlief, wollte ich der Frau erst recht nicht zeigen, wie viel sie mir bedeutet hatte. Das war schlimm.»

Heute lebt er versuchsweise mit seiner neuen Freundin zusammen. «Diese Beziehung ist ganz anders als die damalige. Meine jetzige Freundin hat mir beigebracht, über Gefühle zu reden. Sie ist in dieser Hinsicht viel fordernder, und dafür bin ich ihr sehr dankbar.» Jetzt sei er auch bereit, sich wirklich auf etwas einzulassen und nicht nur cool zu sein.

Mitten in der Nacht Telefonate dem ­Verflossenen

Reden ist gut, darin sind sich beide einig, allerdings bevor es zu spät ist. Denn ist die Liebe mal weg, hilft das oft auch nicht mehr. Solche Trennungsdiskussionen arten häufig aus und machen die Wunden nur noch grösser. «Wenn wir in der Liebe verletzt werden, verlieren wir zunächst einmal jegliche Distanz zum Geschehen, zum anderen, zu uns selbst», erklärt Lebensberaterin Kafi Freitag. «Daher nützt es in dieser Phase auch wenig, sich selbst vorzubeten, dass er nicht der Richtige war oder die Beziehung ja doch nicht mehr gut gewesen sei. Auch gut gemeinte Bemerkungen von Bekannten helfen jetzt nichts. Der Verstand ist ausgeschaltet.» Körper und Seele spielen verrückt.

Wer hat nicht schon mitten in der Nacht einen Verflossenen angerufen, entgegen allen ­Vorsätzen? Alle zwei Sekunden die SMS gecheckt oder die ­Ex-Freundin wüst beschimpft, obwohl man sich doch unverletzlich und kühl geben wollte? In diesem Zustand haben wir förmlich keine Kontrolle mehr über unsere Gefühle.

Bei Nicole ging das so weit, dass sie über Monate weder essen noch schlafen konnte. «Ich stand völlig neben mir selbst und weinte anfänglich so viel, dass mich der Optiker bei einer Routinekontrolle fragte, ob alles okay sei, ich hätte viel zu wenig Tränenflüssigkeit.» Alles Zureden, alle Versuche, irgendwie wieder auf die Beine zu kommen, halfen nichts. Sie zog sich zurück und brauchte Zeit für sich. «Häufig war meine Stimmung schlecht», erinnert sie sich. «Dinge wie romantische Restaurants oder die küssenden Paare, die ich plötzlich überall sah, vertrug ich kaum.» Also war sie oft allein unterwegs und besuchte Ausstellungen und machte lange Spaziergänge an möglichst wenig touristischen Orten in Paris. «Lustigerweise liefen die Konzerte, die ich damals spielte, trotz allem gut. Die Konzentration, die dafür nötig ist, lenkte mich ab.»

Der Kummer besserte sich dennoch kaum. Nach einem halben Jahr war Nicole extrem dünn und zog sogar in Erwägung, sich selbst in eine Klinik einzuweisen, so endlos sah der Tunnel aus, durch den sie sich schleppte.

Doch dann geschah das Unerwartete. ­Wieder in der Schweiz und als Musiklehrerin tätig, traf sie im Lehrerzimmer einen Mann – und war wie elek­trisiert. Er ­wurde zwar nicht zu ihrer neuen Liebe, aber das Leben war endlich und auf einen Schlag wieder in sie zurückgekehrt. Eine weitere grosse Liebe hat sie auch in den Jahren danach nicht mehr gefunden, aber Freunde fürs Leben und kleinere, schöne Liebesgeschichten sehr wohl.

Die Intensität der Liebe prägt das Ausmass des Leidens

Bei Francis war der Kummer weniger heftig, die Beziehung verhaltener: «Eigentlich war ich vor allem sauer. Ich hatte keine Energie war im Schluffimodus und habe einfach ständig Party gemacht. Ich wollte mich all dem nicht wirklich stellen.» Irgendwann hat auch er wieder Boden unter die Füsse gekriegt und seine jetzige Partnerin kennengelernt.

Bei der Frage, ob sich der Liebeskummer von Jüngeren und Älteren unterscheide, sind sich Nicole und Francis einig: Vermutlich nicht, es sei wohl eher die Stärke der Liebe und die Persönlichkeit, die das Ausmass des Leidens und den Umgang damit prägten, finden sie.

Wann erlebten Sie Liebeskummer und wie besiegten sie ihn? Erzählen Sie Ihre Geschichte unten in der Kommentarspalte oder schicken Sie uns eine E-Mail und wir veröffentlichen sie auf Migrosmagazin.ch.

Autor: Andrea Fischer Schulthess

Illustrationen: Silke Werzinger