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07. September 2015

Wie Kinder besser schlafen

Viele Kinder wollen oder können abends nicht einschlafen. Warum Schlaf so wichtig ist, und wie Eltern ihren Kindern helfen können.

Rituale vor Zubettgehen helfen
Loris schlief früher oft schlecht ein. Ein Ritual vor dem Zubettgehen hat ihm geholfen.

Es ist 20.30 Uhr. Der zehnjährige Loris Kolb aus Böbikon AG macht sich bettfertig, putzt seine Zähne und schlüpft unter die Decke. In der Hand entweder einen Donald-Comic, ein Band der Reihe «Gregs Tagebuch» oder «Die drei Fragezeichen». Bis 21 Uhr darf er noch lesen, dann wird das Licht gelöscht. So zumindest die Theorie.

In der Realität wird zwar um 21 Uhr das Licht gelöscht, doch fünf Minuten später klagt Loris: «Ich kann nicht schlafen.» Das Licht geht wieder an, und Loris liest erneut. Und er liest und liest. Im Viertelstundentakt ruft er «Tschüüüss», um dann irgendwann zwischen 22 und 23 Uhr freiwillig das Licht zu löschen und einzuschlafen.

Schlaf macht schlau

«Bestehen wir darauf, dass das Licht gelöscht bleibt», so Mutter Andrea Kolb (49), «wälzt er sich murrend im Bett, jammert, er könne nicht schlafen, schläft dann aber auch erst weit nach 22 Uhr ein.» Ausser Konfrontationen also nichts gewonnen. Das geht so, seit Loris in der Schule ist. Im Kindergarten wurde er körperlich mehr gefordert und war abends müder. In der Schule, so macht es Mutter Andrea Kolb den Anschein, ist er leistungsmässig nicht ausgelastet. Entsprechend sind abends die Batterien noch geladen.

Schlafmediziner Christian Neumann (53) von der Schlafklinik Bad Zurzach AG beruhigt: «So lange der Junge morgens gut aufsteht, seine Leistungen stimmen und er keine Auffälligkeiten zeigt, muss man sich keine Sorgen machen.» Es gibt nämlich auch bei Kindern Lerchen- und Eulen-Typen, also eher tagaktive und eher nachtaktive. Das hält sich meist ein Leben lang. In dieser Beziehung können sich Loris’ Eltern nicht beklagen. «Er steht morgens gut auf, ist in der Schule spitze und zeigt auch sonst keine Müdigkeitserscheinungen», erklärt Andrea Kolb. Das ist auch der Grund, wieso die Eltern sein Schlafverhalten akzeptieren.

Der Schlafbedarf verringert sich zudem mit dem Alter, bleibt aber von Kind zu Kind verschieden. «Während Säuglinge noch 16 bis 18 Stunden schlafen, brauchen Kindergartenkinder 11 bis 13 Stunden Schlaf, Primarschüler wie Loris sollten nachts 10 bis 12 Stunden schlafen, Jugendliche etwa 9 Stunden», so Christian Neumann.

Guter und ausreichender Schlaf ist entscheidend für die Gesundheit und das Verhalten des Kindes. «Schlafmangel kann dazu führen, dass sie sich schlechter konzentrieren können und in der Schule mehr Fehler machen», so der Schlafexperte. Aber auch Tagesmüdigkeit, schlechte Stimmung, Reizbarkeit, Überdrehtheit oder mangelnde Sozialkompetenz sind Anzeichen für chronischen Schlafmangel.

Solche Anzeichen zeigen sich allerdings erst nach mehreren Wochen dauerhafter Schlafstörungen. Umgekehrt belegen Studien, dass ausreichend Schlaf Kinder schlau macht. Wissenschaftler stellten nämlich fest, dass das Gehirn während der Nachtruhe zuvor Gelerntes festigt – bei Kindern ist das sogar noch effektiver als bei Erwachsenen. Die Forscher vermuten, dass bei Minderjährigen die grosse Menge an nächtlichem Tiefschlaf für das Wissen und der Traumschlaf für das Erlernen von Bewegungsabläufen, wie zum Beispiel Velofahren, eine wichtige Rolle spielt.

Einfache Rituale helfen

Schlafmediziner Neumann hält Einschlafrituale für unabdingbar. «Sie bereiten das Kind innerlich auf das Schlafen vor.» Schon das Zähneputzen vor dem Schlafengehen sei ein solches Ritual. Es setzt einen Schlussstrich unter den Tag. Gut runterfahren kann das Kind auch beim Hören einer Geschichte», so Neumann. «Danach setzt man einen Punkt, und es geht ohne weiteres Halligalli ins Bett.»

Einschlafrituale vermitteln ein Grundgefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Aber es gibt auch falsche Rituale. Wie etwa, wenn man das Kind ins eigene Bett nimmt. «Eltern geben dem Kind so das Gefühl, das gehöre zum normalen Ablauf und es könne erst schlafen, wenn es im Elternbett liege.»

Für Loris gab es früher regelmässig Geschichten und ein Gutenachtlied. Heute geht es kürzer: die Decke schütteln, Logopädieübungen und am Rücken oder Ohr kraulen. Und dann liest er, bis er einschläft. Sonntags schläft er manchmal bis um 10 Uhr aus. Aber auch nicht immer. Ihm reichen offensichtlich 8 bis 9 Stunden.

Schlafstörungen: Von Schlafwandeln bis Nachtschreck

Die klassischen Schlafstörungen sind – neben dem Monster unter dem Bett – Schlafwandeln, Albträume, Bettnässen und der sogenannte Nachtschreck: «Das sind normale Schlafprobleme bei Kindern», so Schlafmediziner Christian Neumann von der Schlafklinik Bad Zurzach. «Da muss man sich als Eltern vorerst keine Sorgen machen.»

Angst macht vor allem der Nachtschreck (Pavor Nocturnus), da das Kind in dieser Phase die Augen zwar geöffnet hat, aber nicht ansprechbar ist, weil das Gehirn noch schläft. Dabei schreckt das Kind aus einer Tiefschlafphase auf, weint oder jammert und lässt sich sehr schlecht beruhigen. «Kommt bei Drei- bis Zehnjährigen häufig vor», erklärt Neumann. Das kann bis zu einer Viertelstunde dauern. Danach schläft das Kind wieder ein und kann sich tags darauf meist an nichts erinnern.

Sorgen machen muss man sich als Eltern, wenn zum Beispiel das Bettnässen auch mit zehn Jahren noch vorkommt oder wieder auftritt, was Schätzungen zufolge bei etwa jedem zehnten Kind der Fall ist. Eltern sollen sich an den Hausarzt wenden und eine Verhaltenstherapie mit dem Kind machen. Bettnässen ist für den Nachwuchs vor allem dann peinlich, wenn es in Klassenlagern passiert.

Schnarchen ist bei Kindern eine Schlafstörung, bei der Schlafmediziner Christian Neumann unbedingt zu einer medizinischen Abklärung rät – spätestens, wenn die Schulleistungen nachlassen. Eventuell sind die Mandeln zu gross, oder das Kind leidet an einer Schlafapnoe, einem Aussetzen der Atmung während des Schlafens. Dies kann zu Sauerstoffmangel führen. Dabei wacht das Kind in der Nacht oftmals auf und ist am nächsten Tag nicht ausgeschlafen.

Zu einem Arztbesuch rät Schlafmediziner Christian Neumann auch, wenn das Kind über den Zeitraum eines Monats in der Hälfte der Nächte Schlafprobleme hatte.

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: Gabi Vogt