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16. November 2015

Wie Kinder zur Musik finden

Musikförderung ist von ersten Impulsen im Babyalter bis zum Erlernen eines Instruments für Persönlichkeitsbildung und schulische Leistung wichtig. Über privates Engagement und unverbindliche Bekenntnisse hinaus kommt die Forderung aber selten. Wo beginnt sie – und haben Sie als Eltern dafür gesorgt?

Schulchor in Dombresson NE heisst Bundesrat Berset willkommen
Dank staatlicher Musikförderung: Schulchor in Dombresson NE heisst Bundesrat (Innen- und somit Bildungsminister) Alain Berset willkommen. (Bild: Keystone)

Mindestens so sehr wie die bildende Kunst ( «Spezielle Museumsangebote für Kinder» ) hat es auch die musische Entwicklung bei Kindern schwer. Der entsprechende Verfassungsartikel zur Jugendmusikförderung mit ein paar festgehaltenen Grundsätzen und Zielen erreichte zwar vor gut drei Jahren ein Ja an der Urne. Im Alltag geändert hat sich für Nachwuchs, Schulen und Musikschulen in den meisten Schweizer Kantonen jedoch seither wenig.

Die frühkindliche Förderung – von (Vor-)Singen über gemeinsames spielerisches Bewegen bis zur verschiedenartig zu Hause abgespielter Musik – beruht fast ausschliesslich auf privater Initiative: auf jener der Eltern. Für den Einzel-, oft auch Gruppenunterricht mit Instrumenten sind regional in unterschiedlichem Rahmen zwar Beiträge vorgesehen. Doch für die Eltern bleibt die alleinige Verantwortung und zumeist bis ins Teenageralter die Hauptlast.

Kein Problem oder kein Interesse

Sollte es überhaupt stören, dass die Initiative für musische Programme tendenziell zu kurz kommt und primär von privatem Engagement abhängt? Mindestens aus zwei Gründen schon: Erstens schwören Fachleute auf den Nutzen von aktiv betriebener Musik für die kindliche Entfaltung – sei es für die Motorik, das Sprechen, Sozialverhalten oder schlicht Wohlbefinden (siehe unten). Dennoch kommt das Musische neben den herkömmlichen Schulfächern oder gerade auch dem unbestrittenen Gewicht des Sports in der Regel klar zu kurz.

Zweitens herrscht in der Musik noch stärker als in anderen Bereichen eine ungleiche Chancenverteilung: Mütter und Väter mit entsprechendem kulturellem Hintergrund und nicht zu knappen Budgets sorgen häufig für eine Ausbildung des Nachwuchses. Die anderen verzichten darauf oder verlangen sehr schnell den Nutzen zu sehen: in Form von erlangtem Können.

Oft vergessener Nutzen

Dabei stellt sich dieser nicht erst in realen Berufsaussichten oder mindestens in vielbeachteten Auftritten vor der Familie an Festtagen ein. Entwicklungsgexperten wie der deutsche Pädagoge Hans Günther Bastian formulieren nach ihren Studien die Vorteile von Musikförderung in drei Bereichen:

1. Gehirnentwicklung: Zentrale Bereiche des menschlichen Gehirns werden in frühen Phasen auch dank der wahrgenommenen Musik früher und besser miteinander verknüpft. Indirekt fördert Musik so auch die Konzentrationsfähigkeit und zugleich gewisse Domänen der Kreativität nachhaltig.

2. Sprachbildung: Besonders sie profitiert speziell von der Auseinandersetzung mit Musik. Zum Beispiel die Herausbildung des Bewusstseins für Syntax, Logik, Rhythmus- und andere Bildungsprinzipien, noch mehr natürlich das Sprechen im eigentlichen Sinn.

3. Sozialverhalten: Oft unterschätzt man das, was gemeinsames Musizieren schon beim Singen in Spielgruppe oder Kindergarten bringt. Sich zuhören können steigert den Respekt und schult generell besseres Wahrnehmen von Gruppenverhalten. Und auch die nicht Vorlauten lernen schneller, sprichwörtlich die Stimme zu erheben.

Wo es anfängt

Was kann denn schon in frühen Jahren in der Familie an spielerischer Förderung unternommen werden, ohne viel Geld in die Hand zu nehmen oder Druck aufzusetzen? Die häufigsten Empfehlungen im Überblick:

Ab den ersten Monaten: Gutenachtlieder vorsingen, abspielen von nicht zu komplex-wilder Musik (es braucht aber keine Kindermusik zu sein, verstehen können die kleinen sie eh nicht). Am wichtigsten ist das übertragene Rhythmus-, Melodik- oder sonstige Musikempfinden über den Körperkontakt zu Mutter und Vater. Etwa wenn diese das Kleinkind zur Musik auf dem Arm wiegen.

Ab drei bis vier Jahren: Mitunter boomen die Frühförderungskurse für Musik. Fast denselben Effekt hat, wenn man mal zusammen etwas singt, für Lieder oder Musik ab Konserve sorgt, die auf das Alter abgestimmt ist (auch wenn die mit der Zeit gehörig auf die Nerven gehen kann...). Am wichtigsten sind aber wohl zwei andere Dinge: genug Freiraum zur Bewegung draussen wie drinnen, genug Gleichaltrige zum Spielen. Denn die landen schnell einmal bei Bewegungsmustern bis zum Tanz oder anderer Performance zu Musik. Wer dann noch erste einfache Instrumente wie Rassel, Trommel, vielleicht ein Triangel oder ein Xylofon zur Verfügung stellt, ist bestens dabei. Spielerisch kann man mit ihnen auch einfache erste Lieder einüben.

Ab Schulalter: Nun stellt sich die Frage nach Vorlieben, Interessen. Braucht das Kind vielleicht Instrumentalunterricht, geht es in einen altersgerechten Chor mit Aktivitäten in seinem geschätzten Musikstil? Es gilt, zur Schonung von Ressourcen und Nerven nicht jede Idee zu unterstützen und mitzumachen – möglichst die eine oder andere, die länger anhalten dürfte.
Vielleicht mit einem Leih-Instrument oder einem Ausbildungseinstieg im Probemodus?
UND IHRE ERFAHRUNG?
Haben Sie Ihr Kind früh musikalisch gefördert – nach einem bestimmten Plan oder intuitiv? Welche Resultate haben Sie dabei festgestellt? Was würden Sie wieder gleich oder anders machen?

Autor: Reto Meisser