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14. Januar 2013

Wie die NHL-Stars die Schweiz erlebten

In ein paar Tagen startet nach der Einigung von Klubs und Spielern die Saison der weltbesten Eishockeyliga. Mit John Tavares und Tyler Seguin blicken zwei zuletzt in der Schweiz engagierte Kanadier blicken auf ihre Erfahrungen in Bern und Biel zurück und loben Freundlichkeit und Essen.

John Tavares im Dress des SC Bern
John Tavares im Dress des SC Bern: Der Kanadier wurde mit 42 Punkten in 28 Spielen Topskorer seines Teams. (Bild Keystone)
Tyler Seguin prägte mit 25 Toren in 29 Spielen das Offensivspiel des EHC Biel
Tyler Seguin (21) prägte mit 25 Toren in 29 Spielen das Offensivspiel des EHC Biel massgeblich. (Bild EQ Images)

Wie viel verlieren die Schweizer Klubs? Nach der Abreise von Tavares, Seguin, Zetterberg, Spezza & Co. ergibt sich in der LNA für die letzten Qualifikationsrunden und die Play-Offs eine völlig neue Situation. Die Gewinner und Verlierer im Rating des Migros-Magazins.

Die Schweiz ist sehr sauber und sicher, die Einwohner sind freundlich

Er gehörte vergangene Saison als achtbester Torschütze der nordamerikanischen National Hockey League (NHL) zu den veritablen Superstars. Wegen des NHL-Lockouts war er in der Schweizer Eishockey-Meisterschaft engagiert: John Tavares (22) reiste am 2. Oktober 2012 von Long Island/New York in die Schweiz ein und für den SC Bern. Er ist zum viertbesten Schützen in der Schweizer Nationalliga aufgestiegen. erzielte bis zu seinem letzten Spiel gegen den EV Zug am 5. Januar 17 Treffer und 25 Assists.
Nachdem er während der ersten 14 Tage seiner Schweiz-Premiere bei Mitspieler Mark Streit gewohnt hatte, der wie Tavares einen Vertrag mit den New York Islanders hat, lebte der Kanadier allein in einer Wohnung in Zollikofen BE.

John Tavares vor dem Berner Eishockeystadion
John Tavares vor dem Berner Eishockeystadion. (Bild IMS Sport AG)

So blitzschnell, wie der Stürmer spielt, so rasch kommen seine Antworten im Gespräch: «Die Schweiz ist sehr sauber und sicher. Die Einwohner erlebe ich als äusserst freundlich und hilfsbereit.» Er sei überrascht, wie viel Kultur es in Bern gebe. «Das haben wir in Nordamerika nicht.» Linkshänder Tavares hat sich den Zytglogge-Turm, das Bundeshaus und das Nationalbank-Gebäude in Bern angeschaut – zumindest von aussen. Und er schwärmt von der Fahrt vom Wohnort zum Training in der Eishockey-Arena, wo sich ihm die Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau auftut. Diese Strecke legte er anfangs, ganz Nordamerikaner, im Auto zurück. Mit der Zeit benutzte er die öffentlichen Verkehrsmittel, um ins Training zu fahren. Der Schweiz noch mehr nähern wollte er sich kulinarisch, obwohl er den Duft von Käse eigentlich nicht mag. Was das Fondue betrifft, wusste er: «I have to try it.»

Der Eishockey- und Hobbygolfspieler (Handicap 12) urteilt fast ausnahmslos gut über die Schweiz. Bern sei eine «great City», beim SCB fühle er sich wie in einer Familie. Manchmal wünsche er sich, er könnte Schwyzerdütsch sprechen. Selbst mit den für Nordamerikaner ungewohnten Ladenöffnungszeiten arrangiert sich John Tavares. «Wenn ich sonntags etwas zum Essen einkaufen will und die Läden geschlossen sind, gehe ich ganz einfach ins Restaurant.» Besonders angetan ist er vom italienischen Restaurant Luce in Bern, wo er mit Mark Streit schon über ein halbes Dutzend Mal abends gegessen hat. Das Tiramisù dort sei das beste der Welt.

Seine Bilanz: «Es lebte sich komfortabel in der Schweiz. Ich habe die Zeit sehr genossen.» Weil er nicht wusste, wie lange der Spielerausschluss in der nordamerikanischen Meisterschaft dauern könnte, fokussierte er Tag für Tag auf seine Arbeit in Bern und hatte «einfach Spass, Hockey zu spielen».

Am meisten hat mich in der Schweiz das Essen überrascht

Tyler Seguin spielte von September bis Dezember beim EHC Biel
Tyler Seguin spielte von September bis Dezember beim EHC Biel. (Bild EQ Images)

Wenige Tage nach dem Spengler Cup, Anfang Januar, ist der Kanadier Tyler Seguin vom EHC Biel als bester Torschütze (zusammen mit Detroits Zuger Damien Brunner) nach Nordamerika zurückgekehrt. Seguin wird am 31. Januar erst 21 Jahre alt; neben dem bevorstehenden Lockout-Ende bewogen ihn Hüftprobleme zur Rückkehr. Der Center der Boston Bruins, als Womanizer gleichermassen talentiert und mit kunstvoller Tätowierung «Seguin» am linken Arm ausgestattet, lobte die Schweiz kurz vor der Abreise in den höchsten Tönen. Das Leben hier sei «just great». Die grösste Überraschung war für ihn das Essen: «Ich war in Russland. Die Mahlzeiten dort schmeckten mir überhaupt nicht. Ich hätte nicht erwartet, dass das Essen in der Schweiz so gut ist – insbesondere Schokolade und Brot.» Einmal kaufte er sich ein Steak in der Migros. «Ich finde es super, dass die Migros Bioprodukte anbietet.» Auch daheim in Kanada achte er darauf, möglichst viele Bioprodukte zu sich zu nehmen.

Zum Essen ging der Single («Ich habe seit drei Jahren keine Freundin mehr. Ich schaue auf meine Karriere. Eine Freundin kommt später. Das macht es weniger kompliziert…») gerne in den Kornhauskeller nach Bern. Sein Landsmann Marc-Antoine Pouliot, der nach wie vor beim EHC Biel unter Vertrag steht, habe ihn dorthin mitgenommen. Nach Bern reiste der Filmfreak, der bis zu 50 Streifen im Monat konsumiert, auch zum Einkaufen. Seine Freizeit in Biel bestand ebenfalls aus Shopping, Filmeschauen und Pokern mit den Mitspielern.

Seinen Rückflug Richtung Boston trat Tyler Seguin mit einigen Mitbringseln im Gepäck an: «Ich habe den süffigen Rotwein vom Bielersee kennen gelernt. Damit will ich meine Familie beschenken.»

Autor: Reto Wild