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16. Juli 2012

Wie die Höhlenbewohner

Bänz Friedli hat im Schlamm gebadet.

Vielleicht fanden Sie letzte Woche, ich hätte etwas gar schwarz gemalt mit der Schilderung unseres Vorferienstresses: Prüfungen, Vorspiel an der Musikschule, Schlussfest im Schulhaus … Und natürlich hatten Sie recht — andere wären froh, sie hätten überhaupt Ferien.

Und: Andere wären froh, sie hätten noch ein Schulfest. Das wurde mir bewusst, als Elisabeth aus dem Bernbiet mir schrieb, sie hätten soeben das letzte Schulfest gefeiert. Die Mädchen hätten im traditionellen Festumzug Blumen getragen, die Buben Fahnen. Die Kindergärteler durften auf geschmückten Leiterwagen mitfahren; voran marschierte die Blasmusik; am Abend gabs ein grosses Dorffest; die Schulkommission offerierte das Grillfleisch, die Bevölkerung brachte Salate und Desserts mit. Ein grosses Zusammenkommen. Die Beschreibung heimelte mich deshalb an, weil ich im Nachbardorf aufgewachsen war. Wie wir dort jeweils dem Schulfest entgegenfieberten! Schon damals trugen die Jungs Fahnen, wahlweise mit Berner oder Schweizer Wappen. Nur mein Bruder hatte eine besondere Fahne. Sein Götti, ein Künstler, hatte sie ihm gebastelt: aus Samt, mit goldenen Fransen und, wenn ich mich recht erinnere, einem kühnen Fantasiewappen mit löwenartigen Drachen. Wie neidisch ich war! Und wie stolz, als der grosse Bruder endlich so gross war, dass er das Fahnenschwingen am Schulfest für Bubizeugs hielt — und ich erben durfte. Noch höre ich die Dorfmusik mit Pauke, Trompeten und dem schönen Waldemar, einem Dorforiginal, am Glockenspiel …

Aber eben. Ein Dorf weiter, in Säriswil, wird es nie mehr ein Schulfest geben. Die Schule rentiere nicht mehr, befand die Gemeinde. Schade, wenn Finanzdenken vor Gemeinsinn geht. Schade, wenn sich keine Lehrerinnen und Lehrer finden, die bereit sind, mehrere Klassen gleichzeitig zu unterrichten — denn so liesse sich manche Dorfschule retten. Gibt es kein Schulhaus mehr, wo die Kinder sich zum Fussballspiel treffen können und die Volleyballerinnen zum Training, wo die Männerriege einen Unterhaltungsabend und die Dorfgemeinschaft eine Augustfeier abhalten kann, verliert ein Dorf seinen Mittelpunkt. Stirbt die Schule, beginnt es im Ort zu tötelen. Familien mit Kindern werden ihn künftig meiden, er wird einem Dornröschenschlaf anheimfallen.

Hans schleift den halben Wald nach Hause.

Und jetzt, da es mir nicht mehr als Zeugnisschleimerei ausgelegt werden kann, darf ich es ja sagen: Es war grossartig von der Lehrerschaft unserer Quartierschulen, dass sie es auf sich nahm, vor den Sommerferien eine aufwendige «Steinzeitwoche» durchzuführen: Hunderte Kinder lernten mitten im Wald Pfeile zu schnitzen, Körbe zu flechten, Schwitzhütten und Fallen zu bauen, aus Tierknochen Schmuck zu schnitzen und aus Blüten und Blättern Farben zu ge­winnen, um Bilder zu malen. Sie buken und töpferten, fertigten Messer aus Feuerstein. Ich habe an zwei Tagen selber mitgemacht und kann Ihnen sagen: ein Riesenerlebnis! Und weil der Waldboden vom starken Regen aufgeweicht war: ein Schlammbad!

Jeden Abend Wanderschuhe putzen...
Jeden Abend Wanderschuhe putzen...

Was für eine Sauerei das gab! Hans schleifte den halben Wald mit nach Hause, zog täglich eine Spur aus Tannnadeln und Dreck und Lehm vom Eingang durchs Treppenhaus bis in unsere Wohnung. Jeden Abend Wanderschuhe putzen, den Bub in der Wanne einweichen, eine Trommel Wäsche und … Ups! Ich wollte glaubs nicht mehr jammern.


Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli