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27. Oktober 2016

Leben wie anno dazumal

Drei Frauen, drei Jahrzehnte. Brigitta, Geraldine und Barbara leben mit einem Bein im heute, mit dem anderen in den 1940ern, 50ern und 60er-Jahren. Was fasziniert so an diesen vergangenen Epochen? Wir haben sie besucht.

Die Automodelle der 40er
Die Automodelle der Epoche: Brigitta Cantinas Mann ist wie sie grosser 40er-Jahre-Fan.

Es ist nicht so, dass Brigitta, Geraldine und Barbara tauschen wollten. Das Leben im Jahr 2016 hat durchaus Vorteile, vor allem für Frauen. Es erwartet heute niemand von ihnen, dass sie den Herd hüten. Stimmrecht und ein Bankkonto, über das sie ohne die Einwilligung eines Mannes verfügen können – selbstverständlich! Nicht so wie damals. Es sagen darum auch alle drei, als hätten sie sich abgesprochen: «Wir leben nicht am modernen Leben vorbei».

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Es sind die Formen, die Farben und vor allem die Musik, die sie an den 1940ern, 50ern und den 60ern lieben. Zum Tanzen nehmen sie ihre liebsten und edelsten Kleider aus den Schränken. Zu jedem können sie eine Geschichte erzählen, wie fast zu allem, das sie besitzen. Manchmal suchen sie jahrelang nach einem speziellen Stück. Und wenn sie es haben, dann hegen und pflegen sie es, damit es möglichst lange hält. Es ist das Gegenprogramm zum Massenkonsum.

Die drei Frauen leben zwar ein wenig in der Vergangenheit, aber vielleicht sind sie gerade wegen ihrer Haltung zum Konsum auch Vorreiterinnen in einer Gesellschaft, in der man sich ans Wegwerfen gewöhnt hat.

Die 1940er: Brigitta Cantina

Kleid aus Crèpseide und weitere Originale aus den 40ern
Kleid aus Crèpseide, Plateauschuhe aus Wildleder mit Echse, die ihr eine Freundin besorgt hat. Alles Originalteile aus den 40ern.

Stylingaufwand: zweieinhalb Stunden

Lieblingsstück: Seidenkleid (Bild)

Fundort: USA

Was braucht eine Frau für einen authentischen 40er-Jahre-Look? Brigitta Cantina muss nicht lange überlegen: Es braucht Zeit. Fangen wir bei den Haaren an. Waschen, legen, dann unter die Haube. Bis die Locken im Haarnetz versorgt sind und der Hut sitzt, vergehen locker zwei Stunden. Viel Zeit braucht auch die Pflege ihrer Kleider. Was sie trägt, ist oft handgenäht, jedes Kleid ein Sammlerstück. Die Stoffe sind teilweise über 80-jährig. «Ich bin toujours am Handwaschen und Flicken», sagt sie.

Wieso tut sie sich das an? Blöde Frage, nächste Frage, bitte! Brigitta Cantina lacht ihr tiefes Lachen. Apropos: Cantina ist nicht ihr richtiger Name, sondern ein Nachname, den sie benützt, wenn sie die 40er-Jahre-Lady in Szene setzt. Auch ihr Alter verrät sie nicht, so wie Geraldine (unten). Nur schon, dass man nach dem Alter fragt – in den 40ern wäre das niemandem in den Sinn gekommen. Anstand, ja, das vermisst Can­tina in der heutigen Zeit. Die Leute gehen in Jeans in die Oper und vergessen, den Handyton abzuschalten.

Sie hat sich vom Vintagefieber durch die Musik anstecken lassen. Ihre Eltern haben zu Hause in Zürich zu Duke Ellington und Elvis getanzt: Walzer, Cha-Cha-Cha, Swing. In den 80ern verkehrte Brigitta Cantina in der Teddyszene, die ihre Wurzeln in den 50er-Jahren hat. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen. Zusammen begeben sie sich auf Entdeckungsreise und merken: Vieles, was ihnen an den 50ern gefällt, kam bereits in den 40ern auf. Die Kleider waren schlichter, beim Tanzen wird weniger gehüpft, Rock ’n’ Roll kommt erst noch.

Stilikonen – aus der Not geboren
Die Kriegsjahre hinterliessen Spuren. Die schmalen Silhouetten und die rückenfreien Abendkleider kommen auch daher, dass die Stoffe rationiert worden waren. Plateauschuhe waren eine Erfindung in der Not: Leder wurde eingespart, indem man Kork oder Holz für die Sohlen verwendete. Weil der Unterhalt ihres Lebensstils so viel zu tun gibt, hat Brigitta Cantina ihren Job in der Druckerei aufgegeben. Sie arbeitet nun im Zürcher Vintageladen Dardy Candy Cat. Dort werden auch ihre selbstgehäkelten Turbane und Mützen verkauft.

Brigitta Cantina und ihr Mann wohnen stilecht, sie wandern in Kleidern aus den 40ern und sie fahren Ski in Originalausrüstung. Es dauerte fünf Jahre, bis sie alles zusammenhatte, von Schuh bis Skimütze. Auf der Piste zieht sie immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich.
Wenn nach einem Tag im Schnee am Abend bei Kerzenlicht im Tanzsaal des Hotels Schatzalp in Davos die Stücke des Glenn-Miller-Orchestras gespielt werden und Brigitta Cantina zum Tanz aufgefordert wird, dann ist sie in ihrer Welt.

Die 1960er: Barbara Brunner

Barbara Brunner in ihrem Zürcher Atelier: Sie trägt ein Kleid der 60er-Jahre, das sie in Los Angeles gekauft hat.
Barbara Brunner in ihrem Zürcher Atelier: Sie trägt ein Kleid der 60er-Jahre, das sie in Los Angeles gekauft hat. Darüber allerdings eine neuere Strickjacke.

Stylingaufwand: eine Stunde

Lieblingsstück: Brille, original 50er-Jahre

Fundort: Vintageladen von Geraldine

Viele verstehen dieses Wort negativ. Barbara Brunner (35) hat aber keine Mühe, sich als Materialistin zu bezeichnen. Sie liebt schöne Dinge um sich herum, Dinge, denen man ansieht, dass sie sorgfältig hergestellt und mit Liebe getragen wurden. Das heisst nicht, dass man viele davon besitzen muss, einfach die richtigen.

Als junge Erwachsene versucht Barbara Brunner ein paar Jahre modisch dazuzugehören. Doch mit der Zeit, sagt sie, habe sie sich von der Schnelllebigkeit der Mode gestresst gefühlt. So kommt es, dass sie einen Stil für sich entwickelt hat, der sich nicht mehr so schnell verändert. Dass es der Stil der 60er-Jahre wurde, dazu hat auch die Musik beigetragen. ­Barbara reist für ein Rock-’n’-Roll-Konzert auch mal bis nach Paris.

Die 60er waren das Jahrzehnt, in dem die Röcke kürzer wurden, die Stoffe farbiger und die Muster grafischer. Barbara liebt zwar auch die Formen der 50er-Jahre. Die Schnitte der 60er aber, findet sie, stünden ihr einfach besser.

Mit Signor Rossi das Glück gefunden
Das Jahrzehnt war ihr schon als Kind vertraut. Sie liebte alte Zeichentrickfilme, allen voran die mit Signor Rossi, dem freudlosen Angestellten einer Fischfabrik. Das Verspielte und Überzeichnete findet sie auch in den Zeichnungen von Lora Lamm, der Schweizer Grafikerin, die ab Ende der 50er-Jahre die Kampagnen des italienischen Modehauses La Rinascente verantwortete. Für Brunner, Trickfilmerin und Inhaberin eines Büros für Animation und Illustration, ist Lora Lamm ein grosses Vorbild.

Dominiert der Stil der 60er-Jahre ihr Leben? «Dass ich mir ästhetische Regeln auferlege, macht mich sogar freier.» Die 60er-Jahre seien Teil ihrer Identität geworden und hülfen ihr, sich in einer Welt zurechtzufinden, in der man theoretisch alles sein, sich aber auf dem Weg zu einem eigenen Stil leicht verlieren könne.
Manchmal bricht die Luzernerin, die heute in Zürich wohnt, ganz absichtlich alle Regeln: Vor Kurzem, ­erzählt sie, ging sie in der Jogginghose auf den Flohmarkt – und hat sich ­dabei ganz rebellisch gefühlt.

Die 1950er: Geraldine Granget

Geraldine im Schlafzimmer: Sie trägt ein Satinkleid mit Ohrclips aus den 50er-Jahren
Geraldine im Schlafzimmer: Sie trägt ein Satinkleid mit Stickereien und Ohrclips aus den 50er-Jahren.

Stylingaufwand: 40 Minuten

Lieblingsstück: Abendkleid aus Organza

Fundort: Italien

Was waren diese 50er für ein Jahrzehnt! Da war Eleganz, da war Glamour. Und da war vor allem das Leben zurück. Die Kriegsjahre sind vorbei, die Trümmer beseitigt, die ersten Neubauten stehen. Das macht sich auch in der Mode bemerkbar. Christian Dior lanciert den New Look. Die schmalen Schultern, die enge Taille und dann, untenrum, richtig viel Stoff. Die Röcke sind weit, aufgeplustert vom Petticoat. Aber auch schmal und eng anliegend, Bleistiftröcke.

Geraldine Granget sieht diese Kleider in den Filmen der 50er, so wie in ihrem Lieblingsfilm «The Girl Can’t Help It», ­Kult der 50er, in dem viele der damaligen Rock-’n’-Roll-Stars auf­treten. Granget liebt diese Musik. Mit 15 Jahren trifft sie zum ersten Mal Rockabillys, Menschen, die den Südstaaten-­Rock -’n’-Roll aus den 50ern nicht nur hören, sondern leben.
Als Geraldine Granget die Rockabillys sieht, weiss sie: «Da gehöre ich hin.» Sie kauft sich erste Kleider, auch kleine 50er-Jahre-Möbel für ihr Zimmer. In der Haushaltsverkäuferlehre lernte sie das Porzellan der 50er-Jahre kennen. Seither sammelt sie. Schon während der Lehre sparte sie für ein Auto – einen Old­timer. Doch bevor sie in einen Ford Fairlane investierte, kaufte sie sich eine Nähmaschine, um sich die Originalkleider aus den 50ern ihrer Figur anzupassen.

«Doch was kauf ich dann?»
Die Art, wie man früher nähte, bringt sie sich selbst bei. Mit Ende 20 hat Geraldine Granget einen vollen Kleiderschrank und eine original 50er-Jahre-Wohnungseinrichtung. Kurz bevor sie ihre Leidenschaft vollends zum Lebensinhalt macht, fragt sie sich, ob sie alles verkaufen soll. «Doch was kauf ich dann?», fragt sie. «Möbel bei Ikea? Kleider im H&M?»

Seit 15 Jahren führt sie in Suhr AG einen Vintageladen mit Originalkleidern und Accessoires von den 20er- bis Ende 60er-Jahre. Granget näht auf Bestellung Kleider nach Originalschnitten auf Mass. Besucht sie Festivals, reist sie mit mehreren Koffern an: In den 50ern hatten viele Frauen für jede Tageszeit und jeden Anlass ein Outfit ­dabei. 

Autor: Erika Burri