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10. Dezember 2012

Wie alt bin ich wirklich?

Diese Frage haben sich zahlreiche Leser des Migros-Magazins gestellt und sich für die Teilnahme am Bio-Aging-Test beworben. Drei wurden ausgewählt und von Kopf bis Fuss durchgecheckt. Mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.

Bestimmung der Hormonwerte
Irène Wohlwend-Bozzini lässt für die Bestimmung der Hormonwerte Blut abnehmen.

Biomarker – genau hinschauen lohnt sich! Bei einigen Krankheiten werden Biomarker immer wichtiger: Welche sind es bei Alzheimer, Infarkt oder Krebs?

Der Pass verrät, wie alt wir sind, jedenfalls nach dem Kalender. Aber wie sieht es mit unserem biologischen, dem körperlichen, Alter aus? Der Allgemein- und Arbeits- mediziner Roland Ballier ist Mitentwickler des Bio­Aging-Tests. Aus vielen Bewerbern wurden drei Leser des Migros-Magazins für den Test ausgewählt und von Roland Ballier durch­gecheckt. Der Mediziner ist überzeugt, dass wir unsere biologische Uhr bis zu zehn Jahre zurückdrehen können.

Roland Ballier (63) ist Allgemein- und Arbeitsmediziner sowie Gründer der Swiss Society for Anti-Aging Medicine and Prevention (SSAAMP).
Roland Ballier (63) ist Allgemein- und Arbeitsmediziner sowie Gründer der Swiss Society for Anti-Aging Medicine and Prevention (SSAAMP).

Roland Ballier (63) ist Allgemein- und Arbeitsmediziner sowie Gründer der Swiss Society for Anti-Aging Medicine and Prevention (SSAAMP).

Roland Ballier, kann man seine biologische Uhr wirklich zurückstellen?

Ja, das geht — wenn man weiss, in welchen Bereichen man sich gesundheitsbewusster verhalten muss, und dies dann auch tut.

Anhand Ihres Bio-Aging-Tests wollen Sie das biologische Alter eines Menschen bestimmen können. Wie funktioniert das?

Der Test beruht auf der Annahme, dass es sogenannte Biomarker gibt, die mit dem Altersverlauf eines Menschen korrelieren. Biomarker sind charakteristische biologische Merkmale, die objektiv gemessen werden und auf einen normalen biologischen oder krankhaften Alterungsprozess hinweisen können.

Welche biologischen Merkmale sind das?

Es werden zum Beispiel die Reaktionsfähigkeit, Hörfrequenzen, Merkfähigkeit und Lungenkapazität sowie das Sehvermögen und der Tastsinn bestimmt. Ausserdem werden bei den Tests die familiäre und die persönliche Krankheitsgeschichte, das Ernährungsverhalten und der Lebensstil der Testperson abgefragt: Raucht sie? Wie oft trinkt sie Alkohol, wie regelmässig treibt sie Sport? Am Ende stehen 17 Teilergebnisse, an denen man ablesen kann, wie weit der Alterungsprozess schon fortgeschritten ist.

Bis 65 ist der Lebensstil entscheidender für die Gesundheit als die Gene.

Und was sagt beispielsweise ein schlechtes Abschneiden beim Hörfrequenztest über das biologische Alter aus?

Menschen hören im Allgemeinen Töne, deren Frequenz zwischen 20 und 20'000 Hertz liegen, den sogenannt hörbaren Frequenzbereich. Mit zunehmendem Alter hört der Mensch die hohen Töne jedoch bekanntermassen weniger. Der Grund ist eine Funktionseinschränkung bestimmter Nervenzellen im Innenohr — eine Alterserscheinung. Wir messen also die Fähigkeit des Innenohrs, hohe Frequenzen zu erkennen. Schneidet der Patient dabei gut ab, ist er als biologisch eher jünger einzustufen, bei einem schlechten Testergebnis älter.

Und am Ende bekommt der Teilnehmer eine Zahl, die niedriger, gleich oder höher als sein kalendarisches Alter ausfällt?

Ja, wobei diese als Summe aller Biomarkerergebnisse zu verstehen und daher sehr differenziert zu betrachten ist. So kann ein 45-Jähriger im Endergebnis ein biologisches Alter von 43 haben, was erst einmal sehr motivierend klingt. Trotzdem kann er in Teilen des Tests schlecht abgeschnitten haben, in der Wahrnehmungsfähigkeit von hohen Tönen beispielsweise auf dem Stand eines 55-Jährigen sein. Deshalb ist es wichtig, dass mit dem Patienten alle Teilergebnisse in Ruhe besprochen werden. Grundsätzlich ist zu sagen, dass diese Methode in erster Linie dazu dient, die statistische Wahrscheinlichkeit eines gesundheitlichen Risikos zu veranschaulichen. Natürlich gibt es immer Ausnahmen von der Regel, wie den deutschen Altkanzler Helmut Schmidt, der seit Jahrzehnten stark raucht und nie erkrankte, sowie andererseits einen Nichtraucher, der plötzlich an Lungenkrebs erkrankt. Trotzdem ist es sinnvoll, sein Leben den Ergebnissen entsprechend zu ändern und zu optimieren.

Ich kann meine Ernährung umstellen, mehr Sport treiben und mit dem Rauchen aufhören. Aber bei den Genen wird es schwierig.

Ist Ihr Grossvater — obwohl sportlich und Nichtraucher — trotzdem mit 45 an einem Herzinfarkt gestorben, ist das Herzinfarktrisiko für Sie höher, als wenn die Grosseltern alt geworden wären. Das ist so. Trotzdem gilt: Bis 65 ist der Lebensstil entscheidender als die Gene. Es lohnt sich also, trotz möglicherweise «schlechter» Gene sein Leben zu ändern. Bleiben wir beim Beispiel Rauchen. Hat man jahrelang geraucht und hört dann auf, rutscht man nach zehn bis 15 Jahren zurück auf das Krebsrisiko eines Nichtrauchers. Und wenn man bedenkt, dass ein 35-jähriger Nichtraucher beispielsweise eine fünf Jahre höhere Lebenserwartung hat als ein gleichaltriger Raucher, sind das gute Aussichten.

Wie fallen die Testergebnisse Ihrer Patienten im Durchschnitt aus?

Zwei Drittel sind biologisch jünger als kalendarisch. Was wohl daran liegt, dass hauptsächlich Menschen zu mir kommen, die schon gesundheitsbewusst sind — und noch mehr für ihr Wohlbefinden und ihre Fitness tun möchten. Aber auch Manager und Leute, die ständig mehr als 100 Prozent geben müssen, kommen zu mir.

Und welches waren ihre extremsten Fälle?

Patienten, die biologisch zehn bis zwölf Jahre älter waren als kalendarisch. Für sie gilt: Je früher sie damit anfangen, ihre Lebensweise zu optimieren, desto weiter können sie ihre biologische Uhr zurückdrehen.

Willi Schäfli aus Ganterschwil SG ist 67 Jahre alt

Ich denke, ich bin gleich alt

«Ich denke, dass ich biologisch gleich alt bin wie kalendarisch.» Willi Schäfli aus Ganterschwil SG.
«Ich denke, dass ich biologisch gleich alt bin wie kalendarisch.» Willi Schäfli aus Ganterschwil SG.

Biologisches Alter: rund 62 Jahre

Drei Mal in der Woche geht der 67-jährige Willi Schäfli Velo fahren. Er ist Nichtraucher und hat einen Body-Mass-Index von 23,6, ist also normalgewichtig. Drei bis vier Mal in der Woche geniesst er je zwei bis drei Gläser Wein, manchmal gibts auch eine Glace oder eine Pizza.

Selbsteinschätzung: «Ich denke, dass ich biologisch gleich alt bin wie kalendarisch.»

Willi Schäflis wichtigste Testergebnisse zeigen, wie alt er in folgenden Bereichen ist:

  • Aufmerksamkeit (Hörtest): 41,9 Jahre
  • Gedächtnisleistung: 27,5 Jahre
  • Muskulatur: 29,6 Jahre
  • Sensorik (Schnelligkeit und Sinneswahrnehmung): 80,0 Jahre
  • Koordination: 74,6 Jahre
  • Herz-Kreislauf-Leistung: 80,0 Jahre

Roland Balliers Fazit:

Beim Koordinationstest schnitt Willi Schäfli nicht so gut ab.
Beim Koordinationstest schnitt Willi Schäfli nicht so gut ab.

Willi Schäfli ist in einer sehr guten körperlichen Verfassung, er ernährt sich ausgewogen und bewegt sich viel. Prima! Ich würde ihm aber raten, sein Sportprogramm vielseitiger zu gestalten, mehr für seine Koordination und seine Beweglichkeit zu tun. Ausserdem ist es wichtig, auch die empfohlenen Gesundheitschecks (beispielsweise im Bereich Dickdarm- und Enddarmerkrankung) durchführen zu lassen. Regelmässiger, als er das bisher getan hat.


Yolanda Zaugg aus Kirchberg BE ist 37 Jahre alt

Wahrscheinlich bin ich jünger

«Der Test wird gut ausgefallen – vor allem in den Bereichen Sport und Ernährung, auf die anderen Testergebnisse bin ich gespannt. Wahrscheinlich wird mein biologisches Alter zwischen 33 und 35 liegen.»Yolanda Zaugg aus Kirchberg BE.
«Der Test wird gut ausgefallen – vor allem in den Bereichen Sport und Ernährung, auf die anderen Testergebnisse bin ich gespannt. Wahrscheinlich wird mein biologisches Alter zwischen 33 und 35 liegen.»Yolanda Zaugg aus Kirchberg BE.

Biologisches Alter: rund 42 Jahre

Yolanda Zaugg ist Nichtraucherin, hat einen Body-Mass-Index von 19,5 und ist somit normalgewichtig. Sie treibt Sport, joggt drei Mal pro Woche während 40 Minuten. Sie hat gern Süsses und isst zwei bis drei Mal pro Woche ein Stück Kuchen, drei bis vier Guetsli oder ein Reiheli Schoggi. Etwa ein bis drei Mal pro Woche gönnt sie sich ein Glas Rotwein.

Selbsteinschätzung: «Der Test wird gut ausgefallen – vor allem in den Bereichen Sport und Ernährung, auf die anderen Testergebnisse bin ich gespannt. Wahrscheinlich wird mein biologisches Alter zwischen 33 und 35 liegen.»

Yolanda Zauggs wichtigste Testergebnisse zeigen, wie alt sie in folgenden Bereichen ist:

  • Lebensstil (Alkohol-, Koffeinkonsum, Schlafverhalten etc.): 36,4 Jahre
  • Sensorik (Hörtest): 30,0 Jahre
  • Herz-Kreislauf-Leistung: 27,5 Jahre
  • Muskulatur: 51,8 Jahre
  • Koordination: 54,2 Jahre
  • Hormonwerte: 67,1 Jahre

Roland Balliers Fazit:

Yolanda Zaugg am Computer, wo ihr Reaktionsvermögen getestet wurde.
Yolanda Zaugg am Computer, wo ihr Reaktionsvermögen getestet wurde.

Yolanda Zaugg hat bei Ihrem Lebensstil gute Voraussetzungen, gesund alt zu werden. Sie ernährt sich sehr bewusst und erzielt mit drei bis fünf Sporteinheiten pro Woche einen guten Trainingseffekt, wie man an ihrer Herz-Kreislauf-Leistung erkennen kann. Etwas mehr könnte sie allerdings für ihren Muskelaufbau und ihre Koordination tun. Auffällig sind jedoch ihre schlechten Hormonwerte. Mögliche Ursache: Zu viel Stress im Beruf und/oder im Privatleben. Wenn sie sich tagsüber mehr Pausen und nachts Schlaf gönnen würde, würden sich diese höchstwahrscheinlich bald verbessern, was ihr biologisches Alter nach unten korrigieren würde.


Irène Wohlwend-Bozzini aus Buchs SG ist 58 Jahre alt

Ich schätze mich jünger ein

«Ich denke, dass ich biologisch jünger bin.» Irène Wohlwend-Bozzini aus Buchs SG.
«Ich denke, dass ich biologisch jünger bin.» Irène Wohlwend-Bozzini aus Buchs SG.

Biologisches Alter: rund 48 Jahre

Jeden Tag macht Irène Wohlwend-Bozzini 20 Minuten lang Gymnastik. Dazu geht sie noch zwei bis drei Mal in der Woche stramm spazieren, wandern oder Velo fahren. Die normalgewichtige Nichtraucherin (Body-Mass-Index 23) trinkt täglich ein bis drei Gläser Wein, macht aber jedes Jahr zweimal für zwei Wochen Pause vom Alkohol. Wenn sie sich etwas Süsses gönnt, genehmigt sie sich ein Stück Schoggi oder eine Glace.

Selbsteinschätzung: «Ich denke, dass ich biologisch jünger bin.»

Irène Wohlwend-Bozzinis wichtigste Testergebnisse zeigen, wie alt sie in folgenden Bereichen ist:

  • Hormonwerte: 42,2 Jahre
  • Gedächtnisleistung: 38,3 Jahre
  • Gelenkdehnbarkeit: 20,0 Jahre
  • Lebensstil (Alkohol-, Koffeinkonsum, Schlafverhalten): 59,9 Jahre
  • Koordination: 75,0 Jahre
  • Herz-Kreislauf-Leistung: 79,2 Jahre

Roland Balliers Fazit:

Frau Wohlwend-Bozzini macht vieles richtig, sie ernährt sich gesund und bewegt sich viel. Das erkennt man an ihren zum Teil hervorragenden Testergebnissen. Ich würde ihr jedoch zu mehr Ausdauertraining raten, das ihre Herz-Kreislauf-Leistung sowie ihre Koordination fördert. Ihr Lebensstil liesse sich noch etwas verbessern, indem sie beispielsweise auf zwei bis drei Gläser Wein pro Woche verzichten würde. Auffällig gut fiel ihr DHEA-Wert (ein Steroidhormon) aus, der mit dem Testergebnis einer 22-Jährigen oder eines Menschen, der ein Hormonpräparat einnimmt, vergleichbar ist. Da in ihrer Familie Krankheiten wie Brustkrebs und Dickdarmkrebs vorgekommen sind, rate ich ihr zu regelmässigen Gesundheitschecks in diesem Bereich.

Autor: Evelin Hartmann

Fotograf: René Ruis