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08. September 2014

Wichtige Geschäfte

bei Vätern beliebter Rückzugsort
Ein bei Vätern beliebter Rückzugsort. (Bild iStockPhoto)

Wenn der Familienvater schweissgebadet von seinem anstrengenden Vollzeitjob heimkommt, legt er zuerst die verdiente Kohle auf den Tisch. Klare Message an die Frau und die Bälger: Ich habe heute total viel gearbeitet und bin nun so ausgelaugt, dass nur noch eines hilft – eine ausgedehnte Sitzung auf dem WC. Und zwar allein. Wehe, jemand kratzt an der Tür, während ich wichtige Tagesgeschäfte verrichte! Wagt euch nur nicht, mir in diesem Moment höchster Konzentration etwas unter dem Türspalt zuzuschieben, Appelle durchs Schlüsselloch zu plärren oder gar am Griff zu rütteln! Denn: Hier tagt der Chef höchstpersönlich.

So oder so ähnlich läuft das scheinbar in vielen Familien ab. Das bestätigen mir meine Kolleginnen. Der Keramiksitz ist der Thron des modernen Mannes. Während Ludwig XIV. noch von seinem Hofstaat umgeben war, während er sein Pipi verrichtete, bevorzugt der Neuzeitkerl die Einsamkeit und nimmt nur Handy/Tablet/Laptop mit. Solange das W-Lan bis in die Kachelabteilung reicht, ist alles gut. Ich glaube ja, dass das WC einer der letzten Rückzugsorte für Väter ist. Hier sind sie gewissermassen am «Drücker», hier haben sie noch die Hosen an. Nun ja, genau genommen hängt ihnen das Beinkleid um die behaarten Knöchel, wenn sie ihre Zeit im Männerasyl verbringen. Aber lassen wir diese Klugscheisserei.

Viel spannender ist die Frage, wie wir Mütter im Direktvergleich abschneiden. Ich kann hier nur meine Perspektive wiedergeben, aber ich schätze, das lässt sich problemlos auf andere Mamis übertragen. Wenn ich aufs WC muss, dann hänge ich immer zuerst die Badezimmertür aus. Überblick ist nämlich wichtig. Just in dem Moment, in dem mein Hintern auf die Brille sinkt, wollen erfahrungsgemäss alle was von mir. Eva hat Hunger, Ida braucht ein Pflaster, Eva hat Durst, Idas Pflaster hält nicht, Eva muss nun pieseln, Ida braucht einen Notarzt und so weiter. Ausserdem klingelt es an der Haustür. Wenn Ida nun stellvertretend für mich den Pöstler hereinbittet, kann ich ihm von meinem Sitzplatz aus zuwinken. Ich würde in dieser Position sogar Einschreiben signieren, aber die meisten Postangestellten sind irgendwie gehemmt, wenn sie meinen Popo sehen.
Was mich von männlichen Sitzungsteilnehmern unterscheidet, ist meine Fähigkeit, mich trotz widrigster Umstände auf das Hauptgeschäft zu konzentrieren. Ich lasse mich nicht ablenken und schiebe bei Verstopfungen und sonstigen Verdauungsproblemen die Schuld auch nicht auf meine Mitmenschen. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Und zwar so lange, bis ich fertig bin. (Übrigens: Diese Fähigkeit muss trainiert werden. Neu-Mamis sind diesbezüglich oft weniger erfolgreich als erfahrene Mütter.)

Halt! Stopp! Ich sage nicht, dass ich dieses Multitasking auf dem WC cool finde. Wir Mädels würden regelmässige Auszeiten mit freundlicher Unterstützung von Geberit und Co. mindestens genauso geniessen wie die Jungs. Fakt ist jedoch: Uns ist das nicht vergönnt. Irgendwie scheisse!

Autor: Bettina Leinenbach