Archiv
01. Juli 2013

Wiä gäil isch das denn?!

Bänz Friedli blickt zurück – nach vorn.

Sie waren schweineteuer, sahen albern aus und fühlten sich klobig an, doch sie waren mein ganzer Stolz — meine ersten «Air Max»: Turnschuhe der Marke Nike, in deren Sohle eine Luftkammer samt Guckloch eingelassen war. Eine Wahnsinnsneuerung! Das war kein Laufen mehr — man schwebte gleichsam dahin. Redeten wir uns jedenfalls ein. Damals, 1987. Und ich war einigermassen baff, als Hans mich vorletzte Woche vor ein Schaufenster zerrte: «Lueg! Lueg, Vati!» Das sei jetzt das Neuste: Air-Max-Schuhe. Da kann unsereiner lange aufklären, die seien nicht neu, sondern uralt — wenn sie wieder auf dem Markt und offenbar der letzte Schrei sind, dann sind sie neu. Und begehrenswert. «Alle haben die jetzt!» (Alle heisst in diesem Fall: ein Klassenkamerad plus eine junge, stilbewusste Zeichenlehrerin. Aber wenn «alle» sie haben, will er sie natürlich auch.)

Die Polaroidkamera Spice Cam
«Frau Beckham ist ihm ein vager Begriff.» Die Polaroidkamera Spice Cam.

Hätte ich bloss meine Air Max behalten! Und meine erste Casio-Uhr. Und die Adidas-Tasche, die ich mir zum 13. Geburtstag so sehnlich gewünscht hatte. All dies wäre heute, um es im Slang zu sagen, «aber so was von angesagt». Zu schweigen von meinen Converse-All-Star-Schuhen — so zerfetzt, wie die waren, wären sie voll hip. Allesamt setzen sie auf Nostalgiedesign. Und als ich in einer dieser Stilbeilagen unlängst las, die Levi's-501-Jeans erlebten gerade eine Renaissance, traf mich fast der Schlag. Ich hatte 501-Hosen in allen Grössen gehortet, die ich je trug, von 29 bis 36, wunderbar verwaschen jedes Stück, echt «vintage». Nur: Getreu dem Motto «Was du seit dem letzten Umzug nie getragen hast, davon kannst du dich bedenkenlos trennen» wanderten sie letzten Winter in die Kleidersammlung. Was mag der Retrotrend bedeuten? Für die Jugendlichen ists ja nur die Ahnung von einer Zeit, die sie nie erlebt haben. Eine Sehnsucht nach Rückbesinnung vielleicht, weil sonst ja alles immer in horrendem Tempo vorwärtsprescht? Oder fällt den Machern schlicht nichts Neues ein? Auffallend jedenfalls, wie viele Trends von den Espadrilles bis zu den University-Pullovern unsere Kinder schon mitgemacht haben, die wir als Kinder auch schon mitgemacht hatten.

Frau Beckham ist ihm ein vager Begriff.

Letzten Dienstag stöbert Hans im grossen Schiebetürschrank, er sucht irgendein Kabel. Plötzlich ruft er halb verzückt aus: «Was?! Wir haben so eine Kamera? Warum hast du mir das nie gesagt?» Und dann, in einem Pausenplatzzürichdeutsch, von dem ich nie weiss, ob er es allen Ernstes benutzt oder um mich zu foppen: «Wiä gäil isch das denn, Monn?» In Händen hält er eine Polaroid-Sofortbildkamera, Modell Spice Cam, dekoriert mit den Konterfeis der Spice Girls. Und ich muss zunächst erklären, wer die waren; einzig «Frau Beckham» ist ihm noch ein vager Begriff. Hans will wissen, ob die Kamera noch funktioniere. «Hey, ‹weisch wi› cool ist das, Vati? Solche Bilder machen jetzt alle!» Er meint die Bilder, die man mit dem Handy schiesst, sie dann aber mittels einer App ausbleicht und mit einem Rahmen versieht, auf dass sie wie ein Sofortbild von anno dazumal aussehen. Voll retro, eben. Anderntags im Fotofachgeschäft, wo ich mich erkundige, ob für diese Kamera noch Filme erhältlich seien, fragt der junge Verkäufer: «Wann haben Sie die denn zum letzten Mal gebraucht?» Ich: «Ist nicht so lange her — 1997, vielleicht …» Der junge Mann schaut mich mit grossen Augen an und lächelt leise gequält: «Da war ich noch nicht auf der Welt.»

Bänz Friedli live: 6.7. im «Glarner KulturSprinter», Zürich–Braunwald.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)
Die Hörkolumnen bei iTunes Die Hörkolumnen mit RSS-Client www.derhausmann.ch Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli