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29. August 2016

What You’re Proposing

Open-Air auf dem Lande

Open-Air auf dem Lande, das ganze Dorf ist auf den Beinen. Es ist, als wäre die Szenerie am See aus der Zeit gefallen, man wähnt sich in einer wohligen, ungefähren Vergangenheit. Dazu passen die Musiker, die aufspielen sollen: die alten Rumpelrocker von Status Quo. Sohn Hans und ich haben ein Billett zu viel; sein Götti, der unser Faible für Retromusik teilt, ist verhindert. Während der Anfahrt scherzten wir noch, wie wir das überzählige Ticket loswerden könnten. Ich bin gewöhnlich geneigt, solch eine Eintrittskarte zu verschenken. Hans schlug vor, sie für fünf Rappen abzugeben. «Und zwar genau fünf Rappen.» Hätte die fragliche Person keinen Fünfräppler dabei, würde sie das Nachsehen haben. Deren Gesicht wolle er dann sehen!

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51)

Doch wir werden überrumpelt. Drei junge Frauen, bereits angeheitert, hauen uns an. Eine von ihnen hat kein Billett. Ihre Freundin prescht vor: «Für wie viel gibst du es ihr?» Und hakt, noch ehe ich unseren vorbereiteten Gag von den fünf Rappen anbringen kann, keck nach: «Für füfzg Stutz?» Sogleich kommen mein Sohn und ich stumm überein, dass wir diesen Deal nicht ausschlagen sollten. 89 Franken betrug der Verkaufspreis. Sie will feilschen und hofft wohl, zuletzt bei günstigen 65 Franken zu landen. Ich aber sage: «Okay! Weil ihr es seid …» Für uns sinds ­immerhin Fr. 49.95 mehr als geplant.

Status Quo? Ich hielt die Briten, obzwar sie mit «Down Down», «What You’re Proposing», «Rockin’ All Over the World» und «In the Army Now» für einige Hitparaden­knaller meiner Jugend sorgten, stets für ­einen Abklatsch amerika­nischer Originale. Nie hätte ich geahnt, mit welchem Spielwitz und vor allem: welch englischer Selbstironie sie zu Werke gehen. Die wissen genau, dass ihre besten Songs nicht von ihnen, sondern von Chuck Berry, Ernie Maresca und John Fogerty stammen. Leadsänger Francis Rossi charmiert, kämpft kokett mit den Mücken und Motten, die das Scheinwerferlicht angelockt hat, und strahlt Zufriedenheit und Demut aus: Der hält sich für nichts Besonderes. Es wird ein rundum gelungener Abend, und fast bedaure ich, die munteren Kerle erst auf ihrer Abschiedstournee kennengelernt zu haben.

Die Moral von der Geschicht? Keine. Ausser, dass mein Sohn später mitbekommt, wie die junge Frau prahlt, sie sei saugünstig zu ihrem Ticket gekommen: «…und dieser Löu gibt es mir für 50 Stutz!» Dabei gab dieses Huhn mir 50 Stutz, wo ich es ihr doch für einen Fünfräppler überlassen hätte. Wirtschaftsleute sprächen wohl von einer Win-win-Situation.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Autor: Bänz Friedli