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31. Oktober 2011

Wettkampf der Ästheten

Das renommierte Design Center Langenthal zeichnet alle zwei Jahre die kreativsten Schweizerinnen und Schweizer aus. Dieses Jahr kämpfen 34 fantasievolle Schaffer um den begehrten Schweizer Design Preis. Das Migros Magazin stellt fünf vor.

Modedesignerin Sara Vidas
Sara Vidas näht die Prototypen für ihre Kollektionen eigenhändig.

Der eine tüftelt seit Jahren an multifunktionalen Stühlen, zwei andere revolutionieren mit ihrem Holzschnittverfahren nicht weniger als den Innenausbau. Die eine macht in Mode, ein anderer setzt auf Technik. Der Jahrgang 2011 kann sich sehen lassen. Über 300 Eingaben trafen beim Design Center im bernischen Langenthal ein. Und jede einzelne wurde von einer Jury aus internationalen Fachleuten des jeweiligen Bereichs begutachtet. Am Schluss blieben 34 Arbeiten aus den Bereichen Mode, Möbel, Kommunikation, Produkt, Interieur und Interdisziplinär.

Sie sind nominiert und haben die Chance, am 4. November den begehrten Design Preis Schweiz in Empfang zu nehmen ( www.designpreis.ch ). Einige der Nominierten sind alte Hasen und bereits bestens im Markt etabliert, wie zum Beispiel Roger Aeschbach, Co-Projektleiter des Schweizer Pavillons in Schanghai, oder Alfredo Häberli aus Zürich, Star unter den Produktedesignern. Andere haben keinen grossen Namen. Noch nicht. Aber sie zeigen mit ihrem Schaffen grosses kreatives Potenzial. Ob bekannt oder unbekannt, preisgekrönt oder nicht, vom 4. November bis am 18. Dezember 2011 sind sämtliche Arbeiten im Design Center Langenthal öffentlich ausgestellt. Der Eintritt ist kostenlos.

Nicola Stäubli
Architekt Nicolas Stäubli ist mit seinem Stuhl «Reversible» nominiert.

Wenig Material – viele Möglichkeiten

Die Ausbildung zum Architekten sei eine Denkschule, sagt Nicola Stäubli (33) aus Bern. Also machte er 2004 sein Diplom und fortan ganz andere Dinge: Velokurier, Disponent, Ausstellungsgestalter und eben Designer. Er kreiert mit Hingabe alle möglichen Möbel: Gestelle, Tische, Stühle. Gerne als multifunktionale Module. Bei der Sitzgelegenheit Reversible ist nicht nur der Bezug beidseitig verwendbar, auch die Rohre lassen sich leicht auseinandernehmen und neu zusammensetzen. So entsteht je nach Bedarf ein Sessel oder eben ein ordentlicher Stuhl. «Ein Stuhl ist ein sehr anspruchsvolles Projekt, denn man muss die dynamische Belastung miteinbeziehen. Darum eignet er sich am besten, um seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.» Stäubli ist Autodidakt und folgt einer Maxime: mit möglichst wenig Material möglichst viel erreichen. Die Stoffbezüge der Prototypen hatte er noch eigenhändig genäht, mittlerweile lässt er sie herstellen. Denn der Reversible ist markttauglich, wenn auch noch nicht in Produktion. Immerhin: Zurzeit finden Gespräche mit einem internationalen Hersteller statt.

Ginny Litscher
Textildesignerin Ginny Litscher steigt mit ihrer Schalkollektion Take a second look ins Rennen.

Stoff für unzählige Geschichten

Tiger, Totenschädel und bunte Clowns: Die Seidenschals der Zürcherin Ginny Litscher (27) wecken auf den ersten Blick Assoziationen mit Indien, mit Tattoosujets oder Zirkusszenen. Der Name der Kollektion lautet nicht zufällig Take a second look, schau ein zweites Mal hin. In den aufwendigen Mustern sind kleine Geschichten versteckt, witzige Anspielungen und mitunter neckische Frivolitäten. «Ein kleines Augenzwinkern halt», sagt Ginny Litscher. Sie mag es, wenn ihre Werke zwar klassisch aussehen, aber ganz neu interpretiert sind. Bis zu zwei Monate zeichnet sie von Hand an den Designs. Anschliessend werden sie in Italien auf Seide gedruckt. In ihrem Atelier mit atemberaubendem Blick auf den Zürichsee näht sie daraus Schals, die bereits in einigen exklusiven Boutiquen in Zürich und St.Moritz zu kaufen sind. Litscher machte ihr Diplom als Textildesignerin an der Kunsthochschule Luzern, studierte am renommierten Saint Martins College in London und war Assistentin von Vivienne Westwood und Alexander McQueen in London sowie von Diane von Fürstenberg in New York.

Sara Vidas
Modedesignerin Sara Vidas hofft, mit ihrer Damen-Winterkollektion Kiki in Langenthal einen Preis zu ergattern.

Das Atelier steht im Elternhaus

Sara Vidas (28) aus Männedorf ZH näht die Prototypen für ihre Kollektionen eigenhändig. Oft umgeben von Freunden und Familienmitgliedern, die ihr zur Hand gehen. Obwohl sie von sich sagt: «Handarbeit war nie mein bestes Fach.» Etwas anderes als Selbermachen kann sie sich nicht leisten. Modedesign ist eine brotlose Kunst. «Ich weiss nicht, ob ich je davon leben kann. Ich gebe mir mal fünf Jahre, bis mein Label läuft, und zehn Jahre, bis es rentiert.» Von der Idee bis zum fertigen Produkt entsteht alles in ihrem Atelier im Haus der Eltern. Ihren Lebensunterhalt und die Vorfinanzierung der neuen Kollektionen verdient sich Vidas als freischaffende Stylistin für Fotografen und Werbeaufnahmen. Sie studierte in Zürich, Buenos Aires und Basel und kann auf eine stattliche Anzahl Presseberichte blicken, die sie als grosses neues Talent feiern. Nur kann sie davon weder Miete bezahlen noch neuen Stoff kaufen. Um so willkommener wäre der Zustupf aus Langenthal. Immerhin: Der renommierte RA Concept Store in Antwerpen verkauft Teile ihrer Kollektion. «Die hängen dort neben grossen Namen wie Jeremy Scott und Gareth Pugh. Darauf bin ich sehr stolz.»

Christian Kuhn (links) und Serge Lunin
Industriedesigner Christian Kuhn (links) und Serge Lunin, Werklehrer und Schreiner, präsentieren ein neues Holzschnittverfahren.

Schritt für Schritt zur Revolution des Innenausbaus

Am Anfang stand ein ambitioniertes Projekt von Christian Kuhn (30). Vor fünf Jahren wollte er in einem Weiterbildungskurs an der Zürcher Hochschule der Künste bei Serge Lunin (52) eine Holzliege bauen. Das Ding erwies sich als widerspenstig. Also begannen die beiden zu experimentieren und erfanden ein neuartiges Einschnittverfahren, mit dem sich steife Holzwerkstoffplatten dreidimensional verformen — und in fast jeder beliebigen Form wieder stabilisieren lassen. Als sich herausstellte, dass sich das neue Produkt hervorragend zur Schallabsorption eignet, dämmerte den beiden Tüftlern, dass sie ein Juwel in Händen hielten. Eines, das die Geschichte des Innenausbaus revolutionieren könnte. «Es war die pure Lust am Entdecken und Erfinden, die uns vorantrieb», sagt Christian Kuhn. «In einem Pingpong an Überraschungen arbeiteten wir uns vom kleinen Holzstück zum Streifen und schliesslich zur ganzen Fläche vor», ergänzt Serge Lunin. Sie tauften ihre Erfindung Dukta, liessen sie patentieren und haben erste erfolgversprechende Aufträge. Unter anderem von Swisscom.

Patrik Vögtli
Patrik Vögtli steigt mit den Veloteilen POP-Products, Parts of Passion, in Langenthal ins Rennen.

Nur das Rad hat er nicht selbst neu erfunden

Patrik Vögtli (35) aus Arlesheim BL ist begeisterter Velofahrer und hatte jahrelang ein eigenes Velogeschäft. Ihm gefiel das Design der italienischen Räder, und er war fasziniert von der perfekten Technik der Bikes aus Amerika und Deutschland. Bloss beides vereint in einem ist schwierig zu finden. Also begann er, Veloteile zu entwickeln und in einem weit verzweigten Netzwerk zu produzieren. Leicht sollten sie sein, stabil und natürlich formschön. Im Laufe der Jahre entstand eine ganze Palette von Velozubehör: Speichen, Räder, Naben, Felgen und ganze Rahmen. Diese können passionierte Radler in Velogeschäften auf der ganzen Welt kaufen und zu Hause selber einbauen. «Und sich darüber freuen, dass sie nicht nur ihre Funktion perfekt erfüllen, sondern auch noch chic aussehen », sagt Patrik Vögtli. An der Bike Expo 2011 in München wurden seine Produkte Spartensieger, und Vögtli bekam einen Ehrentitel verliehen: «Der Überwinder der Schwerkraft». Seit sechs Jahren tüftelt er am perfekten Sattel aus dem Leichtmaterial Karbon. Der ist ihm kürzlich gelungen. «Es fehlen nur noch minime Optimierungen.»

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Matthias Willi