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08. Dezember 2014

Das Erfolgsrezept von «Wetten, dass ...?» und die Zukunft des Fernsehens

Medienforscher Uwe Hasebrink über den Reiz der langjährigen TV-Show und wie das Fernsehen künftig funktionieren wird.

Uwe Hasebrink
Uwe Hasebrink (56) ist Professor für empirische Kommunikationswissenschaft beim Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität 
Hamburg.

Uwe Hasebrink, wann haben Sie sich «Wetten, dass ...?» zuletzt angesehen?

Dieses Jahr ein paar Mal.

Zum persönlichen Vergnügen oder aus professionellen Gründen?

Das vermischt sich. Oft mache ich vorher noch etwas anderes und schalte dann ein, wenn die Sendung schon ein Weilchen läuft. Aber persönliches Vergnügen findet dabei durchaus noch statt, bei einer tollen Wette zum Beispiel.

33 Jahre auf Sendung: «Wetten, dass ...?» (Logo: brand new media).
33 Jahre auf Sendung: «Wetten, dass ...?» (Logo: brand new media).

Waren es vor allem die Wetten, die den Reiz ausgemacht hatten und die Sendung so lange am Leben erhielten?

Ganz klar, sie sind die Substanz. Aber der langjährige Moderator Thomas Gottschalk hat sicher auch dazu beigetragen, er sorgte für einen unverkrampften Glamourfaktor. Wenn er mit internationalen Stars herumschäkerte, nahm man ihm das ab.

Wenn er die Show noch weiter gemacht hätte, würde sie jetzt nicht zu Ende gehen?

Vielleicht. Auf der anderen Seite hat auch jedes gute Format irgendwann seine Zeit hinter sich. Es war Gottschalks Verdienst, dass das nicht so stark auffiel.

Jedes Konzept ist nur für eine bestimmte Zeit innovativ und mehrheitsfähig.

Welche sind die Gründe dafür, dass sich das Format überlebt hat?

In der Kultur ist jedes Konzept nur für eine bestimmte Zeit innovativ und mehrheitsfähig, dann kommen neue Ideen. Dass sich ein Format wie «Tatort» so lange halten kann, liegt daran, dass die Geschichten und die Form sich stets an die gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen lassen und deshalb nicht verstaubt wirken. Schauen Sie sich mal einen «Tatort» aus den 70er-Jahren an, die sind zum Schreien. Erstaunlich ist also nicht, dass es jetzt mit «Wetten, dass ...?» zu Ende geht, sondern dass das Format sich so lange halten konnte. Aber die Basisidee war halt klasse.

Der Samstagabend war einst die Zeit, wo sich die Familie gemeinsam vor dem Fernseher versammelte, um sich mit Spiel- und Quizshows zu vergnügen. Seit wann ist das vorbei?

Ein Datum gibt es nicht, aber einige parallel laufende Prozesse, die eine Rolle spielen. Wichtig war dafür sicherlich die Individualisierung, also die Idee, dass jeder sein Leben selbst und nach eigenem Geschmack gestaltet. Dieser Anspruch passt nicht zu einem Massenvergnügen wie der Samstagabendshow im Fernsehen. Da muss etwas Besonderes passieren, etwas, das den Samstag adelt. Zudem gibt es sehr viel mehr Alternativangebote als früher. Dabei sind die medialen Angebote präziser auf bestimmte Milieus und Gruppen zugeschnitten. Es gibt also heute mehr, das einem perfekt entspricht, aber noch extrem viel mehr, mit dem man überhaupt nichts anfangen kann. «Wetten, dass ...?» hatte innerhalb dieser Entwicklung noch immer eine integrative Funktion.

Bei «Wetten, dass ...?» haben immer noch mehr Jüngere zugesehen als bei allen anderen TV-Formaten.

Wenn man sich noch gemeinsam vor dem Fernseher versammelt hat, dann dafür?

Genau. Auch heutige Teenager haben die Sendung noch geschaut, einfach nicht mehr so viele wie früher. Aber bei «Wetten, dass ...?» haben immer noch mehr Jüngere zugesehen als bei allen anderen TV-Formaten. Und danach konnte man immer noch losziehen und den «richtigen» Samstagabend geniessen.

Generell scheint aber diese Art gemeinsamer Familienfreizeitbeschäftigung nicht mehr in.

Ja, das hat nachgelassen. Aber halt auch, weil die unterschiedlichen Bedürfnisse heute so gut bedient werden und die technische Ausstattung viel üppiger ist. Es gibt nicht mehr den einen Bildschirm im Wohnzimmer, es gibt ganz viele, in jedem Zimmer.

Viele Paare oder Freundesgruppen schauen gemeinsam TV-Serien, teils ganze Staffeln auf DVD oder Streaming-Portalen. Ist das eine Art Nachfolge der Samstagabendkisten?

Ja, auch dabei geht es nicht nur um den Inhalt, sondern um das soziale Erlebnis. Einfach in anderer Zusammensetzung als früher.

Das Spektrum dessen, was möglich ist, wurde erheblich ausgeweitet. Die Qualitätsbandbreite ist entsprechend gross.

Wie sonst hat sich die TV-Nutzung in den letzten zwei Jahrzehnten verändert?

Zum Beispiel kann jeder seine eigenen Bewegtbilder machen, sie auf Youtube stellen und damit ein Publikum finden. Das Spektrum dessen, was möglich ist, wurde erheblich ausgeweitet. Die Qualitätsbandbreite ist entsprechend gross. Viele Zuschauer haben noch nie von Arte gehört, andere würden niemals auf die Idee kommen, RTL2 zu gucken. Nicht wenige aber schauen beides, weil die Sender ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Stimmungen bedienen. Nur Arte zu schauen, das hält niemand aus. Manchmal will man sich auch einfach nur berieseln lassen.

Ist das klassische Fernsehen eine aussterbende Tätigkeit?

Das Programmfernsehen ist klar auf dem Rückzug. Aber ist das, was die jüngeren Generationen machen, funktional nicht auch Fernsehen? Auch beim Streaming auf dem iPad oder bei der TV-Serie aus der DVD-Box geht es darum, sich mit Bewegtbildern auseinanderzusetzen, die im Moment in der öffentlichen Diskussion sind. Und auch dabei schleichen sich Gewohnheiten ein. Man schaut vielleicht nicht mehr jeden Abend um 20 Uhr die «Tagesschau», aber vielleicht ist dann der Montag der DVD-Serien-Abend. Und gewisse Dinge wie Nachrichten oder Fussball wird man auch künftig live sehen wollen.

Die Perspektive der Nutzer ist klar: Sie möchten jeden guten Inhalt zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort verfügbar haben.

Was müssen die TV-Macher tun, um im Zeitalter von Video on Demand, Downloads, Tablets und Netflix zu überleben?

Für die Produzenten ist es nicht viel komplizierter geworden: Sie müssen weiterhin audiovisuell etwas herstellen, das den Nerv der Zeit trifft und die Menschen interessiert. Was sich geändert hat, ist die Art, wie diese Inhalte zu den Menschen kommen. Der Hauptvertriebskanal TV-Programm hat starke Konkurrenz bekommen. Herausgefordert sind also die Vertreiber, die Sender – und gerade für die Online-Verbreitung gibt es grosse rechtliche Hürden, erst recht über nationale Grenzen hinweg. Die Perspektive der Nutzer ist aber klar: Sie möchten jeden guten Inhalt zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort verfügbar haben. Das hat bisher aber noch niemand geschafft.

Gibt es Sender oder Länder, die schon weiter sind als in Deutschland oder der Schweiz?

Die Entwicklungen laufen in vielen Ländern parallel, aber noch fehlt das perfekte Geschäftsmodell. Es läuft im Prinzip auf riesige Datenbanken hinaus, wie das zum Beispiel Netflix bietet. Aber auch dort gibt es noch immer Restriktionen. Und würde man die entfernen, wäre das ein ernsthaftes Problem für die kommerziellen Fernsehsender. Das ist in den meisten Ländern auch der Grund, weshalb ganz freie Datenbanklösungen bisher nicht existieren.