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09. Februar 2015

Weshalb Austauschprogramme für Lernende Sinn machen

Michael Brecht, seit 2011 Leiter der Berufsbildung, erklärt die Austauschprogramme in der Migros Ostschweiz. Für den 33-jährigen Wiler stehen neben Erfahrung und Abwechslung für Lernende auch handfeste Firmeninteressen im Vordergrund. Rechts die Übersicht zu den Aktivitäten in der Migros-Welt («Anderswo Erfahrung sammeln») – und die Berichte von Lehrlingen und ihren Erfahrungen («Austauschprogramme für Lernende»).

Michael Brecht, Leiter Berufsbildung
Michael Brecht, Leiter Berufsbildung der Genossenschaft Migros Ostschweiz. (Bild zVg)

Michael Brecht, welches Interesse hat die Migros generell an Austauschprogrammen in der Berufsbildung?
Auf der einen Seite macht Abwechslung die Lehrzeit und den Lehrbetrieb für die Auszubildenden klar attraktiver. Auf der anderen Seite fördert das Unternehmen dadurch aus eigenem Interesse die Flexibilität und neue Erfahrungen – vor allem profitiert die Migros, da sie ja einen hohen Prozentsatz der Lernenden nach der Lehre anstellt.
Worin unterscheidet sich der Austausch von Lernenden innerhalb der Genossenschaft Migros Ostschweiz von jenem mit Auszubildenden aus anderen Unternehmen?
Bei unseren internen Stages geht es für uns primär darum, das Unternehmen weiterzuentwickeln. Die Zusammenarbeit mit einer externen Firma hat in der Regel noch ein ganz anderes Ziel: Der Einsatz am fremden Arbeitsort wird benötigt, um den Anforderungen im Bildungsplan für den jeweiligen Berufsabschluss überhaupt nachzukommen. Sonst könnte der Lehrgang in der Migros überhaupt nicht angeboten werden. Gutes Beispiel ist der Recyclist. Er braucht neben dem bei uns anzutreffenden Tätigkeitsfeld zwingend Erfahrung mit Metallen, speziell Aluminium. Diese erhält er in einem Partnerunternehmen der Region.
Eine Ausnahme für den Austausch mit Migros-fernen Firmen stellt das Programm für künftige Logistiker zwischen der Migros Ostschweiz und der Post dar. Es dient wie die Stages in erster Linie dazu, eine andere Umgebung im selben Berufsumfeld kennenzulernen.
Wie werden Lernende für den Austausch motiviert und darauf vorbereitet?
Die Motivation stellt kein Problem dar. Bereits bei der Rekrutierung von Lernenden informieren wir Jugendliche, wenn in ihrer Abteilung oder Filiale ein Stage zur Berufsbildung gehört. Die meisten freut es. In den Fachmärkten Micasa und SportXX gibt es im vierten von sechs Semestern flächendeckend «Versetzungen» an einen anderen Ort, im Supermarktbereich werten wir gerade einen breit angelegten Versuch mit 30 Auszubildenden im fünften Semester aus. Vor dem Einsatz wird jeweils mittels Checkliste überprüft, ob die Teilnehmenden das nötige Niveau erreichen. Sonst riskiert eine Filiale im schlimmsten Fall einen «schlechten Tausch».
Gerade der Austausch innerhalb der Genossenschaft wird in der Genossenschaft Migros Ostschweiz besonders gefördert. Weshalb?
Wie bereits erwähnt, beschäftigen wir einen hohen Anteil an fertig Ausgebildeten nach der Lehrzeit als Angestellte weiter. Meistens wechseln sie jedoch den Arbeitsort, häufig kommen sie von einer grossen Filiale in eine deutlich kleinere oder umgekehrt. Indem man gezielt ein Stage in einer möglichst anderen Umgebung und Filiale organisiert hat, vermeidet man nach der Lehre einen Kulturschock.
Wie unterscheidet sich denn der Alltag eines Lernenden in einer überschaubaren Filiale eines Dorfs von jenem in der Stadt St. Gallen oder etwa Wil?
In grossen Filialen stehen Lernende (wie später Angestellte) während praktisch der ganzen Arbeitszeit in ihrem jeweiligen Bereich im Einsatz. Anders in typischen Kleinfilialen mit rund zehn Angestellten: Hier beginnt der Auszubildende den Tag zum Beispiel in der ihm zugeteilten Frischauslage mit Früchten und Gemüse, wird aber danach regelmässig etwa im Kolonialbereich und an der Kasse gebraucht oder verschiebt Einkaufswägeli.
Werden die Feedbacks von Lernenden nach einem Stage gesammelt und ausgewertet? Haben ihre Rückmeldungen gar Auswirkungen für die Ausbildung oder die jeweilige Filiale?
Im Einzelfall gibt es tatsächlich Konsequenzen aufgrund von Beobachtungen junger Stagiaires. Sie haben am Ende des halbjährigen Austauschs ja ein Austrittsgespräch mit ihrem Betreuer, danach wieder mit dem Betreuer ihrer Stammfiliale. Wir erteilen den Lernenden übrigens einen eigentlichen Beobachtungsauftrag: Sie sollen ihre während des Einsatzes gesammelten Eindrücke festhalten und angeben.
Lehrstellen und Infos der Migros Ostschweiz

Autor: Reto Meisser