Archiv
18. Juli 2016

Wer wird Schwingerkönig?

Wird am Eidgenössischen Älpler- und Schwingfest in Estavayer-le-Lac ein ganz Böser erneut gekrönt, holt ein bisher knapp Gescheiterter den Siegermuni, oder schwingt ein Überraschungsmann obenaus? Die Favoriten zur Umfrage: Auf wen tippen Sie?

Matthias Sempach (r.) und Christian Stucki am 2. September 2013 am Königsempfang
Der Schlussgang-Verlierer des Eidgenössischen 2013 durfte mit: Schwingerkönig Matthias Sempach (r.) und Christian Stucki am 2. September 2013 am Königsempfang in Alchenstorf. (Bild: Keystone)

Im 20. Jahrhundert eroberten noch mehrere Überraschungssieger die Schwingerkrone. Doch seit rund 20 Jahren sind Grosserfolge von Schwingern, die zuvor zum (erweiterten) Kandidatenkreis für die Auszeichnung zum Bösesten galten, am alle drei Jahre stattfindenden «Eidgenössischen» die Regel.
Experten führen die Entwicklung vorab auf die Entwicklung des Schwingsports zurück, dessen Anforderungen neben grosser (Schnell-)Kraft und selbstverständlich Technik immer mehr Beweglichkeit und Ausdauer umfassen. Dieser Trend kommt an «Eidgenössischen» noch stärker zum Tragen, weil sich hier die Schwingfeste über zwei Tage und somit acht (statt sechs) Gänge erstrecken. Der Weg an die Spitze ist also länger geworden.

Deshalb gilt es, neben den stärksten Schwingern von 2015 und 2016 auch die Top-Platzierten der letzten beiden «Eidgenössischen» mit auf die Rechnung zu setzen, ergänzt durch die aussichtsreichsten aufstrebenden Jungtalente.
MATTHIAS SEMPACH (30)
Einverstanden, für eine sonderlich mutige Wahl spricht es nicht, den amtierenden König wieder ganz weit vorne zu sehen. Doch mit seinem Formanstieg und der souveränen Vorstellung samt Sieg im Schlussgang gegen Christian Stucki auf der Rigi untermauert Sempach seine Ambitionen, den Königstitel erfolgreich zu verteidigen. Auf dem Schwarzsee und am Oberaargauischen war er ebenso wenig aufzuhalten. Erstaunlich, denn erst Mitte Mai kehrte der Alchenstorfer nach einem Jahr Wettkampfpause wegen einer schweren Fussverletzung (2015) und einer Brustmuskelzerrung (2016) in den Ring zurück. Sicherheit und Selbstvertrauen, die ihn am «Eidgenössischen» in Burgdorf 2013 und ein Jahr später am Kirchberg-Schwinget zu den beiden wichtigsten Trophäen überhaupt trugen, dürfte dieses Mal nicht im selben Mass vorhanden sein. Erfahrung auf höchster Ebene hat der Berner jedoch genug, und wenn man mit seinem Palmarès niemandem mehr sein Können beweisen muss, macht das lockerer. Vor allem aber bietet der Berner ein einmaliges Gesamtpaket aus Kraft, die die meisten agileren Turner wegdrücken kann, Beweglichkeit sowie Explosivität, die klassische Sennenschwergewichte auszuhebeln vermag. Zudem gilt der Verkaufsberater als guter Techniker ohne Schnörkel.

Christian Stucki (l.) gegen Matthias Sempach am Schwarzsee-Schwinget 2016
Wie im Schlussgang des Eidgenössischen 2013: Christian Stucki (l.) gegen Matthias Sempach am Schwarzsee-Schwinget 2016. (Bild: Keystone)

Prognose: 25% Titelchancen
Christian Stucki (l.) gegen Matthias Sempach am Schwarzsee-Schwinget 2016.

CHRISTIAN STUCKI (31)
Der sanfte Riese stellt mit rund 145 Kilos auf 198 cm Grösse den schwersten Brocken unter den seriösen Schwingerkönig-Kandidaten. Keiner der Aktiven war wie er an drei letzten «Eidgenössischen» unter den ersten vier, die logische Fortsetzung nach den Podestplätzen 2010 und 2013 mit der knappen Schlussgang-Niederlage gegen Sempach wäre jetzt der Sieg. Wenige treffen auf so viel Sympathie wie der Seeländer Chauffeur nach seiner mehr als sportlichen Reaktion auf den Plattwurf durch Bezwinger Sempach in Burgdorf. Zum guten Ruf gehört auch sein geradliniger Schwingstil, setzt er doch seine Masse (die man zuerst einmal schnell «bewegen» muss!) in nur fünf bis sechs, allerdings sauber beherrschten, Angriffszügen ein. Andere Favoriten haben ein mehrfach grösseres Repertoire an Entscheidungsschwüngen.
Wie sein grosser Widersacher Sempach war Stucki einige Zeit verletzt (Schambein), unmittelbar vor dem Kantonalbernischen holte er sich noch eine Zerrung. Bis Estavayer ist er wieder fit, verliert aber weiter Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten. Entscheidend wird sein, ob er seine unbestrittene Kraft und seit drei Jahren verbesserte Athletik wirklich in acht Gängen ohne Abstriche einsetzen kann. Dann wäre er wiederum Titelkandidat Nummer 2.

Prognose: 15% Chancen
CHRISTIAN SCHULER (28)
Der Zentralschweizer Kaufmann war bis Juni der konstantest beste Schwinger 2016. Er siegte auf dem Stoos und an Verbandsschwingen, allerdings fehlen im Palmarès die ganz grossen Siege noch. Zuletzt unterlag er zum Beispiel Kilian Wenger in Basel. In Sachen Statur, Muskelmasse und Technik mit Sempach einer der komplettesten Schwinger, mit 78 errang er bloss 20 Kränze weniger als dieser, und schon 13 Kranzfestsiege. Er braucht am «Eidgenössischen» höchstens psychologisch eine Initialzündung, um mit dem Siegermuni nach Rothenthurm (SZ) heimkehren zu können. Wirklich überraschend wäre es jedoch sicher nicht.
Auch er musste sechs Wochen vor dem Eidgenössischen am Nordwestschweizer Verbandsschwingen aufgeben, die Rippenverletzung dürfte ihn von der Teilnahme in Estavayer jedoch nicht abhalten.

Kilian Wenger wirft Christian Schuler am Baselstädtischen Schwingtag 2016 ins Sägemehl
Kilian Wenger wirft Christian Schuler im Schlussgang des Baselstädtischen Schwingtags 2016 ins Sägemehl. (Bild: Rolf Eicher)

Prognose: 15% Chancen

Kilian Wenger wirft Christian Schuler am Baselstädtischen Schwingtag 2016 ins Sägemehl.

KILIAN WENGER (26)
Noch ein Berner Mitfavorit, und der dritte mit Königswürden nach König Arnold Forrer (mit 37 noch sicherer Kranzkandidat) von 2001 und Sempach. 2010 eroberte der LKW-Fahrer aus dem Diemtigtal mit gerade 20 Jahren den Siegermuni, es war nicht gerade eine Sensation wie der Titel von Adrian Käser mit 18, aber doch eine Überraschung. Ein sehr beweglicher und kompletter Schwinger, der ohne Topform zwar defensiv wenig zulässt, aber in den letzten zwei Saisons auch an einigen grösseren Festanlässen zu wenig explosiv schwang und bisweilen wegen gestellter Gänge schon vor der zweitletzten Paarung aus der Entscheidung um den Sieg fiel. Auch er kehrte erst Anfang Juni von einer Wettkampfpause wegen Rückenproblemen zurück ( siehe Interview ). Ist er wirklich schon wieder fit genug für Angriff über die ganzen zwei Tage hinweg, zählt er zu den Topfavoriten.

Prognose: 10% Chancen

ARMON ORLIK (21)
Der Maienfelder Student gilt unter den Jungen als heissester Anwärter auf den Thron des Bösesten, hat schon mehr als ein Jahr Erfahrung auf höchstem Niveau. Er belegt Rang 1 im Jahresranking, vor allem entschied er aber 2016 bereits das «Bündner-Glarner» sowie zwei weitere Kranzfeste für sich.

Prognose: 8% Chancen
DANIEL BÖSCH (28)
Der Unspunnen-Sieger von 2011 zwang am «Südwestschweizer» Christian Stucki als Einziger zu einem Gestellten. Auch sonst deutet der Sirnacher Metzger immer wieder sein immenses Potenzial und seine angesammelte Erfahrung an, die fehlende Konstanz lässt am grossen Coup über zwei Tage jedoch etwas zweifeln.

Prognose: 7% Chancen
DIE AUSSENSEITERJeweils 4% Chancen:MATTHIAS GLARNER, MICHAEL BLESS (beide 30), REMO KÄSER, JOEL WICKI (beide 19) und PIRMIN REICHMUTH (20).

Autor: Reto Meisser