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21. Mai 2012

«Wer vernünftig ist, schliesst sich einem Ärzte-Netzwerk an»

Seit fünf Monaten ist Alain Berset im Amt. Am 17. Juni will er seine erste Abstimmung als Bundesrat gewinnen. Kein leichtes Unterfangen: In den letzten 15 Jahren sind alle gesundheits- und sozialpolitischen Reformen gescheitert. Der Freiburger über die Vorteile von «Managed Care», die Notwendigkeit von Solidarität und über Popularität, die ihn nicht interessiert.

Bundesrat Alain Berset hat seit über 20 Jahren denselben Hausarzt.

Herr Bundesrat, Sie stehen kurz vor Ihrer ersten Abstimmung. Wie fühlen Sie sich?

Mir geht es bestens, danke der Nachfrage!

Allerdings wird die Front gegen die Ärztenetzwerke (siehe Box rechts unten) immer grösser, und die ersten Umfragen lassen ein Nein vermuten. Glauben Sie noch an ein Ja?

Natürlich bin ich von den Ärztenetzwerken überzeugt. Was mich an der ganzen Sache erstaunt, ist, dass eigentlich fast alle davon überzeugt sind, aber ein erheblicher Teil der Akteure diese Vorlage aus unterschiedlichsten Gründen nicht unterstützt.

Wenn jeder Interessenvertreter nur sein Revier verteidigt, wo bleibt dann das Wohl der Patienten?

Ihre Interessen und ihre Gesundheit stehen im Mittelpunkt der Reform. Die Netzwerke sollen den Patienten zugutekommen. Sie verbessern nicht nur die Qualität der Dienstleistungen und die Koordination zwischen den verschiedenen Gesundheitsdienstleistern, sondern auch die Sicherheit der Patienten.

Wie das?

Es erfolgt eine bessere Kontrolle, und die Behandlung wird besser koordiniert. Dadurch lassen sich beispielsweise widersprüchliche Verschreibungen von Medikamenten oder Doppeluntersuchungen vermeiden.

Ziel dieser Reform ist es aber doch vor allem, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken.

Die Kostensenkung wäre ein willkommener Nebeneffekt. Wir können uns glücklich schätzen, ein erstklassiges und breit abgestütztes Gesundheitssystem zu besitzen. Gleichzeitig wünschen sich aber viele Menschen mehr Transparenz, was die Kosten betrifft, und dass ihre Krankenkassenprämie nicht quasi automatisch jedes Jahr steigt.

Sind Ärztenetzwerke der richtige Ansatz zur Kostensenkung, wenn sieben Prozent der Versicherten über 50 Prozent der Gesundheitskosten verursachen?

Unser System basiert auf dem Solidaritätsgedanken. Man kann sich nicht einfach auf diejenigen stürzen, welche die meisten Kosten verursachen und bei denen der Bedarf an koordinierter Versorgung am höchsten ist. Dazu gehören beispielsweise chronisch Kranke. Für ihre Betreuung sind Ärztenetzwerke am besten geeignet.

Die Gegner sprechen von einem überholten System.

ür Bundesrat Alain Berset ist die Managed-Care-Vorlage eine wegweisende Gesundheitsreform.
Für Bundesrat Alain Berset ist die Managed-Care-Vorlage eine wegweisende Gesundheitsreform.

Warum werden diejenigen, die sich keinem Ärztenetzwerk anschliessen wollen, bestraft, indem man ihren Anteil an den Kosten erhöht?

Ich würde nicht von einer Strafe sprechen, sondern vielmehr von einem Anreiz. Denn der Preis ist moderat: Schliesslich betragen die entsprechenden Mehrkosten maximal 80 Rappen pro Tag. Aber bereits heute hat sich die Hälfte der Schweizer Versicherten für ein Krankenversicherungsmodell mit gewissen Einschränkungen entschieden. 1,3 Millionen Menschen sind Mitglied eines Ärztenetzwerkes. Dies zeigt, dass man nicht von einer Bestrafung sprechen kann. Und wenn es in einer Region kein Netzwerk gibt, ändert sich ohnehin nichts. Wenn aber ein solches Netz vorhanden ist, gibt es gewisse finanzielle Anreize, sich ihm anzuschliessen.

Sagt das Stimmvolk Ja, hätten wir auf der einen Seite die Versicherten, die es sich erlauben können, ihren Arzt frei zu wählen, und auf der anderen Seite die anderen, die nicht über die entsprechenden Mittel verfügen – eine Zweiklassenmedizin?

Nein, denn der finanzielle Anreiz ist massvoll. Letztlich spricht die Vernunft dafür, sich einem Ärztenetzwerk anzuschliessen. Bei einem Problem konsultieren die Versicherten also als Erstes ihren Allgemeinmediziner. Dieser entscheidet, ob ein Spezialist aufgesucht werden muss, und wenn ja, welcher. Bei einem Versicherten, der sich an dieses Verfahren hält, wird die Kostenbeteiligung gegenüber heute um 200 Franken sinken.

Ist aber die freie Arztwahl nicht ein Grundrecht?

Ein Grundrecht ist für mich zunächst einmal, über eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung und einen uneingeschränkten Zugang zu einer Behandlung zu verfügen. Selbst innerhalb eines Ärztenetzwerkes bleibt die freie Arztwahl in einem gewissen Umfang möglich, da jeweils mehrere Dutzend Ärzte zur Verfügung stehen.

Ich habe seit über 20 Jahren denselben Hausarzt.

Und wenn der Patient eine Zweitmeinung wünscht?

Wenn die Notwendigkeit besteht, kann natürlich eine zweite Meinung eingeholt werden. Die Ärztenetzwerke fördern ja gerade eine solche Praxis.

Wie sind Sie selbst eigentlich versichert? Haben Sie sich einem Ärztenetzwerk angeschlossen?

In meiner Region gibt es keines, ich verhalte mich aber so, als wäre ich Mitglied eines Netzwerkes. Ich habe seit über 20 Jahren denselben Hausarzt. Er schickt mich zum Spezialisten, falls nötig.

In der Tat: Während es in den Städten Allgemein- und Fachmediziner zuhauf gibt, stellt sich die Situation in den ländlichen Gebieten ganz anders dar. Wie möchten Sie die Ärztenetzwerke dazu bringen, auch dort vertreten zu sein?

Die Abdeckung ist noch nicht optimal. Wir sind aber dabei, ein Förderprogramm für Hausärzte zu entwickeln. Gerade im Zusammenhang mit der Förderung der Hausärzte, deren Arbeit wieder aufgewertet werden muss, spielt das Projekt der Netzwerke eine sehr wichtige Rolle.

Das Beispiel der USA, wo es Ärztenetzwerke seit den 90er-Jahren gibt, zeigt, dass sie sich vor allem an Gesunde richten.

Das Modell der Ärztenetzwerke ist in all unseren Nachbarländern umgesetzt und schafft dort bei Weitem nicht die Probleme, die angeblich in den USA zu beobachten sind. Alle Schätzungen zeigen, dass eine bessere Koordination für weniger Doppeluntersuchungen und dadurch für eine Kostensenkung sorgen. Bei den zurückhaltendsten Prognosen wird die Kostensenkung mit neun Prozent veranschlagt. Wenn sich 60 Prozent der Versicherten für ein Ärztenetzwerk entscheiden, können die Kosten um eine Milliarde Franken gesenkt werden. Niemand bestreitet, dass den Netzwerken die Zukunft gehört. Ich kann deshalb nicht nachvollziehen, warum sie sich angeblich nur an die Gesunden richten sollen.

Aber die Ärztenetzwerke verfügen über ein Jahresbudget. Könnten die Mitglieder deshalb nicht versucht sein, Behandlungen einzuschränken und kostspielige Kranke zu meiden?

Im Moment gilt bereits in neun von zehn Netzwerken dieses System: Es handelt sich nicht um ein Budget, das am Jahresende verbraucht ist, sondern vielmehr um eine Zielvorgabe. Ein Patient, der im November mit einer schweren Krankheit vorstellig wird, wird nicht auf den nächsten Januar vertröstet. Die Netzwerke sind verpflichtet, die Behandlung ihrer Patienten sicherzustellen. Letztlich sind die Anbieter sogar an einer guten Behandlung ihrer Patienten interessiert, damit diese nicht krank bleiben.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass im Moment einige Ärzte ihren Patienten keine rasche Behandlung zukommen lassen, um insgesamt mehr an ihnen zu verdienen?

Nein, auf keinen Fall, die Ärzte machen ihre Sache sehr gut! Was ich sagen will, ist, dass heute ausserhalb der Ärztenetzwerke ein solcher Anreiz nicht besteht.

Alle Allgemeinärzte arbeiten ohnehin mit ­einem Netzwerk von Spezialisten. Das Rad wird also nicht neu erfunden.

Wir wollen nichts neu erfinden, sondern die Weiterentwicklung dieser Netzwerke fördern, indem wir denjenigen, die sich bereits für dieses sinnvolle Modell entschieden haben, die Chance auf eine geringere Kostenbeteiligung geben.

Was machen Sie, wenn die Vorlage am 17. Juni abgelehnt wird?

Bundesrat zu sein, ist eine packende Aufgabe.

In den Familienbudgets stellen die Prämien für die Krankenversicherung einen immer grösseren Posten dar. Halten Sie das für normal?

Nein, das ist natürlich ein grosses Problem. Schon deshalb müssen wir uns anstrengen, die Kosten in den Griff zu bekommen.

Hat das System miteinander konkurrierender Versicherer noch eine Chance, oder brauchen wir eine Einheitskasse, wie es Ihre Partei, die SP, fordert?

Diese Frage muss der Bundesrat analysieren. Die Diskussion wird zwangsläufig nach Einreichung der Volksinitiative für eine Einheitskasse beginnen.

Ist die Einheitskasse für Sie somit eine Lösung?

Meiner Meinung nach stellt die Einheitskasse einen Anreiz dar, nach fast 20 Jahren Krankenversicherungsgesetz die Grundlagen des Gesundheitssystems zu überprüfen. Die Frage, ob Ärzte und andere Gesundheitsdienstleister durch mehrere Kassen oder eine einzige bezahlt werden, kann im Hinblick auf Verwaltung und Transparenz erhebliche Folgen haben.

Sie sind nun seit fünf Monaten Bundesrat. Bereuen Sie es noch nicht, dieses Amt angenommen zu haben?

Nicht im Geringsten! Dies ist eine fantastische Gelegenheit, sich an der öffentlichen Debatte zu beteiligen und zum politischen Gleichgewicht in diesem Land beizutragen — eine packende Aufgabe.

Sie stehen an der Spitze eines schwierigen Departements. Viele ihrer Vorgänger mussten einiges an Kritik einstecken. Sind Sie bereit, unpopulär zu sein?

Meiner Ansicht nach ist dies nicht eine Frage der Popularität: Es geht vielmehr darum, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und sich die Frage zu stellen, wo wir bei den Sozialversicherungen in zehn Jahren stehen werden.

Möchten Sie denn nicht auch beliebt sein?

Wenn ein Politiker vor allem seine Popularität im Auge hat, sollte er lieber Rockstar oder Schauspieler werden.

Wie schläft man denn eigentlich so als Bundesrat?

Wenig … aber durchaus gut.

Autor: Sabine Lüthi, Viviane Menétrey

Fotograf: Ruben Wyttenbach