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15. Oktober 2012

«Wer spendet, kriegt etwas zurück»

Yangzom Brauen äussert sich im Interview über ihre Erfahrungen mit Crowdfunding. Auf diesem Weg hat sie das Geld für die Postproduktion ihres Regiedebüts «Who killed Johnny» gesammelt.

Yangzom Brauen
Yangzom Brauen (Bild RDB)

Yangzom Brauen, warum haben Sie sich für Crowdfunding entschieden, um Ihren Film «Who killed Johnny» zu finanzieren?Yangzom Brauen: Ich finde Crowdfunding etwas sehr Gutes, weil es Leuten eine Chance gibt, in einer neuen Branche oder ein neues Projekt anzufangen. Anders könnten sie ihre Projekte nicht finanzieren. Mit der Plattform Kickstarter funktioniert das nicht nur in der Filmbranche, sondern auch in anderen kreativen Bereichen wie Design, Grafik oder um Bücher zu finanzieren. Leute, die von öffentlichen Stellen keine Finanzierung kriegen, können auf diese Weise ihre Projekte auf die Beine stellen.
Und welche Erfahrung haben Sie gemacht?
Am Anfang war es schwierig, weil Crowdfunding etwas so Neues ist. In der Schweiz wurde meine Kampagne als 'Betteln' bezeichnet. Aber ich sehe das gar nicht so, denn wer spendet, kriegt ja etwas zurück. Man gibt den Leuten die Gelegenheit, ein Projekt zu unterstützen und sich an etwas zu beteiligen. Es ist ein Investment.
Interessant ist das gespaltene Verhältnis, das die Schweizer zum Crowdfunding haben. Weshalb ist das wohl so?
Es hat ein bisschen damit zu tun, dass man in der Schweiz denkt, dass wir Künstler, und vor allem die in Hollywood, alles so bekannte Leute sind, die sowieso viel Geld haben. Dem ist natürlich nicht so. Ich bin ja nicht 365 Tage im Jahr angestellt. Ich werde pro Projekt bezahlt, und dann muss ich drei, vier Monate, manchmal vielleicht sogar sechs Monate davon leben. Crowdfunding ist für mich ein anderer Weg, um unabhängig von den öffentlichen Stellen oder Stiftungen ein Projekt zu finanzieren. Und schliesslich ist es ja nicht zwingend. Jeder kann selber auswählen, ob er daran teilhaben will oder nicht.
Laut Kickstarter haben Sie mehr als 29´000 Dollar gekriegt. Wissen Sie, ob die aus den USA oder der Schweiz gekommen sind?
Sehr viel Geld kam aus der Schweiz, was mich sehr erstaunt hat. Die Medien, die darüber berichtet haben, haben dabei sicher geholfen. Die Aktion wurde durch die Presse bekannt, und viele Schweizer fanden: Das ist ein tolles Projekt, das sie unterstützen wollen.
Was für Beträge haben Sie bekommen, einige grosse oder viele kleine?
Durchs Band alles. Es waren viele kleinere Beträge, von 1$, 5$, 50$, 1000$ bis zu einem Betrag von 10'000$. Die ganze Bandbreite. Es war sehr erstaunlich. Viele Leute, die ich nicht kenne, zahlten ein. Das Geld kam also nicht nur von meinen Freunden, sondern auch von Unbekannten, die sich das angeschaut haben und dachten: Daran beteilige ich mich.
Präsident Obama macht zurzeit etwas Ähnliches, um seinen Wahlkampf zu finanzieren.
Genau. Es fängt alles ja immer in den USA an und schwappt dann auf Europa und die Schweiz über. In ein paar Jahren wird Crowdfunding auch dort nicht mehr als seltsam angeschaut werden.
Wie kamen Sie auf die Idee, Kickstarter für Ihre Zwecke zu brauchen?
Ich habe hier in Hollywood einen Schweizer Kollegen, Roman Wyden, der mich auf die Kickstarter-Kampagne von A Political Safari Featuring «An African Election» aufmerksam gemacht hat. Ein Team reist zurzeit durch Afrika und zeigt mit einem mobilen Kino den Film «An African Election» in verschiedenen afrikanischen Orten. Daraus wird ein «Dok»-Film gemacht, der durch Kickstarter finanziert wird und für den 30'000 Dollar gesammelt wurden. Auch ich habe diesen Film im Sommer finanziell unterstützt und dachte, das könnte vielleicht auch etwas für mein Projekt sein.
Hatten Sie die 20'000 Dollar schnell zusammen?
Nein. Es war eine etwas zähe Sache, und ich musste mehrere E-Mails verschicken und 'bitte, bitte' sagen, bevor ich die Summe zusammen hatte. Die Leute vergessen schnell, und manchmal braucht es etwas Spezielles, um seine Kreditkarte zu zücken, sich einzuloggen und zu spenden.
In Ihrem Fall war das ja das Versprechen einer Hauptrolle in Ihrem nächsten Film. Wissen Sie schon, wer diese gewonnen hat und ob die Person überhaupt Talent hat?
Nein, das weiss ich noch nicht. Die Aktion ist erst gerade abgelaufen. Ich muss nun erst die Informationen von den Kreditkartenfirmen bekommen und dann schauen wir mal weiter… (lacht).
Bis wann möchten Sie Ihren Film fertig haben?
Wir sind zurzeit am Rohschnitt. Damit haben wir schon angefangen, bevor wir das Geld zusammen hatten. Mein Cutter ist jetzt am Schneiden, und wir sind gerade am Vertonen der Musik. Es gibt hier in Los Angeles eine gute Gruppe von Schweizern und Deutschen, seien es Cutter oder Composer, die mir alle helfen wollen, den Film für wenig Geld fertigzustellen. Ich habe drei Verleiher in der Schweiz, die interessiert sind, und die einen ersten Rohschnitt sehen wollen, den ich in den nächsten Wochen rüberschicken werde. Und dann kommt es darauf an, was sie sagen, bevor wir über ein Startdatum sprechen können.
Werden Sie das Werkzeug des Crowdfunding auch fürs nächste Projekt brauchen?
Nein, bei meinem nächsten Film möchte ich eigentlich öffentliche Gelder beantragen, vom Bundesamt für Kultur oder vom Migros-Kulturprozent. Als Regie-Anfängerin dachte ich nicht, dass ich von denen Geld kriegen könnte, und habe deshalb Kickstarter gebraucht. Für mich als Anfängerin war das genau das Richtige. Aber beim nächsten Film werde ich Kickstarter jemand anderem überlassen.
Das Interview wurde in Los Angeles geführt

Autor: Gabriela Tscharner Patao