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31. Oktober 2016

Wer sitzt eigentlich im Zug neben mir?

Haben Sie sich auch schon gefragt, wer mit Ihnen täglich zur Arbeit pendelt? Bernd van de Sand will es ganz genau wissen: Er spricht Mitreisende an und publiziert ihre Geschichten in seinem Blog «Railway Telegram».

Mag Menschen und das Zugfahren: Bernd van de Sand.
Mag Menschen und das Zugfahren: Bernd van de Sand.

Hallo, willst du mir eine Geschichte erzählen?» Wer von einem Wild­fremden so angesprochen wird, reagiert erst mal zurückhaltend – würde man meinen. Dass dem nicht so ist, beweist Bernd van de Sand (38) aus Winterthur. Seit etwas mehr als einem Jahr spricht der gebürtige Deutsche im Zug Frauen und Männer an und bittet sie, von sich zu erzählen. Ihre Geschichten samt Foto publiziert er in seinem Facebook-Blog «Railway Telegram» . Über 150 sind mittlerweile dort zu lesen.

Leute wie du und ich in Blogs
Der bekannteste Blog, der Leute wie du und ich zu Wort kommen lässt, heisst «Humans of New York» . Er war der erste seiner Art. Bernd van de Sand sagt, er habe das Projekt nicht gekannt, als er mit seinem Blog losgelegt hat. «Sonst hätte ich gar nicht erst damit angefangen». Seitdem sind weitere solcher Blogs online: Die besten davon sind die Humans of ... 
 Berlin, Zürich, Langstrasse ,
 Amsterdam, Teheran, Paris, Bombay und 
 Edinburg.


«Anfangs musste ich mich überwinden, die Leute anzusprechen», sagt van de Sand. Doch getreu dem Motto «Auf los, gehts los» habe er einfach damit angefangen. Zwar kassiere er noch immer regelmässig Körbe, aber etwas Unhöflicheres als ein freundliches «Nein danke» habe noch keiner zu ihm gesagt.

Was macht Menschen glücklich?

Entstanden ist die Idee im Sommer 2015. Bernd van de Sand las damals ein Buch zum Thema Glück und hat beim Pendeln begonnen, seine grösstenteils schweigenden Mitfahrer zu beobachten. Was sie wohl gerade denken? Ob sie glücklich sind? Oder traurig?

«Die oft vorherrschende Stille in den Zügen war mit ein Grund, mit meinem Projekt anzufangen», sagt van de Sand. «Ich habe sie nicht mehr ausgehalten.» In den mittlerweile fast anderthalb Jahren hat er banale, schöne, traurige, muntere, aber auch ganz aussergewöhnliche Geschichten gehört. Zum Beispiel diejenige eines Weltenbummlers, der sechs Monate im Jahr nur mit dem Rucksack durch Europa reist – ohne Geld, Handy und Social Media. Das Einzige, was er in der Tasche hat, ist das Versprechen seines Chefs, in seinen alten Job zurückkehren zu können. Porträts wie dieses machen van de Sands Blog aus. Menschen, die eine spezielle Lebensgeschichte haben und bereit sind, diese zu erzählen.

Diese Geschichten präsentieren sich allerdings nicht auf dem Silbertablett. Seine Porträts entstehen alle aus Zufallsbegegnungen. «Wenn ich allein in einem Viererabteil sitze, kann ich mir nicht aussuchen, wer sich zu mir setzt.» Umgekehrt sucht sich der Blogger die Menschen nicht nach dem Äusseren aus, wenn er auf der Suche nach einem Sitzplatz ist.

Während des Gesprächs lege er grossen Wert auf Seriosität, sagt van de Sand. Allein schon wegen der Ernsthaftigkeit vieler Themen. Viel Vertrauen ist dafür auf beiden Seiten notwendig. Zwar sei er Single, sagt der Blogger, aber Kurzinterviews und Flirten trenne er strikt voneinander – auch wenn ­jemand in sein Beuteschema passe.

Manchmal dauern Gespräche wenige Minuten, manchmal Stunden, meistens jedoch etwa 15 Minuten. Schnell erzählt war zum Beispiel eine kurze Liebesgeschichte eines jungen Mannes. Sie handelt davon, wie er seine Freundin mit einem selbst gemachten Frühstück überraschte.

Mit einer Irakerin dagegen redete van de Sand während ihrer Ferien in der Schweiz fast eine Stunde lang. Sie hat als Siebenjährige bei einer Explosion im Irak ihr Bein verloren und trägt seither eine Prothese. Ihr Schicksal nutzt sie nun dazu, darauf aufmerksam zu machen, wie schlecht Menschen mit Behinderungen im Nahen Osten in die Gesellschaft integriert sind. Auch deshalb hat sie sich entschieden, offen mit ihrer Behinderung umzugehen und den künstlichen Unterschenkel offen zu zeigen. Übrigens war die Begegnung keine einmalige: van de Sand hat die Irakerin Monate später an ihrem Wohnort Dubai zum Nachtessen wieder getroffen.

Dank Blog den Traumjob gefunden

Richtige Freundschaften haben sich aus den bisherigen Begegnungen zwar nicht ergeben. Dafür hat Bernd van de Sand dank des Blogs seinen Traumjob gefunden. Sein aktueller Arbeitgeber suchte einen Mitarbeiter, der offen auf Menschen zugehen kann. Als er beim Vorstellungsgespräch sein «Railway Telegram» vorzeigte, war sein Gegenüber derart fasziniert, dass er van de Sand sogleich einstellte. Seither ist der Hobbyblogger im Personalbereich tätig. Aber das ist noch nicht alles: Die Gratiszeitung «20 Minuten» fand ebenfalls Gefallen an ihm und engagierte ihn für eine wöchentliche Pendlerkolumne.

Obwohl jetzt viel mehr Menschen als je zuvor seine Porträts lesen, hat Bernd van de Sand sein Vorgehen nicht geändert. Es gibt auch heute noch Tage, an denen er keine Lust hat, mit jemandem zu sprechen. Und auch wenn der Zug sehr gut besetzt sei, halte er sich zurück, sagt er: «Es soll ja nicht wie ein Überfall auf jemanden wirken.» Bereit für ein Gespräch ist Bernd van de Sand aber jederzeit. In seinem Rucksack, den er stets dabei hat, befindet sich nur etwas: seine Kamera.

Menschen und ihre Geschichten

Toby

«Vor zwei Wochen habe ich meine Freundin überrascht. Sie hatte ohnehin den Tag frei, wusste aber nicht, dass ich mir auch einen Urlaubstag genommen hatte. Als mein Wecker klingelte, bin ich wie gewohnt aufgestanden, aber anstatt zur Arbeit zu ­gehen, habe ich uns beiden ein Weltklassefrühstück zubereitet.»

Robert

«Jedes Jahr reise ich sechs Monate durch Europa. Geld habe ich keins, aber indem ich Fremde um eine beliebige Unterstützung bitte, komme ich trotzdem weit herum. Dieses Jahr war ich bereits in Frankreich, Spanien, Portugal, Marokko und Italien. Gerade liess mich der Kondukteur kostenlos in der 1. Klasse mitfahren. Ich habe kein Handy, nutze keine sozialen Medien und lese keine Nachrichten. Alles, was ich habe, ist das Versprechen meines Chefs, dass ich nach meiner Rückkehr meinen Job zurückbekomme.»

Zainab

«Ich verlor mein Bein, als ich sieben Jahre alt war – bei einer Explosion in meiner Heimat Irak. Mit der Zeit ­musste ich lernen, dass Menschen mit Behinderungen in vielen Ländern des Nahen Ostens nicht gut in die Gesellschaft integriert sind. Man wird von allen angestarrt, normalerweise versteckt man sich zu Hause. Aber ich zeige mein Bein mit Stolz. Ich möchte beweisen, dass wir es doch schaffen können. Ich möchte alle motivieren, dass sie sich nicht schämen müssen. Und ich möchte jeden ermutigen, sich zu akzeptieren, wie er oder sie ist.»

Autor: Reto Vogt

Fotograf: Jorma Müller