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20. Februar 2017

Die Expertenrunde: Gewinner und Verlierer

Wer profitiert von der Globalisierung, wer leidet unter ihr?

Schacht einer Kobalt- und Kupfermine im Kongo
Ein Junge klettert ohen Seil und Leiter in den Schacht einer Kobalt- und Kupfermine im Kongo. (Bild: Keystone)

Thomas Straubhaar

Gesamtwirtschaftlich gewinnen langfristig alle – wenn auch nicht gleich viel. Aber kurzfristig verlieren diejenigen, die vergleichsweise einfache und standardisierte Arbeiten erledigen, weil durch die Globalisierung weltweit Millionen von Menschen bereitstehen, um diese Arbeiten billiger zu erledigen. Entsprechend stark ist der Konkurrenzdruck für Geringqualifizierte.

Evi Hartmann

Paradox, aber leider wahr: Wer profitiert, leidet auch. Im Kongo werden Minenarbeiter für die Mineralien unserer Smartphones ausgebeutet – aber, so schlimm das klingt, Hungerlohn ist besser als Hungertod. Wir profitieren von dieser Ausbeutung in Form von Handys, tragen aber die moralische Last des Mitwisser- und Mittätertums. Das gilt für alle Länder, Branchen und Akteure: Wer einerseits profitiert, leidet andererseits auch – mit wechselnder, oft einseitiger Verteilung von Profit und Leiden. Während in Schwellenländern zum Beispiel Plantagenarbeiter für unsere Kleidung mit Pestiziden krankgebombt werden, ertragen wir «nur» das moralische Leiden.

Christian Fichter

Aus globaler Perspektive profitiert kurz gesagt jeder, der etwas hat, das auf dem Globus nachgefragt wird. Das kann Wissen sein, z. B. in Form von Bildung oder Patenten. Das können Rohstoffe, Kapital oder Arbeitskraft sein. Aber neben diesen wirtschaftlichen Grössen profitieren auch die Exporteure von Kulturgütern, z. B. in Form von Popmusik oder Fernsehserien, oder von Wertesystemen, z. B. in Form von Religionen. Ein Beispiel dafür sind religiöse Extremisten. Obwohl die meisten von ihnen die Globalisierung verurteilen, profitieren sie sehr davon.

Leiden tun alle, die nichts Derartiges anzubieten haben, also über keine Güter, Werte oder Arbeitskraft verfügen, die irgendwo nachgefragt werden. Das sind vor allem Länder und Personen mit tiefer Bildung, unpopulären Werten oder wenig Arbeitskraft.

Es gibt einen bestimmten Grad an Wohlstand, ab dem die Menschen mehrheitlich zufrieden sind. Um dieses Level zu erreichen, müssen alle Menschen die Möglichkeit bekommen, gesund, glücklich, geborgen, sozial anerkannt und beruflich erfolgreich zu sein. Die Globalisierung hat einiges dazu beigetragen, dass diese Möglichkeiten für viele Menschen wesentlich verbessert werden konnten. Damit das aber so bleibt, muss die Globalisierung jetzt bewusst verlangsamt und für alle zugänglich gestaltet werden.

F.J. Radermacher

Von der Globalisierung profitieren generell Personen, die international vernetzt sind und Beteiligung an Wertschöpfungsprozessen über den Globus optimal auf ihre Bedürfnisse zuschneiden können. Je stärker virtuell die Themen sind, und je mehr sie Multiplikationen über IT erlauben, umso günstiger. Länder, die in entsprechenden Branchen, wie z.B. IT oder Maschinenbau, Flugzeugtechnik, Automobile usw., die zentralen globalen Positionen besetzen, profitieren ebenso wie die entsprechenden Branchen. Und natürlich profitiert der, der weltweit Kapital einsetzen und sich über geschickte Firmenkonstrukte und Standortauswahl weitgehend der Besteuerung entziehen kann. Nachteile haben diejenigen, auf die das alles nicht zutrifft.

Jakob Tanner

Globalisierung ist kein Naturprozess, sondern das Produkt politischen Handelns und sozialer Aushandlungsprozesse. Es gibt einen beträchtlichen Gestaltungsspielraum. Der Abbau von Handelshemmnissen und Zollschranken hat die wirtschaftliche Prosperität vieler Länder befördert, global Armut reduziert und neue Mittelschichten entstehen lassen. Zudem werden heute rund um den Globus Menschen in ihren Erwartungshaltungen durch globale Medien beeinflusst – was nicht nur Enttäuschung und Entrüstung, sondern auch die Wahrnehmung neuer Handlungsmöglichkeiten (insbesondere Migration) zur Folge hat.

Aus meiner Sicht haben in den vergangenen vier Jahrzehnten Reiche und internationale Konzerne überdurchschnittlich von einer zu wenig regulierten Globalisierung profitiert. Weniger entwickelte Weltregionen und bereits arme Länder wurden angesichts des steigenden Wettbewerbsdrucks und der globalen Standortkonkurrenz noch weiter zurückgeworfen. Viele Menschen in solchen Gegenden haben aufgrund fehlender Kaufkraft keinen Zugang zu Märkten und zu wichtigen Ressourcen wie etwa Medikamente und Computer.

In den entwickelten Industrieländern ging der globale Umbau der Wirtschafts- und Produktionsstrukturen einseitig auf Kosten traditioneller Branchen, die auf industrielle Massenfertigung und die Herstellung standardisierter Produkte setzen. Zudem: Auch wenn jemand absolut gewinnt, kann sie oder er sich aufgrund der weit höheren Gewinne der andern benachteiligt fühlen.

Autor: Ralf Kaminski