Archiv
18. März 2013

Wer macht die Arbeit, wer trägt die Kosten?

Menschen, die nach der Pensionierung weiterarbeiten, sind heute selten. Doch ohne sie droht das Schweizer Rentensystem früher oder später zusammenzubrechen.

Heiner Vontobel (68), Leitender Arzt Kardiologie am Spital Wetzikon ZH
Heiner Vontobel (68), Leitender Arzt Kardiologie am Spital Wetzikon ZH arbeit 60%: «Heute bilde ich mich mehr weiter als früher, denn jetzt habe ich viel mehr Zeit.»

Weitergemacht hätte ich so oder so. Wenn nicht im Spital, dann in einer freien Praxis.» Für Heiner Vontobel (68), drahtiger Kardiologe aus Leidenschaft, war klar, dass mit 65 nicht Schluss sein würde. Als sein Vorgesetzter von seinen Plänen hörte, fragte er ihn, ob er nicht bleiben wolle. Vontobels Arbeitsvertrag mit dem Zürcher Oberländer Spital Wetzikon wurde unbefristet verlängert, er reduzierte sein Pensum von 50 auf 30 Wochenstunden, gab den Chefarzttitel an seinen Nachfolger ab und liess sich zum leitenden Arzt «degradieren».

Heute arbeitet Heiner Vontobel 30 Stunden pro Woche. Früher waren es 50 Stunden. Trotzdem hat er jetzt mehr Zeit für seine Patienten.
Heute arbeitet Heiner Vontobel 30 Stunden pro Woche. Früher waren es 50 Stunden. Trotzdem hat er jetzt mehr Zeit für seine Patienten.

Die fixe Limite von 65 Jahren ist unsinnig. Der eine ist gottenfroh, wenn er aufhören darf, der andere ist mit 65 so fit wie mit 40. – Heiner Vontobel


Als solcher leistet er Notfalldienste, empfängt Patienten, führt auch Operationen durch und bildet sich regelmässig weiter. «Eigentlich mehr denn je, denn jetzt habe ich viel mehr Zeit.» Überhaupt fühle er sich ständig wie in den Ferien, meint er, und er geniesse die Situation rundum: Die Arbeitsbedingungen seien hervorragend, er könne dem einzelnen Patienten heute dreimal so viel Zeit widmen wie früher, als er sehr viel Administrativarbeiten zu erledigen hatte, und — nicht ganz unwichtig — «es gibt in unserem Team keine Konkurrenz, keine Ellenbögelei, sondern wir ergänzen uns».

Die meisten arbeitenden Rentner sind im Teilpensum beschäftigt

Das Arbeiten jenseits der heutigen gesetzlichen Rentenschallmauer von 65 Jahren (bei Frauen 64) läuft allerdings nur in Ausnahmefällen so problemlos und unkompliziert wie bei Heiner Vontobel. Zwar arbeitete laut einer kürzlich erschienenen Studie des Bundesamtes für Sozialversicherungen im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2011 gut ein Drittel der Rentner weiter, während im Gegenzug der Trend zur Frühpensionierung leicht gesunken ist.

Indes: Die Mehrzahl der über 65-Jährigen arbeitet nur wenige Stunden pro Woche, im Stundenlohn auf Abruf oder als Selbständigerwerbende. Umgerechnet auf Vollzeitstellen sind nur knapp neun Prozent der Männer über 65 erwerbstätig und etwas über zwei Prozent der Frauen, wie Zahlen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) zeigen. Die AHV ist aber in Zukunft mehr denn je auf sie angewiesen, denn wir leben immer länger: Als die AHV 1948 in der Schweiz eingeführt wurde, erreichten die meisten Menschen das Rentenalter, das damals bei 65 Jahren lag, gar nie. Heute hat ein 65-Jähriger eine statistische Restlebenserwartung von 17,1 Jahren, eine Frau gar eine von 20,9 Jahren. In dieser Zeit beziehen sie eine Rente, die von jungen Arbeitnehmern vorfinanziert werden muss.

«Ich will noch etwas bewegen und aktiv bleiben»

Gerade beim Bund, beim Kanton oder bei den Gemeinden ist eine Anstellung jenseits der 65 jedoch heute noch beinahe ein Tabu. Erwin Haslebacher (67) jedenfalls ist schon fast so etwas wie ein Exot. Er zählt zu den ganz wenigen der über 35'000 Bundesangestellten, die nach ihrem 65. Geburtstag weiterarbeiten durften.

Erwin Haslebacher (67) Fachsekretariat Preise und Tarife der ElCom (Eidgenössische Elektrizitätskommission) Bern. Pensum: 60%
Erwin Haslebacher (67) Fachsekretariat Preise und Tarife der ElCom (Eidgenössische Elektrizitätskommission) Bern. Pensum: 60%

«Ich will noch etwas bewegen und aktiv bleiben», erklärt er. Und so fügte sich der ehemalige Direktor der Bieler Stadtwerke mit weit über 60 als «Erwin» ins Team von Karin, Dominique, Markus und Stefan ein, als weitaus Ältester. Es war schon etwas gewöhnungsbedürftig, erinnert er sich: «Früher hatte ich ein Sekretariat, hier schreibe ich jeden Brief selber.» Mit dem Scanner habe er sich schwergetan: «Eine junge Dame erklärte mir das Gerät ein-, zweimal, und als ich nach ein paar Wochen wieder ankam und nicht wusste, wies geht, meinte sie ganz energisch: Du, das musst du jetzt dann aber langsam selber können!» Erwin Haslebacher lacht herzlich: «Die meisten hier könnten meine Kinder sein, das ist doch sympathisch.»

Mein Vorgesetzter gab mir die Chance, auch nach 65 weiterzuarbeiten. Er ist glücklicherweise ein fortschrittlich denkender Mensch.– Erwin Haslebacher

Dass er mit 63 noch ins Team der eidgenössischen Elektrizitätskommission in Bern aufgenommen wurde, schreibt er vor allem dem Einsatz seines Vorgesetzten Stefan Burri (50) zu. «Ich wollte ihn unbedingt», bestätigt der, «denn er bringt unglaublich viel Erfahrung und spezielle Kenntnisse mit.» Es habe Situationen gegeben, in denen allein schon die Persönlichkeit und Erscheinung von Erwin Haslebacher deeskalierend gewirkt habe: «Man ist einfach nicht gleichermassen glaubhaft, wenn man an einer heiklen Veranstaltung einen 25-jährigen Uni-Absolventen auf die Bühne stellt. Bei Erwin wussten alle, dem macht man nichts vor, der weiss, wovon er spricht.» Stefan Burri ist sich bewusst, dass ältere Menschen pro Arbeitsstunde, die sie leisten, teurer sind als jüngere: Sie befinden sich am oberen Ende der Lohnskala und haben mehr Ferien, «dafür gehen sie weder ins Militär noch werden sie schwanger», sagt er trocken.

Erwin Haslebacher kennt die Thematik auch von Arbeitgeberseite. Bei der Stadt Biel liegt das Rentenalter bei 63 Jahren. Als Haslebacher vor Jahren in seiner damaligen Funktion als Direktor der Stadtwerke darum bat, einen hervorragenden Techniker jenseits dessen 63. Geburtstag weiterbeschäftigen zu dürfen, dachte er, eine Verlängerung des Anstellungsverhältnisses sei reine Formsache. Doch weit gefehlt: Der Mann musste gehen. «Inzwischen sehe ich die politischen Gründe, die hier spielen, klarer. Bei der öffentlichen Hand werden doch oft auch ältere Menschen beschäftigt, die in der Privatwirtschaft kaum noch Chancen hätten. Da ist es einfacher, allen zu sagen, mit 63 ist konsequent Schluss — ohne Ausnahme.»

Viele wissen gar nicht, dass es möglich ist, länger zu arbeiten

Der Bund will nun allerdings doch mit gutem Beispiel vorangehen. Im Dezember wurde eine Änderung des Bundespersonalgesetzes verabschiedet, welche die Weiterbeschäftigung von «Rentnern» vereinfachen soll. Dennoch wird es lange dauern, bis alle Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Optionen, die sie haben, überhaupt kennen.

Magdalene Raas-Bockers (68) Lehrerin an der Sekundarschule Arbon TG. Pensum: 50%.
Magdalene Raas-Bockers (68) Lehrerin an der Sekundarschule Arbon TG. Pensum: 50%

Dass die 68-jährige Magdalene Raas-Bockers bis heute an der Sekundarschule Arbon TG angestellt ist, hat auch sie eher einem Zufall zu verdanken als langfristiger Planung. Die freundliche Lehrerin mit der randlosen Brille und dem akkurat gescheitelten Haar würde niemals einer jüngeren Kollegin die Stelle wegnehmen wollen. «Bei mir kamen drei Dinge zusammen», erklärt sie, «ich bin noch sehr gesund, ich unterrichte gerne, und es herrscht Lehrermangel.» Bis sie 64-jährig war, arbeitete Magdalene Raas, Mutter von drei erwachsenen Kindern, Vollzeit. Eher zwischen Tür und Angel bekam ihre Vorgesetzte, Schulleiterin Manuela Geiser (58) mit, dass die damalige Klassenlehrerin gerne weiter unterrichten möchte. «Ich wusste gar nicht, dass das möglich ist», er- innert sich Magdalene Raas. «Wenn an unserer Schule jemand ins Pensionsalter kommt, dann wird seine Stelle ausgeschrieben, und er kann sich darum neu bewerben wie jeder andere auch», erklärt Manuela Geiser das Prozedere.

Es ist ein Geschenk, wenn man übers Rentenalter hinaus arbeiten kann. Und die Arbeit mit den Jugendlichen hilft mir, am Puls der Zeit zu bleiben. – Magdalene Raas

Magdalene Raas gewann das Auswahlverfahren — es gab schlicht keinen Junglehrer, der ihre Qualifikationen mitgebracht hätte. Sie baute anschliessend an der Sekundarschule ein Lernatelier auf und ist heute zu 50 Prozent im Förderzentrum tätig, wo sie 12- bis 17-Jährigen Lernhilfe bietet, in allen möglichen Fächern von Sprache bis Mathematik, von Geschichte bis Informatik. «Momentan bin ich noch ein Sonderfall», sagt sie, «aber das muss nicht so bleiben. Die Leute bleiben immer länger fit.» Thomas Daum, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, sieht das auch so: «Die Arbeitgeber müssen eine Personalpolitik entwickeln, mit der ältere Arbeitnehmer beschäftigt werden können.» Für ihn steht eine sukzessive Reduktion der Arbeitszeit im Vordergrund, «um die starre Fixierung auf das heutige Rentenalter 65 zu überwinden.»

Doris Bianchi, beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund für Altersarbeit zuständig, warnt allerdings: «Vor allem Gutqualifizierte arbeiten über das Rentenalter hinaus. Für Menschen mit tiefem Bildungsstand ist die Situation ganz anders. Sie sind in erster Linie auf Massnahmen im Gesundheitsschutz und in der Weiterbildung angewiesen, damit sie überhaupt bis zur Rente arbeiten können.»

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Paolo Dutto