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10. Juni 2013

Gesundheit im Alter: «Wer länger arbeitet, bleibt länger fit»

Das Beste kommt noch: In Zukunft werden wir im Alter nochmals richtig durchstarten, ist Autorin Margaret Heckel überzeugt. Sie hat eben ein Buch mit dem Titel «Die Midlife-Boomer» veröffentlicht und beschreibt darin eine neue Generation von reifen Menschen.

älterer Arbeitnehmer stemmt Holzstamm
Aus gutem Holz geschnitzt: Fühlen sich ältere Arbeitnehmer wohl bei der Arbeit, sind 
sie oft leistungs
fähiger als jüngere. (Bild: www.plainpicture.com/Cecilia Mellberg)

SPÄTER PERSPEKTIVENWECHSEL
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Margaret Heckel, Sie prophezeien rosige Zeiten für alte Menschen. Was macht Sie so sicher, dass es «nie spannender war, älter zu werden»?

Weil wir noch nie in einer Zeit gelebt haben, in der Menschen so lange leben und so lange gesund bleiben. Diese geschenkte Lebenszeit können wir für alle möglichen Dinge nutzen.

Alt werden ist für viele mit der Furcht vor Alzheimer und Altersheim verbunden.

Es wird immer Menschen geben, die ihre letzten Jahre im Pflegeheim verbringen. Und es wird auch immer Menschen geben, die von Demenz betroffen sind. Dennoch sollten wir uns deswegen nicht vor dem Alter fürchten.

Mein Vater hatte mit 60 bereits Mühe den Billettautomaten der SBB zu bedienen, meine Mutter lernte zur selben Zeit eine neue Fremdsprache. Ist Altern nicht sehr individuell?

Absolut. Es gibt keine Lebensphase, in der das kalendarische Alter so wenig über uns aussagt. 13-Jährige verhalten sich in vielem ähnlich, doch bei 70-Jährigen können die Unterschiede gewaltig sein.

Was hätte mein Vater anders machen müssen?

Fragen Sie anders: Was hat ihre Mutter anders gemacht? Sie hatte offenbar ein Ziel. Vielleicht wollte sie die neue Fremdsprache lernen, um ihre im Ausland lebenden Enkel zu besuchen.

Volltreffer. Genau so war es.

Das zeigt, wie wichtig die Einstellung ist. Wer das Altern als spannende Reise mit vielen Chancen erlebt, wird einen ganz anderen Weg einschlagen als jemand, der sich sagt: «Oh, wie furchtbar. Jetzt geht alles den Bach runter.»

Wie findet man zu einer positiven Haltung?

Wir sollten uns nicht an Bekannten und Verwandten orientieren, die früh krank wurden. Ihre Beispiele prägen sich uns leicht ein, aber sie sind eigentlich in der Minderheit. Und wir sollten uns vor Augen führen, dass wir mit grösster Wahrscheinlichkeit ganz anders altern werden als unsere Eltern und Grosseltern.

Warum wird das Alter in der Zukunft besser?

Die Medizin macht ständig Fortschritte, und es wird auch mehr technische Hilfsmittel geben. Zudem haben die heute 50-Jährigen, ich nenne sie die Midlife-Boomer, ganz andere Erfahrungen gemacht als die Generationen vor ihnen. Sie lebten in der Jugend in Wohngemeinschaften, reisten um die Welt, verlegten ihren Wohnsitz mehrmals. Darum sind sie viel flexibler und offener für Neues.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Hat dieses Sprichwort seine Gültigkeit verloren?

Es war schon immer komplett falsch. Die Neurowissenschaft weiss inzwischen, dass der Mensch bis zu seinem letzten Atemzug Neues lernen kann. Forscher haben beobachtet, wie auch noch in sehr alten Gehirnen neue Nervenzellen und Verschaltungen wachsen.

Der Mensch kann bis zu seinem letzten Atemzug Neues lernen.

Aber ein Rentner lernt doch nie so schnell wie ein Kind.

Er lernt anders. Während junge Menschen vieles wie im Vorbeigehen aufnehmen, brauchen ältere Menschen ein Ziel. Das ist kein Defizit, sondern kann sogar als Vorteil betrachtet werden. Ihr Gehirn hat gelernt, sich auf Wichtiges zu konzentrieren.

Dennoch gibt es Alte, die gar nichts Neues mehr lernen wollen.

Ja, aber sie tun es, weil sie es nicht mehr wollen, und nicht, weil sie es nicht mehr können. Das ist ein grosser Unterschied.

Ältere sollen Jüngeren sogar etwas voraushaben, die sogenannte kristalline Intelligenz. Was bedeutet der Begriff?

Durch die Erfahrung ihres langen Lebens haben ältere Menschen einen riesigen Wissensschatz. Darum besitzen sie die Fähigkeit, geschickt zu kommunizieren, Abläufe zu planen und zu koordinieren. Auch lösen sie Probleme oft besonders kreativ. Ein schönes Beispiel beschreibt der amerikanische Gerontologe Gene Cohen. Seine Schwiegereltern wollten ihn und seine Frau besuchen. Als sie aus der U-Bahn kamen, schneite es stark. Alle Taxis waren besetzt. Die beiden Senioren machten sich auf zum Pizzaladen um die Ecke, bestellten eine grosse Pizza an die Adresse ihrer Tochter — und setzten sich gleich mit ins Auto.

Im Arbeitsleben nützt einem dieser Erfahrungsschatz wenig. Noch immer haben ältere Arbeitnehmer Angst, vorzeitig ausgemustert zu werden und keinen Job mehr zu finden.

Dem ist so. Und das ist sehr schade, weil die Arbeitgeber damit einen riesigen Fehler machen. Allerdings wird sich dieses Problem in Zukunft selber lösen, denn die Bevölkerung in Europa nimmt stetig ab. Bereits in fünf Jahren wird es einen Fachkräftemangel geben — für die heute 50-Jährigen ist das eine super Chance, nochmals richtig Gas zu geben.

Trotzdem nimmt die Produktivität im Alter ab.

Nein, nicht unbedingt. Wenn ältere Arbeitnehmer wertgeschätzt werden und sich in ihrer Firma wohlfühlen, sind sie sogar leistungsfähiger als jüngere.

Ich bin 40 und werde wahrscheinlich dereinst erst mit 67 oder mehr pensioniert. Diese Aussicht macht mich nicht gerade glücklich.

Sehen Sie die positiven Seiten. Nichts beeinträchtigt die geistige Leistungsfähigkeit so sehr wie der Renteneintritt. Wenn Sie länger arbeiten, bleiben Sie länger fit. Das rührt daher, dass man mit dem angeblichen goldenen Ruhestand viele Sozialkontakte verliert. Die Wertschätzung, die man im Beruf erfahren hat, fällt von einem Tag auf den anderen weg. Die Herausforderungen fehlen, und nach kurzer Zeit kommt die Langeweile.

Ich träume von einer Weltreise. Wenn ich bis 70 warten muss, ist es dafür vielleicht doch zu spät. Sollte ich schon heute eine Auszeit nehmen?

Absolut. Warum wollen Sie warten?

Na ja, für die Karriere ist ein Unterbruch nicht besonders förderlich. Vielleicht finde ich danach keinen Job mehr.

Zu wünschen wäre eine Arbeitswelt, in der Sie nicht kündigen müssen, in der Sie sich die Zeit für Ihre Weltreise ansparen können und ganz beruhigt wegfahren können, ohne dass Sie sich Sorgen um Ihren Job machen müssen. Das ist eine sogenannte lebenszyklusorientierte Personalpolitik. Firmen, die schon heute einen Fachkräftemangel haben, bieten bereits solche Programme an.

Gerade für ältere Arbeitnehmer wäre eine solche Personalpolitik wünschenswert.

Sehr sogar. Wenn Menschen künftig fünf Jahrzehnte arbeiten werden, müssen sie mehr Zeitflexibilität haben. Sie sollten während des langen Arbeitslebens immer wieder zwischen Vollzeit und Teilzeit wechseln können. Ganz wichtig wäre die Möglichkeit, sich im Alter schrittweise aus dem Arbeitsprozess zurückzuziehen.

Wichtig wäre, sich schrittweise aus dem Arbeitsprozess zurückzuziehen.

Ausbildung, Arbeiten, Rente: Das klassische Schema soll in Zukunft nicht mehr gelten. Sie propagieren sogar den Aufbruch in eine zweite Karriere mit 50.

Es gibt viele Menschen in diesem Alter, die zwar ihren Job ganz in Ordnung finden, aber sich nicht mehr richtig herausgefordert fühlen. Und manche träumen auch von einem ganz anderen Beruf. In Anbetracht der Tatsache, dass sie vielleicht noch 20 Jahre arbeiten und dass es in Zukunft einfacher wird, als älterer Arbeitnehmer einen Job zu finden, sollten sie jetzt ihre Chance ergreifen.

Sie sind 46 und haben sich vor ein paar Jahren selbständig gemacht. Sind Sie persönlich schon aufgebrochen?

Man kann das durchaus so sehen. Ich bin zwar immer noch Journalistin, aber durch die Selbständigkeit bin ich ganz anders gefordert.

Den Beruf zu wechseln, scheint aber ungleich schwerer: Wie soll man das schaffen mit Kindern in der Ausbildung und Hypothek auf der Bank?

Das stimmt. Viele haben Verpflichtungen, aus denen sie glauben, nicht rauszukommen. Unter Umständen geht es tatsächlich nicht. Aber manchmal benützt man das auch als Ausrede, um nichts ändern zu müssen.

Menschen ab 50 sind glücklicher als solche unter 50. Das zeigen unzählige Studien. Warum ist dem so?

Einige Forscher vermuten, dass wir uns besser fühlen, weil wir weiser sind und darum sicherer durchs Leben gehen. Andere denken, dass man sich an den positiven Seiten des Lebens orientiert, wenn man sich seiner Endlichkeit bewusst ist.

Wie bereiten Sie sich persönlich aufs Alter vor?

Ich achte darauf, dass ich meine Neugier wachhalte. So lange ich Interesse an der Welt habe, werde ich ständig Neues entdecken. Und alles Neue regt mich an. Auch versuche ich, mir so viel Zeitsouveränität wie möglich zu geben. Indem ich mal sehr viel arbeite, aber dann auch wieder weniger und die Zeit für anderes nutze. So lade ich meine Batterien auf und bleibe offen für Neues.

Autor: Andrea Freiermuth